Ein Volk in Waffen

Part 6

Chapter 63,537 wordsPublic domain

Wir schreiten von einem Bett zum andern und flüstern, um nicht die Schlafenden zu wecken und nicht die feierliche Stimmung zu stören. Achtzig Helden, die heute mit Freuden ihr Blut für ihr Land geopfert haben! Noch schlummern sie unter den Eisernen Kreuzen -- bald werden viele von ihnen unter den Holzkreuzen auf dem Kirchhof zu Romagne schlummern. Hier einer, der einen Schuß durch das empfindlichste Organ des Unterleibes erhalten hat. Er ist so bleich wie seine sonnenverbrannte, in den Schützengräben verwitterte Haut es zuläßt, und sein Puls ist am Verlöschen, aber seine Augen stehen offen, und sein Blick wandert weit von der Erde in unbekannte Länder. Andere Bilder sieht er jetzt als vor kurzem in den Schützengräben. Welch himmelweiter Unterschied! Nach der Unruhe draußen an der Front versinkt er schon in die große lange Ruhe. Mitten unter seinen Kameraden kam er mir so einsam und verlassen vor, und ich mußte der Verwandten daheim denken, die noch hofften und nun bald weinen sollten. »Er lebt nicht bis zum Sonnenaufgang?« fragte ich den Stabsarzt. »Nein, er beginnt schon zu erkalten.«

Ein Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Kirche war ebenfalls Feldlazarett. In allen Zimmern, wo sonst französische Kinder ~Liberté, Egalité, Fraternité~ lernen, lagen nun verwundete Deutsche. Ein Schulzimmer war zum provisorischen Operationssaal geworden. Im Feld muß man sich helfen, so gut man kann. Und man leistet das denkbar Mögliche mit dem, was gerade zu Gebote steht. Ein paar junge Chirurgen standen, weiß gekleidet, an einer auf hohen Böcken stehenden Tischplatte, auf die ein lebensfrischer, schöner junger Soldat gelegt wurde. Beide Füße waren ihm durchschossen, aber er war noch froh und munter und rief seelenruhig: »Schneiden Sie mich nicht.« Eine barmherzige Schwester, die einzige, die so nahe an der Front war, denn sonst herrscht im Operationsbereich des Feldheers ausschließlich militärische Organisation, löste den ersten Verband, der mit dem ausgetretenen Blut zu einer festen Masse zusammengebacken war. Es tat weh, als der Verband abgerissen und die Wunde entblößt wurde. Aber der Soldat biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Das linke Bein war über dem Fußgelenk zerschmettert; selbst ein Laie konnte erkennen, daß es eine sehr schlimme Wunde war. Im Augenblick konnte nichts getan werden; er bekam eine Schiene und einen neuen Verband und dankte herzlich dafür, daß man so gut zu ihm war. Dann wurde er von zwei Sanitätssoldaten in ein freies Bett getragen und schien entschlossen, nur zu schlafen und alles zu vergessen. »Wird er seine Füße behalten?« fragte ich den Arzt. »Bei dem einen ist keine Gefahr, aber der andere, den wir eben verbunden haben -- nun, in drei Tagen werden wir sehen. Ich werde schon mein Bestes tun --« und er schüttelte den Kopf.

Die verwundeten französischen Gefangenen waren auf Strohlagern in einem Vorratsraum untergebracht; hier sollten sie die erste Pflege erhalten und dann in ein Lazarett gebracht werden. Sie waren gerade dabei, Brot und eine nahrhafte warme Suppe zu essen. Und sie aßen mit glänzendem Appetit und waren allem Anschein nach guten Muts; ein paar waren geradezu lustig und lachten über ihre Scherze. Auf meine Frage nach ihrem Befinden antworteten sie: »Wenn es uns die letzten vierzehn Tage so gut gegangen wäre wie jetzt, dann wäre es uns gar nicht schlecht gegangen.«

