Eine dänische Geschichte: Roman
Part 8
Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«
Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten zu beginnen.
Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.
Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.
Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen Sitten-Einfachheit der höhern Stände.
Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.
In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.
Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu statten.
Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. -- Während der häufig drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen Personals.
Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein »Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.
Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in Seeland erworben.
* * * * *
Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur Seite gestanden.
Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; -- auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu denken!
Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter -- »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.
Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.
»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«
»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«
»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«
»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes zu machen!«
Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der mißfälligen Vermählung für sie.« -- Alslev war traurig geworden, im Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, +jede+ nicht standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen gestellt!
Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück, während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer +Mutter+ Kind; an Reichthum ist ihr ganz und gar +nichts+ gelegen, obschon sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu +wollen+! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«
Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«
»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in meiner Hand!«
»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und -- folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«
»Die Brüder haben recht, Helene!«
»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache) -- als nun vor kurzem mein dritter Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er -- o da fandet Ihr +Alle+, daß er +recht+ hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? -- Ich habe doch wahrhaftig +den+ Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht gegeben, weil sie ihm den Apfel -- --«
»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht heirathen --«
»Und warum?«
»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis dahin --«
Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie einmal hier --«
»Helene!«
Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar nicht -- auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«
Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen! Helene! Helene!«
Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.
Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.
Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu regieren, +meine+ Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«
* * * * *
Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen verspäteten Gast verkündete.
Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.
Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«
»-- Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«
»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« -- In diesem Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«
»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren uns!«
»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr dem Vater übergabt!« --
»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen aus Herzensgrund.«
Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen -- --«
»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß +Alles+ noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«
»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau --
»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -- »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«
Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »+das+ ist das Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter, »+das+ ist Großvaters Hand,« -- »dies Mutters Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! --
»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, -- dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« --
»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu lieb zu tragen.« --
»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern -- dichter und dichter umdrängten ihn diese. --
»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, viele Meilen umfaßt!«
Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und breit, -- wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre mir das Leben! -- Bücher fehlen mir sehr! +die+ sind theuer, denn zu Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -- und das ist die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«