Ein Volk in Waffen

Part 5

Chapter 53,417 wordsPublic domain

Um ½7 ist Eclisfontaine erreicht. Der Nebel hängt in Fetzen und Draperien, bald leichter, bald dichter, ist aber hartnäckig und trotzt noch immer der aufgehenden Sonne. Es ist heute ein bedeutungsvoller Tag für die Deutschen; sie wollen angreifen und nach Varennes vorrücken. Nur der Nebel hindert sie, und es geht schon auf 8. Die Infanterie soll schon im Vorrücken sein und an der äußersten Front in heftigem Kampf stehen. Die Artillerie muß noch warten, ehe sie ihre Stellungen vorschieben kann. Doch von den Plätzen, wo die Batterien jetzt stehen, beginnen sie ihren Morgengesang. Die Schüsse fallen aus verschiedenen Richtungen immer häufiger. Ganz nahe dem Dorf sind Feldhaubitzen und schwere Mörser. Die Schüsse, die schwächer und dumpfer klingen, kommen von französischer Seite. Manchmal hört man vier und sechs Schüsse fast zu gleicher Zeit; dann vergeht eine Pause bis zur nächsten Salve.

Ein Offizier begleitet mich die Chaussee entlang durch das Dorf. In einem kleinen Haus laufen alle Drähte des Feldtelephons zusammen; hier sitzt ein halbes Dutzend Offiziere an einem langen Tisch, Telephonhörer am Ohr und Karten vor sich. Hier sammeln sich von der Front die Meldungen über den Verlauf der Schlacht, über Veränderungen der französischen und deutschen Stellungen und über die daraus sich ergebenden Wünsche und Bedürfnisse.

Mit Freund Matthiaß gehe ich ein Stück weiter nach Südwesten bis zu dem Punkt, von wo aus die Generalität die deutschen Operationen leitet. Das Gelände steigt bis zu diesem Punkt langsam an; er hat eine dominierende Lage und erlaubt einen vortrefflichen Ausblick über das ganze Gebiet, auf dem der Kampf tobt. Hier steht der kommandierende General von Mudra; in seiner Gesellschaft auch der 78jährige Feldmarschall von Haeseler, der jetzt kein Kommando hat, aber dem Wunsch nicht widerstehen konnte, in der Nähe seines alten Korps zu sein, dort, wo es für Deutschlands Ehre kämpft. Von mehreren Offizieren umgeben, standen die beiden Generäle den ganzen Tag mitten auf der Landstraße. Unmittelbar neben der Straße stand auf seinem Holzstativ ein Scherenfernrohr, und an diesem Fernrohr ein Hauptmann, der unablässig seine Beobachtungen meldete. Von Zeit zu Zeit trat der kommandierende General selbst ans Fernrohr.

Der Ort, auf dem wir standen, war nicht ganz ungefährlich. Ein Soldat in der Nähe der Telephonstation erhielt eine Gewehrkugel in den Rücken, eigentümlicherweise ohne verwundet zu werden; er fiel nur infolge des Stoßes oder vielleicht vor Schreck um. Die Kugel, die aus weiter Entfernung kam, hatte ihre Kraft eingebüßt. Ein anderer wurde leicht verwundet, ebenfalls von einer Gewehrkugel. Drei Schrapnells explodierten ganz in unserer Nähe, aber in allzu großer Höhe, um lebensgefährlich zu sein.

Von einem Punkt in der Nähe von Eclisfontaine hatte man eine vortreffliche Aussicht nach Südwest in der Richtung auf Varennes. Hier saß, wohlbeleibt und jovial, auf einem Stuhl mitten auf der Landstraße der Divisionsgeneral Graf Pfeil. Seitdem der Nebel fast spurlos verschwunden war, traten auch die Umrisse des Argonner Waldes hervor. In einer Entfernung von drei Kilometern nach Varennes zu steigt das Gelände zu einem flachen Kamm an, der ein paar deutsche Feldartilleriebatterien schützt, die von hier aus mit bloßem Auge leicht sichtbar sind. Gleich links von diesen Stellungen geht die deutsche Infanterie vor. Durchs Fernglas sieht man die Soldaten in stark gebückter Stellung vorrücken, um solange als möglich von der Höhe geschützt zu sein, die die Kanonen deckt. Wahrscheinlich haben aber die Franzosen die Infanterie schon gesichtet; unaufhörlich explodieren Schrapnells über ihren Linien; ein weißes Wölkchen nach dem andern taucht auf, und aus seiner Mitte schießt ein Blitz hervor. Einmal zählten wir acht solcher Wölkchen, die gleichzeitig über den Soldaten schwebten und sie mit einem Regen von Bleikugeln überschütteten. Zuweilen schlagen in ihrer Nähe auch Granaten ein, leicht erkennbar an den dunkelgrauen Säulen von Erde, Lehm und Pulver, die entstehen, sobald sie auftreffen.

