Part 9
Die französischen Flieger steigen oft ohne Beobachter auf, um mehr Bomben mitnehmen zu können. Ist der Apparat mit zwei Personen belastet, so können nur drei Bomben mitgenommen werden, sonst sechs oder mehr. Eine Bombe wiegt 10 Kilogramm und ist einen halben Meter hoch. Die Treffsicherheit richtet sich nach der Übung. Die meisten Bomben richten keinen Schaden an. Am häufigsten werden Pferde getroffen. Als ich in Bapaume war, flog ein Flieger über ein Biwak in der Nähe. Fünf Mann hielten es für ratsam, unter einem schwer belasteten Bagagewagen Schutz zu suchen. Aber der Wagen wurde getroffen, und von den Leuten fanden sich nur noch Fetzen vor, als Hilfe anlangte.
Ich habe schon früher von der unerhört wichtigen Rolle gesprochen, die die Flugmaschinen in diesem Krieg gespielt haben, und daß sie während der ersten Monate des Kriegs immer mehr verfeinert und vervollkommnet worden sind. Mein Gewährsmann in Bapaume glaubte behaupten zu können, daß derjenige, der die besten Flugmaschinen und die geschicktesten Flieger hat, in einem Stellungskrieg gewinnt, einem wirklichen Festungskrieg, wie er jetzt an der Westfront ausgefochten wird.
26. Deutsches Sanitätswesen im Felde.
Ich habe mich bei meinem Besuch an der Front oft bei den Verwundeten aufgehalten und werde auch weiter noch manchmal auf sie zurückkommen. Es ist daher vielleicht an der Zeit, einen kurzen Überblick über System und Organisation des deutschen Sanitätswesens im Felde zu geben.
Geographisch hat man zwischen zwei großen Gebieten zu unterscheiden, dem Operationsgebiet, in dem die kämpfenden Armeen sich befinden, und dem Etappengebiet, durch das die Verbindung mit der Heimat hergestellt wird.
Jede Truppe hat ihr Truppensanitätspersonal; seine Aufgabe ist es, für ihr Wohlbefinden zu sorgen, ihre Hygiene zu beaufsichtigen, sie vor verdorbenen Nahrungsmitteln zu bewahren, das Brunnenwasser zu untersuchen usw. So ist es Sache des Regiments-, Bataillons- und Abteilungsarztes, sowohl die allgemeine Gesundheitspflege zu überwachen, als auch die erste Hilfe im Felde zu leisten. Wenn die Truppe in den Kampf geht, ist es Pflicht des Truppenarztes, einen Truppenverbandplatz auszuwählen und einzurichten.
Jedes Armeekorps hat drei Sanitätskompagnien, und diese richten unmittelbar hinter der Feuerlinie die drei sogenannten Hauptverbandplätze ein. Jede der drei Sanitätskompagnien verfügt über acht oder neun Ärzte, eine große Anzahl Krankenträger, Sanitätssoldaten, Apotheker usw., alle unter der Bezeichnung »Sanitätspersonal« zusammengefaßt. Jede Sanitätskompagnie hat acht zweispännige Krankenwagen, die mit Arzneimitteln, Bahren und Verbandzeug versehen sind.
Jedes Armeekorps hat zwölf Feldlazarette, die an geeigneten Stellen hinter der Front eingerichtet werden. Sie müssen an möglichst geschützte Orte gelegt werden und sind darauf eingerichtet, auch wenn die Front vorrückt, dort zu bleiben. Von den Truppenverbandplätzen und den Hauptverbandplätzen kommen die Verwundeten in das nächste fertige Feldlazarett.