Draußen auf der Straße stand eine große Schar verwundeter Deutscher und Franzosen, die Pflege suchten. An der Front wurde immer noch gekämpft, neue Scharen von Verwundeten waren im Lauf der Nacht zu erwarten, die Ärzte kamen nicht zur Ruhe. Die Franzosen standen in einem Haufen für sich. Ich trat an einen von ihnen heran; er hatte den ganzen Kopf verbunden; man sah wenig mehr als Augen und Nase. Auf meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit der linken Hand auf die linke Scheitelhälfte und dann auf die Unterseite des rechten Unterkiefers. Ich fragte den Stabsarzt, ob es möglich sei, daß der Mann stehen und gehen, sehen und hören könne, nachdem ihm ein Schuß senkrecht durch den Kopf gegangen war. Er antwortete, man habe den Verwundeten noch nicht untersucht, aber es kämen die merkwürdigsten Verwundungen vor. Die Kugeln schlagen in den armen Menschenleibern, die oft die erstaunlichsten Prüfungen bestehen müssen, die seltsamsten Wege ein.

Die Franzosen, versicherte der Stabsarzt, seien bewundernswert geduldig. Sie könnten wer weiß wie lange warten, ohne ein Wort oder eine Miene der Ungeduld. Wenn der Arzt einen Franzosen behandeln wolle, sei es obendrein fast Regel, daß der Verwundete sage: »Meine Kameraden brauchen die Hilfe nötiger; ich kann warten.« Oder: »Behandeln Sie bitte erst den Mann da -- er ist Familienvater, und seine Frau lebt in kümmerlichen Verhältnissen.« Das gleiche Urteil habe ich auch von andern deutschen Ärzten gehört.

So folgt die Barmherzigkeit in Gestalt der Heilkunst den Spuren des grauenvollen Krieges. Was sind all diese Ärzte, Assistenten, Sanitätssoldaten, Schwestern anderes als rettende Engel, die mit dem Engel des Todes um das Leben der Verwundeten kämpfen! Was sind die Krankenautomobile, Bahren und die eifrigen Schäferhunde anderes als der Verblutenden Freunde und Bundesgenossen, die die Ernte auf den blutigen Feldern bergen. Hier geht die Versöhnung getreulich mit dem Krieg Hand in Hand, wie das Symbol des Roten Kreuzes die Farben des Bluts mit dem Sinnbild der christlichen Liebe vereint.

18. Der letzte Abend beim Kronprinzen.

_23. September._ Den Tag verbrachte ich in Dun an der Maas, das durch die Beschießung besonders seitens der Franzosen sehr gelitten hatte. Gegen ½6 Uhr kehrte der Kronprinz mit seinen Herren von Romagne zurück; ich sollte ihn in Dun erwarten. Ich ging über die Brücke zur Stadt hinaus, als eben die vornehmen Automobile mit der Bezeichnung »Generaloberkommando der fünften Armee« in voller Fahrt dahergerast kamen. Beim Chauffeur auf dem ersten saß der Kronprinz im Mantel mit rotem Kragen. Er gab mir ein Zeichen, aufzusteigen, und ich nahm hinter ihm Platz. Er unterhielt sich eine Weile mit den Offizieren; dann ging es weiter. Aber langsam, denn wir begegneten gerade einem Infanterieregiment. Die Mannschaften faßten ihre Helme an der Spitze, hoben sie in die Höhe und stimmten ein Hurra an, als gelte es einen Bajonettangriff auf einen französischen Schützengraben; es galt aber dem Chef der fünften Armee und dem Erben des Reichs. Wir fuhren wie durch ein brausendes Meer von donnernden Hurrarufen, bis zu den letzten kleinen Gruppen von zwei und drei Mann. Zuletzt stand noch ein einsamer Wachtposten an der Straße; auch er schrie aus Leibeskräften! Als dann der Kronprinz wieder seine Automobilbrille aufsetzte und den Mantelkragen hochschlug, war er nicht mehr zu erkennen, am wenigsten von den Reitern, die auf ihre Pferde aufzupassen hatten. Aber, so versicherte er mir, nichts freue ihn mehr, als sich so von den Soldaten geschätzt und verstanden zu sehen; sei es doch die vornehmste Pflicht eines Fürsten, sich des Vertrauens seines Volkes würdig zu zeigen, und für ihn kein größeres Glück, als so zum deutschen Volk zu stehen.

