Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 12
Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen.
Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten, und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: _Cherchez la femme._ Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher, hübscher Neger.
29. Juli 1897.
Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags kam _Dr._ Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte _Dr._ Stierling um 14 Tage verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank von der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte; jetzt hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel wohler aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda steht, werde ich wohl morgen von _Dr._ Stierling erfahren.
3. August 1897.
Am 1. August kam Oberst Liebert zur Station zurück, mit ihm Herr v. Bruchhausen und Graf Fugger, während Tom die Expedition weiter leitete. Wenn auch der Zweck nicht erreicht war und unser Todfeind Quawa auch diesesmal wieder entkam, so sprach der Gouverneur doch seine Freude aus, jetzt auch den „afrikanischen“ Krieg praktisch kennen gelernt zu haben; wie Tom so hat auch er mit seinen Begleitern einen Höhlenkampf mitgemacht: er war an eine der Höhlen herangetreten, um die Insassen zum friedlichen Herauskommen zu bewegen, als ihm ein Schuß aus nächster Nähe entgegenkrachte. Der Geistesgegenwart seines Boys, der ihn zurückriß, hat der Gouverneur es zu verdanken, daß ihn die Kugel nicht traf. Eine solche unterirdische Kriegführung war ihm, wie er mir lachend erzählte, weder 1866 in Böhmen, noch 1870 in Frankreich vorgekommen.
In Tanangosi hatte sich unser Freund Kiwanga ihm angeschlossen und seine Krieger für den Quawafeldzug zur Verfügung gestellt. Jetzt war er wieder zurückgekehrt. Er schien sehr beglückt, daß der Gouverneur seine Leute gelobt habe, als er sie ihm truppweise „im Laufschritt“ vorgeführt hatte und ließ es sich nicht nehmen, seine Scharen nun auch im Kriegstanze zu zeigen, von dem ich dem Gouverneur viel erzählt hatte. Dabei wurde ich durch die unbewußte Galanterie eines dieser schwarzen Helden etwas in Verlegenheit gesetzt: anstatt vor dem Gouverneur kniete einer der den Reigen anführenden Wahehekrieger vor mir nieder; auf meinen Wink verbesserte er aber sofort diesen Irrtum und brachte dem Gouverneur seine Huldigung. Natürlich tanzte dazu auch diesesmal der Sultan höchsteigenbeinig an der Spitze seiner Leute; es mag dem Gouverneur nicht leicht geworden sein, angesichts dieser grotesken Figur in weißer Uniform mit Tropenhelm, die mit geschwungenem Säbel die unglaublichsten Luftsprünge ausführte, den nötigen Ernst zu bewahren. Diesesmal waren Kiwangas Schuhe übrigens der anstrengenden Übung gewachsen.
4. August 1897.
Heute verabschiedete sich der Gouverneur von uns, um den Rückmarsch nach der Küste über das Utschungwa-Gebirge anzutreten. Leutnant Passavant war nach Idunda gegangen, um dort die 3. Kompagnie zu übernehmen. Bezirksamtmann Zache blieb bei der 6. Kompagnie, die der Gouverneur nebst der 2. Kompagnie zur Verstärkung der Stationen in Uhehe für den Vernichtungskampf gegen Quawa hier gelassen hat. Nur Herr v. Bruchhausen kehrte wieder mit an die Küste zurück. Kiwanga und seine Krieger gaben ihnen das Geleite. Es waren schöne, frohbewegte Tage, die hinter uns liegen. Möchte dieser Zug des Gouverneurs durch das Gebirgsland Uhehe bald segensreiche Früchte für unsere neue Heimat tragen. Der Abschied war herzlich, Oberst Liebert sprach Tom seine Anerkennung aus für alles, was er hier geschaffen, und auch ich kam nicht zu kurz dabei als „erste deutsche Hausfrau im Innern von Deutsch-Ostafrika“. Der Gouverneur legte mir besonders dringend ans Herz, unter allen Umständen hier zu bleiben, wo wir unentbehrlich seien. Unentbehrlich??... _Qui vivra verra!_
17. August 1897.
Von Leutnant Stadlbaur erhielt ich eine zierlich als Brosche in Gold gefaßte Löwenklaue, von einem Löwen, den er hier geschossen hat; ich habe ihm für dieses hübsche afrikanische Geschenk heute schriftlich gedankt. Der Besuch des Gouverneurs bietet unerschöpflichen Gesprächsstoff, wir sitzen zuweilen bis spät in die Nacht hinein und leben die bewegten, ereignisreichen Tage noch einmal in der Erinnerung durch. Auch Graf Fugger leistet uns oft Gesellschaft. Gestern abend haben wir den neuen Zahlmeister und den neuen Pater „angefeiert“. Die Stimmung war deshalb besonders froh, weil aus Bueni gute Nachrichten eintrafen; die Bewohner kehren allmählich wieder in ihre Temben zurück.
