Eine dänische Geschichte: Roman
Part 2
»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin, darum hat mir's warm gemacht!« --
»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?«
»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser! Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's nicht arg, fügt man sich schon.«
Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.
Die Gräfin eines Pachters -- Peter Owens Kind? +Das+ also ist die unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt? ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl längst abgekaufter Bauer -- und sie die Gutsherrschaft -- die +Gräfin+! Also da sind wir +noch+? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und Colbiornsen +noch+ nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat des Guten -- bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? --
In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick seines gewaltigen Lebens, -- die vorangegangenen Uebertreibungen der Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen geboten.
Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. -- Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt, versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das materielle Gut des Vornehmen.
Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre wiederholt, daß dem +wirklich+ bedeutenden Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.
Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.
* * * * *
Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich ~V.~ und Christian ~VII.~ es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen, so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. --
Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen, in der Regel aber +nie+ es festzuhalten vermögen.
Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen, das gesunde Genie zu zerstören! --
Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen, den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.«
Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein wie sie erhalten, durch welche Mittel, -- ob sie reich ist? -- Ihm war die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, -- und seit drei Wochen that er es stündlich, -- so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor, als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz. -- Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein +erstes+ historisches Gemälde aufstellte!
Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte; was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben, als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. -- Der überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit zitternden Händen zur Seite geschoben, -- großer Gott! auf dem Altar stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes -- und wie ein Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!
* * * * *
Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt -- er wagte nicht sie anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug die Augen auf -- Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen! »Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch --«
»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls.
Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks, ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum Glück war sie eine Copenhagerin!
* * * * *
Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien, weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes.
* * * * *
»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen, die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha -- oder wie sie heißt, müssen verändert werden.«
»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen Familienportraits gestohlen, -- mein Altarblatt ist weit früher gemalt als jene, -- noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb -- gewiß würden Sie in Frankreich oder Italien --«
»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten, sondern Lutheraner! -- schon +das+ ändert unsere Verhältnisse! Wir sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie -- kann ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so bitte ich Dich,« -- fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort -- »um Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie, Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu +vernichten+, und werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen sogleich --«
»+Ich+ könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst vorzutragen, was ich für nöthig erachte« -- --
In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich, unheilbar! --
»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser Aenderung +zu spät+ ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung würdigen.«
Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder Schonung bloß, -- Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde, seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken habe.
An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht, welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten, daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit besser, als die des eigenen Vaterlandes.
Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut, dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan, ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. +Nie+ war ihm eingefallen, seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten +Menschenrechte+ als Aufhebung der seines +Adels+ anzusehen. So empfand er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.
Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben nicht in jenem Hause ihr Echo finden?
Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen, die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen, brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste, sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu verzeihen.
Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich weiter auszusprechen, -- als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.
Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das Maul! Verstanden Jungfer?«
Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt, daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische die Honneurs zu machen.
Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen, dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten Leidenschaft erhöht. -- Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte -- etwas an demselben zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach Deutschland oder Frankreich. -- In wüsten, undeutlichen Träumen verging ihm der Tag. --
Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte -- draußen wurde es allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln umflortes Meeresbett.
Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. »Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen, ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte, Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des Zuschließens vergessen. -- Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott! bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht -- aber was ist Euch? Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« -- Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen.
Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. -- Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.
Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden, sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm ruhig die heitre Stirn.
Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt -- oder gar sie gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen Worte abthun: ich +liebe+ Thorald Eynerssen!«
Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz, und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines seiner Höfe angenommen -- so hatte die unglückselige Neigung der jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt, unerbittlich vom Vater verstoßen -- verflucht! -- Und dieser Vaterfluch war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des Vaters Vergebung gewann! --