Bei Tisch war die Stimmung so fröhlich und ungezwungen wie gewöhnlich, trotzdem man begeisterte Reden, Trinksprüche und Hurrarufe hätte erwarten können. Varennes war genommen worden, und die Nachricht von Weddigens Tat auf dem Meer war eingelaufen. Aber man hielt keine Reden und rief auch nicht Hurra. Der Kronprinz nahm die Neuigkeiten mit derselben würdigen Ruhe auf, er freute sich, verzog aber keine Miene, nur seine Augen bekamen einen feuchteren Glanz. Die Unterhaltung drehte sich dann eine Weile um die Frage, ob die Unterseeboote gegenüber den schwimmenden Festungen die gleiche Bedeutung erhalten würden wie die 42-~cm~-Mörser gegenüber den Landbefestigungen. Dann sprach man von andern Dingen, und die Stimmung war kameradschaftlich und gemütlich wie immer an diesem Tisch. Die unerschütterliche Ruhe der Deutschen, besonders der Oberbefehlshaber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Sie nehmen die Erfolge als die natürlichste Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg Woche für Woche ausbleibt, so bewahren sie dieselbe Ruhe in dem Bewußtsein, daß er kommen wird und kommen muß! Die Oberleitung weiß, was sie zu tun hat, um das Ziel zu erreichen; alle andern, vom Feldmarschall bis zum Rekruten, hegen blindes Vertrauen zu ihr, und das ganze deutsche Volk vertraut ebenso blind dem Heer und der Flotte. Solch ein Volk kann nicht besiegt werden! Alles geht mit mathematischer Genauigkeit und Notwendigkeit. Daher diese Sicherheit und Ruhe, und daher war am Tisch des Kronprinzen die Stimmung nicht aufgeräumter als sonst.

Gleich vor Dun, auf der nördlichen Seite der Straße nach Romagne, liegt ein einsames Grab, das Kreuz mit Kränzen überschüttet. Dort ruht ein Hauptmann, der mit seiner kleinen Schar inmitten des Feuers aushielt, als die Franzosen ihre eigene Stadt beschossen, und schließlich auf seinem Posten fiel. Sein Andenken war unter der Besatzung von Dun ebenso frisch wie die Blumen auf seinem Grab, die stets erneuert wurden. Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutschen scheint es die einfachste Sache von der Welt, sein Blut hinzugeben und zu sterben. Nein, ein solches Volk kann nicht besiegt werden!

Während des Essens kam der Generaloberarzt Professor Widenmann; er hatte im Lazarett nach unserm Freunde Freiherrn von Maltzahn gesehen, dem ein Automobilunglück zugestoßen war. Das Auto war an einer Straßenwendung gestürzt und kam mit seiner ganzen Schwere auf von Maltzahns Brust zu liegen. Ein paar Rippen waren ihm gebrochen, dazu ein Beinbruch, eine Gehirnerschütterung und der allgemeine Chock. Sein Zustand war sehr beunruhigend, aber der Arzt hoffte auf seine Wiederherstellung. Professor Widenmann wird mir unvergeßlich sein. Er hatte die ganze Welt bereist, war wohlbekannt in Afrika und nahe am Gipfel des Kilimandscharo gewesen, als Wind und Wetter ihn zwangen, umzukehren. Wir hatten gemeinsame Freunde nah und fern und unterhielten uns noch lange, nachdem die andern ihre Zimmer aufgesucht hatten, an diesem letzten Abend, den ich beim Kronprinzen des Deutschen Reichs verlebte.

