Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt

Part 1

Chapter 13,116 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.

Passagen in Swahili wurden nicht korrigiert, dies gilt auch für Abweichungen in der Schreibweise von Eigen- und Ortsnamen (z.B. ‚Kilimandscharo‘ -- ‚Kilimanjaro‘ -- ‚Kilimatscharo‘). Einige Begriffe wurden harmonisiert, wenn ansonsten der Sinn verfälscht werden könnte.

Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Für abweichende Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen verwendet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiquaschrift: _Unterstriche_

Textstellen in Antiquaschrift erscheinen im vorliegenden Text kursiv. Diese Schriftart wurde vorwiegend für fremdsprachliche Begriffe verwendet, aber auch für Einheiten (_km_) und akademische Grade (_Dr._). Diese Auszeichnung wurde allerdings nicht konsequent eingehalten.

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Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas

Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt von Magdalene v. Prince geb. v. Massow

Dritte, vermehrte Auflage

Mit einem Titelbilde, 22 Abbildungen und 1 Skizze

Berlin 1908 Ernst Siegfried Mittler und Sohn Königliche Hofbuchhandlung Kochstraße 68-71

Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.

Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin

Auguste Viktoria

in tiefster Ehrfurcht gewidmet von der Verfasserin

Vorwort zur zweiten Auflage.

Noch ist kein Jahr verflossen, und eine zweite Auflage des Buches wird nötig. Als ich die schlichten Aufzeichnungen zuerst in die Welt sandte, um auch in unserer deutschen Frauenwelt den kolonialen Gedanken zu beleben, hoffte ich kaum, solche Nachsicht zu finden. Allen denen Dank, die den guten Willen für die Tat nehmen.

Jetzt sind es nun schon fast vier Jahre, daß wir als Pflanzer hier leben, und wenngleich auch heftige Stürme und viele Fehlschläge, die ja bei keiner Gründung fehlen, nicht ausblieben, so möchte ich Euch, deutsche Frauen, auch jetzt locken in das Land, wo der Himmel blauer strahlt, wo der Wind linder weht, wo Mond und Sterne noch ganz anders leuchten und funkeln als daheim. Glaubt es mir, es liegt ein besonderer Reiz darin, aus Wildnis ein Stück Kultur zu schaffen, aber das gelingt freilich nur und trägt Früchte bei größter, nie versagender Geduld, eiserner Willenskraft und angestrengtester Arbeit.

Auf Grund meines Buches haben sich viele wegen Ansiedlung an mich gewandt; ich mußte sie leider immer auf spätere Zeit vertrösten, weil der zunächst noch herrschende Mangel an Verkehrsmöglichkeiten den Absatz unmöglich macht. Jetzt hat sich das Mutterland unsrer erbarmt, es wird uns Eisenbahnen schenken; hoffentlich auch nach Uhehe, wo anbaufähiger, fruchtbarer Boden in gesundem Bergklima reichlich genug vorhanden, um einer beträchtlichen Anzahl deutscher Familien eine neue Heimat bieten zu können. Haben wir erst Eisenbahnen, dann ist es jedem selbst in die Hand gegeben, sein Leben sich je nach Fleiß und Fähigkeiten zu gestalten.

So rufe ich auch jetzt Euch deutschen Frauen zu: lernt unsere deutschen Kolonien lieben, interessiert Euch für ihre Erschließung durch Verkehrswege, durch Feldbahnen und Eisenbahnen; sie sind es wert, deutsch zu sein. Laßt Eure Kinder auf neuem deutschen Boden aufblühen, Euch zum Stolz und zur Freude und zur Kräftigung des Deutschtums.

+Sakkarani+, West-Usambara, Herbst 1904.

=Magdalene Prince.=

Vorwort zur dritten Auflage.

Wieder kann ich Euch deutschen Frauen und Mädchen einen von Afrikas Sonne durchglühten Gruß senden, möchte er in Eure Herzen fallen und diese für unsere Kolonie noch mehr entflammen.

Allen, die Ihr mir so gütige Worte und Überraschungen sandtet, möchte ich auch an dieser Stelle danken. Dazu gehört auch der „Züchtergruß aus Westfalen“, der mir vor wenigen Tagen die schönsten Rassenhühner zum Geschenk brachte.