Dieses hat seine eigenen Wagen und eine vollständige Lazarettausrüstung, als da sind Matratzen oder leere Säcke, die mit Stroh gefüllt werden können, Kissen, Decken und Laken, Hemden und andere notwendige Krankenkleidung, Porzellangeschirr und vieles andere. In den Feldlazaretten werden die ersten chirurgischen Eingriffe vorgenommen mit Ausnahme von solchen, die sofort und unter freiem Himmel geschehen müssen, z. B. die Stillung von Blutungen aus offenen Wunden. In den Feldlazaretten ist das Personal durch und durch militärisch, da gibt es keine Schwestern und überhaupt keine Freiwilligen.
An der Spitze des Sanitätswesens jedes Armeekorps steht der Korpsarzt; er ist Chef der Truppenärzte, der Sanitätskompagnien und Feldlazarette. Zur Seite hat er einen beratenden Chirurgen, gewöhnlich einen Universitätsprofessor oder Dozenten, der auch die Feldlazarette inspiziert.
Der Korpsarzt verfügt auch über einen beratenden Hygieniker, dies ist gewöhnlich ebenfalls ein Universitätslehrer, der alle verdächtigen Fälle von ansteckenden Krankheiten zu prüfen und alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln gegen den Ausbruch epidemischer Krankheiten zu treffen hat. Er führt ein bakteriologisches Laboratorium mit sich und muß jeden einzelnen Fall von Typhus, Ruhr, Dysenterie und ähnlichen Krankheiten untersuchen, nachforschen, woher der Kranke gekommen ist, ihn isolieren und den Ansteckungsherd auszurotten versuchen. In gewissen Fällen kann er die Einrichtung eines Epidemiekrankenhauses im Etappenbereich anordnen. Ein solches ist z. B. in Attigny bei Vouziers.
Die Leichtverwundeten, die sich nicht an das Feldlazarett zu wenden brauchen, wandern an einen sogenannten »Leichtverwundeten-Sammelplatz« und begeben sich von dort an einen Etappenort und weiterhin zu Fuß oder in leeren Güterwagen nach Hause. Sobald ihre Wunden geheilt sind, kehren sie zu ihrem Regiment zurück.
Das Feldlazarett wird nach einiger Zeit durch eine Kriegslazarettabteilung abgelöst, die nur aus Personal, Arzt, Sanitätssoldaten und freiwilligen Assistenten besteht. Jedes Armeekorps verfügt über eine solche Abteilung von etwa dreißig Ärzten und der entsprechenden Anzahl übrigen Personals.
Das Feldlazarett wird so durch das Vorrücken der Truppen in ein Kriegslazarett verwandelt, oder mit andern Worten: wenn das Feldlazarett mit den Truppen vorrückt, wird sein Platz von der Kriegslazarettabteilung eingenommen. Geht das Vorrücken, wie bei meinem Besuch, langsam, so tritt keine Veränderung ein, und das Personal hat verhältnismäßig wenig zu tun.
Die Kriegslazarette liegen gewöhnlich in kleinen Dörfern, oft dreißig oder vierzig Kilometer von der Eisenbahn. Ihre Aufgabe ist, die Schwerverwundeten weiter zu behandeln, die das Feldlazarett verlassen haben, und sie dann nach den Etappenlazaretten zu befördern und nach Orten wie Sedan, die in regelmäßiger Eisenbahnverbindung mit der Heimat stehen. Der Transport der Verwundeten geschieht nicht nur zu Fuß und in leeren Lastwagen, sondern auch durch Kraftwagen der Krankentransportabteilung, unter denen man Omnibusse aus allen möglichen Städten findet, sowie Lastwagen mit Namen bekannter Fabriken und Geschäfte. Sie können bis zu zehn Betten mit sich führen, und kommen Leichtverwundete in Frage, so kann ein einziges Auto fünfzig Mann befördern, aber dann sitzen sie auch dicht zusammengepfercht und sogar auf dem Dach. Sie fahren nur nach den Etappenorten; von da geht es auf Eisenbahnen, Kanälen oder Flüssen weiter.
