Part 4
Der Kronprinz lächelt und antwortet: »Ja, Schlachtenmaler wie Neuville und Detaille haben in unsern Tagen wenig Gelegenheit, ihre Kunst anzuwenden. Von den Kämpfenden sieht man nicht viel, da sie sich im Gelände und in den Schützengräben verborgen halten, und es ist gefährlich, einem Bajonettangriff zu nahe zu kommen, wenn man nicht dienstlich dort zu tun hat. Im großen und ganzen wächst der Abstand zwischen den Kämpfenden mit der Vervollkommnung der Feuerwaffen. Wer die beste Artillerie hat, hat die beste Aussicht, zu siegen. Für uns ist die feldgraue Uniform ein großer Vorteil, wir verschwinden im Gelände, während die grellfarbigen Uniformen der Franzosen auf weite Entfernung hin sichtbar sind. Eine Schlacht zu sehen ist fast unmöglich, nicht einmal der Heerführer, der sie leitet, sieht viel davon. Seine Leitung geschieht durch Rapporte, Ordonnanzen und Telephon. Als Zuschauer auf einer Anhöhe in der Nähe Aufstellung zu nehmen ist nicht anzuraten. Man kann da ziemlich sicher sein, daß man für einen Beobachter gehalten wird, der das Artilleriefeuer leitet und deshalb das Ziel der feindlichen Schrapnells ist. Sie werden jedoch bei Ihrem Besuch hier Gelegenheit bekommen, so viel zu sehen, wie überhaupt gesehen werden kann.«
Wie die Stimmung beim Kronprinzen von Deutschland war! Fröhlich, jugendfrisch und ungezwungen. Man merkte nichts von höfischer Steifheit, sogar der General, der sonst die strengste Disziplin aufrechterhielt, war von dem herrschenden kameradschaftlichen Geiste angesteckt. Eine Folge der gewaltigen Arbeitslast, die auf ihm ruhte, war jedoch, daß er für gewöhnlich später als die andern zu Tisch kam. Das Abendessen und das Zusammensein nachher zog sich bis gegen 11 Uhr hin. Das waren die einzigen Stunden, wo man sich in Ruhe traf, denn tagsüber waren alle bei ihren Arbeiten, und der Kronprinz übernahm dann an den dazu geeigneten Orten an der Front die Oberleitung.
10. Hinter der Feuerlinie.
_21. September._ Frühzeitig wird geweckt, denn um sieben Uhr war Frühstück, bei dem sich alles um den Kronprinzen versammelte. Dann bat mich der Kronprinz, ihn in das Haus des Generalstabs zu begleiten, wo ein »Feldzugsplan« für mich entworfen werden solle. Der General hielt es für das Richtigste, daß ich erst einmal das Artilleriefeuer bei Septsarges sähe. Drei Offiziere erhielten entsprechende Aufträge. Major Matthiaß war Leiter der Fahrt, ein Soldat Automobilführer.
Das Auto ist fertig und wir nehmen Platz. Mit rasender Geschwindigkeit fahren wir nach Süden, und ich will nicht leugnen, daß sich meiner jetzt eine steigende Spannung bemächtigte. Denn das hier war kein Manöver, sondern der Krieg selbst, der größte Krieg, der jemals auf Erden ausgefochten wurde, und wir waren an der Westfront, den Franzosen gegenüber, die mit Recht als die besten Soldaten unter Deutschlands Widersachern angesehen wurden. Von Minute zu Minute näherten wir uns der Feuerlinie, und wenn das Auto an den Kurven die Geschwindigkeit verlangsamte, hörte man die Kanonade immer deutlicher, diese dumpfen schweren Schüsse, von denen die Erde erzitterte. --
Die Straße ist voll von Proviantkolonnen, die nach Süden ziehen, von unzähligen Bagagewagen, die leer nach Norden fahren, um bei irgendeiner Eisenbahnstation neuen Proviant zu holen; von frischen Truppen, jungen, kräftigen Soldaten, die direkt aus Deutschland kommen. Aber fröhlich und guter Dinge sind sie alle; sie singen lustige Soldatenweisen, rauchen ihre Pfeifen und ihre Zigarren, lachen und schwatzen, als zögen sie hinaus zu einem ländlichen Volksfest. In Wirklichkeit aber ziehen sie hinaus, um die Lücken zu füllen, die das Feuer der Franzosen in die Reihen ihrer Kameraden gerissen hat. Sie sind Ersatztruppen, aber ich finde kein einziges Gesicht, das ein Vorgefühl des nahen Todes verrät. Den Kanonendonner hören sie deutlicher als wir, denn das Surren des Automobils übertönt alle anderen Laute. Aber sie scheinen an der dumpfen Musik Gefallen zu finden, und doch ist ihr Platz weit vor den Artilleriestellungen!
