Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt
Part 10
Großes Schlachtfest! Unser Hofschlächter, Unteroffizier Hammermeister, besorgte die Sache nach allen Regeln der Kunst. Unsere Schwarzen staunten nicht wenig, daß unter seinen Händen ein schwarzes Schwein so weiß werden konnte! Aber von dem Fleische zu essen, weigerten sie sich voll Abscheu. Nur unser Juma, der in Deutschland Schweinefleisch essen lernte, aß auch hier davon, dafür wurde er aber auch von den anderen Boys verächtlich „Sklave“ geschimpft. Das Wellfleisch schmeckte prächtig. Da Pater Alfons die neu angekommenen Brüder bei uns vorzustellen kam, konnten sie an unserem Schlachtfest teilnehmen. Bis auf das bißchen Unterschied in der geographischen Länge und Breite ging’s bei uns ganz so zu wie beim Schweineschlachten in Weißenrode -- mir war ganz heimatlich zu Mute, und wenn sich so etwas wie Heimweh zeigen wollte, dann wurde es flugs mit ins Wurstfleisch verhackt. Es war aber auch ein Staatstier, eigentlich viel zu schade, um seine Laufbahn in den nunmehr historischen Pökelfässern der Familie Prince zu beschließen. Unser Sachverständiger Hammermeister taxierte es nach deutschen Viehverhältnissen auf 180 Mark „unter Brüdern“.
13. April 1897.
Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen; durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück, so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um.
Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas rechter Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der alten Diplomatenregel „_divide et impera_“ geschickt in die für uns günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze.
Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben, aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich getroffen, drei andere leicht verletzt.
Karfreitag, 16. April 1897.
Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung, in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim, ein stattlicher 1.90 _m_ hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute; er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für den sie großes Verständnis zeigten.
Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen.
Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897.
Keine Glocke läutet zum Ostertage -- aber wir feiern das hohe Fest, obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dankbarkeit gegen den allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen.
Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an. Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh -- ich gehe mit Tom hinaus, um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen, die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells. Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger -- ein großer Erfolg von Toms Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen; ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen, unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt. Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte ich gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von 15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür gegeben.
Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von Leutnant Braun gekommen war.
Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’ Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns, eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden. In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit flammender Abendröte übergoß.
Fünftes Kapitel.
Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.
21. April 1897.
Heute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten, da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! -- Vorher noch großes Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich, sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt. Dasselbe geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann, desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über.
23. April 1897.
Seit 5 Wochen keine Post! Mein Schammy fand heute das Abzeichen eines Askari-Tschausch’s, sofort kam er damit an und meldete sich bei mir als „_tschausch ya kuku_“ (Hühnersergeant). Das Soldatenspielen steckt doch nun einmal allen Jungens im Blut, in Afrika so gut wie bei uns Deutschen. Alle unsere Leute sind sehr zutraulich und bringen ihre kleinen Sorgen und Freuden bei mir an. Meine kleinen Mädels spielen jetzt seht hübsch.
Heute Nachricht von Tom; als Morgengruß schickte er eine Giraffe mit wundervollem Fell, die ihm auf dem Marsch vor die Flinte gekommen war. Die Soldaten haben das Fell ausgespannt und gereinigt. Wie schwer es mir wird, jetzt zu liegen! Garten und Hühnerzucht den Schwarzen so ganz überlassen zu müssen, ist so schwer. Es war schon alles hübsch im Gange, nun geht es wieder zu Grunde. Der Neger bedarf doch einer ganz anderen und schärferen Aufsicht als die Leute zu Hause. Die gesamten Vorräte für Monate müssen nun wenigstens für die Boys zugänglich bleiben, und was die im Stehlen und Naschen leisten, das wird sich schon noch fühlbar machen. In diesem ungewohnten Zustande absoluter Freiheit in Haus und Garten vergessen meine schwarzen Dienstboten, daß sie überhaupt eine Herrin haben. Eines Tages waren sie samt und sonders am Morgen bereits verschwunden und kamen erst abends wieder. So lag ich denn den ganzen Tag über mutterseelenallein im Hause, zu schwach, um mich erheben zu können, ohne eine Menschenseele auch nur in erreichbarer Nähe zu haben. Der Tag gehört zu dem Schlimmsten, was ich hier durchgemacht habe.
