Part 8
Wir fahren durch mehrere Dörfer, darunter Tannay und Lechesne am Ardenner Kanal, und halten kurze Zeit in Vouziers am Westufer der Aisne. Der General nimmt von ein paar Offizieren der Etappenkommandantur die Berichte entgegen über das, was sich seit gestern zugetragen hat. Dann geht die Fahrt weiter nach Süden auf der Chaussee, die nach Séchault und Cernay führt. In dem zuletzt genannten Dorf sind wir zwanzig Kilometer westlich von Varennes. Aber zwischen diesen beiden Orten breitet sich der Argonner Wald aus, in dem noch heiß gekämpft wird. Von Cernay geht nach Westen die große Landstraße nach Reims. Auf den ersten sechzehn Kilometern dieser Straße, d. h. bis zum Dorf Somme Py, hatte ich Gelegenheit, einige höchst interessante Punkte zu besichtigen. Denn diese Straße war Ende September die letzte nach Süden, die in dieser Gegend vom deutschen Heer besetzt worden war.
Das erste Dorf westlich von Cernay ist Rouvroy, und weiter wollten wir heute nicht fahren. Wir machten einen kurzen Aufenthalt und aßen unser einfaches, feldmäßiges Frühstück, lange, schmale Scheiben von Kommißbrot mit Butter und Schinken und ein Glas Rotwein. Der General hatte ein besonderes Automobil mit voll Weinflaschen, die er an die Soldaten verteilen ließ. Mit dem Wein braucht man in diesen Gegenden, wo auch die Bauern ihre wohlversehenen Weinkeller haben, nicht zu sparen. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles wird den Eigentümern nach dem Krieg ersetzt, und es gehört zu den Friedensbedingungen, daß der verlierende Teil jede Quittung über Sachen bezahlt, die während der Besetzung requiriert worden sind. Der einzelne darf nicht Schaden leiden unter dem Krieg; es ist Pflicht des Staats, die persönlichen Verluste zu ersetzen, wenn er das Eigentum des einzelnen nicht gegen die Invasion zu schützen vermocht hat. Und wenn die Invasionsmacht den Krieg verliert, so ist es ihre rechtmäßige Strafe, für die Verluste aufzukommen.
Vielleicht wird jemand sagen, es sei nicht recht, die Soldaten Wein trinken zu lassen. Im Osten haben ja die Russen den Versuch gemacht, während des Kriegs ein Generalverbot einzuführen, und sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Ohne Zweifel ist diese Kraftäußerung an und für sich bewundernswert. Aber ich glaube doch, daß ein Schluck Rot- oder Weißwein hier und da den Soldaten nur guttut. Absolute Enthaltsamkeit zu predigen, ist keine Kunst für den, der nicht die Nächte in kalten, feuchten Schützengräben zu frieren braucht, in denen man nicht das kleinste Feuer anzünden darf.
In Rouvroy stiegen wir aus und gingen das sacht ansteigende Gelände zu Fuß weiter über Felder, Gräben und durch Wälder. Hier war das Land voller Granatlöcher, und man konnte nicht wissen, wo der nächste Feuerregen niedergehen würde. Zahlreiche Geschosse lagen rings verstreut, und ich nahm einen sogenannten »Ausbläser« mit, der beim Krepieren nicht geplatzt war.
Weiter oben hatten wir Gelegenheit, zu sehen, wie die Ersatztruppen sich auf der Linie eingerichtet hatten, auf der sie warten, bis sie ihre Kameraden in den Schützengräben ablösen. Sie lagen teils am Waldrand, teils im Wald selbst, wo sie sich halb unterirdische, mit Ästen, Zweigen und Laub gedeckte Höhlen gegraben hatten, die nicht nur als Wohnstätten dienten, sondern auch zur Deckung vor den Fliegern. Diese Lager sind immer nach Norden verlegt, damit sie vom Wald gedeckt sind und von den französischen Stellungen aus nicht gesehen werden. Da sie so gut maskiert sind, darf man in den Höhlen kleine Feuer anzünden.