Gleich südlich von der Höhe im Südwesten und durch diese unsern Blicken entzogen, liegen starke Kräfte der deutschen Infanterie in langen Schützengräben. Diesseits der Batterien sieht man im Gelände zwei halbmondförmige dunkle Flecke, die sich im Fernrohr in Soldaten auflösen; sie sitzen und liegen, haben aber Gewehr und Bajonett zur Hand, um die Kanonen gegen einen Überrumplungsversuch zu schützen. Die Kanonen sind in die Erde eingegraben, durch Erdwälle gedeckt und nach der Feuerseite zu stark maskiert. Heute morgen war noch keine französische Infanterie und Kavallerie zu sehen; auf der feindlichen Seite kämpfte bloß Artillerie, die nach Aussage der deutschen Offiziere vortrefflich schoß; nur waren die Geschosse oft sogenannte Blindgänger, die nicht explodieren.

Plötzlich donnert es um uns von allen Seiten, auch von hinten; eine Batterie von vier 21-~cm~-Mörsern ist bis zum Dorfe vorgerückt und steht nur hundert Meter von uns entfernt. Der Boden zittert bei jedem Schuß. Die vier Schüsse fallen rasch hintereinander, nur ein paar Sekunden Pause ist zwischen ihnen. Dann hört man eine halbe Minute oder länger über sich ein zischendes, singendes Pfeifen und sieht unwillkürlich nach oben. Doch sieht man die Geschosse nur, wenn man hinter dem Mörser möglichst in der Verlängerung der Flugbahnfläche steht. Die vier Geschosse fahren gemeinsam durch die Luft und singen den gleichen Gesang in gleich hohem Ton. Zuweilen scheint er zu ersterben, aber nach einer Weile ist er wieder deutlich vernehmbar; das kommt vielleicht von der Windrichtung. Die Mörsergeschosse brauchen ein paar Minuten bis zum Ziel; der Höhepunkt ihrer Flugbahn liegt Tausende von Metern über der Erde -- eine schwindelerregende Reise für diese zentnerschweren Geschosse. Die Geschosse der Feldkanonen, die gewöhnlich auf nur drei Kilometer Entfernung eingestellt werden, kommen in einer halben Minute ans Ziel.

Die vier »Brummer« der Batterie warfen ein ums andere Mal ihre schweren Granaten zu den Franzosen hinüber; jeder Schuß sollte wer weiß wie vielen Menschen den Tod bringen. Doch schien ihre Hauptaufgabe zu sein, den Gegner aus Varennes zu vertreiben, das nur sechs Kilometer südwestlich von Eclisfontaine liegt.

Am Abend fragte ich einen der Beobachter, was das heutige Feuer wohl koste. Er machte schnell eine Berechnung für 24 Batterien Feldhaubitzen und 8 Batterien schwere Kanonen und Mörser; die Durchschnittskosten für jeden Schuß berechnete er auf 50 Mark, die Anzahl der Schüsse auf zwölftausend; das macht 600000 Mark für einen einzigen Tag und für einen ganz kleinen Teil der deutschen Front! Andere aber meinten, die Berechnung sei in jeder Beziehung zu hoch. Auf alle Fälle verbraucht die Artillerie ungeheure Summen in einem Krieg wie diesem, wo sie die Hauptwaffe ist. --

15. Verhör französischer Gefangener.

Zwei deutsche Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett eskortieren französische Gefangene nach Eclisfontaine. Die meisten sehen gleichgültig aus, und ihr Blick verrät nur den einen Gedanken: Nun ist alles verloren, nun ist es aus mit uns! Andere sehen tief niedergeschlagen aus und haben geweint. Die Kraft ihrer Arme ist Frankreich entzogen, jetzt, wo sie am meisten gebraucht werden.