Die ganze Etappenlinie entlang sind an geeigneten Punkten Verband-, Verpflegungs- und Erfrischungsstationen eingerichtet, wo Schwestern, Krankenwärter und Ärzte von Wagen zu Wagen gehen, um die Patienten zu untersuchen und diejenigen herauszufinden, die nicht mehr weiter können. Daheim werden die Verwundeten in die Lazarette geschickt oder in Häuser, die im Krieg in Lazarette umgewandelt sind. Viele dürfen auch direkt in ihre Heimat fahren. Von der Front bis in die Heimat gilt der Hauptgrundsatz: Platz, Platz, Platz! Deswegen beeilt man sich soviel wie möglich, die Verwundeten loszuwerden, um für neue Scharen Raum zu bekommen. Jeder Sanitätswagen, der zum Train gehört, ist genau in Fächer und Schubkästen eingeteilt, so daß jedes Ding seinen bestimmten Platz hat und leicht zu finden ist. Ebenso mustergiltig und genau ist schon in Friedenszeiten die Zusammensetzung und Ausrüstung der Lazarettzüge bestimmt. Die eisernen Krankenbettstellen stehen bereit; man hat nur die Bänke und Gestelle aus den Wagen dritter Klasse herauszunehmen und dafür die eisernen Bettstellen festzuschrauben. Man weiß, wie viele Matratzen, Kissen und Decken für jeden Wagen gebraucht werden. In den Verband- und Apothekerwagen ist alles so genau geordnet, daß der Arzt seine Jodtinktur, sein Chinin, sein Stück Heftpflaster oder seine Sicherheitsnadel mit verbundenen Augen finden könnte. Alles ist nach einem Schema eingerichtet. Wenn ein Anfänger sich nicht sofort zurechtfindet, so braucht er nur den gedruckten Schlüssel zu benutzen, der für die Tausende von deutschen Lazarettzügen gilt. Man hat über die minutiöse Gründlichkeit der Deutschen in allen Dingen gespöttelt und hat sie Pedanten genannt. Nun zeigt sich, wozu diese Pedanterie gut ist! Alles geht wie ein Uhrwerk, und niemand braucht zu suchen oder zu fragen. Und diese in Friedenszeiten geschaffene Ordnung herrscht überall! Deshalb ziehen die Deutschen nicht in den Krieg wie schlaftrunkene und aufgestörte Träumer, sondern als auf alles vorbereitete und ausgebildete Kämpfer, sei es, daß ihre Pflicht sie in Reih' und Glied oder an den Operationstisch ruft.
Die deutschen Soldaten haben ein wahres Grauen davor, in die Hand französischer Ärzte zu fallen, sie sterben lieber! Wenn Gefangene und Verwundete nach Kriegsschluß ausgetauscht werden, werden unparteiische Richter in der medizinischen Welt urteilen können, auf welcher Seite die sorgsamere Pflege und die größere Menschenliebe zu finden waren. In mehr als einer Beziehung hat dieser Krieg die Ohnmacht und Nichtigkeit aller Konferenzen und Übereinkünfte in Genf, Haag und andern Orten mit Namen von einem jetzt leeren und trügerischen Klang dargelegt.
27. Leben an der Front.
Am 1. Oktober machte ich in Gesellschaft des prächtigen Chefs einer Feldfliegerabteilung, Hauptmann H. von Chamier-Glisczinski, einen Ausflug an die Front. Er holte mich in seinem Auto ab, und in wahnsinniger Fahrt ging es nach Somme Py im Südwesten. Vorher hielten wir jedoch eine Weile bei einer Flugstation, wo der Hauptmann dienstlich zu tun hatte. Während wir dort standen, kam eine Taube in herrlichem Gleitflug herabgeschwebt. Sie kam in größter Eile, wie es schien, und ihre hellen, leichten Flügel hoben sich scharf von dem hellblauen Himmel ab. Sie kam gerade auf uns zu, und man hatte das Gefühl, einen Schritt beiseite treten zu müssen, um nicht von der einen Flügelspitze getroffen zu werden. Als sie dem Erdboden nahe war, schien sie wieder aufsteigen zu wollen. Aber diese Bewegung geschah nur, um den Stoß bei der Landung zu mildern, dann rollte sie ein Stück und hielt auf der Wiese.