19. Longwy.

Bei der Ausfahrt hatte ich Longwy nicht besichtigen können, dessen oberer Teil, in Vaubans Festung gelegen, so furchtbar durch den Krieg gelitten hat, während die Fabrikstadt im Tal der Chiers unbeschädigt blieb. Ich fuhr also bei der Rückkehr ins Große Hauptquartier am 24. September hinauf und über die beiden Festungsgräben und bis zu dem Tor, das eine Erinnerungstafel an Vauban schmückt. Jetzt wehte darüber die deutsche Flagge.

Der Wachtposten forderte meinen Ausweis. In den Tunnelgängen schulterten mehrere Posten ihr Gewehr; nach innen zu haben sie ihre Wohnungen und ihre Küche. An den Mauern kleben große Plakate: »~Armée de Terre et armée de Mer~« und darunter zwei sich kreuzende Trikoloren; »~Ordre de mobilisation générale~« mit allem, was dazu gehört, und schließlich die Bekanntgabe, daß Sonntag den 2. August 1914 der erste Mobilisierungstag sei. Diese Order kostet Frankreich Ströme seines edelsten Blutes, zerstört seine nordöstlichen Provinzen und hat die kleine Stadt innerhalb der Mauern in einen einzigen Schutthaufen verwandelt.

Am Anfang der Hauptstraße, die Longwy durchschneidet, standen einige französische Arbeiter und nahmen das Pulver aus französischen Handgranaten heraus, um sie unschädlich zu machen. Kein Erdbeben hätte diese Straße in ihrer ganzen Länge schlimmer verwüsten können als die Granaten. Nicht ein einziges Haus ist stehengeblieben. Als die Artillerie des Invasionsheers Longwy zu beschießen begann, wurde den Einwohnern befohlen, den Ort zu verlassen, und die meisten zogen ihres Wegs. Einige jedoch wollten bleiben; von ihnen wurden etwa sechzig, darunter mehrere Frauen, unter den Ruinen begraben.

In der Kirche eine Verwüstung ohnegleichen: die Wölbungen des Seitenschiffs eingestürzt, an den übrigen klafften gewaltige Löcher von Granaten, deren Splitter über die Säulen herabgeregnet sind und tiefe Furchen in sie gerissen haben. Von den bunten Glasfenstern sind kaum einige Splitter übrig; nur von den Bleieinfassungen sieht man hier und da noch Spuren. Aber die Kanzel, von der aus die christlichen Wahrheiten verkündet wurden, ist unberührt geblieben, und hätte ein Priester dort während der Beschießung gestanden, wie der griechische Patriarch in Konstantinopel, als die Türken die Hagia Sophia stürmten, so wäre ihm nicht ein Haar gekrümmt worden, und man würde von einem Wunder gesprochen haben. Vor dem Frieden des Hochaltars schreckten die Granaten nicht zurück; er war ein Trümmerhaufen auf dem Boden des Chors, und eine dicke Schicht Kalkstaub bedeckte ihn. Im Langschiff war es nicht möglich, vorwärts zu dringen, denn die Orgel mit ihren abgeplatteten Pfeifen und die Chöre mit ihren Bänken und Brüstungen bildeten einen einzigen Haufen von Gerümpel, Brettern, Bewurf, Ornamentbruchstücken, Betstühlen und kirchlichen Geräten, alles fast bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.

Der untere Teil der festen Kirchenmauern ist verhältnismäßig verschont geblieben, und gerade hier sind die rechteckigen Bilder in Hochrelief aus der Leidensgeschichte Jesu. Unter einem, das vollständig unbeschädigt geblieben ist, standen die Worte: »~Jésus tombe pour la deuxième fois.~« Das Gesicht des Erlösers drückt unsagbaren Schmerz aus, wie unter der Last des Kreuzes und der Sünden der Menschen. O Eitelkeit der Welt! Auf einer Steintafel liest man die gut erhaltene Inschrift: »~Hanc ecclesiam Ludovici XIV jussu et pecunia procurante Vauban erectam primar. benedixit lapidem 22 martii 1683~« ... usw. Nun waren die Orgeltöne verstummt, und von der Kanzel erklangen keine Trostworte mehr; durch die offenen Wölbungen klagte nur noch der Wind: »Alles ist eitel.«