Seitdem die zweite Auflage dieses Buches in die Welt ging, hat unsere Kolonie sowie das Schwesterland Süd-West-Afrika schwere Zeiten durchgemacht, allerorten loderte der Kampf der Rassenverschiedenheit auf, meistens durch zu viel falsche Humanität geschürt, und hat uns manches Opfer an Blut und Geld gekostet. Gerade dies aber schien nötig zu sein; wie es Mütter gibt, die erst dann den Wert und die Vorzüge ihrer Kinder schätzen lernen, wenn diese durch Krankheit ihnen Sorge und Arbeit machen, so erging es auch uns. Erst als wir an vielen Stellen bluteten, gewann das Mutterland Interesse an uns. Der Sieg des Volkes bei den Reichstagswahlen hat jene Wandlung am besten bezeugt.

Diese haben wir nicht zum wenigsten Euch deutschen Frauen zu danken, die Ihr so regen Anteil an dem Kampf genommen habt. Mit diesem Danke verbinde ich die Bitte, Eure Hilfe uns auch in Zukunft zu schenken; fügt noch mehr Wärme und Liebe dazu: Wir brauchen noch viel mehr Verkehrswege und Eisenbahnen, ehe die Kolonie ihrem Werte nach erblühen kann. Je mehr Frauen an ihrem Aufbau mitwirken, um so schneller und mächtiger wird sie erstehen. „Der Mann gründet das Haus, die Frau hält es!“

+Sakkarani+, Sommer 1907.

=Magdalene v. Prince.=

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Einleitung 1

+Erstes Kapitel.+ =Auf dem Marsche von Dar-es-Salaam nach der Station Perondo= 6

Das erste Lager S. 7. -- Abschied von Dar-es-Salaam S. 7. -- Unser Koch, die Boys, die schwarzen Soldaten S. 9. -- Zoologische Erwerbungen S. 11. -- Die Boys und deren Frauen S. 11. -- Heuschreckenplage S. 13. -- Unsere Träger S. 13. -- Übergang über den Kingani S. 15. -- Schlechter Weg S. 15. -- Der Jumbe von Perondo, die Notbrücke S. 17. -- Fruchtbare Landschaft S. 17. -- Jagdbeute S. 19. -- Die Bedeutung der Jumben S. 21. -- Die erste Station im Innern (Kisaki) S. 21. -- Das Leben im Lager S. 23. -- Anstrengender Marsch S. 23. -- Das erste Fieber S. 23. -- Übergang über den Ruaha S. 25. -- Die „Teufelsstelle“ S. 25. -- Der Urwald S. 27. -- Krankheiten S. 27. -- Offizieller Empfang S. 29. -- Unser Küchenzettel, Markttag S. 29. -- Gefährlicher Flußübergang S. 31. -- Beschwerlicher Marsch S. 31. -- Verödete Dörfer S. 33. -- Wasserfälle S. 33. -- Veränderte Marschordnung, vor dem Endziel S. 33.

+Zweites Kapitel.+ =In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa= 35

Feierlicher Empfang in Perondo, die Station und ihre Umgebung S. 36. -- Eine afrikanische Küche, großes Diner S. 37. -- Leben und Treiben auf der Station S. 37. -- Teuerung der Lebensmittel S. 39. -- Revolverattentat, die Wahehe S. 40. -- Hauswirtschaft und Geflügelhof S. 41. -- Häuptling Kiwanga S. 43. -- Der Wahehe-Sultan Quawa und seine Anhänger S. 43. -- Toms Expedition gegen denselben S. 44. -- „Bibi Sakkarani“, Kiwangas Gastgeschenk S. 45. -- Ratten, Marsch zur neuen Station S. 47. -- Alarm S. 49. -- Erster Geburtstag als junge Frau, Wiedersehen mit Tom S. 50. -- Die neue Station Iringa, militärischer Empfang, unser Heim S. 53. -- Expedition gegen Quawas Brüder und Unterwerfung derselben S. 55. -- Quawas Schwestern S. 55. -- Regenzeit, Gründung von Dörfern S. 59. -- Eine Hinrichtung, unser Gemüsegarten und Viehstand S. 60. -- Die Mitglieder der Wahehe-Sultansfamilie S. 61. -- Briefe aus der Heimat und vom Gouvernement S. 62.

+Drittes Kapitel.+ =Mpangires Sultanat= 63

Feierliche Einsetzung Mpangires als Sultan der Wahehe und die Festlichkeiten bei derselben S. 65. -- Unterm Christbaum, Silvester S. 67. -- Kaisergeburtstagsfeier, Alarmnachrichten S. 67. -- Feuer im Dorfe S. 68. -- Neue Unglücksbotschaften S. 69. -- Quawas Bruder Gunkihaka S. 71. -- Streifzüge gegen die Wahehe, Mpangires Unzuverlässigkeit S. 73. -- Kriegsgericht über Mpangire und seine Brüder S. 75. -- Hinrichtung der Quawabrüder und Landesverweisung ihrer Familien S. 75.

