Ein Volk in Waffen

Part 7

Chapter 73,607 wordsPublic domain

Lavaux -- Cousteumont -- Hamipre, kleine Stationen; die Soldaten sitzen in guter Ruh, rauchen Zigarren und lesen die neuesten Zeitungen. Longlier-Neufchateau, eine größere Station; vom Kupeefenster aus werden einige zerstörte Häuser sichtbar. Bei Libramont geraten wir dicht neben einen gewaltigen Truppenzug, der wie wir Sedan zum Ziel hat. Der ganze Zug ist laubgeschmückt, als ging es zu einem Sommerfest. Draußen zwischen den Wagenfenstern liest man mit Kreide geschriebene Sprüchlein, die von der guten Laune der Passagiere zeugen, z. B. »Auf zum Mittagessen nach Paris; steht schon bereit«, und andere derartige Scherze. Unter fröhlichem Singen und Lachen rollt der Zug seinem unbekannten Schicksal zu.

Nach einstündigem Aufenthalt kommt die Reihe wieder an uns, und wir fahren über Felder, auf denen duftende Hafergarben wie Soldaten in Reih' und Glied stehen. Eine Brücke ist zu Beginn der Invasion gesprengt worden, offenbar um den Bahnverkehr zu stören, der unter ihrem Bogen hindurchführt. Nun sind Eisenbahnbautruppen damit beschäftigt, sie wieder herzustellen. Sonst sieht man von der Bahn aus in Belgisch-Luxemburg nicht viel von den Wirkungen des Kriegs.

Von Libramont aus geht die Fahrt endlich nach Südwesten. Auf einer kleinen Station halten wir wiederum unmittelbar neben einem Truppenzug und gleiten langsam an ihm vorüber. Im Wagen dritter Klasse haben die Soldaten Tornister, Gewehre, Waffenröcke und Patronentaschen aufgehängt, alles in malerischer, kriegerischer Unordnung. Einige Leute liegen auf den Bänken und schlafen, andere sitzen, die Beine übereinandergeschlagen, rauchen, lesen, plaudern oder betrachten das Leben draußen. In den Kupees erster und zweiter Klasse fahren Offiziere und Unteroffiziere. Es ist Kavallerie; den Schluß des Zuges bilden die Güterwagen mit den Pferden, in jedem Wagen sechs, je drei und drei mit den Köpfen gegeneinander; von der mittleren Wagenöffnung mit den Schiebetüren sind sie durch Balken getrennt, die an kurzen Ketten hängen; an den Balken sind ihre Halfter festgemacht. Zwischen den Balken, also in der Mitte des Wagens, steht auf Böcken ein Tisch mit zwei Bänken. Hier sitzen ein paar Leute, die gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt sind.

Bertrix! Wieder eine Stunde Aufenthalt. Ein leerer Zug aus Sedan verursacht die Verzögerung. Durch das Fenster fängt man unfreiwillig kleine Brocken von der Unterhaltung der Soldaten auf. »Hast du gehört, daß die Belgier in der Nähe von Arlon eine geheime Funkenstation haben sollen, der man noch nicht auf die Spur gekommen ist?« -- »Auf alle Fälle war das eine Glanzleistung von Weddigen.« -- »Aber die Verluste zu Land sind viel größer als die zur See. Der Untergang eines Unterseebootes bedeutet zwanzig Mann, ein Sturm zu Land aber zehn- oder hundertmal mehr.« -- »Ist es wahr, daß Reims erobert ist?« -- »Der rechte Flügel scheint ein gutes Stück zurückgegangen zu sein.« -- Alle Gerüchte gedeihen üppig an den Bahnstationen.