An einer Stelle des Waldrandes hatte ein Sanitätswagen im Schutz einiger dunklen Fichten haltgemacht. Er war beladen mit Verbandzeug, Heilmitteln, Bahren und andern Sachen, die zur ersten Behandlung der Verwundeten nötig sind. Das Gespann verfügte über ein Reservepferd, das gut zu brauchen war, falls eins der gewöhnlichen Wagenpferde erschossen werden mußte. Ein anderer Wagen, der zur selben Sanitätskolonne gehörte, war mit einem graugelben Verdeck überspannt. Beide führten Flagge und Zeichen des Roten Kreuzes. Über die Pferde waren graue Decken gebreitet, um ihnen einen Farbton zu geben, der soviel als möglich mit dem des Landes übereinstimmte, alles zum Schutz gegen Flieger.
In einer kleinen Soldatenhütte in der Nähe hatten sich vier Ärzte der Kolonne eingerichtet. Sie hatten eben ihr Frühstück beendet, das aus der nächsten Feldküche geholt wurde, wo auch ich die ebenso kräftige als wohlschmeckende Kost versuchte. Oben auf der Höhe, von wo aus sich eine Aussicht über die französischen Stellungen darbot, trafen wir mehrere Offiziere, und unter einem mächtigen Strohdach eine Anzahl Soldaten verschiedener Waffengattungen. In der Nähe hatte man zwei Soldaten im Schatten eines kleinen Wäldchens beerdigt. An den Querarmen der Kreuze hingen frische Kränze, die verrieten, daß die Tapfern, die hier ruhten, erst kürzlich dem französischen Feuer zum Opfer gefallen waren. Ihre Helme schmückten die einfachen Grabhügel.
Auf der Rückfahrt, die auf einer östlicher gelegenen Straße über die Dörfer Condé, Autry und Grand Pré führte, holten wir vier Kompagnien Landsturm ein, an deren Spitze ein Musikkorps marschierte. Es ist ungewöhnlich, so nahe der Front Regimentsmusik zu hören, wo alles so still wie möglich sein soll und nur die Kanonen und Gewehre ihre laute Sprache sprechen. Der General ließ unser Auto die ganze Truppe entlangfahren; dann ließ er neben dem Weg halten, stieg aus und wir folgten ihm. Die ganze Schar mußte nun vorüberziehen; als die erste Kompagnie kam, rief er: »Guten Tag, erste Kompagnie!« Ebenso begrüßte er die übrigen und wurde von ihnen wieder gegrüßt. Es war ein schöner Anblick, diese kräftigen Männer und ihren elastischen Gang zu sehen und ihre dunkelblauen Uniformen, die sich scharf von dem gelblichen Laub der Bäume abhoben, und ebenso prächtig war der General mit dem energischen, aber freundlichen Blick, dem weißen, wohlgepflegten Schnurrbart und dem stahlgrauen Haar. Gerade und aufrecht stand er in seinem grauen Mantel da, die Hände auf dem Rücken. Er hätte sich nicht die Mühe zu machen brauchen, auszusteigen und zu grüßen, aber es freute seine Kriegerseele, diese Männer zu betrachten, die Haus und Heim, Frau und Kind verlassen hatten, um für das Vaterland zu siegen oder zu sterben. Dann fuhren wir an ihnen zum zweitenmal vorüber und lauschten wieder dem anfeuernden Parademarsch, der schließlich hinter uns verklang.
Bei der Rückkehr nach Vouziers übergab mich der General dem Rittmeister von Behr, einem Bruder des Kammerherrn, einem lebhaften, fröhlichen Herrn, der dem General versprach, daß mir nichts abgehen solle. Und er hielt Wort, denn die reichliche Woche, die ich bei ihm und seinen Kameraden zubrachte, hatte ich Gelegenheit, viel zu sehen und zu lernen und mit vielen tüchtigen Männern bekannt zu werden; von Behr hatte schon längst seinen Abschied genommen, aber bei Kriegsausbruch trat er wieder bei den Kürassieren ein und führte eine Reserveschwadron.