+Sechstes Kapitel.+
Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod.
Am 11. November 1897.
Schwere Wochen liegen hinter uns, ich war sehr krank -- am 18. August traten die ersten Anzeichen einer schweren schmerzhaften Leberentzündung auf, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Gott sei Dank, es bildete sich kein Leberabszeß, so daß die gefürchtete Operation nicht nötig wurde. Allein die furchtbaren Schmerzen, die zeitweise kaum durch die vierzehn Tage lang regelmäßig angewandten Morphiumeinspritzungen bewältigt werden konnten, hatten mich sehr mitgenommen. Und mein armer Mann! Zu allen Sorgen und Lasten des Tageslaufs nun noch der einzige Pfleger seiner schwer kranken Frau! -- Als ich wieder mich in Haus und Garten bewegen konnte, war Tom selbst so gründlich herunter, daß er notgedrungen einmal ein paar Tage ausspannen mußte.
Am 11. Oktober gingen wir auf Safari, d. h. wir zogen für drei Tage „auf Sommerfrische“ in die Berge. Das waren drei herrliche Tage, in denen kein Schauri, kein Dienst, kein Berichtschreiben unsere Ruhe störte. Unsere Askaris und Träger wurden stets nach dem jeweiligen Lagerplatz vorausgesandt, und wenn Tom und ich dann nach kürzerer oder längerer Wanderung durch die herrliche Landschaft ankamen, fanden wir Zelt und Kochplatz bereits fertig vor. Abends bot dann unser Ruheplatz ein besonders malerisches Bild; wenn sich die abenteuerlichen Gestalten unserer Begleitung um das hellodernde Wachtfeuer drängten. Für diese drei Tage war die unausgesprochene Losung: „_pole pole_“, d. h. ruhig, mit Bedacht! -- keine Überstürzung -- ganz im Gegensatz zu unseren sonstigen Safaris, wo meist alles Hals über Kopf gehen mußte. Aber so ein „_take it easy_“ hat doch seine großen Reize, man kommt erst eigentlich zum Bewußtsein der herrlichen Gotteswelt, in der wir uns bewegen; welche Farbenpracht der Vegetation, welche Mannigfaltigkeit der Linien, in denen Berg und Tal sich abheben, jeder Baum, jeder Felsen von anderer Form wie sein Nachbar, oft grotesk und allem mir bisher Bekannten spottend -- und doch: welche Harmonie liegt über diesem Gesamtbild! Vor unserem Zelte ein frisch dahinströmender Gebirgsfluß, dessen Rauschen unwiderstehlich lockt, als Abschluß des Bildes die dunkle Wand des Urwaldes. Und dazwischen wir munteren Menschenkinder, die wir in dieser grandiosen Natur Erholung suchen nach sorgenvollen Tagen! Wahrlich, nirgends fühlt man sich seinem Schöpfer näher, als inmitten seiner gewaltigen Werke....
So großartig das Landschaftsbild auch war, es konnte doch die Erinnerung an unsern deutschen Wald nicht verdrängen. Ich habe vor Jahren einmal irgendwo in einer Reiseschilderung einen Vers gelesen: „Das starre Laub am fremden Holz, es ist zum Flüstern viel zu stolz“. In der Tat, das geheimnisvolle Leben und Weben, das Flüstern und Kosen der leicht beweglichen Blätter, das unserem lieben deutschen Laubwald eigen, ist dem Tropenwald fremd. Oberon und Titania mit ihrer luftigen, lustigen Elfenschar kann ich mir nur im Rauschen unserer Eichen und Buchen oder auf dem Moosteppich unserer dunkeln Tannenwälder vorstellen.
