Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 11
Wenn ich doch wenigstens ganz gesund wäre. Alle Tische für die Küche müssen auch erst gemacht werden, denn die ich bis jetzt in der Strohhütte hatte, sind in dem Boden festgemacht und beim Herausnehmen sind sie entzweigegangen; es waren allerdings nur Kistendeckel. Nun soll ich mich wieder schonen und Salzbäder nehmen, aber wann? In Kürze kommt der Gouverneur, und in solcher Zeit geht alles drunter und drüber. Dann bin ich Köchin, Dienerin und Hausfrau, d. h. ich repräsentiere deutsche Küche, Keller, Speisesaal und Salon hier alles in höchsteigener Person, so gut das eben hier, fern jeder Kultur, unter den schwarzen Menschenkindern sich tun läßt.
25. Juli 1897.
Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht -- und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert -- zum erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein Leben.
Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte, was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden Mann in wenigen Tagen furchtbar mitgenommen, elend und verfallen, aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, -- wir sprachen gerade über das Sterben -- dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits hinüberzuschlummern -- wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.
Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte, darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet -- und die Trauerfeier war zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.
Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten, wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann, schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des _bana mkubwa_ („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich werde Toms eigene Worte hierher setzen:
(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.)
„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit -- der Stuhl ist beinahe so hoch wie der Tisch -- trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:
Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht, den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen 30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel -- auch hatten wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug, zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen. Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich freiwillig angeschlossen hatte -- ein dritter Speer, der direkt von vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen -- Tschirr! Tschirr! -- da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit ihnen wieder in die Höhle -- sofort saß dem Wahehe ein Speer in der als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“
Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen Scherzes ausmalte.
Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt: „_Bana mkubwa!_“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck schrie ich laut auf.
Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte -- alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter Wandschmuck verwerten lassen.
Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack -- Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich, soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.
Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung. Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe, denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung: als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, -- so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen -- es sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen, denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!
Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den „Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach dem Befinden seines Sultans erkundigt -- und das ist Tom für sie. Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft nicht mehr leisten können.
Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt nicht zumuten kann -- von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten Luxus ganz abgesehen -- würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer, daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen -- doch halt! die Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ -- sie erhebt ihre Schwingen sogar bis zu dem kühnen Bilde einer -- Schmalspurbahn, die von Ngahoma am Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!
Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen, ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach sei _Dr._ Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.
Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack -- sie drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam, und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd -- mit einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos (Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte -- sie war zu hübsch -- leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen -- die Herren sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung haben, in ein deutsches Haus zu kommen.
Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten, als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten! Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne -- dann ging’s aber um so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein Wohnzimmer fix und fertig vorfand.
Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen, dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil, die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben mußte.
Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die Station zusammengebracht.
Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa Auskunft gaben -- der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem Leben bezahlt hätte!
27. Juli 1897.
Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die Expedition sich wohl über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen.
Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich 800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl, kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches Plauderstündchen hielt.
28. Juli 1897.
Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche, Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre _ngoma_ (das Wort bedeutet sowohl „Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den Kriegstanz der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe, sein und Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf die Söhne forterbte.
Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der ganzen Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn auf die Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus, vor mir manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine gewisse Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge als die _Bibi mkubwa_, die „große Frau“, gefeiert zu werden, besonders da Kiwanga an der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung erwies. Der Sultan führte die ganze Sache selbst und tanzte und sprang mit einer Gewandtheit und einem feierlichen Ernst, der in den europäischen Kleidern etwas unsagbar Komisches hatte. Erst als die neuen Schuhe, die auf derartige Kriegsstrapazen nicht geeicht waren, ihm an den Füßen zerplatzten, und seine Leute von dem tollen Rennen und Brüllen erschöpft waren, ließ er mich durch den Effendi um die Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel beenden zu dürfen. Ich ging nun zu ihm und bedankte mich für das schöne Schauspiel, worauf er mit seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog. Daß die ganze Stadt sowie unsere Askaris mit Weibern und Kindern als Zuschauer versammelt waren, versteht sich von selbst, eine „große Parade“ wirkt immer und überall „aufs Zivil“.