+Viertes Kapitel.+ =Der Wahehe-Aufstand= 78

Raubzüge Quawas, Gegenmaßregeln S. 79. -- Bautätigkeit auf der Station S. 79. -- Ramassanfest der Mohammedaner S. 81. -- Die „Frauenfrage“ in Uhehe S. 82. -- Versammlung aller von Tom eingesetzten Jumben S. 83. -- Sultan Merere S. 85. -- Gute und schlechte Botschaften S. 87. -- Großfeuer S. 87. -- Die katholische Mission, Karawanenverkehr S. 89. -- Neue Überfälle durch die Wahehes S. 91. -- Der Stationsgarten S. 92. -- Eine erfolglose Expedition S. 93. -- Mordanfall bei der Station S. 95. -- Toms Abmarsch, das Leben in der „Stadt“ S. 97. -- Ankunft des Leutnants Braun, Mereres Besuch S. 98. -- Afrikanische Dienstbotenleiden S. 99. -- Gesundheitsstand der Station, die Totos S. 100. -- Blinder Lärm, Ankunft von Missionaren S. 101. -- Der Gartenbau S. 102. -- Rückkehr Toms, Jagderlebnisse, Schlachtfest S. 103. -- Kriegsspiele, Osterfest S. 105. -- Die Wahehe-Hilfstruppen S. 106. -- Schauri mit Merere S. 107.

+Fünftes Kapitel.+ =Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert= 108

Toms Abmarsch, Ahnenkultus der Schwarzen und deren Begräbnissitten S. 108. -- Toms Rückkehr, Quawa auf der Flucht, Ankunft des Leutnants Kuhlmann mit Askaris S. 111. -- Trägerlöhne S. 112. -- Große Expedition gegen Quawa S. 113. -- Unser neues Haus und dessen Einrichtung S. 115. -- Zahlmeister Winklers Tod und Begräbnis S. 117. -- Ein Schreiben Toms über seine Expedition und den Kampf in den Felsenhöhlen S. 119. -- Toms Rückkehr S. 121. -- Fruchtbarkeit des Landes, Verkehrsverhältnisse und Kolonisation S. 122. -- Ankunft des Gouverneurs S. 124. -- Neue Expedition gegen Quawa unter Teilnahme des Gouverneurs S. 125. -- Kiwanga und sein Kontingent S. 127. -- Rückkehr und Erlebnisse der Expedition S. 129. -- Verstärkung der Station in Uhehe, der Gouverneur spricht seine Anerkennung aus und verabschiedet sich S. 130.

+Sechstes Kapitel.+ =Auf Safari. Beendigung des Wahehe-Aufstandes und Quawas Tod= 131

Schwere Erkrankung, auf Sommerfrische S. 131. -- Die Vegetation des Landes S. 133. -- Steppenbrand S. 134. -- Rückkehr, neue Expedition S. 135. -- Jagdabenteuer des Leutnants Braun, Erfolge der Expedition S. 136. -- Unsere Dienstboten, eine „_mpepo_“ S. 137. -- Heimkehr der siegreichen Expedition S. 138. -- Mereres Besuch, auf Safari S. 139. -- Im Urwalde, Baumriesen S. 141. -- Tal des Muúngu, Aberglauben der Schwarzen S. 142. -- Förster Ockel, v. Prittwitz S. 143. -- Kanugare, die Landschaft Hangana Mwakikongo S. 146. -- Scharmützel mit den feindlichen Wahehes, Nahrungsmangel S. 147. -- Sergeant Richter S. 148. -- Rückkehr nach Iringa S. 149. -- Die Händler, europäische Post, Überläufer S. 150. -- Christabend und Neujahr S. 151. -- Hauptmann Ramsay, Pater Ambrosius und dessen Nachrichten S. 152. -- Verlauf einer Expedition gegen Quawa S. 153. -- Bau einer Moschee, eines Hospitals und einer Schaurihütte S. 154. -- Tod des Unteroffiziers Karsjens S. 155. -- Militärisches Leben auf der Station S. 156. -- Vasallentreue der Wahehe S. 157. -- Feldwebel Merkl S. 159. -- Ramassan, Tom schwer erkrankt S. 160. -- Neue Niederlage Quawas und dessen vollständige Isolierung S. 164. -- Auf Erholung, Lagerleben S. 168. -- Die Landwirtschaftliche Versuchsstation Dabagga, Anwerbung der Arbeiter S. 171. -- Iringa wird Poststation, Hauswirtschaft S. 173. -- Tod des Tischlers Wunsch S. 176. -- Ein Löwenabenteuer S. 177. -- Quawas Tod S. 179. -- Siegesjubel S. 182. -- Quawas Kopf S. 183.