Am zweiten Tage unserer Safari fand ich Gelegenheit, in einem prächtig klaren Gebirgsfluß, der ausnahmsweise einmal kein felsiges, sondern sandiges Ufer hatte, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Da mir das Gewässer in Bezug auf Untiefen, Stromschnellen und Wirbel unbekannt war, mußte ich meiner Lust nach einer längeren Schwimmtour Zügel anlegen; daß man hier während des Badens auf das Auftauchen eines „Kiboko“ (Nilpferd) gefaßt sein muß, erhöht den Reiz ganz wesentlich -- unsere deutsche Schuljugend plätschert ja bekanntlich auch mit Vorliebe an den Stellen im Fluß herum, die durch eine Tafel: „das Baden ist an dieser Stelle streng verboten“ als besonders geeignete Badeplätze kenntlich gemacht werden, und ob man sich dabei schuldbewußt nach dem Flurschützen und Gendarm oder nach einem Kiboko umschaut, das ist -- ohne jede anzügliche Beziehung zwischen heimatlicher Obrigkeit und afrikanischer Zoologie -- schließlich doch ganz egal! Selten hat mir im Leben ein Frühstück so gut geschmeckt wie der Spickaal, den ich mir nach diesem Bade spendierte.
An demselben Tage kamen wir auch an Höhlenwohnungen vorüber, wie sie unsere Herren kürzlich aufgestöbert hatten; diesmal ging der Besuch aber friedlich ab. Von der Bergspitze aus bot sich ein prachtvoller Anblick über die im saftigsten Grün und farbigem Blütenschmuck prangenden Wiesenflächen im Tal, durchzogen von silberglänzenden Gebirgsbächen, dazu der frische, erquickende Bergwind, der uns die Lungen weitete und das Blut frischer durch die Adern pulsieren machte. Beim Anblick dieser Landschaft wurde das Geheimnis von Quawas unerschöpflichen Hilfsquellen offenbar: das Land ist so fruchtbar, daß an ein Aushungern nicht zu denken ist. Die Felder und Wiesen sind so reichlich bewässert, daß sie selbst im heißesten Sommer nicht unter der hier sonst gewöhnlichen Dürre zu leiden haben; in jedem der vielen kleinen Seitentäler, die oft nur schluchtenartig vom Gebirgskamm ausgehen, finden sich Bäche, deren Wasserreichtum das ganze Jahr hindurch aushält. Auf dem Rückmarsch konnte ich es mir nicht versagen, in eine jener Höhlen hineinzuklettern, die mir durch die Kämpfe im Juli besonders interessant geworden waren. Wie sah es da aus! Mir krampfte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß Tom unsere Feinde in solchen unterirdischen Gängen und Höhlen aufgesucht hatte, und ich dankte Gott, daß er ihn in dieser furchtbaren Gefahr beschützt hatte. Tom sprach freundlich zu den Bewohnern dieser Höhlenniederlassung, er hielt ihnen vor, was für ein elendes Dasein sie führten im Vergleich mit ihren Stammesgenossen, die unter dem Schutze der Deutschen wieder ihre Felder bebauen, erzählte ihnen, wie sie von dem gefürchteten Quawa weder etwas zu fürchten noch zu erhoffen hätten, und bewog sie, sich in der Nähe von Prinages Boma wieder anzubauen.
Wir hatten die Karawane vorausgeschickt und fanden unser Zelt beim Eintreffen auf dem Ruheplatz fertig vor. Um für das Lager den nötigen Platz zu gewinnen, hatten die Träger das hohe verdorrte Gras angezündet; so saßen wir denn, angesichts dieses kleinen Steppenbrandes, vergnügt beim Frühstück. Die Sache gefiel mir ungemein, es lag ein gut Teil Romantik in der Szene, so etwas wie „Lederstrumpf“- und „Waldläufer“-Poesie, unsere schwarzen Askaris und Träger an Stelle der Komanchen, Apachen oder Sioux, es gehörte wirklich wenig Phantasie dazu, sich die Lieblingslektüre aus der Jugendzeit hier in die Wirklichkeit zu übertragen. Lange konnten wir uns dem Zauber dieses schönen Bildes nicht hingeben; der Wind hatte sich gedreht, und der beizende, scharfe Rauch trieb uns die Tränen in die Augen. Zugleich nahm der Steppenbrand die Richtung direkt auf unseren Lagerplatz. Schnell ließ Tom sämtliche Askaris und Träger antreten und den Raum zwischen uns und dem Feuer von allem Brennbaren, wie Gras, Buschwerk und ähnlichem säubern. Zuweilen suchte sich eine Flamme aus der lodernden Steppe durch das von unseren Leuten künstlich isolierte Gebiet zu drängen, da hieß es, gut aufpassen und sie noch rechtzeitig ausschlagen, damit sie nicht bis zum Zelt kam. Aufregender wurde die Sache, als plötzlich der Feind uns im Rücken angriff! Rasch wurde auch auf dieser Seite eine neutrale Zone hergestellt, so daß wir endlich richtig zwischen zwei Feuern saßen. Zum Glück war der Wind nicht stark, unser Zelt mit all unseren Vorräten wäre sonst verloren gewesen, so kamen wir mit einigen angesengten Kleidern davon. Mit großem Interesse beobachtete ich das eigentümliche, sozusagen sprungweise Vorgehen des Feuers, das ganz plötzlich, ohne sichtbare Verbindung mit dem Hauptherde, an einzelnen entfernteren Stellen aufflammte, während ich andererseits wieder, nachdem das Feuer niedergebrannt war, mehrfach einzelne lange, trockene Grashalme unversehrt aus der Asche hervorragen sah, an denen Glut und Flamme vorbeigezogen waren. Am anderen Morgen hatten wir anfangs einen bösen Weg durch all die Asche zu machen, bevor wir wieder im grünen „Pori“ unsere Erholungs-Partie fortsetzen konnten.