Ich war gerade in Gesellschaft des Brigadegenerals Bernhard, als die Franzosen in ihren blauen Waffenröcken und den weiten roten Pumphosen daherkamen; die Uniformen waren abgerissen und schmutzig, kein Wunder, wenn man Tage und Nächte im Schützengraben gelegen hat. General Bernhard trat zu ihnen und kommandierte Halt; dann ließ er sie einen Halbkreis bilden und begann, sich mit mehreren zu unterhalten. Einer war in Auxerre ausgehoben und am elften Mobilisierungstag über Bar-le-Duc nach Varennes transportiert worden, wo er seitdem gestanden hatte. Man macht ein Verzeichnis der Gefangenen und gewinnt so wertvolle Auskünfte über die Zusammensetzung der feindlichen Truppen, über Regimenter, Brigaden und Armeekorps und ihre Stellung an der Front. Der General fragte auch die Gefangenen, wie es mit ihrer Verpflegung stünde; die Antworten lauteten sehr ungleich. Die meisten waren zufrieden; nur einige behaupteten, sie hätten in der letzten Woche nur zweimal warmes Essen bekommen, da sie zufällig weit entfernt von der nächsten Feldküche gestanden hätten.

Schließlich wurde an die Gefangenen die Frage gerichtet, ob sie Tagebücher hätten, und acht oder neun antworteten: Ja! Die Bücher wurden dem General übergeben, der sie behielt. Auch dadurch gewinnt man wichtige Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen, oft aus scheinbar bedeutungslosen Aufzeichnungen, die nur der Fachmann zu deuten weiß. General Bernhard las uns später aus einem dieser Tagebücher das letzte Stück vor, das der Gefangene tags vorher geschrieben hatte. Da stand u. a.: »Die Preußen beschießen Varennes. Sie schießen gut, heute nacht traf eine ihrer Granaten den General X., als er sich eben niedergelegt hatte.« General Bernhard sagte, die französischen Gefangenen benähmen sich immer höflich und aufmerksam und beantworteten alle Fragen korrekt und wahrheitsgetreu. In den meisten Fällen redeten sie ihn »~mon général~« an und bewiesen damit, daß sie über die deutschen Rangabzeichen orientiert waren, auch bei der gleichmachenden Felduniform. Und der General sprach zu den Gefangenen ohne jede Spur militärischer Strenge und ohne die Überhebung, die Rang und Macht leicht einflößen können.

Während des Verhörs wandte sich ein französischer Unteroffizier mit blondem Vollbart an mich und fragte: »Was wird man mit uns tun?« Ich antwortete: »Man wird Ihnen warme Suppe und Brot geben, und Verwundete werden ärztlicher Hilfe überantwortet.« Der Mann sah mich fragend und erstaunt an, offenbar im Zweifel, ob das wirklich wahr wäre. Dann wies er auf einen seiner Kameraden, der einen blutenden Streifschuß am Nacken hatte. Ein deutscher Leutnant übergab ihn sofort einem Sanitätssoldaten.

So bekam ich auch jetzt in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes eine Bestätigung dessen, was ich früher im Lazarett gesehen hatte: daß die französischen Gefangenen bei den Deutschen eine in jeder Hinsicht humane und wohlwollende Behandlung erfahren, und ich will im Namen der Wahrheit feierlich erklären, daß die gegenteiligen Behauptungen gewisser feindlicher Blätter niedrige Lüge und schändliche Verleumdung sind. Wenn einmal der Tag des Friedens kommt und die französischen Gefangenen nach Hause zurückkehren, werden sie selbst dafür Zeugnis ablegen können. Vielleicht werden einige von ihnen sich auch an Eclisfontaine erinnern.

Später kamen neue Scharen von Franzosen. Sie waren beim Bajonettangriff der Deutschen gefangen genommen worden. Einer war am 5. August aus Konstantinopel heimgerufen worden, ein anderer berichtete, er sei Reservist, und es beginne an Leuten zu mangeln. Mit ihnen unterhielt sich der Feldmarschall und sein vortrefflicher Adjutant Rechberg, der ein beneidenswert gutes Französisch sprach.

In einer Gruppe waffenloser Franzosen befand sich auch ein Hauptmann. Er hatte einen Schuß durch den Schenkel, hinkte stark und stützte sich auf zwei Soldaten; er hatte ein vornehmes und offenes Aussehen. Als seine Schar verhört werden sollte, wurde ihm ein Stuhl angeboten, denn er sah sehr bleich aus.

»Schmerzt die Wunde sehr, ~mon capitaine~?« fragte ein deutscher Offizier.

»Nein, gar nicht, sie ist ganz unbedeutend«, antwortete er.

