Eine dänische Geschichte: Roman
Part 7
Draußen brach sie in helle Thränen aus -- ihr war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. -- Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch Jahre vergehen, -- meinte er selbst, -- ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß noch Gelehrtere, Würdigere als er -- und allerdings regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.
Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!
Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian ~II.~ willen bis auf diese schon damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte -- ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.
Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist -- dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren, welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um sich sah -- ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von Raubthieren und Schlangen uns erzählen.
Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und gebrechlich. --
Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen; Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß untergebracht, der neue Unterricht begann. -- Um die üblichen Tänze einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben ihrem Glück keinen Namen.
So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren. Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -- er runzelte die Stirn und schwieg.
* * * * *
Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang, -- zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. -- Einmal begegnete er Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug -- Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein geheimes Grauen.
Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als +Braut+ wieder heimzuführen.
Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.
Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf ein Canapee oder in eine ~Chaise longue~, -- sie saß ganz still und ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus -- sie antwortete eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -- Die Cousine war fest eingeschlafen.
Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz verkümmern kann!
Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden -- und seltsam, und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt! Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen, den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, -- wenn er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte nicht weiter. --
In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! -- trostlos warf er sich auf die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, -- etwas Bestimmtes zu erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern als er selbst -- und -- in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie einem Andern angehören! --
Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen, vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das Zimmer. --
Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt! -- Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen überdeckt, -- den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, -- vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter trägt! --
Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.
Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der Geliebten leben sollte, -- abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein lang -- immer, immer so fort, bis in's Grab! --
Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet! hätte nur +eine+ Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!
Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen, +dem+, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu mäkeln!« -- »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«
* * * * *
»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, -- denn kein Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz berührt hätte! -- Als er fort war, erschien Ulrike wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, -- er hielt sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.
Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.
Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und Anmaßung des jungen Mannes. --
Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, -- am zweiten Juni legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von welcher sie erst nach vielen Monden genas. -- Genas? ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, -- von einer Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.
Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.
Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an -- und erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -- ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam überwuchs!«
»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, -- sie wurde --«
»+Wahnsinnig!+« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; -- ihr nicht mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.
Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr -- ach, nur selten gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt -- oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister -- andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber -- es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben mußte. -- Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten Posten im Hause bekleidete. -- Ach, nur zu bald gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht mehr.«
»Und der Großvater?« fragte Helene.
»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er +nie+, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte +nie+ dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, -- daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange Jahre hindurch schön --«
»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. -- Die Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich kann nicht mehr -- -- Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« -- Die Nordermule hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!