An diesem letzten Tage unserer Safari (14. August) machten wir noch eine lange „_pumsika_“, d. h. Ruhepause; wir wollten den Tag noch recht auskosten und erst spät abends nach der Station zurückkehren. So zogen wir denn abends auch nicht auf der Hauptstraße ein, sondern ritten um die Boma herum nach unserem Hause, um den Abend noch für uns allein zu haben. Mit dem Erfolge unserer Safari konnten wir in jeder Beziehung zufrieden sein -- politisch, weil es Tom gelungen war, die Leute zu überzeugen, daß sie von Quawa hier in unserer Nähe nichts zu fürchten haben, um wieder viele von den verschüchterten Eingeborenen zur Ansiedelung in der Nähe der Station zu veranlassen, und gesundheitlich, weil diese abwechslungsreichen Tage uns beiden frische Kraft, körperlich wie seelisch, gespendet hatten.
Für Tom, der nur drei Tage auf der Station bleiben konnte, begann nun wieder eine endlose Reihe von Schauris; die Wahehe fingen an, des ewigen Kriegszustandes müde zu werden, und es kostete Tom übermenschliche Geduld, den Jumben immer und immer wieder in eindringlicher Rede klar zu machen, daß der Kampf bis zur Vernichtung fortgesetzt werden müsse, ehe sie auf Ruhe und Frieden rechnen könnten. Das waren sorgenvolle Stunden, als an dem zum Abmarsch bestimmten Tage sich keiner der versprochenen Wahehe sehen ließ! Endlich gegen Abend trafen sie ein, und zwar noch in größerer Zahl, als Tom erwartet hatte. Am anderen Tage brach Tom auf, die 500 Wahehe, zum Teil ganz prächtige Kerle, schlossen sich ihm an. Diesmal nahm er auch unseren Forstmann, Herrn Ockel, mit, der an einer geeigneten Stelle eine Versuchs-Landwirtschaft anlegen soll. Bei diesem Zuge durch unser Gebirgsland hat er die beste Gelegenheit, die Verhältnisse kennen zu lernen. Herrn _Dr._ Fülleborn gelang es, eine Anzahl recht guter photographischer Aufnahmen von unseren Wahehe zu machen; besser wie die meinigen, denn mein „Momentverschluß“ funktionierte nicht rasch genug. _Dr._ Fülleborn arbeitet allerdings auch mit einem Apparat, der ihm mit allem Zubehör 2000 Mark gekostet hat. Die Gelegenheit zu anthropologischen Studien und Schädelmessungen hat er hier mit fabelhaftem Fleiße und bestem Erfolge ausgenutzt. Am 26. August marschierte _Dr._ Fülleborn hier ab, um sich der Expedition anzuschließen. Wie gern hätte ich ihn begleitet, um wieder in Toms Nähe zu sein. Auch Herr v. Kleist, der mir nach Toms Abmarsch stets treulich Gesellschaft geleistet, hätte den Zug gern mitgemacht, aber am 28. Oktober traf mittags 1 Uhr die Post ein, die ihm den Befehl brachte, an Leutnant Engelhardts Stelle nach Songea abzugehen -- zwei Stunden später war er schon unterwegs. Ein interessantes Jagdabenteuer des Leutnants Braun erfuhr ich von _Dr._ Stierling, der jetzt von Idunda zurück ist. Auf einem Jagdausflug sah Leutnant Braun sich plötzlich einem Trupp von fünf Löwen gegenüber. Zwei davon brachte er zur Strecke, zwei andere entkamen, nur eine alte Löwin stürzte sich auf ihn und schlug ihr Gebiß in seine linke Seite -- ein Wunder, daß sie nicht ein paar Rippen zermalmt hatte. Leutnant Braun verlor aber in dieser gefährlichen Lage nicht die Besonnenheit: er schob die Mündung der Büchse mit der Rechten unter dem linken Arm durch und drückte ab, zum Glück traf die Kugel so sicher, daß die Löwin tot zusammenbrach. Als alles vorbei, erschienen auch die Askaris und Träger, die gleich beim ersten Auftauchen der Löwen sich im Pori verkrochen hatten, und trugen den schwerverwundeten Jäger nach der Station. Jetzt, nachdem die Bißwunden gut geheilt, freut Leutnant Braun sich seines afrikanischen Abenteuers.