Der Stationsvorsteher kommt in mein Abteil, um mir Gesellschaft zu leisten. Er erzählt mir, daß die Steinbrücke, über die wir vorher gefahren sind, am 19. August von den Belgiern gesprengt worden sei, als hier heiß gekämpft wurde. »Wir Eisenbahner,« fügt er hinzu, »wir müssen hier sitzen und dürfen den Kanonendonner nur aus der Ferne anhören. Ins Feuer, wie die andern, dürfen wir nicht.« -- »Aber Ihre Arbeit ist doch ebenso wichtig; wie stände es mit dem Feuer an der Front, mit der Verpflegung und den Ersatztruppen, wenn Sie nicht den Eisenbahnbetrieb in Ordnung hielten!« -- »Gewiß, aber es ist eine fürchterliche Geduldprobe.«

Endlich kommt der erwartete Zug heran. »Haben Sie keine neuen Zeitungen?« rufen Wachtposten und Eisenbahnarbeiter, als wir langsam vorüberfahren. »Ich habe schon alle weggegeben, die ich hatte«, antworte ich. Aber ich finde noch eine Nummer der Trierischen Zeitung, und am nächsten Ort, wo mehrere Soldaten beieinander stehen, werfe ich sie hinaus. Wie eifrig die Leute die Neuigkeiten verschlingen; einer liest vor, die andern hören zu.

Hier begegnen wir einem lustigen Zug: einige Wagen sind als Reparaturwerkstätten eingerichtet. Da stehen Hobelbänke und Schleifsteine, da liegen Sägen, Meißel, Äxte und Hämmer herum. Andere Wagen sind gestopft voll von Zweirädern, Schubkarren, Spaten, Spießen, Äxten und Hacken und andern Werkzeugen, die man bei Pionierarbeiten, Barrikaden und Schützengräben braucht. Hinter einem langen Tunnel öffnet sich eine herrliche Landschaft, stärker gewellt als die bisherige; unter uns kreuzen sich mehrere große Landstraßen. An der nächsten senkt sich der Bahnkörper jäh herab. Unten ist eine Wachtstube, in der mehrere Landstürmer nach der Arbeit ausruhen und die Stunde abwarten, wo ihre Kameraden abgelöst werden sollen. Eine Schar graugekleideter Arbeiter geht, den Spaten auf der Schulter, die Strecke entlang. An einer kleinen Haltestelle stehen etwa vierzig graue und blaue Soldaten um ihre Gewehre herum. Es nimmt auch nie ein Ende mit den Soldaten! Welche Massen werden nicht allein an den Eisenbahnlinien verbraucht.

Die Sonne geht unter. Hinter einem neuen Tunnel öffnet sich im Tal unter uns die Aussicht auf den gewundenen Flußlauf der Semois. Neue Scharen zurückkehrender Arbeiter. »Noch zwanzig Kilometer bis zur französischen Grenze«, erklärt der eine; ein anderer zeigt in der Nähe eines zerstörten Dorfes auf eine Anhöhe, wo mehrere Massengräber zu liegen scheinen. Die Dämmerung schreitet weiter und geht in Nacht über. Schade, daß man die Aussicht auf dieses herrliche Land verliert. Die Bahn wendet sich in vielen Kurven, bald steigend, bald fallend. Beim Ansteigen geht es hoffnungslos langsam, der Zug quält sich, und das Holz der Wagen seufzt unter der Schwere seiner Last.

Wieder ein Tunnel in Sicht; an seinem Eingang eine kleine Hütte, in der einige Landstürmer sich eben ihr Abendbrot bereiten. Der Zug fährt so langsam, daß wir einige Worte mit ihnen wechseln können. Dann geht's hübsch sachte in die dunkle Öffnung hinein. Die Lokomotive stöhnt und keucht aus Leibeskräften, der Tunnel füllt sich mit Rauch, und man schließt die Fenster. Es geht immer langsamer. Nun kann die Maschine es nicht mehr schaffen, da stehen wir!

Einer meiner Reisekameraden holt in der Finsternis eine kleine Lampe hervor, die die Stimmung erhöht. Der Rauch wird kompakter und dringt in das Kupee herein; wenn das noch lange dauert, ersticken wir alle. Ich öffne einen Augenblick das Fenster und sehe hinaus -- nur Nacht und Rauch, aber durch den Rauch sieht man die Funken, die von der Lokomotive sprühen, die neue Kraft zu sammeln scheint. Unser Zug ist mit Munition beladen, und sollte sie gerade hier im Tunnel in die Luft fliegen, dann bekommen die Eisenbahntruppen in den nächsten Tagen viel zu tun!

