Eine dänische Geschichte: Roman
Part 5
Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner Wiesenblumen, -- Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen und Aufsätze, -- Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. -- Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. -- Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin Ulrikens.
Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, -- »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. --
»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.
Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, -- am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden Räume verlassen, -- der Anblick war ihr unerträglich.
Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.
Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die +Lösung+ dieses traurigen Räthsels!«
»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld -- wenn es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«
Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest -- komm setze Dich zu mir.«
Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu wissen schien, davon zu reden; -- so hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! --
»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert haben! -- Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem Leibe inwohnende +Seele+ ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf +einem+ ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und +so+ wird denn Fluch und Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« -- Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?
»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«
»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich +seinen+ Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.
Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! -- Aber die Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen Bahn, auch -- dem eigenen Kinde, das diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der Mutter gekostet -- dem Neugebornen +fluchte+ er. -- Der unnatürliche Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre +uns+ die Buße seiner Schuld.
Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu können. --
Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben -- selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen Vaterhause. --
Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte -- ja es nicht einmal zu wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. -- Als er mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie -- hiermit beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«
»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«
Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! --«
* * * * *
Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes -- »aber die Tante, wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller Entsetzlichste! war sie denn --«
Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung fortzufahren -- in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal -- zufällig wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu -- sie war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm -- wie der Blitz stand Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt. -- Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben. --
»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« -- Besinnungslos vor aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung des Gewehrs seitwärts. -- »Unsinniger!« rief sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit Füßen treten läßt?«
Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee, ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen giebt es hier?« -- rief sie in namenloser Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«
Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere Worte verließ er die Frauen -- Helene rang nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen, was eigentlich vorgefallen. -- »Unvorsichtige!« flüsterte sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu können wähnst! -- War Thorald hier im Schloß?«
»Nein, dort am Weiher.«
Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe +nie+ den auf einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« -- sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.
Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein Adelstolz -- warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen +Landes+, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt, +dies+ hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen --« Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See, »mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«
* * * * *
»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien! -- Ach, sie sind -- und vielleicht mit vielem Recht -- stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch +gleich+ gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, +dann+ erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren ungeschmälerten Platz, erst +dann+ ihn mit Euch theilen. Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers -- und in so fern sein Kopf klar genug, auch des Bauern!«
»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene -- das Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.
Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! -- Eva sprach fast niemals über sich -- Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht -- sie war selbst von der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in +diesem+ Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem mächtigen Gefühl des Mädchens. --