Tom schreibt recht zufrieden über den Verlauf seiner Expedition. Zunächst ist Quawas wichtigster Msagira und Ratgeber, Mkakao, gefallen, und vier Weiber von Mpangire nebst dessen fünf Kindern sind gefangen. Bis jetzt hat Tom schon 400 Gefangene; das sind Verluste für Quawa, die er nicht mehr wieder gutmachen kann.
Um die Einsamkeit weniger fühlbar zu machen, suche ich täglich an Arbeit zusammen, was irgend geht. Große Kleiderrevision mit Nähen und Flicken, Küche und Speisekammer werden gründlich kontrolliert und eine allgemeine Inventur gemacht, -- letztere schien mir besonders nötig, denn es war mir bezüglich der Ehrlichkeit meiner schwarzen Hausbediensteten manches verdächtig vorgekommen. Richtig erwischte ich auch einen der Boys, wie er eine ihm vom Koch zugesteckte Flasche Wein in Sicherheit bringen wollte. Eine Revision unseres Weinvorrates hatte natürlich ein sehr betrübendes Ergebnis: die Kerle hatten gestohlen wie die Raben. Natürlich ließ ich sie, obschon es bereits 9 Uhr abends war, sofort zur Wache bringen. Den Koch freilich muß ich mir bei Toms Rückkehr wiederholen, denn dann ist er mir unentbehrlich -- und das Schlimmste bei der Sache ist, daß die schwarzen Schlingel das selbst ganz genau wissen.
Auch das Photographieren betreibe ich eifrig, es gelingt mir aber nicht, auch nur halbwegs so gute Bilder zu erzielen wie _Dr._ Fülleborn. Am besten geriet noch eine Aufnahme, die ich von einer „_mpepo_“ machen konnte, der ich in der Hauptstraße begegnete. Mit grellbunten Tüchern, Perlenschnüren und Fellen behangen, das Gesicht rot und weiß bemalt und gepudert, durchzieht diese „Besessene“ (_mpepo_ bedeutet eigentlich „Geist“, „Wind“, „Sturm“, dann in weiterem Sinne eine von einem Geist Besessene, Hexe, Zauberin) die Straßen, begleitet von einer ihr ergebenen Frau, die ihre Verzückungen und wirren Reden dem staunenden Volke ausdeutet. In diesem oft wochenlang anhaltenden Zustand darf der „_mpepo_“ kein Mann zu nahe kommen -- im gewöhnlichen „nicht besessenen“ Zustande dagegen ist sie nichts weniger als Männerfeindin -- an die von ihr gebrauten Liebestränke und andere „_Dawa_“ glauben die Schwarzen natürlich unerschütterlich fest. Leider konnte ich diese schwarze Miß Mabel Vaughan nicht während eines ihrer wilden Tänze photographieren, da der Momentverschluß meines Amerikaners wieder nicht klappte. Die Spekulation auf die Dummheit der lieben Mitmenschen macht sich übrigens auch hier bezahlt -- diese „_mpepo_“ hat sich ein ganz ansehnliches Vermögen zusammengezaubert.
14. November 1897.
Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten, Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut munter vorwärts -- da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns: also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern begrüßt wurde.
Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen. Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga, die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.
Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen Innern Ostafrikas.