Die Lokomotive prustet wieder und fängt an, sich zu bewegen. Vorn wird ein Licht sichtbar, vermutlich die Mündung des Tunnels. Nein, nur eine Laterne, deren Schein vom Rauch gedämpft wird. Eine Weile später wieder ein Licht, als ob es endlich tagen wollte; es ist aber nur der Feuerschein der Maschine. Hört denn dieser ewige Tunnel niemals auf? Mehr als eine halbe Stunde sind wir darin. Da wird es endlich heller, und wir atmen wieder frische Luft. Aber vom Tag ist nicht mehr viel übrig; die Dämmerung verwischt die Umrisse der Landschaft, und über der Erde schwebt der Halbmond gelb und spöttisch.

Gegen 8 Uhr ist der Mond weiß geworden und sitzt in den Baumwipfeln. Die Nacht ist hell und kalt. Wie leicht wäre es für Franktireurs, aus den Schlupfwinkeln des Waldes heraus ihre Kugeln in die schwach erleuchteten Fenster des Zugs zu senden. Aber kein Schuß erschallt, es ist lautlos still draußen, nichts erinnert an den Krieg, man ist wie im tiefsten Frieden.

Um Mitternacht verschlief ich den Rest unserer Fahrt. Um 3 Uhr morgens weckte mich einer meiner Nachbarn: wir waren in Sedan. Achtzehn Stunden waren wir unterwegs gewesen. Der Chef der Kommandantur, Major von Plato, war bereits um diese frühe Morgenstunde auf den Beinen, heiter und guter Dinge, hieß mich herzlich willkommen und stellte mir ein Zimmer im Bahnhof zur Verfügung. Bevor ich aber meine neue Wohnung in Besitz nahm, mußte ich mit dem Major und ein paar andern Offizieren, die ebenso munter und lebhaft waren wie er, Tee trinken. Das zeitige Frühstück lieferte die Kriegsverpflegungsanstalt, in der sechzehn freiwillige Helferinnen bis zu viertausend Verwundete an einem Tag beköstigt hatten. In einer Küche brodelten beständig gewaltige Kessel mit kräftiger Suppe. Neben der Station hatte man gleich nach der Besitznahme in zwei Tagen einen Holzschuppen gebaut, in dem die Truppen, Verwundete und Unverwundete durcheinander, ihre Mahlzeiten an langen Tischen einnehmen konnten. Auch jetzt waren viele Plätze besetzt, und draußen stand ein ganzer Trupp Landwehr zweiten Aufgebots und wartete auf den Morgenkaffee mit Brötchen. Jeder sollte auch seine Portion Brot und Fleisch auf die Fahrt an die Front mitnehmen. Alle waren heiter und guter Dinge, und niemand konnte vermuten, daß diese Männer binnen kurzem vor dem Feind stehen würden, um zu siegen oder zu sterben. Im Durchschnitt hatten täglich fünftausend Mann Sedan auf dem Wege zur Front passiert. Fleisch und Gemüse für ihren Unterhalt liefert das besetzte Land, der Bürgermeister muß es herbeischaffen -- das ist so Kriegsgesetz, und man sieht daher leicht ein, wie vorteilhaft es für eine Armee ist, in Feindesland zu kämpfen. Das besetzte Land muß ja nicht nur seine eigene Armee, sondern auch die des Gegners ernähren. Solange es Getreide gab, wurde auch das eingefordert, aber Ende September mußte für den Brotbedarf der Soldaten Mehl aus Deutschland beschafft werden. In der Kaffeeküche brodelte ein Dutzend große Kessel, und eine alte Französin rumorte zwischen ihnen unterhaltungs- und lachlustig. --

Das Zimmer, das mir nun zugeteilt wurde, war ursprünglich für Major Plato und seinen Adjutanten bestimmt; sie sollten sich abwechselnd darin ausruhen. Aber bisher hatten sie es noch nicht benutzen können, da sie Tag und Nacht durcharbeiteten und zwischendurch oft in den Kleidern in der Bahnhofswirtschaft schliefen, die als Kommandanturbureau diente. Im Wartesaal ~III.~ Klasse war das Quartier der Stationswache. Die Leute lagen auf dem Boden und machten sich gerade für die Arbeit des neuen Tages bereit.