+Siebentes Kapitel.+ =Im Frieden. Besichtigungsreisen= 184

Personalien, Erinnerungen S. 185. -- Pockenepidemie, Geburtstag S. 187. -- Missionsschwestern S. 187. -- Kiwanga, v. der Marwitz S. 189. -- Auf Safari: Zelewski-Denkmal S. 189. -- Der Jumbe Lupambili und die jüngsten Pflegekinder S. 191. -- Die Ruaha-Quelle S. 191. -- Beim Sultan Merere S. 193. -- Die Malerei der Schwarzen S. 193. -- Wildherden S. 194. -- Kibokojagd S. 195. -- Verteilung der Jagdbeute S. 197. -- Der Wüstenkönig S. 197. -- Mein erstes Kiboko S. 199. -- Mondscheinzauber S. 199. -- _Dr._ Fülleborn S. 201. -- Die schwarzen Pocken, wieder in Iringa S. 201.

+Achtes Kapitel.+ =Abschied von Iringa. Auf der Heimreise= 202

Erdbeben S. 202. -- Weihnachten, Missionsgesellschaften S. 203. -- Abschiedsfeier S. 204. -- Auf der Heimreise, Todesfall S. 205. -- Heißes Klima, Fieber, Erinnerungsstätten S. 207. -- In Kilossa, bei Pater Oberle S. 209. -- Die Jumben S. 209. -- Die erste Europäerin, an der Grenze der Zivilisation S. 211. -- Eine deutsche Ansiedelung, die evangelische Mission S. 211. -- In Dar-es-Salaam, an Bord des „Herzog“ S. 212.

+Neuntes Kapitel.+ =Wie unsere Plantage entstand= 213

Naturschönheit, Arbeiterfrage S. 215. -- Urbarmachen des Waldes S. 217. -- Hüttenbau, Arbeitsordnung S. 219. -- Schlagen und Brennen des Waldes, Beetanlage S. 221. -- Störche und Heuschrecken, Hausbau S. 223. -- Arbeiterwohnungen, der Garten S. 225. -- Gastfreundschaft, die Usambarabahn S. 227. -- Heimweh nach Afrika, Jagdausflüge S. 229. -- Aufstand, Besuch des Vaters S. 231. -- Aussichten für Ansiedler S. 233. -- Zukunftshoffnungen S. 235.

Anhang 237

Verzeichnis der Beilagen.

Seite

Hauptmann v. Prince und Frau Titelbild

Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince 40

Feierliche Einsetzung des neuen Sultans Mpangire. -- Lager des Sultans Kiwanga mit seinem Kontingente in Iringa 65

Eine Gerichtssitzung in Iringa. -- Sultan Merere auf seinem Reitstier 89

Das Stationshaus in Iringa. -- Das Arbeitszimmer 113

Lagerleben: Askarizelte. -- Lagerleben: Die Safari- (Reise-) Küche 129

Lagerleben: Wasserträger. -- Lagerleben im Urwald: Ruhepause 137

Station Mlangali. -- Der erste Pflug im Lande Uhehe 177

Frau v. Prince mit ihren Kindern 213

Ziegeltrocknen in der Sonne. -- Landschaft in West-Usambara 217

Blick auf unsere Kaffeeplantage. -- Unser fertiges Wohnhaus 225

Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in das Speisezimmer. -- Idyll auf dem Hofe der Kaffeepflanzung zu Sakkarani 225

Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896 233

Skizze der Reiseroute der Frau v. Prince in Deutsch-Ostafrika. Am Schluß

Einleitung.

Wenn ich an alle die inhaltschweren Vorreden denke, die Verfasser oder Verleger ihren literarischen Erzeugnissen als Empfehlung mit auf den Weg zu geben pflegen, dann kommen mir doch gelinde Zweifel. Eines schickt sich nicht für alle, und was den mehr oder weniger anmutigen Kindern der Muse recht ist, braucht den anspruchslosen wirklichkeitsnüchternen Kindern der Muße einer afrikanischen Hausfrau noch lange nicht billig zu sein. Denn die nachstehenden Tagebuchblätter geben in der Tat nur die Aufzeichnungen wieder, zu denen ich in den ersten Jahren meines ostafrikanischen Hausfrauenlebens gelegentlich Zeit fand.