Am 29. September war ich zum Abendbrot bei dem Chef der vierten Armee Herzog Albrecht von Württemberg eingeladen. Unter den Gästen waren auch der Kriegsminister Exzellenz von Falkenhayn, der Stabschef General Ilse und die drei jungen Söhne des Herzogs, alle drei prächtige, schöne und begabte Jünglinge. Sie taten Dienst an der Front und hatten sich schon bei mehreren Gelegenheiten durch Tüchtigkeit und Tapferkeit ausgezeichnet. Gegen Schluß der Tafel erhob sich der jüngste von ihnen; er stand an einem andern Teil der Front und mußte dorthin zurück. Er ging um den Tisch herum, nahm von allen Abschied und kam schließlich zu seinem Vater. Der Herzog nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn, sagte aber kein Wort. Keine Szene, keine Tränen, keine Ermahnungen, sich nicht unnötig dem Feuer und andern Gefahren auszusetzen. Es war wie ein gewöhnliches »Gute Nacht, morgen sehen wir uns wieder«. Und doch, für wie viele Offiziere und Soldaten gibt es in diesem Krieg kein »morgen«! Wie viele Familien sehen beim Abschied von ihren Lieben diese zum letztenmal! Wie viele Bande werden für immer zerrissen! Eine Schwester vom Roten Kreuz hatte vierundzwanzig Verwandte im Feld, und man sprach von einem Vater, der acht Söhne draußen hatte und einen neunten sechzehnjährigen, der sich darnach sehnte, ihrem Beispiel zu folgen. Das ganze deutsche Volk hat in den letzten Monaten eine Seelenstärke und -größe an den Tag gelegt, die in unserer Zeit nicht ihresgleichen hat!
24. »Barbarische« Justiz.
Als ich »nach Hause« kam, saßen Rittmeister von Behr und seine Freunde Graf Eichstätt und Freiherr von Tschammer noch plaudernd beisammen, und ich gesellte mich zu ihnen. Wir sprachen eben von den Ereignissen des Tages, als ein Rittmeister hereintrat und meldete, Einwohner von zwei etwa zwölf Kilometer entfernten Dörfern, die schon anderthalb Monate in den Händen der Deutschen waren, hätten auf Soldaten geschossen. Aus dem einen Dorf sollten daher alle Männer, aus dem andern alle Männer, Frauen und Kinder gefangen in die Stadt gebracht werden. Der Unterschied schien darauf zu beruhen, daß man in dem einen Dorf auf Flieger geschossen hatte, in dem andern auf Truppen. Hundert Mann Landsturm und eine Schwadron berittener Landsturm sollten sich nachts 1 Uhr nach den beiden Dörfern begeben. Während die Reiter an allen Straßenecken Posto faßten und jeden Fluchtversuch verhinderten, sollten Haus für Haus von der Infanterie durchsucht und alle Einwohner gefangen genommen werden. In der Stadt sollten sie dann vor das Kriegsgericht gestellt und die Schuldigen erschossen werden. So verlangt es das strenge Kriegsgesetz. Es gibt keine Gnade, keine Rettung. Die armen Leute taten mir unendlich leid. Was konnten sie mit einigen armseligen Schüssen gegen eine ganze Armee ausrichten! Glaubten sie vielleicht den törichten Gerüchten, die Brücken der Pioniere seien nur gebaut, um den Rückzug der deutschen Heere vorzubereiten, und das Kriegsglück sei in der letzten Zeit ganz umgeschlagen? Und woher hatten sie diese Neuigkeiten? Natürlich nur von der Zivilbevölkerung selbst. Wer aber solche Gerüchte in die Welt setzte, nahm eine ungeheure Verantwortung für das Leben seiner Landsleute auf sich und gewann dabei nichts.