Der Flieger und sein Kamerad begleiteten uns auf der weiteren Fahrt. Und wieder entrollte sich vor uns das Bild des bunten Soldatenlebens unmittelbar hinter der Front, wie ich es so oft schon gesehen hatte. Es war heute nicht so schwer, vorwärtszukommen, denn jetzt am Tage hielten sich die meisten Truppen still und versteckt. Hier und da brannten kleine Feuer im Schatten der Bäume; man kochte und trank seinen Kaffee, rauchte seine Pfeife und sonnte sich auf umgestürzten Getreidegarben. Die Proviantwagen mit ihren weißen und gelben Plandächern waren oft mit Laub bedeckt, um den französischen Fliegern nicht allzusehr in die Augen zu stechen. In Somme Py war wenig zu sehen. Fast das ganze Dorf war niedergebrannt und zerstört; nur rauchgeschwärzte, nackte Mauern standen da. Unsere Fahrt ging weiter, und nun sahen wir die gutversteckten Feldküchen, die Sanitätskompagnien mit ihren Wagen, Ärzten und Krankenträgern, sowie die sogenannte Gefechtsbagage, d. h. alles, was die in den Schützenlinien liegenden Soldaten an Munition, Werkzeugen, Kleidern, Proviant und anderm brauchen.
Da, wo links von der Straße vier Feldhaubitzen aufgestellt waren, ließ Hauptmann Chamier halten und das Auto im Schatten eines Baumes unterstellen, denn von hier aus war es nicht ratsam, weiterzufahren, da das Automobil die Aufmerksamkeit der französischen Beobachter auf sich ziehen konnte. Wir stiegen daher aus und machten eine kleine Runde um die Batterie, die eben bei der Arbeit war. Die Haubitzen wurden gerade für die nächste Salve geladen, und ich benutzte die Gelegenheit, ein Bild davon zu skizzieren. Die Batterie war gut maskiert und mit kleinen Wällen von Erdschollen, Steinen und Sandsäcken eingefaßt; jede Kanone außerdem mit einer Schutzplatte versehen, die wenigstens für Schrapnells und Gewehrkugeln undurchdringlich sein muß. Das Feuer war auf das 4050 Meter entfernte Dorf Souain gerichtet; es war schon so gut wie zusammengeschossen, und was noch übrig war, stand in Flammen. Von dem Beobachtungsstand aus, auf den wir uns später begaben, konnte man mit scharfen Fernrohren die Wirkung der Granaten beobachten. Wenn ein Haus getroffen ist, steigt eine dunkle Säule von Gasen, Staub und Erde auf, und bald verraten Flammen und Rauch, daß die Granaten das Haus oder mehrere angezündet haben. Wer an diese Dinge nicht gewöhnt ist, betrachtet sie unwillkürlich mit einem gewissen Respekt. Vermutlich steigt der Respekt sogar mit der Gewohnheit. Die Offiziere scheinen vollkommen gleichgültig, aber das ist, glaube ich, meist nur Selbstbeherrschung; der Führer darf der Mannschaft seine Gefühle nicht verraten, er muß vollkommen ruhig sein oder scheinen. Aber es muß auch die stärksten Nerven angreifen, lange im Feuer zu liegen. Diese Batterie hier war achtzehn Tage auf demselben Platz, ohne von französischen Fliegern entdeckt worden zu sein.