26. April 1897.
Nun sind es noch neun Tage bis zu Toms Rückkehr! Ich streiche jeden Tag im Kalender mit einem dicken roten Strich durch, wie wir’s einst in der Pension taten, wenn die Ferien herankamen. Aus Iringa wieder böse Nachricht: ein Boy und ein Träger erstochen. Auch an häuslicher Unruhe fehlt es nicht. Der Mpischi (Koch) legt mir seine ehelichen Sorgen vor; seine Frau treibt sich seit sechs Tagen herum; da sie ihm seine Tücher und Hemden mitgenommen, lasse ich sie, nach genauer Feststellung des Tatbestandes, zur Wache bringen, damit sie beim nächsten Schauri bestraft wird. Heute ließ ich mir Mgunditemi holen; das arme Ding ist krank. Ich gab ihr Fleisch und Reis; sie ist übrigens eine schlanke, hübsche Frau.
Ich war heute einen Augenblick im Garten, die Kartoffeln sind schon ganz braun, wenn Tom zurück, müssen sie gleich herausgenommen werden, allein mag ich es nicht tun. Dann machen wir wieder Kartoffelfeuer, rösten Kartoffeln, das gibt uns viel Spaß, wie neulich unten im Garten. Leutnant Braun ist seit gestern zurück. Er sagte auch, daß sich die Wahehe ganz anders gezeigt hätten als die übrigen Neger. Er hat eine ganze Ortschaft zerstört und die Temben eingerissen; kaum war er zwei Stunden fort, so sah er, wie die Wahehe zurückkamen und ihre Temben wieder aufbauten, so daß er nochmals zurück mußte. Drei Träger sind an Überanstrengung gestorben, der eine davon ist unter seiner Last zusammengebrochen.
6. Mai 1897.
Ich habe vom 27. April an sehr schlechte Tage hinter mir. Am 29. war mir der Gedanke schrecklich, in Toms Abwesenheit operiert zu werden, es konnte doch auch schlecht ablaufen, und Tom wäre nicht zu erreichen gewesen. Aber Gott sei Dank, spät abends kam Tom wieder an. Er hatte so viele Gefangene, etwa 500 Leute und 200 Stück Vieh, daß er deswegen umkehren mußte, denn es waren jetzt mehr Gefangene, als Tom selbst Leute in seinem Zuge hatte; gefallen sind dabei 40 feindliche Krieger. Die Leute bei Iringa sind jetzt so beruhigt, daß sie mit Tom selbst gegen ihre Stammesbrüder ziehen; das ist ein großer Erfolg. Quawa ist jetzt in eine andere Wildnis übergesiedelt, in der alten Gegend fühlt er sich nicht mehr sicher. Er hält sich an einem Platz nie länger als zwei Tage auf, wie der ewige Jude wandert er von Ort zu Ort. Seine Anhänger setzen sich jetzt verzweifelt zur Wehr, immer noch erscheinen Trupps (Tom hat vier solche zu je 40 bis 60 Wahehekriegern angetroffen, die auf dem Zuge gegen uns begriffen waren, und sie zurückgejagt). Auf ihr Konto müssen wir die vielen Meuchelmorde setzen. -- Tom hat sehr viel zu tun. Jetzt, wo ich elend bin, sehne ich mich doch sehr nach unserm Hause, ich werde dann auf der schönen Veranda liegen können. Das Liegen ist zu unangenehm, da man dabei kaum schreiben kann. Am 3. Mai sind der neue Feldwebel und der Bauleiter angekommen. Trotzdem er die Dielen der Hinterzimmer aufreißen läßt, weil sie zu schlecht gebaut sind, will er schon in 14 Tagen mit dem ganzen Haus fertig sein. Wahrscheinlich gehen Spiegel und Wilkins (Feldwebel und Bauleiter), beide wegen Krankheit abgelöst, morgen zur Küste. Eben bringt Tom mir wunderschönen Weizen, der auf +ungedüngtem+ Boden gewachsen ist, überhaupt ist der Garten unten nicht gedüngt.
Gestern abend kam endlich die Post. Wie wir uns über die Schreiben und Zeitungsausschnitte freuten! Heute kam Leutnant Kuhlmann mit einem Unteroffizier und 30 Askaris hier an, um sich Tom zur Verfügung zu stellen. Es verlautet, daß der Gouverneur im Juni eine Reise in das Innere antreten und auch hierher kommen will, und daß Herr v. Eberstein krank sei.
Weizen geerntet, auf wasserdichten Decken statt Tenne ausgedroschen; der Ertrag ergab das 24fache der Aussaat, also das 24. Korn. Auch der Weizen ist ebensowenig wie der Garten weder gegossen noch gedüngt. Heute kam auch die Karawane für uns an. Wir hatten wieder allein fünf Träger für Postsachen -- und der Trägerlohn ist jetzt auf 21 Rupien (Rp. = 1.40 Mk.) erhöht! Für ein kleines leichtes Weinfäßchen waren zwei Träger nötig, desgleichen zu einer kleinen Frachtkiste aus Liegnitz; der fünfte Träger brachte ein Postpaket. Wie groß, unendlich groß würde die Freude über alles sein, wenn es nicht den abscheulichen Beigeschmack der Trägerkosten hätte.