»Haben Sie im Kampf große Verluste erlitten?«

»Keine besonderen, wir können alle Lücken ausfüllen.«

»Sie sehen müde aus, es ist Ihnen sicher in der letzten Zeit schlecht gegangen?«

»Nein, durchaus nicht, ich habe keine Not gelitten.«

»Es tut Ihnen leid, unter den Gefangenen zu sein?«

»Ja«, antwortete er schwer und bestimmt und ohne aufzusehen.

Er gehörte nicht zu denen, die die Gefangennahme demoralisiert. Als das Verhör geschlossen war, grüßte er und verschwand mit seiner blauroten Schar an der nächsten Straßenkrümmung.

16. Sturm auf Varennes.

Nach und nach merkt auch der Uneingeweihte gewisse Veränderungen in der Situation. Die Artilleristen reiten mit ihren prächtigen Gespannen zu den zwei Batterien im Südwesten mit dem Argonner Wald im Hintergrund. Eine Munitionskolonne folgt ihnen. Die Kanonen haben eine Weile geschwiegen; jetzt wird aufgeprotzt, die Pferde vorgespannt, die Munition in die Wagen gepackt, die Bedienung springt auf ihre Plätze, die Reiter in die Sättel, und als alles fertig ist, rollen die Batterien in einem schönen Bogen in voller Fahrt davon und verschwinden bald hinter der Anhöhe. Westlich davon sieht man neue Schützenlinien in südwestlicher Richtung zum Sturm vorgehen. Man hört deutlich das unbehagliche schnarrende Geräusch der Maschinengewehre bei der Infanterie. Die Angreifer haben Gelände gewonnen und rücken in neue Stellungen vor.

Ich gehe zum Beobachtungsplatz zurück. Der alte Feldmarschall, der schon 1870 mitgekämpft hat und nun das Recht hätte, müde zu sein, hat sich endlich bewegen lassen, auf einem Rohrstuhl Platz zu nehmen. Da sitzt er nun, lebt in seinen Erinnerungen auf und kann die Augen nicht vom Kampf und von den weißen Schrapnellwolken abwenden. Sein Blick ist streng und ernst, sein Gesicht von tiefen, scharfen Falten und Runzeln gefurcht, sein graues Haar hängt um ihn wie eine Mähne. Er scheint am liebsten mit sich allein zu sein, aber wenn man ihn anredet, ist er voller Leben. In stattlicher, militärischer Haltung steht General von Mudra an seinem Scherenfernrohr und beobachtet. Den roten Kragen auf dem sonst hellblaugrauen Mantel hat er in die Höhe geschlagen, in der Hand hält er eine Karte der Gegend, links trägt er eine Feldtasche mit Karten, Aufzeichnungen, Feder, Zirkeln und dergleichen.

Eine dritte Batterie deutsche Feldartillerie ist vorgerückt und hat sich eine neue Stellung gesucht. Und eine dritte Linie Infanterie folgt den beiden ersten und stürmt in der Richtung auf Varennes. Die Mannschaften springen mit gesenktem Bajonett in stark zerstreuter Ordnung, um dem feindlichen Feuer ein weniger kompaktes Ziel zu geben, und verschwinden hinter der nächsten Anhöhe -- Gewehrfeuer knallt im Tal, begleitet vom Geknatter der Maschinengewehre -- nach ein paar Minuten laute Hurrarufe: eine neue feindliche Stellung ist genommen!

Die kleine Aktion, die nur ein Glied in einer Kette ist, verursacht lebhafte Bewegung in Eclisfontaine. Zuerst fahren die Wagen des Feldlazaretts in voller Fahrt dahin, wo der Kampf stattgefunden hat; dann ziehen einige Kompanien Infanterie vorüber, um die Lücken auszufüllen. Kleine Patrouillen von Ulanen mit wagrecht gehaltenen Lanzen reiten im Galopp nach Varennes. Schließlich fährt die Feldküche vorüber mit rauchenden Schornsteinen; die Köche sitzen auf den Küchenwagen.

Auf den Abhängen südlich sieht man kleine Gruppen von acht oder zehn Mann mit Bahren und einem Schäferhund, der verstreute und vergessene Verwundete in den Gräben und Furchen suchen muß. Sobald er einen Verwundeten gefunden hat, bleibt er stehen und ruft durch Bellen die Sanitätssoldaten mit der Bahre herbei.

Das Artilleriefeuer der Franzosen hat nachgelassen, da sie ihre Stellungen in dem Maße, wie die Deutschen vorrückten, weiter zurückverlegen mußten.