Unsere Runde führte uns auch in die Wartesäle und Magazine, die als Lazarett eingerichtet waren. In einem lagen nur schwerverwundete Franzosen, die von Schwestern des Roten Kreuzes und Ärzten gepflegt wurden. Ein anderer Saal war den Deutschen überlassen, die bald den Transport nach Osten ertragen konnten. Auch hier bekam ich einen lebhaften Eindruck davon, wie wichtig es ist, so schnell als möglich die Krankensäle, die zur Verfügung stehen, zu räumen. Eben war die Mitteilung eingegangen, daß ein Zug mit Verwundeten auf dem Weg nach Sedan sei, und daß fünfhundert Krankenwagen von der Front angefordert würden -- was auf heftige Kämpfe und blutige Ereignisse schließen ließ. Als der gemeldete Zug ankam, entstand auf dem Bahnsteig Leben und Bewegung. Die Schwestern und ihre freiwilligen Träger eilten von Wagen zu Wagen mit Eimern und Kannen voll rauchenden Kaffees und großen, runden Körben voll Brot; Sanitätssoldaten standen mit ihren Bahren bereit, um die Schwerverwundeten zu den Autobussen und damit in das Städtische Lazarett zu schaffen. Alles geht wie geschmiert, es ist Lust und Leben in diesem Liebeswerk. Wieviel auch kommen, so reicht das Essen doch immer zu, die Bahren und Betten gehen nicht aus, und die hilfreichen Hände werden nie müde. Den verwundeten Franzosen wird dieselbe freundliche Behandlung zuteil wie den Deutschen, vielleicht eine noch freundlichere, denn fast alle haben ein Gefühl von Mitleid gegenüber denen, die in Feindeshand gefallen sind und außer ihren eigenen Wunden noch fühlen müssen, wie ihr Vaterland blutet. Die Station Sedan ist wie ein summender Bienenkorb. Hier kommen Züge mit frischen Truppen herein, und dort halten Transporte von Gefangenen und Verwundeten. Zwar liegt die Nacht kalt und sternenhell auf der Stadt, aber für die, die im Dienst der Krankenpflege auf der Station arbeiten, gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und es ist mir ein Rätsel, wie sie dieses Leben aushalten. Die Kraft, die sie aufrecht erhält und vor Müdigkeit bewahrt, ist die Liebe zum Vaterland, das seinen größten und schicksalsschwersten Kampf ausficht.

22. Sedan -- 1870!

Am Nachmittag machte ich mit Major Heyn und ein paar andern Offizieren, von denen einer Richter in Frankfurt a. M. war und jetzt Kriegsgerichtsrat, eine Automobilfahrt zu geschichtlich berühmten Orten außerhalb Sedans, Plätzen, deren bloßer Name bei allen Franzosen Gefühle der Trauer weckt.

