Eine dänische Geschichte: Roman
Part 11
Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns besorgt -- es hat wohl so kommen sollen, nach des Allmächtigen Willen! -- Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen Absicht zu sprechen -- plötzlich horcht sie auf! ihr Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach +Island+?« fragt sie, »wer will nach Island?« -- Wir erzählen ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird -- aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -- sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes ihres Gesichts -- »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.
Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.
»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.
Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! -- Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« -- »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend -- »ja Ulrike, ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«
»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg -- da liegt Skalholt, und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur seiner gedacht -- immer -- nie weiter gedacht -- immer nur sein, sein bis zum Tode!«
Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht mehr. -- Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«
Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.
»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.
Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.
* * * * *
Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.
Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse und Blanda -- und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, -- mit thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.
Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd übergab.
Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn -- als müßte er einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag ihn berührt -- dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.
Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung hörte er dem Grafen zu. -- »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! -- wie dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! --«
Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -- Endlich richtete er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt -- ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« -- Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre zog er leise hinter sich zu. --
Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.
Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt geblieben, zu willfahren.
Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. -- Wenn Ihr einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; -- die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«
Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: -- das Bild eines zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen Eigensinn!
Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese +nie+ zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! -- Er vertröstete sie auf den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle an ihr Vertretenden zu gewinnen.
»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«
»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«
»Zwei, -- drei Jahre! Alslev!«
»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben überdauern!«
»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns bringen,« -- wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. »Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.
Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! --
Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes zu heben. -- Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. -- Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.
Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig ist die Gegend.
Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.
Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung edler Proportionen.
Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.
Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.
Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.
Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art Bewegung, -- wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht noch eigentlicher Exaltation, -- die momentane Ueberspannung all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der vorgelegten Hand. -- Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war Alles still. -- Wunderliche Einbildung! sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, -- in demselben Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre einzige Sorge. -- -- Die Figur wurde compact, -- sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, -- es war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!
Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.
Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang, -- nach wenigen Secunden war ihr die volle Geisteskraft zurückgekehrt.
Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.
Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger deutete den Gang entlang. -- Wohin? hinaus? der Treppe zu?« -- Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen, -- die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich mischten und theilten, -- zusammen- und wieder auseinander flossen, -- wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, -- Gesang, -- Schlaf.
-- In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht der Priorinnen des Stifts, -- die Königin nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt, -- auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos wiederholt; -- »überall das Wappen der +Königin+!« dachte Helene, -- »ja, an den Wänden, -- über der Thüre des Refectoriums, die nach dem Gange führt, überall +das Wappen+,« -- sie erwachte? -- Hell und klar drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -- sie warf ihn zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch +kann+ glücklich sein,« sagte sie, »auch ich +will+ glücklich sein.«