Nach Perondo bekamen wir die Zehnpfundpakete umsonst geschickt; dies ist jetzt nicht mehr der Fall, da aber nur drei solcher Pakete auf eine Last gehen, müssen wir diese Packungsweise vermeiden. Es empfiehlt sich vielmehr, alle Sendungen in Deutschland ansammeln zu lassen, bis sie zusammen, einschließlich Verpackung, etwa 60 Pfund wiegen -- aber nicht mehr, sonst geht es uns wie mit dem Weinfaß, das nur 70 Pfund wog und zwei Träger brauchte. Bei allem muß man eben sein Lehrgeld zahlen, aber wir bleiben ja lange genug hier, um noch die Früchte davon zu ernten.
15. Mai 1897.
Leutnant Kuhlmann war ganz erstaunt über unsere große Stadt. An der Küste hätte man keine Ahnung davon. Man könnte sich ein so schnelles Wachsen einer Stadt nicht vorstellen. -- Nun, ich freue mich, wenn der Gouverneur sich selbst von Toms Erfolgen überzeugen kann. Auch das kann man als „echt afrikanisch“ bezeichnen, in Deutschland wenigstens soll es nicht gerade üblich sein, daß die Offiziere sich nach den Besichtigungen durch ihre Vorgesetzten sehnen. -- Übrigens hieß es plötzlich, der Gouverneur sei nur noch einen Tagesmarsch von hier; ich machte gleich Makronen, Schokoladenplätzchen, Räderkuchen, Waffeln, alles gelang schön. Da ich gerade Honig bekam, setzte ich auch noch Teig zu Honigkuchen an. -- Mein spezielles Departement, das des Innern und der Haus- und Landwirtschaft, ist für den hohen Besuch ebenfalls in bester Verfassung.
Von der Taktik der Wahehe, die Wege ungangbar zu machen, konnte auch Leutnant Kuhlmann erzählen. Sie stecken giftige Bambusspitzen in den Weg, verlegen denselben mit riesigen Hindernissen, die großen Aufenthalt verursachen, oder legen kleinere Hemmnisse an, so daß die Leute fallen oder mindestens stolpern; ferner machen sie in die Urwälder und Pori große Sackstraßen, so daß man falsch geht; auch Graf Fugger weiß davon ein Liedchen zu singen.
23. Mai 1897.
Tom zog mit 1000 Wahehe aus, Leuten, die früher alle gegen uns standen. Kaum war er fort, so wurde in der Nacht Luhota von Quawa selbst und seinen Wahehe abgebrannt, 600 Stück Vieh und 700 bis 800 Weiber geraubt, die Männer niedergemacht. Quawa hat in der Nacht die Temben alle umstellt und, als die Männer herauskamen, sie einfach alle niedergemacht. Noch am Morgen sahen wir die Temben rauchen, es war ja nur eine halbe Stunde von der Station! Bei dem hügeligen Terrain und dem ausgedehnten Pori sind sie ohne Weg und Steg, von dem langen Grase verdeckt, herangeschlichen. Der Feldwebel wurde gleich nachgeschickt, da er aber nur sehr wenige Askaris hatte und die Leute gleich verteilen mußte, konnte er nur 90 Weiber und 40 Stück Vieh wiederbringen. Vieh, welches die Wahehe nicht mitnehmen konnten, haben sie niedergestochen; Merkel ist wohl an 80 Stück totem Vieh vorbeigekommen. Unter den fortgeführten Weibern ist auch eine von Farhenga, die unten gerade Chakula kaufte, und alle von dem Jumben Satima, diese hat Quawa direkt in sein Gefolge genommen. Eine von den Frauen des Satima hat sich bei der Verfolgung hinter einem Busch versteckt und sich so wieder zu uns retten können, sie erzählte, daß Quawa selbst bei dem Überfall im Hintergrunde gewesen sei und alles von dort dirigiert habe. Nachdem der Überfall geglückt, habe er sich in eine Tembe gesetzt und dort Pombe getrunken, die gefangenen Weiber um ihn. Von dort habe er auch seine Befehle im Fall einer Verfolgung gegeben. Parole: „Wenn ein Europäer verfolgt, ausreißen; verfolgen nur Askaris und Wahehe, dann angreifen!“ Die Furcht vor einem direkten Kampfe mit den Europäern ist gottlob groß. Die Wahehe wissen sehr wohl, daß sie ihre Zahl schonen müssen. Quawa selbst ist dann an der Spitze mit ein paar Getreuen und den genannten Weibern abgezogen. Seine Leute haben sich auch zerstreut. Tom schickt jetzt jede Nacht Patrouillen aus, um eine etwaige Annäherung des Feindes zu verhindern. -- Ohne Bedeckung kann man jetzt nicht aus der Boma gehen, denn 5 Minuten von unserem Hause entfernt sind eine Frau und ein Fundi niedergestochen worden. Die letzten Tage hatte ich immer Angst, daß auch die Strohbude mit unseren Vorräten angezündet würde. Nun gottlob, Quawa hat die Gelegenheit verpaßt.