In der Nähe des Dorfes Frénois, wo am Vormittag des 2. September 1870 die Kapitulation unterzeichnet wurde, besuchen wir das kleine Schloß Bellevue, wo König Wilhelm am selben Tage seine Zusammenkunft mit Kaiser Napoleon ~III.~ hatte. Die beiden Monarchen trafen sich in der kleinen Glasveranda im Erdgeschoß, die eine Art Vorhalle bildet. Die Möbel von damals sind alle verschwunden, und kein Andenken aus jener Zeit ist erhalten. Doch nein! Die alte, würdige und vornehme Dame, die noch jetzt das Schloß besitzt und, von Alter und Kummer gebeugt, jetzt zum zweitenmal nach vierundvierzig Jahren alle Phasen eines französisch-deutschen Krieges erlebt hat! Ihr Haar war schneeweiß, und sie ging gebückt, aber sie trug ihr Haupt hoch und war stolz und ehrfurchtgebietend. Wir fragten sie, ob wir das Innere des Schlosses besichtigen könnten, aber sie bat uns, davon abzustehen, und wir achteten diesen Wunsch natürlich. Daß die Soldaten, die ihr Weg an Bellevue vorüberführt, gern die berühmte Veranda sehen wollen, ist ja weiter nicht zu verwundern, aber die alte Dame bat, man möge diese Besuche einstellen. Sie wolle Frieden haben und mit ihrem Kummer allein sein. »~C'est bien malheureux, c'est très, très triste~«, sagte sie ein ums andere Mal, und sie selber wie ihre Worte erweckten das tiefste Mitgefühl. Bellevue erhebt seinen runden Turm wie eine Klippe, die von den Sturmwogen der beiden größten Kriege der neueren Geschichte umspült ist.

Unser nächstes Ziel ist die kleine Stadt Donchery, die jetzt einen doppelt traurigen Eindruck macht. Hier verhandelten am Spätabend des 1. September 1870 die Generäle Moltke und Wimpffen über die Kapitulation. Auch Bismarck war dabei und mehrere Offiziere von beiden Seiten. Das Haus, in dem die Verhandlung stattfand, wurde in dem jetzigen Krieg zerstört. Aber Anton von Werners Gemälde existiert noch. Es wirkt auf den Beschauer fast erschütternd. Rechts die germanische Eisenkraft, die Entschlossenheit, die keine Kompromisse duldet, links das geschlagene Frankreich in seinem tiefsten Unglück. Wohl zieht Moltke unsere Blicke auf sich, wie er, die Hand auf den Tisch gestützt, dasteht und kategorisch verlangt, daß sich das ganze französische Heer gefangen geben soll, und wohl betrachten wir mit gespannter Aufmerksamkeit den eisernen Kanzler, wie er, die Hände am Säbelknauf, dasitzt und auf die Antwort wartet. Die Hauptfigur des Bildes ist aber doch Wimpffen. Er ist gerade von dem Schlag getroffen, den die Übergabebedingungen für ihn und ganz Frankreich bedeuten. Er hält es nicht mehr aus, er ist aufgestanden, um zu gehen. Aber er schwankt und muß sich auf den Tisch und einen Stuhl stützen. Das Licht der Lampe fällt auf sein Gesicht, das den tiefsten Schmerz und Kummer verrät. Weshalb hat er sich zum Oberbefehl über die Armee gedrängt, nachdem Mac Mahon verwundet worden war und Ducrot zu seinem Stellvertreter ausersehen hatte? Nun wird sein Name in der Erinnerung auf ewig mit diesem Unglückstag verbunden bleiben. Ein Bild Bonapartes hängt an der Wand; der große Kaiser scheint dem unglücklichen General einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Die Gesichter seiner Begleiter verraten tiefsten Schmerz und Demütigung. Nicht weniger ernst stehen die Preußen auf der andern Seite des Zimmers. Ihre Züge zeigen Bewunderung für die glänzende Tapferkeit des französischen Heers und für eine Todesverachtung, die eines besseren Geschicks würdig gewesen wäre. Der Künstler hat eine Stimmung hervorgerufen, die uns ahnen läßt: alle Anwesende sind sich dessen bewußt, daß dieser Tag in der Erinnerung als einer der unglücklichsten in Frankreichs, als einer der größten in Preußens Geschichte fortleben wird.

