Eine dänische Geschichte: Roman

Part 12

Chapter 123,585 wordsPublic domain

Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen Erbtochter; -- zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie +nur+ der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!

In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth, bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der Königin, -- es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt, der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen, stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen, durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt ist.

Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.

Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte -- keinen günstigern Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.

* * * * *

»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß ~in effigie~ der Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja, ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien gewesen?«

»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«

»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines Officianten -- wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im Auslande lernen zu lassen?«

»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und studiren --«

»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des Auslandes uns mitgebracht haben!«

»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen Dank anders als in Worten zeigen -- --«

»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die Ihm versprochene Professur erhält -- nun? Er kommt ja ganz in Agitation -- --«

Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder über mein Portrait noch meinen Protégé?«

»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit --«

»~Qu'est-ce donc, Comte?~« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie, »wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die erledigte Professur zugesagt --«

Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber Stimme fortgesetzt.

So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen fürstlichen Häusern üblichen Ton -- »~c'est fort~,« fuhr sie fort, »wenn nicht die +Meine+, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder Franzosen zu versorgen?«

»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister, »einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die Professur erhalten --«

»Der Prinz kennt meinen Wunsch, ~c'éstoit une chose arangée, Messieurs~ -- Eynerssen hat mein Wort --«

»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«

Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße: »wer hat mir das gethan? ~il me le payera!~« setzte sie zwischen den Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren? Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«

»~Ma foi, Madame~,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf Christian Gejern Alles +gegen+ den jungen Eynerssen und +für+ den Klint gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt -- diese Besetzung der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade -- die aller Erste! Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König, welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb sogleich -- --«

»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste bedeutend,« erwiederte gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes und der linken Hand entließ sie die beiden Herren -- Eynerssen stand noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«

Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben. Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« -- »Die Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« -- Keine. »Die dritte Comtesse ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,« sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er -- der jüngste kränklich -- keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens. -- Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten -- endlich fuhr die Harrested fort -- »man hat von einer großen Leidenschaft der Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben, daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« -- »Schon gut,« sagte die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet.

»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern verliebt?« -- Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen die Wand, keines Wortes fähig -- »nun, nun!« lächelte die Königin, »die Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich -- und antworte mir klar und vernehmlich.«

»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu verlassen.«

»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?«

»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«

»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«

»Leider! da er sie verdammt!«

»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«

Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das Honorar für die Bilder schuldig -- und -- Ihr könnt im Cavalier-Hause wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits verlegen.

Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung. -- Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde.

Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden 10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche -- mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. -- »Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien.

Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein. Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen aus -- selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer. Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt, geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen.

Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden.

Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein Beider Leben enger verflechtendes Band.

Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie -- er hatte Helenen zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt noch in Dänemark zurück.

Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt -- unklar und verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die Decke unsres Wanderzelts! -- Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen. Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.

Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön; schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.

Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war eine offene Schieblade -- aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.

Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung -- er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm gewesen,« -- ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn, sie reichte rasch Thorald die Hand. -- Es wären schon ein paar Monate her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue, noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte; auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf -- das Schilf schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen schon längst nicht mehr -- auch die Insectenwelt war abgestorben. Den dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon finster sein.

Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen Kahn -- ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; -- als sie damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf -- jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher --«

»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.

»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen, zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu solchem Schritte sie vermocht?«

»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz --«

»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«

»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«

»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte -- da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,« -- »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar, »wo ist sie jetzt?«

»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen -- denn sie geht mit mir nach Island!«

Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte vollendete.

Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt, gehätschelt, gescholten -- das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer die Hand -- »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« -- versicherte sie freundlich.

»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird Emerenzia uns Allen +erzählen+! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere, feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns zu haben, -- so glücklich!« er drückte ihre Hand.

»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein -- sie wird mit ihrer geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen -- sie bringen sie nicht lebend hinüber!« sagte leise Thorald --

»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern -- und gönnen Sie ihr denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend, als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr so theuern Grafen Thugge zu sterben? +Dort+ sind all die ihr +hier+ abgewelkten Interessen noch frisch erhalten -- hier verdrängt sie eine laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«

»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!

Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen Wirthschaftsweise?

Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle -- manchmal klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht zum einander verzeihenden Wort.

* * * * *

Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.