»Wie erging es nun den Unglücklichen?« wird man fragen. Schon am nächsten Tag hatte ich Gelegenheit, sie auf der Anklagebank zu sehen: lauter alte Leute, Bauern und ihre Frauen; die letzteren weinten und sahen verwundert drein, die Männer zeigten ein ganz gleichgültiges Aussehen. Der Krieg hatte ihnen schon alles genommen, das Leben hatte für sie keinen besonderen Wert mehr. In den wenigen Tagen, die das Verhör dauerte, litten sie keine Not. Ich sah sie einmal in einem Hof an einem großen Tisch beim Mittagessen sitzen. Das Herz drängte mich, für sie Fürbitte einzulegen und an die Barmherzigkeit zu appellieren; der Verstand aber sagte mir, daß man sich nicht in die vom Kriegsgesetz befohlenen Beschlüsse der militärischen Obrigkeit mischen kann und darf. Deshalb muß man sein Herz hart werden lassen und kalt wie Eis. Aber wie ging es ihnen nun? Wurden sie wirklich an einen Baum gebunden und erschossen? Nach ein paar Tagen fragte ich einen meiner Freunde nach ihrem Geschick. »Sie wurden alle freigesprochen,« sagte er, »aus Mangel an Beweisen. Die Täter waren offenbar schon geflüchtet, als unser Landsturm kam; die Verdächtigen wurden alle in ihre Häuser und Gehöfte zurückgeführt.«
Man soll nicht meinen, daß die deutschen Kriegsgerichte solche Fälle leichthin und im Handumdrehen erledigen, als wenn ein Menschenleben in dem eroberten Lande keinen Wert hätte. Nein, die Kriegsgerichte der »Barbaren« sind höchst gewissenhaft, unparteiisch und human.
25. Der Krieg in der Luft.
Eine der Fahrten, die ich von Sedan aus mit Rittmeister von Behr unternahm, führte mich über Cernay, Condé und Challerange. In dem ersten Dorf nahm ich ein paar Bilder von einer Munitionskolonne auf, einigen Soldaten, die sich auf einem Hof ihr Mittagbrot zubereiten, und einer marschbereiten Kompagnie, die ihre Instruktion erhält, bevor sie an die Front geht. Im nächsten Dorf sahen wir eine Schar prächtiger Landsturmleute, gleichfalls zur Instruktion aufgestellt, und ein Biwak von überdeckten Wagen und Pferden. Am schönsten war aber doch die Munitionskolonne, deren Wagen unter die überhängenden Zweige des Waldrandes neben dem Weg gefahren und außerdem mit Laubbüschen bedeckt waren, um gegen französische Flieger geschützt zu sein. Eine Kolonne Feldlazarettwagen war womöglich noch gründlicher maskiert und wartete unter den Bäumen, nachdem die Pferde abgespannt waren. Etwas weiterhin hatte sich eine Sanitätsabteilung im Laubwald selbst niedergelassen, um in der Nähe zu sein, falls Verwundete die ersten Verbände brauchten. Ihre Flaggen, das Rote Kreuz auf weißem Grund, schimmerten aus dem Laubwerk hervor. Dieselbe Vorsichtsmaßregel hatte man für die Feldküchen getroffen, die ebenfalls unter den Bäumen Deckung gesucht hatten.