Für den Entschluß, diesen Blättern einige Worte zur Einführung voranzusetzen, war zunächst der Wunsch entscheidend, diesen bescheidenen literarischen Versuch dem Wohlwollen meiner Leserinnen zu empfehlen. Daß ich die zuweilen unter recht erschwerenden Umständen zu Papier gebrachten Notizen dereinst der Öffentlichkeit übergeben würde, ahnte ich freilich noch nicht, als ich Herrn v. Wissmann das Versprechen gab, ein möglichst getreues Tagebuch zu führen; die Ausführung stellte zuweilen recht hohe Anforderungen an Willens- und an Körperkraft, besonders wenn es galt, nach beschwerdereichem Marsche die Ereignisse des Tages noch schriftlich festzulegen, anstatt der wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Die Energie zur Durchführung dieser selbstauferlegten Pflicht auch unter schwierigen Verhältnissen verdanke ich dem Beispiel meines Gatten.

Dann aber möchte ich mit diesem Vorworte der gesellschaftlichen Pflicht persönlicher Vorstellung nachkommen, indem ich die Vorgeschichte der Entstehung dieser Tagebuchblätter kurz kennzeichne. Da muß ich denn bis auf unsere Schulzeit in Liegnitz zurückgehen. Daß der damalige Schüler der Ritterakademie, Tom Prince, und ich füreinander bestimmt seien, das unterlag für uns beide schon damals keinem Zweifel, und diese Schülerliebe hat sich bewährt; aus den Kindern wurden Leute, das Schicksal führte uns weit auseinander: Tom wurde Offizier beim Infanterie-Regiment Nr. 99 in Straßburg im Elsaß und ich kam nach Königsberg i. Pr., wo mein Vater als Rittmeister bei den Wrangel-Kürassieren stand. Das war ungefähr das Höchste, was wir uns im Deutschen Reiche an Entfernung leisten konnten, es sollte aber noch ganz anders kommen. Zu jener Zeit zogen die kühnen und erfolgreichen Kämpfe Hermann Wissmanns und seiner tapferen Schar die Augen der Welt auf unsere junge Kolonie. Zu dem Tatendrang des jungen Leutnants kam die Sehnsucht nach den Tropen, wo einst seine Wiege gestanden. Tom ist auf der Insel Mauritius (_Ile de France_) geboren, wo sein Vater englischer Polizeigouverneur war, er entstammt einer englischen Familie; seine Mutter war deutscher Abkunft, eine Tochter des Missionars Ansorge, der viele Jahre hindurch in Indien gewirkt hat. So hielt es den jungen Offizier nicht länger in dem Einerlei des Garnisondienstes.

Der Name Wissmann war ein mächtiger Magnet für die kriegerische Jugend Deutschlands; zur Zeit, als Tom auf eigenes Risiko sich auf den Weg machte, um in der Wissmannschen Schutztruppe Dienst zu nehmen, standen ungefähr 1500 Anwärter vor ihm auf der Liste. In Sansibar heuerte er gleich nach seiner Ankunft eine Dhau, um so rasch als möglich sein Ziel zu erreichen. Diese Ungeduld sollte verhängnisvoll werden: das kleine Fahrzeug erlitt Schiffbruch, die arabische Bootsmannschaft ertrank, und nur Tom wurde gerettet, nachdem er 13 Stunden lang mit Hilfe einer Holzkiste sich über Wasser gehalten! All sein Gepäck, sein Geld, seine Papiere waren verloren. So gelangte er zu Wissmann, der ihn vorläufig seiner Truppe beigab, dann aber als Offizier einstellte, nachdem die erforderlichen Papiere aus Deutschland besorgt waren. Die Taten Wissmanns, dieses im Kampfe heldenmütigen, im Aushalten von Anstrengungen und Entbehrungen des Tropenkrieges unermüdlichen und vorbildlichen Führers der ersten deutschen Kolonialtruppe, gehören der Geschichte an und damit auch die meines Mannes. Was ich in jenen sieben Jahren durchlebte, in Furcht und Hoffnung um das Leben des Jugendgeliebten bangend, mit welcher Sorge die spärlichen Zeitungsnachrichten über neue Kämpfe und Expeditionen der Wissmannleute das Mädchenherz erfüllten, bis endlich einmal wieder ein Brief von Toms eigener Hand mir für kurze Zeit Beruhigung gab -- das weiß nur ich und der allgütige Gott, der den Geliebten mir erhielt und mir die Kraft verlieh, das schier Übermenschliche zu tragen! So wurde mir der Brautstand zur strengen Lebensschule, zur Vorbereitung auf meinen Beruf als deutsche Offiziersfrau in den neugewonnenen Kolonien.

