Eine dänische Geschichte: Roman
Part 6
»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod --« sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu sagen -- »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen -- es war darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste Stellung zwischen den Bauern und +seiner+ Familie, besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -- so lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, -- ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen verlierend, -- »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; -- nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt; -- als wir in den viereckigen Hof traten, blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang das Brüllen des reichlichen Viehstandes -- an einer andern Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf -- jetzt öffnete sich die Thüre, mein Vater -- er war ein Greis geworden -- erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt Ihr mich noch?« -- mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er bewillkommnend küßte -- mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! -- Mir schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten Sessel -- Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich rief; -- beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! -- Christian versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach heute.« -- Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater und Brüder dem Wagen -- o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -- ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite -- die Pferde zogen an, wir rollten fort; -- als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« --
Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für einen Moment in den Hintergrund gedrängt.
Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß zu dem Mädchen das man +heirathen+ will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren, wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu sein durch eigene Schuld.
Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer +andern+ Verbindung sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine Art Bürgschaft, ein ~bonheur allemand~, daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche Rückreise Thoralds.
»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der Künstler, -- ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens, -- »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«
Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte er scharf. -- Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen -- er zögerte einige Secunden -- --
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -- es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht -- mein Herr? Nein, ich muß einen Boten --«
Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu verhindern -- »ich werde ihr das Billet +senden+,« sagte er kurz. Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und schrieb.
Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, denn das Blatt ging ohne Siegel; -- Christian hatte sich in anständiger Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die Solution eines naturhistorischen Problems -- fast hatte er die ganze Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene +zwischen+ den Zeilen durch zu lesen verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen anvertraut.
Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich dem Schlosse zu.
Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen das Billet überbrachte -- sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.
Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen -- daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung auf! -- Was können sie mir denn thun, diese hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante -- nein, nein, +die+ Zeiten sind vorbei!«
Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das noch offene Fenster -- der Wind erhob sich eben, es war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern des Schloßbaues -- es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen zu entgehen gemeint; -- Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle, -- wieder eine -- so fort Woge um Woge! Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; -- wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth -- und mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.
* * * * *
Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen. Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig sein Kommen ganz einzustellen. -- Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht -- im Hause schien Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu Bette geschickt.
Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut -- endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; -- plötzlich erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.
Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.
Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es fast die Knie berührte.
»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante Ulrike Seele!« -- hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer gewahrte.«
Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte Scheu, lächerlich zu erscheinen; -- alle von der Natur stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. -- Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. -- »Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.
»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt -- sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur wir vielleicht eben vertilgen!«
In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie --«
»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«
»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.
»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte, bitte.«
Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.
»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen -- er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.
Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden, kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.
Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen Informator bekannt machen könne« -- das war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung -- man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.
Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.