Die Granate ist mit Pikrin gefüllt, einem Sprengstoff, der noch viel stärker ist als Dynamit. Beim Auftreffen explodiert die Ladung und verursacht eine furchtbare Verwüstung. Der Geschoßzylinder zerspringt dabei in messerscharfe Scherben und verursacht böse, schwer zu heilende Wunden. Der Zünder des Schrapnells wird dagegen auf Zeit eingestellt, so daß er z. B. neunzehn Sekunden nach Abfeuerung des Schusses, je nach der Entfernung, das Geschoß zur Explosion bringt. Auch sein Zylinder ist mit Pikrin gefüllt und dazu noch mit etwa vierhundert kleinen, runden Bleikugeln, die in einem schweifförmigen Strahl oder in einem Kegel sich über das Ziel verstreuen.
Von der Batterie aus wanderten wir zu Fuß durch die Allee und hielten uns getrennt und im Schatten der Bäume. Einen sicheren Schutz bot die Allee nicht, denn sie war hier und da unterbrochen. Wir gingen fünfhundert Meter südlich bis zu dem Beobachtungsstand, von dem aus das Feuer telephonisch geleitet wurde und die vorderste französische Front beobachtet werden konnte. Der Platz hieß Ferme- --. Das erste, was ich sah, war etwas Baumähnliches, das sich über das umgebende Gebüsch erhob. Es war ein Mast von der Stärke und Höhe einer Telegraphenstange; eine Stiege führte hinauf zu einer kleinen Plattform und dem Sitz für einen Beobachter, der nebst seinem Fernrohr unter Laubzweigen verborgen war.
Am Ziel angelangt, wurden wir von nicht weniger als drei Obersten empfangen, von denen jedoch zwei nur zufällige Gäste waren, und von einigen Offizieren. Einer der Obersten namens Fischer, Brigadekommandeur der Feldartillerie, ein heiterer, gemütlicher Herr, hatte gleich mir Asien bereist.
Die Offiziere wohnten hier Tag und Nacht und hatten sich unter der Erde häuslich eingerichtet, da der Platz von dem französischen Feuer bestrichen wurde. Eine Treppe führte in eine Grottenwohnung von zwei kleinen, dunklen Zimmern hinab, die von einer Petroleumlampe erleuchtet und von einem kleinen, eisernen Kamin erwärmt wurden, der jetzt munter brannte. Auf einem Wandtisch lagen Toilettesachen, Fernrohre, Karten, Instrumente und Revolver in lustiger Unordnung. Im Schlafzimmer waren die Betten auf dem Erdboden dicht nebeneinander ausgebreitet. Man darf nicht allzu empfindliche Nerven haben, wenn man dort unten schlafen soll. Aber doch war es wenigstens ein Zufluchtsort, wenn der Platz starkem Feuer ausgesetzt war; gegen Granaten sei er zwar nicht ganz geschützt, sagte man mir, wohl aber gegen Schrapnells. Auch ihre Mahlzeiten nahmen die Offiziere gewöhnlich hier ein, um in Ruhe essen zu können.
28. Die Feld-Telephonstation.
Einige Schritte davon entfernt besuchten wir die Telephonstation, die in dem gemauerten Keller eines im übrigen zusammengeschossenen Hauses eingerichtet war. An den Wänden dieser unterirdischen Kammer war eine ganze Reihe Telephonapparate befestigt; davor saßen einige Offiziere und Soldaten auf Wandbänken. Solange ich unten war, klingelte es ununterbrochen in mehreren Telephonen zu gleicher Zeit. Personal mußte also immer da sein, um zu antworten. Die Station stand mit der ganzen vierten Armee durch ihr Oberkommando in Verbindung, ebenso mit dem Großen Hauptquartier. Ja, man konnte sogar jede Verbindung mit Deutschland erhalten, obgleich natürlich Privatgespräche nicht zugelassen waren. Zwei junge Flieger, Graf Rambaldi und Leutnant Bürger, waren eben von einer Erkundung der französischen Stellungen zurückgekehrt und berichteten ungemein klar und sicher über das, was sie gesehen hatten. Rambaldi stand lange, den Telephonhörer in der einen, seine Karte mit den eingezeichneten Beobachtungen in der andern Hand, und sprach mit einem Offizier des Oberkommandos, der das gleiche Kartenblatt vor sich hatte und sicher auch Bleistift und Notizbuch. Der Rapporteur sagte z. B.: »550 Meter nordwestlich von X. sah ich eine Artilleriestellung von wahrscheinlich nur zwei Kanonen. Auf der Straße, die westlich davon nach Y. führt, war eine stillstehende Kolonne von acht Wagen; konnte nicht unterscheiden, ob Munitions- oder Proviantkolonne. Die Batterie, die gestern in dem Tal südlich von Z. stand, ist heute verlegt worden; wohin? ist im Augenblick nicht festzustellen.«
Durch solche Erkundungen bekommt das Oberkommando viel Wichtiges zu wissen und richtet das Artilleriefeuer darnach ein. Die deutsche Batterie, die die französische bei dem Dorfe Z. beschossen hat, stellt natürlich das Feuer ein, sobald bekannt wird, daß das Ziel die Lage geändert hat, was immer während der Nacht geschieht. Die Geschütze einer französischen Batterie stehen gewöhnlich weit voneinander, teils, um die Gefahr zu vermindern, teils auch, um sie leichter vor Fliegern verbergen zu können.