Die französischen Flieger waren jeden Nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr in Tätigkeit. Sie haben eine doppelte Mission: teils mit ihren Bomben Schaden anzurichten, teils Truppenbewegungen und Artilleriestellungen zu beobachten. Die Brücke über die Dormoise in Autry war vor zwei Tagen einem Bombenattentat ausgesetzt gewesen, das zwei Mann tötete, die Brücke aber unbeschädigt ließ. An einem andern Platz in unserer Nähe wurde ein Soldat von einem der scheußlichen eisernen Pfeile getroffen, die die Flieger aus einer Höhe von etwa 2500 Metern herabwerfen. Sie gehen noch durch das Pferd hindurch, nachdem sie einen Mann am Kopf getroffen haben. Sie fallen nämlich mit der Geschwindigkeit einer Flintenkugel und sind schwerer als diese. In Grand Pré wurde vor einigen Tagen ein Hauptmann von einem Pfeil getötet und siebenundzwanzig Mann wurden von einer Bombe desselben Aeroplans verwundet. Als vorige Woche in einer kleinen Stadt hier in der Nähe der Bau einer Eisenbahnlinie beendet wurde, fielen drei Bomben in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs nieder, ohne jedoch Schaden anzurichten. Der Flieger wurde mit Schrapnells aus einer sogenannten Ballonabwehrkanone beschossen, aber nicht getroffen. An wichtigen Stellen in Deutschland stehen ständig Wachen gegen feindliche Flieger. Wenn einer nachts über einer Stadt schwebt, werden mehrere Scheinwerfer auf ihn eingestellt; er wird vom Licht geblendet und verliert die Möglichkeit, sich zu orientieren. Im nächsten Kirchturm beginnen die Maschinengewehre zu singen und ihn mit einem Regen von Kugeln zu überschütten.
Truppen, Batterien und Kolonnen suchen die Deckung, die das Gelände bietet, nicht nur, um Bomben und Pfeilen zu entgehen, sondern auch und vor allem, um ihre Stellungen und Bewegungen geheimzuhalten. Der Flieger hat verschiedene Methoden, den Seinen Mitteilungen zugehen zu lassen. Er gibt vermutlich teils direkte Signale, z. B. mit Flaggen oder elektrischen Lampen, deren Licht man mit dem Fernrohr von der Erde aus deutlich sehen kann. Wenn ein Flieger Kolonnen oder Truppen am Rand eines kleinen Wäldchens liegen sieht oder sie dort vermutet, zeichnet er am Himmelsgewölbe durch seinen Flug die Umrisse des fraglichen Gebietes ab, und sofort werden Granaten dorthin geschleudert. Eine der wichtigsten Aufgaben der Flieger ist es also, das Artilleriefeuer zu lenken. Wenn eine französische Batterie sich die Aufgabe gestellt hat, eine deutsche Batterie zu beschießen und womöglich zu zerstören, deren ungefähre Lage dem Flieger bekannt ist, so steigt dieser in der Nähe des Ziels auf und lenkt das französische Feuer. Wenn die Granaten zu kurz niedergehen, beschreibt der Flieger einen Kreis mit kleinen Durchmessern. Dann wird der Abstand verlängert. Wird dieser zu groß, so daß die Granate hinter das Ziel fällt, dann beschreibt der Flieger einen Kreis mit großem Durchmesser. Fallen die Granaten links vom Ziel, dann macht er eine Schwenkung nach rechts, fallen sie rechts vom Ziel, dann macht er eine Schwenkung nach links. Auf diese Weise stellt er das Feuer immer näher auf das Ziel ein und erreicht das allein durch seine Bewegungen in der Luft. Es versteht sich von selbst, daß alle diese Kunstgriffe ebenso geschickt von den Deutschen pariert werden. Merkt eine Batterie, daß ein feindlicher Flieger sie beobachtet und das Feuer näher kommt, dann hört sie mit Schießen auf und verändert in der Nacht ihren Standort.
Das im übrigen so unglückliche Verhängnis, daß der Kriegsschauplatz in ihr eigenes Land verlegt ist, bietet den Franzosen den Vorteil, daß sie von der Zivilbevölkerung wertvolle Erkundigungen einziehen können. Unter ihr können natürlich leicht Personen verborgen werden, die durch gewisse Zeichen oder durch nächtliche Lichtsignale die Bewegungen der Deutschen verraten. Hat sich ein Stab oder ein Oberkommando in einem Ort niedergelassen, dann werden die französischen Beobachter durch vereinbarte Signale davon unterrichtet, und daß diese richtig aufgefaßt werden, merkt man bald am Artilleriefeuer. Signale können auch tagsüber gegeben werden, z. B. dadurch, daß ein Bauer seine Herde an eine gewisse Stelle treibt. Über die Moral einer solchen Auskundschaftung mögen die Ansichten geteilt sein. Aber es ist sicher, daß jedes Volk, das ein Invasionsheer in seinem Lande dulden muß, mit denselben Mitteln dem Feinde zu schaden suchen würde.