Draußen war die Verwüstung ebenso. Hier stand das Skelett eines Automobils, dort lag das Gerippe eines Zweirads ohne Räder unter Haufen von Tornistern und Uniformstücken, zerbeulten Blechtöpfen, Säbelscheiden, Gewehrkolben und -- Pfeifen, Kinderspielsachen, Farbenkästen und Holztieren, Leitungsrohren, Balkongeländern und Gittern, Stühlen und Tischen, alles in einem Wirrwarr von Steinen, Ziegeln und Schutt. Pompeji ist weniger verwüstet als diese Stadt, und mein altes Lou-lan im Herzen der Wüste, wo die Vernichtung ebenso viele Jahrhunderte ihre Ernte gehalten hat wie in Longwy Tage, sieht weniger trostlos aus als Vaubans befestigte Stadt!

In den Straßen war es spukhaft still, nur hier und da tickte es in den Fugen, und mit einem scharrenden Laut fielen kleine Steine von den Mauern. Der Wind rumorte in den aufgerissenen flachen Dächern, und die herunterhängenden Dachrinnen nickten wie festgebundene Schlangen. Hier und da an einer Ecke war noch ein Straßennamen zu lesen: »~Rue des Ecoles~« oder »~Rue Stanislas~«.

Im Schutt lagen noch Postkarten, gebleicht und zermürbt von Sonne und Regen. Ich hob eine auf und las die Adresse: »~Monsieur Crombez, Subsistant au 164 de Ligne, Longwy-haut.~« Die Karte enthielt nur die Worte: »Le Mans, 22. August. Lieber Kamerad. Ich bin glücklich nach Mans gekommen und habe meine Zeugnisse dem Chef direkt geschickt. Hoffentlich habe ich bald das Vergnügen, Dich wiederzusehen. H....« Ob dieser Crombez jemals den Gruß seines Kameraden erhalten und das schöne Bild auf der Karte gesehen hat, das den Zusammenfluß der Huisne und Sarthe darstellt? Oder steht er in den Verlustlisten als tot oder vermißt?

Den kleinen Markt vor der Kirche bekränzt ein Viereck von Bäumen. Viele von ihnen waren niedergeschlagen und lagen nun da, ein Haufen Reisig und Brennholz. Auf diesen Markt hinaus ging auch die hohle, zertrümmerte Fassade eines Hauses, über dessen Portal man die Worte »~Hôtel de Ville~« zu erkennen glaubte und die Jahreszahl 1731. Sein Vestibül mit Eingang zum ~Bureau de Police~ war ein einziger Kehrichthaufen von Kleiderfetzen, Möbeln und Papier. Das Polizeiarchiv lag umhergestreut; darunter die ganze Auflage einer kleinen Schrift: »~Traité pour l'éclairage au gaz de la ville de Longwy, du 9 Janvier 1912 au 23 décembre 1961.~« Sie sollte also für ganze fünfzig Jahre gelten. Bei der Drucklegung des Heftes ahnte noch niemand, daß das Gas schon 1914 verlöschen würde. Die Blätter raschelten, wenn der Wind durch die öden Räume strich.

Der untere Stadtteil zeigte dagegen keine andern Spuren vom Krieg als wenige deutsche Uniformen. Das deutsche Militär wanderte seelenruhig durch die Straßen der eroberten Stadt, in deren Zentrum die Zivilbevölkerung ganz zahlreich war.

Kurze Zeit darauf fuhr ich über die Grenze nach Luxemburg und erreichte bei Sonnenuntergang wieder die Hauptstadt des kleinen Großherzogtums.