Varennes, die kleine Stadt, in der Ludwig ~XVI.~ am 22. Juni 1791 erkannt und gefangen genommen wurde, um nach Paris zurückgeführt zu werden, steht nun in hellen Flammen, und eine braungelbe Rauchsäule steigt aus seinen brennenden Häusern empor. Auch Cheppy brennt und weiterhin Bourcuilles. Der Kirchturm von Cheppy reckt seine trotzige Spitze aus dem Gewölk von Rauch und Funken empor.

Westlich liegt das weite Tal, das von der Aire durchflossen wird, einem Nebenfluß der Aisne. Varennes liegt an der Aire, die im Osten den berühmten Argonner Wald begrenzt. Nach Süden zu durch das Tal stürmen württembergische Truppen; ein Teil ihres rechten Flügels zieht durch die Ausläufer des Argonner Waldes. Man erkennt ihr Vorrücken ganz deutlich durch das Scherenfernrohr, das jederzeit zu meiner Verfügung steht. Um aber die kleinen weißen mörderischen Buketts zu sehen, die entstehen, wenn die Schrapnells gerade über den Württembergern explodieren, dazu braucht man kein Fernrohr. Das Feuer wird von deutschen Schrapnells erwidert, die in weiterer Entfernung und mehr nach links sichtbar werden.

Eine Munitionskolonne, die hinter der flachen Anhöhe südlich Schutz gefunden hat, erhält Befehl, vorzurücken. Der nächste Weg wäre, nach Südwesten die Chaussee zu verfolgen, auf der ich mich den ganzen Tag aufgehalten habe. Aber dieser Weg ist gefährlich; die dunkle Linie der Kolonne wäre von den neuen französischen Stellungen aus sichtbar und würde ein vortreffliches Ziel geben, außerdem das Feuer auf die deutsche Oberleitung lenken. Die Kolonne hatte sich eben auf der Chaussee in Bewegung gesetzt, als ihr Führer den Befehl erhielt, hinter den großen Mörsern zu fahren. Die Kolonne führte leichte Munition für Gewehre und Maschinengewehre. Dahin, wo Munition gebraucht wird, fahren sie erst in der Nacht. Doch tritt selten oder nie Patronenmangel ein, da die Patronentaschen der Verwundeten und Gefallenen von ihren noch kampffähigen Kameraden geleert werden.

Eine Batterie leichte Haubitzen wird jetzt im Norden der Chaussee sichtbar. Ihre Gespanne schwenken mit ihren Feldstücken in schönem Bogen nach Süden. In Westsüdwest springen sechs Granaten in einer Entfernung von zwei Kilometern. Sie waren für die dort kurz vorher vorrückenden Württemberger bestimmt. Aber jetzt ist keine Seele mehr auf dem Platz, außer vielleicht einem zurückgebliebenen Sanitätssoldaten.

Um 6 Uhr zählte ich acht brennende Dörfer, von denen jedoch eins links vom Argonner Wald und im Operationsbereich des benachbarten Armeekorps lag. Wie viel verwüstete Häuser, wie viel vernichtetes Privateigentum! Zwar wird die Bevölkerung sich und ihre transportfähige Habe rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben; aber wie mag es in den tausend Wohnungen aussehen, wenn die Menschen zurückkehren! Kann man ohne tiefes Mitgefühl mit den unschuldigen Leuten sein, die am meisten unter dem Krieg zu leiden haben? Und ist man ein Feind Frankreichs, wenn man eine Ententepolitik verurteilt, die so namenloses Unglück über die nordöstlichen Provinzen der Republik gebracht hat? Wer mit eigenen Augen all diese Folgen des Krieges, Kummer, Armut und Vernichtung sah, müßte sich selbst verachten, wenn er nicht laut die Politik verurteilte, die allein an all diesem Unglück Schuld trägt!

»Aber warum rückt nicht auch die Armeeleitung vor?« fragte ich, nachdem die Truppen sechs oder sieben Kilometer vor der letzten Linie Stellung genommen hatten.

»Weil man die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht sofort verlängern und das ganze System von Verbindungen mit der neuen Frontlinie ändern kann.«

Am folgenden Tag wurde Varennes genommen und damit die ganze Maschinerie ein Stück weiter nach Südwesten vorgeschoben.