Auf der Rückkehr nach Sedan besuchten wir auch das Haus, in dem am frühen Morgen des 2. September Napoleon und Bismarck ihre Unterredung hatten. Von seinem Gefolge und ein paar Reitern begleitet, kam der Kaiser in einem Landauer nach Sedan gefahren. Er war ausgestiegen und stand, gebrochen und vorzeitig gealtert, auf seinen Stock gestützt, als Bismarck heranritt. Auch diesen Augenblick hat Werner auf einem seiner Gemälde verewigt. Sie gingen dann ins Haus, stiegen die schmale, halsbrecherische Treppe hinauf und nahmen im hintersten der beiden größeren Zimmer Platz. Der Wirt, der Weber Fournaise, wurde entfernt, aber seine siebenundzwanzigjährige Frau hielt sich im Vorderzimmer auf. Und Madame Fournaise ist noch am Leben, eine freundliche alte Frau, die das Leben mit philosophischer Ruhe betrachtet, das doch so schlimm mit ihrem Eigentum verfahren ist. Das einzige, was sie empörte, war, daß zwei Gewehrkugeln durch ihr Fenster gegangen waren und sich in die Decke gebohrt hatten. Sie hielt uns im übrigen einen richtigen Vortrag über den denkwürdigen Tag vor vierundvierzig Jahren und entsann sich jeder Kleinigkeit. Der Kaiser war freundlich und herablassend, Bismarck lustig und scherzhaft zu ihr gewesen. Und als die Unterhaltung zu Ende war und die beiden Herren ihrer Wege gingen, hatte der Kaiser ihr vier Zwanzigfrankstücke geschenkt, die sie noch unter Glas und Rahmen und mit folgender Unterschrift aufbewahrt: »~Donnés par sa Majesté l'Empereur Napoléon III à Madame Fournaise le 2 Septembre 1870.~« Zur Erinnerung an unsern Besuch sollten wir den Stempel bewahren, den sie in unsere Notizbücher drückte: »~Maison de la 1^{re} entrevue Donchery~.« Das Haus selbst ist bekannt unter dem Namen ~Maison du Tisserand~ oder das Weberhaus.

Wir fuhren auf einer andern Straße nach Sedan zurück, um einen flüchtigen Blick auf die Festungswerke zu werfen, die seit 1870 geschleift sind, und von den Höhen der Umgebung die schöne Aussicht auf die unglückliche Stadt zu genießen. In Sedan kann man nicht fröhlich sein. Es liegt einem bleischwer auf der Brust. Da ist ein Volk, das gelitten hat und leidet, ein edles, fleißiges und sparsames Volk, das am Gängelband der republikanischen Demokratie an einen Abgrund von Unglück geführt wurde, ein Volk, das eines besseren Schicksals würdig wäre als für eigennützige Freunde zu verbluten, dessen Kinder vergebens die anscheinend stolzen, in Wirklichkeit aber leeren und hohlen Worte stammeln: »~Liberté, Egalité, Fraternité!~« Was ist das für eine Brüderlichkeit, die nie an etwas anderes denkt als an Rache! Was ist das für eine Gleichheit, die politischen Zwecken die Ersparnisse des Volks aufopfert! Und was ist das für eine Freiheit, die dieses selbe Volk der am despotischsten regierten Macht der Erde in die Arme treibt!

23. Bei der vierten Armee.

Im Hotel Croix d'Or in Sedan wohnte Exzellenz General Freiherr von Seckendorff, der Etappeninspektor der vierten Armee. Der Chef seines Stabs ist Oberst von Kemnitz; er hat eine gewaltige Schar Offiziere unter sich, dazu die schwere Verantwortung für die Verbindungslinien der vierten Armee. Man kann wohl sagen, daß durch seine Hände ganze Armeen und endlose Reihen von Kolonnen gehen. Er muß Ankunft und Marsch der Ersatztruppen kontrollieren und ist dafür verantwortlich, daß sie zur rechten Zeit ankommen. Er hat dafür zu sorgen, daß Kleider, Waffen, Munition und Verpflegung in genügender Menge vorhanden sind. Er hat einen Generaloberarzt bei der Etappeninspektion unter sich, und dieser ist wieder verantwortlich für jedes Lazarett an den achtundzwanzig Etappenorten wie für Beförderung und Behandlung der Verwundeten im allgemeinen. Die Bewegungen der Sanitätskolonnen fallen also auch unter die Etappeninspektion. Der vielseitige General hat außerdem die Gefangenentransporte und die ewig hin und her rollenden Motorwagen der Feldposten zu überwachen.