20. Ein Brief an den Kaiser.

Durch den Hofmarschall Freiherrn von Reischach erhielt ich am 25. September eine Einladung zur Mittagstafel des Kaisers für 1 Uhr. Unter den Anwesenden waren außer dem Hofmarschall die Herren von Plessen, von Gontard und von Buch, letzterer deutscher Gesandter in Luxemburg; ferner der Feldprediger des Kaisers und einige Adjutanten. Am Vormittag war die Nachricht von Prinz Oskars Krankheit eingetroffen; er hatte sich durch Überanstrengung eine Art Herzkrampf zugezogen. Ich erwartete daher, den Kaiser niedergeschlagen zu finden, aber keine Spur davon. In jugendlicher, militärischer Haltung trat er herein, hieß mich wieder mit kräftigem Händedruck willkommen und nahm einen Brief aus der Tasche, den er mich aufmerksam zu lesen bat, während er sich mit seinen Herren unterhielt. Der Brief war direkt an den Kaiser gerichtet; ein Feldwebel, der neben Prinz Joachim gestanden hatte, als dieser verwundet wurde, schilderte darin, wie tapfer und vorbildlich sich der Prinz benommen hatte. Der Bericht war einfach und ohne jeden Wortprunk, aber er zeigte, wie fest und tief die Treue wurzelt, die das deutsche Heer mit seinem obersten Kriegsherrn verbindet; sie macht die beiden zu dem festen und unerschütterlichen Felsen, auf dem das Deutsche Reich erbaut ist. Als der Kaiser zurückkam und mich fragte, was ich von dem Briefe dächte, antwortete ich bloß: »Es muß Ew. Majestät eine Freude sein, solche Grüße aus den breiten Schichten des Volks zu erhalten.«

»Ja,« antwortete er, »nichts freut mich so sehr wie die Beweise von der Treue des Volks und seinem unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Armee. Einen Brief wie diesen verwahre ich unter meinen wertvollsten Papieren.«

Dann sprachen wir von Prinz Oskars Krankheit. Im Zusammenhang damit äußerte der Kaiser: »Nun ist auch Hohenzollernblut geflossen. Ich habe sechs Söhne und einen Schwiegersohn im Krieg, und von den vielen deutschen Fürsten, die an der Front kämpfen, haben schon mehrere ihr Leben für Deutschlands Sache geopfert.« Im übrigen drehte sich die Unterhaltung um meine Erlebnisse bei der fünften Armee und die Kriegsereignisse.

Den Beschluß des Tages bildete ein Abendessen beim Reichskanzler von Bethmann-Hollweg.

21. Die Eisenbahn im Kriege.

_26. September._ Kurz vor 9 sollte ich auf dem Bahnhof sein und den Zug benutzen, der ein Weimarer Landsturmbataillon nach Charleville beförderte. Aber über Nacht war der Fahrplan geändert worden, der Landsturmzug ging erst später; dagegen stand ein Munitionszug zur Abfahrt nach Sedan bereit, zweiundzwanzig offene, mit Planen bedeckte Wagen und ein paar geschlossene. In dem einen der letzteren nahm ich Platz. Meine Nachbarn waren Bedeckungsmannschaften, zehn oder zwölf Mann Ersatzreserve; sie kamen von Mainz und hatten in diesem Zug acht Tage und acht Nächte zugebracht! Unser Wagen hatte sich aus dem Nordosten Deutschlands hierher verirrt; er trug die Bezeichnung: »Preuß.-Hess. Staatseisenbahnen, Nord-Ost«, und in meinem Abteil hing eine Karte über die Bahnstrecke Berlin-Memel.

Eine menschenfreundliche Seele im Hotel Staar hatte mir geraten, Proviant mitzunehmen, da es mehr als zweifelhaft sei, ob ich unterwegs etwas Eßbares auftreiben könnte. Also wurden mir mit dem übrigen Gepäck vier tüchtige Butterbrote mit Schinken und Käse, drei Eier und zwei Flaschen Mineralwasser ins Kupee gebracht.