Aber nun begann der heutige Tag zur Neige zu gehen; die Sonne näherte sich den Wipfeln des Argonner Waldes. Ein lehrreicher Tag für mich! Von der Tätigkeit an der deutschen Front hatte ich eine klare Vorstellung bekommen, von den Franzosen aber nichts anderes gesehen als ihr Feuer und die Gefangenen. Ich hatte die unglaublich sichere und ruhige Leitung des deutschen Oberkommandos bewundert. Es war wie ein Spiel, das unter gewissen Voraussetzungen gewonnen werden mußte. Und wenn all diese Voraussetzungen im voraus gegeben und bekannt waren, dann hegte niemand den geringsten Zweifel am Ausgang. Und die Voraussetzungen waren: ausgezeichnetes Menschenmaterial, wirkliche Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Volk, das in Friedenszeiten willig ist, genug und mehr als genug für die Verteidigung des Reiches zu opfern und, wenn der Krieg ausbricht, bereit ist, auch das Leben zu opfern zur Verteidigung der Heimat für seine Freiheit und seine Ehre, eine Ausbildung, die genügend lang ist, um die einzelnen Soldaten und die großen Truppenverbände unwiderstehlich zu machen, und ein Material, bei dessen Anschaffung man weder geschachert noch kompromisselt hat. Der Ausgang des Tageskampfes erweckte daher keine Verwunderung. Man hörte keine Glückwünsche, keinen Jubel -- man sprach davon wie von der natürlichsten Sache der Welt!

17. Das Feldlazarett in der Kirche zu Romagne.

Auf der Rückfahrt nach Stenay müssen wir gerade vor dem Feldlazarett halten. Der Stabsarzt steht auf der Straße und gibt seine Befehle über Behandlung und Verteilung der neu angekommenen Verwundeten. Ich werde ihm vorgestellt, und er will mich nicht loslassen, ehe ich das Feldlazarett gesehen habe. »An die Front kommen, den Krieg studieren und das Lazarett in Romagne nicht sehen, nein, Herr Doktor, das geht nicht! Sie haben den ganzen Tag gesehen, wie die Verwundeten von der Feuerlinie hereinkommen, nachdem sie ihre erste provisorische Pflege auf dem Schlachtfeld erhielten. Sie haben den Hauptsammelplatz bei Eclisfontaine gesehen. Nun müssen Sie auch die dritte Etappe sehen, das Feldlazarett hier.«

Und damit führte mich der Stabsarzt in die kleine, schöne, alte katholische Kirche. Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung breitete sich über Frankreich. Es war dunkel in der Kirche, aber noch waren die kostbaren gemalten Fenster zu unterscheiden, und vorn am Altar brannte ein einsamer Leuchter, der die Dunkelheit eher vermehrte als verminderte. Achtzig verwundete Deutsche lagen hier. Die Kirchenbänke waren paarweise zusammengestellt, so daß sie mit den Rückenlehnen geräumige Kisten bildeten, die mit Stroh gefüllt waren. In jedem solchen Bett lag ein schwer verwundeter Soldat. Die Bänke reichten aber nicht für alle. Die übrigen lagen an den Wänden auf aufgeschüttetem Stroh. Jeder hatte seine Decke, und der Zwischenraum zwischen den Lagern war so groß, daß Arzt und Sanitätssoldaten ungehindert an jedes Bett herantreten konnten. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubt, werden sie weiter nach Deutschland geschickt, um neuen Verwundeten Platz zu machen. Nur die lebensgefährlich Verletzten, die den Transport nicht ertragen, bleiben da, um in Frieden zu sterben oder, wenn möglich, zu Krüppeln geheilt zu werden.

Am Altar, im Schein des Leuchters, waren mehrere junge Ärzte mit einem eben angekommenen Patienten beschäftigt, der sich einer Operation unterziehen mußte. Ein Licht wurde herbeigeschafft, und der Stabsarzt führte mich von Bett zu Bett und berichtete unermüdlich über die verschiedenen Fälle. Die Pforten der Kirche waren geschlossen; von draußen hörte man das Gerassel der Kolonnen und das Trappeln der Pferde. Aber eine seltsame, fast unheimliche Stille herrschte hier im Innern; man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen Leben und Tod ausgefochten wurde. Schwere Atemzüge, aber keine Klagen, ab und zu ein Seufzer, aber kein Jammern. Keiner zeigte sich schwächer als der andere, keiner störte die Ruhe der Kameraden. Die meisten schliefen oder schienen zu schlafen, todmüde von den Kämpfen des Tages.