General Seckendorff hatte demnach alle Hände voll zu tun und arbeitete auch wie ein Pferd; des war ich Zeuge. Er hielt tadellose Disziplin auf seinen Straßen und inspizierte sie täglich in eigener Person. Er war schon zwölftausend Kilometer in seinem eleganten gedeckten Automobil gefahren. Auf den Landstraßen führte er strenges Regiment und konnte, wenn es nötig war, Soldaten und Offiziere anfahren wie ein Löwe. Zu mir war er liebenswürdig und freundlich wie lauer Zephirwind. Er nahm mich mit offenen Armen auf und lud mich ein, zum Abendessen im großen Saal des Hotels zu bleiben.

Hier versammelten sich etwa vierzig von den dreihundert Offizieren, die damals in Sedan wohnten, unter ihnen ein Fürst Hohenlohe, der beim Roten Kreuz beschäftigt war. Bei unserm Eintreten standen die Herren schon an ihren Plätzen vor dem langen Tisch und den kleinen Nebentischen, und der General stellte mich gleich allen mit einigen ebenso kräftigen wie liebenswürdigen Worten vor. Es gab dieselbe Kost wie für die Soldaten, Reissuppe, Hammelfleisch mit Bohnen und Kartoffeln und gefüllte Pfannkuchen -- das letzte Gericht ein Sonntagsluxus.

Nach einem angenehm verbrachten Abend und nachdem mich der General eingeladen hatte, ihn am nächsten Tage nach Vouziers zu begleiten, ging ich um Mitternacht durch das stille, menschenleere Sedan. Der Weg von der Place Turenne bis zum Bahnhof, wo ich wohnte, ist ziemlich lang, und er wurde von den sechs Wachtposten nicht verkürzt, die einer nach dem andern aus dem Dunkel auftauchten und mich anhielten als einen verdächtigen Nachtwanderer, der vielleicht in ungesetzlichen Geschäften unterwegs war. Jeder mußte General Moltkes Brief lesen und mich dann meinem Schicksal und dem nächsten Wachtposten überlassen. Aber alle waren ruhig und höflich, und sie taten ihre Pflicht. Als ich an den letzten kam, kurz vor dem Bahnhof, trat ich auf ihn zu und fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, meinen Ausweis zu lesen. Er antwortete lächelnd: »Ich vermute, der ist schon oft genug gelesen worden; übrigens hab' ich Sie in Gesellschaft des Chefs der Kommandantur gesehen.«

Am 28. September begab ich mich frühmorgens in den Gasthof »Zum goldenen Kreuz« und war bald darauf mit General Seckendorff und seinem Adjutanten auf dem Weg an die Front der vierten Armee. Die Straße führt nach Südwesten in der Nähe des Ardenner Kanals, der ein paarmal gekreuzt wird. Unser erstes Ziel war die Stadt Vouziers, bis wohin die Eisenbahn ging. Trotzdem benutzen zahlreiche Kolonnen die Chaussee, neben der auf den Feldern malerische Biwaks sichtbar werden. Hier und da raucht es noch von einem Lagerfeuer, über dessen Glut die Soldaten ihr Frühstück zubereitet haben. Zwischen den Kastanien und Ahornen, deren Laub sich schon verfärbt, bewegt sich das bunte, kriegerische Landstraßenleben, an das wir schon gewöhnt sind: Soldaten und Fuhrwerk einer großen Etappenlinie, Proviant- und Munitionswagen, Lazarettautos und ganze Reihen altmodischer gelber Postwagen, die Feldpostbriefe befördern und nach Deutschland über Trier fahren, wo die erste Sortierung geschieht. Die unentbehrlichen Feldgendarmen in ihren grünen Uniformen reiten auf und ab und passen auf. Ein ausgedientes Pferd hat seinen Gnadenschuß erhalten und wird eben beiseite geschleppt; ein Blutstrom fließt aus seinen Nüstern und rötet den Staub der Landstraße.