Endlich nach sieben langen bangen Jahren hatten die Verhältnisse in Deutsch-Ostafrika sich soweit geklärt, daß Tom mich nach seiner neuen, schwererkämpften Heimat hinüberholen konnte, an der auch ich mir in meinem sorgenvollen Brautstand ein Heimatsrecht erworben zu haben glaube.

Am 4. Januar 1896 war unsere Hochzeit in Militsch, und nach etwa einem halben Jahr, das wir noch in Deutschland verbracht, trafen wir in Dar-es-Salaam ein und warteten dort auf weitere Bestimmung für meinen Mann. Der letzte, gefährlichste Gegner der deutschen Herrschaft, der Sultan Quawa von Uhehe mit seinen tapferen Scharen, galt nach der Erstürmung seiner Hauptstadt für überwunden, ein Erfolg, an dem mein Mann in anerkannter Weise beteiligt war. Aber die Zeit sollte lehren, daß ein solcher Schlag nicht genügt, ein afrikanisches Kriegervolk niederzuhalten, dessen Hauptkriegskunst darin besteht, den Stößen des Angreifers geschickt auszuweichen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Dar-es-Salaam, wo mir von allen Seiten mit der größten und freundlichsten Fürsorge begegnet wurde, erhielt mein Mann den Befehl, die Station Perondo zu übernehmen, die an der Grenze von Uhehe neu gegründet war. Von dort aus sollte er die friedliche Unterwerfung des Volks der Wahehe weiter fördern. Nähere Kunde über die Station wie über die augenblickliche Stimmung Quawas und seiner Wahehe war aber zunächst nicht zu erhalten, denn die letzten Berichte waren infolge der Überschwemmungen im Inneren des Landes noch nicht zur Küste gelangt. Daß der verheißungsvolle Name Dar-es-Salaam, Hafen des Friedens, den wir bei unserer Einfahrt in die prachtvolle Bucht als günstiges Vorzeichen begrüßten, in Wahrheit nur geographische Bedeutung für uns haben sollte, ahnten wir freilich nicht, als wir hoffnungsvoll den Marsch nach der Stätte unseres Wirkens antraten.

Zum Schluß möchte ich noch einem Bedenken begegnen, das vielleicht gegen den Gebrauch so mancher fremdklingender Ausdrücke in den nachfolgenden Blättern erhoben werden könnte. Es ließe sich gewiß manches durch entsprechende deutsche Bezeichnung ausdrücken oder umschreiben, und in einem Buche mit lehrhafter Tendenz nach irgendwelcher Richtung sollte der Verfasser stets bemüht bleiben, die so oft gerügten Anleihen an die arabischen und Suaheli-Mundarten sowie an die uns aus den englischen Kolonien überkommenen Bezeichnungen zu vermeiden. Hier sind jedoch nur die frischen persönlichen Eindrücke wiedergegeben, die eine gänzlich „unliterarische“ junge Frau in ihrem Tagebuche zunächst für sich und ihre nächsten Angehörigen skizzierte; würde da nicht ein gut Teil von unmittelbarer Anschauung, „afrikanischer Lokalfärbung“ dieser anspruchslosen Skizzen verloren gehen? In diesem Sinne bitte ich für diese kleine Unart meines schriftstellerischen Erstlings um freundliche Nachsicht.

Seit zwei Jahren leben wir nun als friedliche, betriebsame Pflanzer in der neuen Heimat, nachdem mein Gatte den Degen mit dem Pfluge vertauscht. Gott schenke dem schönen Lande, das mit so vielem edlen Blut auf dem Schlachtfelde erkämpft, das so schwere Opfer an Leben und Gesundheit unserer wackeren Pioniere der Kultur gekostet, eine segensreiche Entwicklung. Noch stehen wir am Anfange dieser Kultur, möchte deutscher Unternehmungsgeist sich mehr und mehr auf diesem neuen Gebiete betätigen, der Lohn wird nicht ausbleiben.