Von dem Beobachtungsplatz aus waren es etwa zwei Kilometer bis zu den vordersten deutschen Schützengräben, die dreihundert bis fünfhundert Meter von den französischen entfernt liegen, ja, zuweilen tausend Meter. Hier liegen nun die feindlichen Soldaten und belauern einander. Es ist ein Hundeleben in diesen Gräben! Steckt man die Nase über den Rand hinaus, ist man des Todes. Gestern vormittag 10 Uhr sah man eine Schar französische Soldaten aus einem nahen Wald herausschleichen, um sich vorsichtig dem Schützengraben zu nähern. Zwei Salven Schrapnells wurden auf sie abgegeben. Hundertundfünfzig Mann blieben liegen, die übrigen zogen sich zurück. Sie bezahlen mit derselben Münze, sobald sie Gelegenheit dazu haben, und ihre Artillerie steht auf der Höhe, ebenso ihre Zielsicherheit. Ihre Munition soll dagegen weniger gut sein; gestern krepierten von sechsunddreißig Granaten nur sieben, alle übrigen waren sogenannte »Blindgänger«.
Die deutschen Soldaten bewahren sich mitten in Todesgefahr ihre gute Laune und setzen zuweilen spaßeshalber einen herrenlosen Helm auf einen Stock und halten ihn in nickender Bewegung über den Rand des Schützengrabens. Sofort wird er das Ziel des feindlichen Feuers, und die Soldaten wetten, wie viele Treffer es geben wird!
Übertriebene Reinlichkeit kann in diesen Gräben nicht herrschen, wenn man auch das Menschenmögliche tut, um allen Schmutz zu entfernen. In dieser Gegend hatte sich zwischen den beiden Fronten ein Übereinkommen ergeben, daß bei gewissen Gelegenheiten die Soldaten den Graben unbehelligt verlassen konnten, aber nur immer ein Mann, unbewaffnet und in der Richtung auf den feindlichen Schützengraben zu. Der Soldat brauchte bloß einen Spaten über den Grabenrand zu heben und ihn dreimal auf und ab zu schwingen. Nach diesem Signal konnte er ruhig seine Promenade antreten und wieder an seinen Platz zurückkehren. Einmal hatten sich zwei weidende Kühe zwischen zwei in kurzem Abstand voneinander verlaufende Schützengräben verirrt. In der geheimen Zeichensprache der Soldaten kam die Übereinkunft zustande, ein französischer Soldat sollte die eine, ein deutscher die andere Kuh melken! So geschah es, und dann kehrte jeder ruhig in seinen Graben zurück. Das beweist, daß auch die französischen Soldaten ihren guten Humor nicht verloren haben.