Dann ging es hübsch langsam los, aus dem Luxemburger Bahnhof heraus, an einem stehenden Zug vorüber, der mit plaudernden, rauchenden, lachenden Soldaten vollbepackt war, die ausgezeichneter Stimmung zu sein schienen. Die Fahrt ging an gemütlichen Dörfern, Höfen und Wäldern vorüber, an Wiesen mit grasenden Rindern, Feldern mit pflügenden Bauern, an Landstraßen und Chausseen mit langen Baumreihen. In Luxemburg gab's keine zusammengeschossenen Häuser, keine obdachlosen Menschen. Wohl war die Einquartierung deutscher Truppen wenig angenehm, aber die Luxemburger haben alles bei Heller und Pfennig ersetzt bekommen.

Auf den Straßen keine Truppen, keine knarrenden Kolonnen. Wie das kommt, so nahe der Front? Nun, soweit die Eisenbahnen gehen und in Zusammenhang mit dem deutschen Eisenbahnnetz stehen, besorgen _sie_ den ganzen Transport bis zum Beginn der Etappenstraßen, wo es keine Eisenbahnen gibt. Deshalb sieht das Land zu beiden Seiten der Bahn so idyllisch aus, und das einzige, was an den Krieg erinnert, ist der Trubel an den Haltestellen und die Posten, die die Bahn bewachen und oft so dicht stehen, daß der eine den andern sehen kann. Deutsche Eisenbahntruppen besorgen den Betrieb und Landsturm die Bewachung.

Unser Gleis führt über Mamer und Kapellen. Das Gelände ist schwach gewellt, nach allen Seiten breiten sich flache, sonnenbestrahlte Felder. Zwischen zwei Stationen halten wir. Warum? Auf dem Nebengleis kommt ein gewaltiger Zug mit lauter leeren Güterwagen; keine Menschenseele ist darin, man _hört_, wie leer sie sind; mit hohler Resonanz rasseln sie vorüber; sie haben irgendeiner Armee Verstärkungen gebracht und gehen nun nach Luxemburg zurück, um neue Mannschaften zu holen. --

Sterpenich! Wir sind also in Belgien. Die Landschaft ist die gleiche, auch hier deutsche Wachtposten, auch hier pflügende Bauern auf den Äckern wie in Luxemburg. Nicht einmal die Zollrevision erinnert uns daran, daß wir ein neues Land betreten: der Krieg reißt alle Schranken nieder.

In Arlon halten wir länger. Im Südwesten hört man Kanonendonner; ob er aber von Verdun oder vom Argonner Wald herkommt, können meine Reisekameraden nicht entscheiden; er klingt dumpf, aber deutlich.

Zuweilen fährt der Zug mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, aber bald bereut er das und fährt wieder langsam, als ob die Last von Toten, die er in Form von Geschossen mit sich führt, die Erschütterung nicht vertrüge. Der Bahnkörper liegt nun hoch, und wir fahren auf einer Brücke über eine Landstraße. Unten steht ein Soldat mit einem Gewehr und sieht zum Zug hinauf.

Da plötzlich ein Dorf, zusammengeschossen und eingeäschert, nur noch aus kahlen Mauern bestehend, die zwischen Bäumen hervorlugen. Eine Allee ist zum Teil umgehauen, auch die Bäume am Rande eines Gehölzes in der Nähe der Bahn sind gefällt. Wohl um die Bewachung zu erleichtern und Attentaten vorzubeugen? Nein; weiterhin sind die Stämme aufgestapelt, ein Güterzug wartet auf sie; sie sollen als Bahnschwellen dienen.

»Langsam fahren!« steht an scharfen Kurven auf großen Schildern; die deutschen Lokomotivführer fühlen sich noch nicht so heimisch. Doch ist der Verkehr nicht besonders lebhaft; man begegnet nur wenigen Zügen auf dieser zweispurigen Bahn.