Fortdauernde Bewegungen sind das beste Mittel gegen Spionage und direkte Auskundschaftung. Diese Bewegungen werden in der Nacht vorgenommen. Am Tag hält man sich still unter den Bäumen verborgen. Und die Deutschen sind Meister in der Verlegung ihrer Truppen. Die große Beweglichkeit der deutschen Armee, die Schnelligkeit, mit der ihre verschiedenen Einheiten hin und her geworfen werden, und die hoch gesteigerte Marschfähigkeit der Infanterie, das sind so einige Ursachen, die diese Armee zu der ersten der Welt gemacht haben.
Später fuhr ich mit Rittmeister von Behr auf den deutschen Flugplatz bei X., wo sechs Gotha-Tauben mit Mercedes-Motoren in großen gelben Zelten standen. Der einen Taube hatten Schrapnellkugeln einen Flügel durchbohrt, und der Schwanz war mit kleinen Lappen geflickt; solche »Pflaster« werden fast als Medaillen für Tapferkeit im Felde angesehen. Je mehr Narben der Aeroplan hat, desto mehr Gefahren war der Flieger ausgesetzt, desto mehr hat er über dem Feuer der Feinde aufs Spiel gesetzt. Ich weiß nicht, welches Gefühl am unangenehmsten ist: einen fremden Flieger gerade über sich zu haben oder zu wissen, daß eine Ballonabwehrkanone gerade unter einem steht und zielt!
Während wir auf dem Flugplatz waren, stiegen zwei Tauben auf. Es ist unendlich schön, ihre weichen, leichten Bewegungen zu sehen. Ehe man weiß, wie es geschieht, verlassen die feinen Räder den Erdboden, die Taube steigt langsam über das Feld empor und gleitet über die Baumwipfel dahin. Dann erhebt sie sich in Spiralen immer mehr über die Erde, und die zwei gewaltigen Eisernen Kreuze unter ihren Flügeln werden immer kleiner. Sie macht es wie die Brieftaube, die erst bis zu einer gewissen Höhe ansteigt, um einen orientierenden Überblick über das Land zu gewinnen, und dann in gerader Linie auf ihr Ziel losschießt. Denn als unsere erste Gotha-Taube genügend hoch gestiegen war, ging sie aus der letzten Spirale direkt nach Süden auf die französischen Stellungen zu und weit über diese hin. Dort muß der Beobachter, der mit Karte, Notizbuch und Fernrohr vorn sitzt, seine Beobachtungen machen und dann mit seinen Berichten zurückkommen, wenn er nicht während der Fahrt heruntergeschossen wird. Über der feindlichen Stellung geht man in eine Höhe von 2000 oder 2500 Metern, um einigermaßen vor dem Feuer von unten sicher zu sein. Aber schon 600 Meter hoch bekommen der Flieger und sein Kamerad ein Gefühl von Ruhe, das dann mit jeden weiteren hundert Metern zunimmt. Nach einer Weile stieg die zweite Taube auf und folgte der Spur der ersten. --
Ein deutscher Flieger in Bapaume hat mir später mancherlei von seinen Erfahrungen erzählt. Er braucht gewöhnlich dreiviertel Stunden, um in eine Höhe von 2000 Metern zu gelangen, und erst wenn er so hoch gekommen ist, fliegt er über die französischen Linien. Die Aussicht ist brillant. Er hat die Landschaft, in der der Kampf ausgefochten wird, direkt unter sich. Bei klarem, schönem Wetter sieht er alles, die marschierenden Truppen, die Munitionskolonnen und die Trainwagen, auch wenn sie mit Laub gedeckt sind. Er sieht die Artilleriestellungen, wenn sie auch noch so gut in Hecken und Büschen versteckt sind; ja er sieht auch einzelne Reiter und Wanderer auf den Landstraßen.