Die Schützengräben stehen gleichfalls in telephonischer Verbindung mit der Beobachtungsstation. Einer unserer Freunde fragte mich, ob ich hören wollte, wie sich die Bewohner des am weitesten vorgeschobenen Schützengrabens gerade jetzt befänden. Natürlich wollte ich das! Ich bekam den einen Hörer in die Hand und wurde zunächst nach allen Regeln der Höflichkeit dem Major vorgestellt, der im Schützengraben auf den Anruf antwortete. »Wie geht es, Herr Major?« -- »Danke, gut.« -- »Haben Sie etwas Besonders zu berichten?« -- »Ja, heute nacht wurden einige Schüsse gewechselt, aber ohne Verluste.« -- »Wie ist die Stimmung bei der Mannschaft?« -- »Vortrefflich, wie gewöhnlich.« -- »Haben Sie die acht Maschinengewehre bekommen, die Ihnen gestern nacht geschickt werden sollten?« -- »Ja, sie sind da und schon aufgestellt, aber für eines fehlt der Panzerschutz. Wir behelfen uns bis auf weiteres mit Erdschutz.« -- »Haben Sie sonst noch Wünsche?« -- »Danke, nein, alles in Ordnung.«
Der Major sprach ruhig und sicher, aber man hörte doch einen Unterton von Ernst in seinen Antworten.
29. Am Scherenfernrohr.
Der über der Erde liegende Teil des Beobachtungsplatzes war eine gemütliche Laube im Gebüsch, und hierhin kamen von Zeit zu Zeit Boten auf Zweirädern gefahren. Wohlgeschützt und versteckt stand ein Scherenfernrohr auf seinem Dreifuß, ein anderes auf der Landstraße vor der Laube. Durch solch ein Fernrohr sieht man so gut wie alles bis an den Rand des Horizonts, und die vertikale Stellung der Tuben ermöglicht es, daß der Kopf des Beobachters bei der Arbeit ganz im Schutz eines Eisenschilds oder einer Mauer bleiben kann. Von unserm hochgelegenen Platz aus hatten wir eine vortreffliche Aussicht über den ganzen Bereich der nächsten Schützengräben. Oberst Fischer erklärte mir alles. Er stellte den Horizontalfaden des Fadenkreuzes auf den deutschen Schützengraben ein, und dieser wurde ganz deutlich als eine etwas ungerade dunkle Linie sichtbar. Man sah sogar, wie ein Mann aus dem Graben herausstieg, wahrscheinlich nachdem er dreimal mit dem Spaten gewinkt hatte! Dann wurde das Haarkreuz auf den französischen Schützengraben eingestellt, der etwas schwächer sichtbar wurde, aber doch vollkommen deutlich.
Noch weiter südlich, 3550 Meter von unserm Beobachtungsplatz, sah man das brennende Dorf Souain und die Wäldchen, in denen man gut versteckte Artilleriestellungen vermutete; in Ostsüdost, d. h. links von uns, deutlich eine Batterie von vier Geschützen, und diesseits von dieser eine jetzt aufgegebene Artilleriestellung.
Plötzlich rief der Oberst: »Deckung!« Eine französische Flugmaschine, ein Blériot, näherte sich. Man stellte sich schleunigst unter die Bäume, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Einige Ordonnanzpferde, die in einem Hohlweg standen, wurden an einen sicheren Platz gebracht. Der Flieger kam näher. Schwach, aber deutlich hörte man das Surren seines Motors. Er segelte gerade über unsere Köpfe hinweg. Wird er eine Bombe werfen oder uns mit Pfeilen überschütten? Es wäre ein guter Fang für ihn, einen Beobachtungsstand zu zerstören, von dem aus das Feuer geleitet wird und an dem alle Telephondrähte der Gegend zusammenlaufen. Ein Zivilkundschafter kann ihn ja signalisiert haben. Aber der Flieger zog vorüber, es erfolgte keine Explosion, und mit einem Gefühl der Erleichterung sah man ihn verschwinden. Er suchte ein anderes Ziel für seine Bomben.