Die Nacht zum 1. Juni schlief ich zum ersten Male in unserem neuen Hause. Gerade ein Jahr, daß ich kein festes Dach, sondern immer nur Strohwände oder Zelt über mir hatte. Seit einem Jahr wieder einmal auf Holzdielen zu gehen, wenn auch noch so primitiven, ist ein Genuß! Jeder Schritt machte mir Vergnügen! Wenn mir nicht das Treppensteigen verboten wäre, würde ich aus Freude fortwährend herauf und hinunter gegangen sein. Wie ich stolz auf meine Treppe bin. Die Seligkeit, hoch zu wohnen! mit welcher Freude schließe ich Türen und Fenster; es ist mir alles noch so neu, ich möchte immer am Fenster stehen. Auch diese Freude ist afrikanisch! Ich freue mich schon auf Tom und seine Freude über unser stattliches Haus. Die Salzbäder, die ich nehmen soll, muß ich natürlich aussetzen. Der Doktor schilt; aber freilich, wenn es nach ihm ginge, so müßte ich stets liegen, und aus dem Umzug kann dann werden, was will. So haben die Boys wohl auch gedacht, denn nicht nur Mpischi, der schon seit Ostern liegt, sondern auch Mabruk ist schleunigst so krank geworden, daß er fort mußte, er bekommt aber natürlich seinen Lohn weiter, nun habe ich zum Umzuge nur einen Boy. Schammy, der kleine zehnjährige Bengel, ist mein Koch, seine Leistungen sind auch danach. Die kleinen Mädels müssen jetzt auch so helfen, daß sie ganz blaß aussehen, sie sind mir jetzt eine große Hilfe. Die drei Weiber, die ich noch habe, müssen buttern, Hühner besorgen, Geschirre waschen, sind sonst aber kaum zu gebrauchen. Denn sie verstehen kein Suaheli und vor allen Dingen wissen sie von keinem Gegenstande, wozu man ihn gebraucht, und diese Frauen habe ich jetzt schon vier Monate. Die schweren Sachen haben mir Träger herübergetragen, doch das ist ja das wenigste. Freilich klappt noch längst nicht alles, die Türen besonders bedürfen noch mancherlei Nachhilfe, ehe sie richtig schließen, ein Fenster hatte noch keinen Haken, so daß der Wind es gleich zerbrach usw.; überall sind noch Fundis tätig. Die Wohnung war zuerst hoffnungsgrün gestrichen; damit meine Vorhänge, Portieren usw. mit dem Anstrich harmonieren, habe ich sie jetzt noch einmal anstreichen lassen, und zwar rosa, -- eine andere Farbe hatten wir nämlich nicht, es wird jetzt aber sehr niedlich. Nur kann ich mir Tom mit seinem Rauchen nicht so recht in diesem zarten Milieu vorstellen. Nun sind noch Gardinen zu nähen und aufzustecken, denn am 1. Juli kommt der Gouverneur nun wirklich; er hat sich schon angemeldet, und da möchte ich doch mit allem fertig sein. Wenn wenigstens der Mpischi bis dahin gesund würde.
Der Gouverneur will sich den Boden und die Ansiedlungsverhältnisse hier ansehen.
2. Juni 1897.
Heute sah ich mich nach meinen kleinen Schützlingen um, zwei kleine Askarikinder, denen die Mutter gestorben und deren Vater auf einer Expedition geblieben ist. Das eine Kind ist erst ein halbes Jahr alt und bekommt jetzt von meiner Kuhmilch, das andere ist schon zwei Jahre alt; sehr niedliche Kleine sind es, leider haben sie Angst vor mir. Von dort ging ich zum Griechen, um Petroleum zu kaufen, er wird aber erst in sechs Wochen welches erhalten; hoffentlich reicht mein Vorrat noch so lange. Dann ging ich zur Bibi (Frau) Effendi, um mich für Eier und ein seidenes Taschentuch zu bedanken; letzteres wollte ich nicht annehmen und schickte es zurück, aber sie schickte es abermals wieder, und um sie nicht zu beleidigen, behielt ich’s, werde ihr wohl eine Uhr dafür zurückgeben, aber erst nach ein paar Tagen, denn sonst nimmt sie es übel.