Aber noch anderes sieht er auf seiner luftigen Fahrt: das Feuer und die Rauchwolken aus den deutschen und französischen Kanonen, die Niederschläge und Explosionen. Es donnert und blitzt unter ihm von allen Seiten, und nicht genug damit: die Franzosen richten ihre Abwehrkanonen gegen ihn, um seine Flugmaschine zu zerstören und ihn zu töten. Ein Schrapnell nach dem andern krepiert in seiner Nähe. Er ist in ungeheurer Spannung, das gestand er gern zu. Noch war er nicht verwundet worden, aber die Flügel seines Aeroplans zeigten mehrere Schrapnellöcher, die mit kleinen Pflastern ausgebessert waren. Er hört die Maschinengewehre und die Gewehre knattern und weiß, daß sie auf ihn gerichtet sind, und daß er mit dem Fernrohr von allen Seiten beobachtet wird. Wenn er dies ewige Donnern hört und weiß, daß er jeden Augenblick getroffen werden und fallen kann, muß er sich zusammennehmen, um nicht seine Kaltblütigkeit zu verlieren, denn in einer solchen Situation geben auch die stärksten Nerven nach.
Er tut seine Pflicht, er darf nicht nachgeben. Die Nervenspannung kann er nicht überwinden, denn er ist ein Mensch. Aber er kehrt nicht um, bevor er seinen Auftrag ausgeführt und erfahren hat, was er wissen will. Seine Aufmerksamkeit ist aufs höchste angespannt, er sieht und hört alles, nichts entgeht ihm. Er bemerkt auch schon auf weite Entfernung den französischen Aeroplan, der auf ihn lossteuert. Aber er ändert seinen Kurs nicht. Sie kommen sich immer näher. Keiner denkt daran, auszuweichen. Ein Zuschauer muß sich sagen, sie gehen einer unvermeidlichen Katastrophe entgegen, sie gehen ins Verderben. Aber so weit setzen sie ihren Flug doch nicht fort, denn bei einem Zusammenstoß stürzen sie beide herunter und finden den Tod, und das betrachtet man auf beiden Seiten als unnütz und unpraktisch. Der eine weicht daher rechtzeitig aus. Der Franzose ist oft mit einem Maschinengewehr bewaffnet, das für seinen deutschen Kollegen bestimmt ist. Daher geht der Deutsche mit Hilfe eines hastigen Griffs im rechten Augenblick entweder unter oder über seinen Gegner hinweg. Kommt er unter ihn, so wird das Maschinengewehr, das nicht nach unten schießen kann, unschädlich. Steht er über seinem Gegner, dann erhält er einen Schutz durch den leichtgepanzerten Boden des Aeroplans. Die Hauptsache ist, daß er nicht in derselben Ebene wie der andere bleibt. Aber es kann sein, daß auch der Franzose aufsteigt, und daß ein Wettstreit entsteht, sich in der Höhe zu überbieten. Oft umkreisen sie sich lange wie ein paar spielende Eintagsfliegen, nähern sich einander, trennen sich, verfolgen und schießen, weichen aber immer einem Zusammenstoß aus. Es ist eine unbeschreibliche Spannung, und unterdes donnern unten die Kanonen und belauern die Soldaten sich in ihren Schützengräben.
Wenn alles normal geht, kann der Flieger drei Stunden in der Luft bleiben. Hat er seine Aufgabe ausgeführt, so fliegt er nach der deutschen Seite zurück, hält den Motor an und gleitet in vier Minuten, die jedoch unendlich lang erscheinen, herab. Er geht im Gleitflug herunter und kann unter gewissen Verhältnissen landen, ohne wieder den Motor in Gang zu setzen. Mit einem Gefühl des Behagens setzt er die Füße wieder auf das feste Land. Wirkliche Ruhe hat er jedoch selten, denn gerade die Fliegerstationen werden von feindlichen Bombenwerfern gern aufgesucht.