Wir rasen durch Dun. Man kann kaum von mehr als einer Straße in dieser kleinen, schön gelegenen Stadt an der Maas reden. Aber wie furchtbar ist sie verwüstet! Ein wehmutsvoller Trost, daß ihre Häuser von der eigenen Artillerie der Franzosen zusammengeschossen wurden, um den Deutschen den Aufenthalt in Dun so ungemütlich wie möglich zu machen. Dun ist jetzt Etappenort mit Etappenkommandantur, Etappenlazarett, Etappenmagazin und großem Lager von Waffen und Munition. Bis hierher reicht die Eisenbahn unter preußischem Betrieb; hier werden auch die Vorräte aus den Eisenbahnwagen umgeladen und vom Troß weiterbefördert.
Nun merkt man, daß wir uns dem Feuer nähern. Die ganze Straße wimmelt von Militär. Hier eine Schar Verwundeter, Kopf, Hand oder Arm verbunden; dort eine Munitionskolonne, eine endlose Reihe Wagen, sie sind voll beladen mit grober Munition, Granaten für die 21-~cm~-Mörser bei Septsarges und seine Nachbardörfer an der Front. Jedes Gespann von sechs Pferden samt dem zweiteiligen Munitionswagen erfordert sechs Soldaten. Drei reiten auf den linksgehenden Sattelpferden, zwei sitzen auf dem Bock der vorderen Wagenhälfte und einer nach rückwärts gewendet auf der hinteren Wagenhälfte. Sie haben Mauserpistolen links im Gürtel, die Säbel der Reiter sind links am Sattel befestigt. Was tut es, daß die Uniformen der Leute so schmutzig sind wie der Lehm und der Schlamm des Feldes; das ganze Gespann ist doch höchst malerisch mit seinen starken, schweren Geräten, seinen Deichseln, Lederriemen, Seilen und seinem ganzen Geschirr. Ein Reiter singt, ein anderer pfeift, ein dritter schreit ein widerspenstiges Nebenpferd an; hinten auf einem Wagen sitzen ein paar und drehen Zigaretten, bei der rumpelnden Bewegung des Wagens gar nicht so einfach. Zuletzt kommt die Feldküche der Mannschaft mit Proviant und einigen Bündeln Holz. Und immer klingt es in unsern Ohren, dies ewige »Tramp, Tramp«, wenn die Kolonnen vorbeiziehen, ein niemals versiegender Strom von Kriegern, Pferden, Proviant und Munition.
Endlich haben wir die Spitze der großen Kolonne erreicht. Hier reiten ein paar Offiziere, der Kolonnenführer und seine nächsten Leute. Sie grüßen. Kaum haben wir sie verlassen, da sind wir schon am Ende einer neuen Munitionskolonne; ihre Wagen sind mit je drei Soldaten bemannt und von vier Pferden gezogen, von denen nur das vordere linke beritten ist.
An den Straßenseiten fallen zahllose große, tiefe Löcher auf. Hier hat das Feuer ordentlich gehaust. Das sehen wir nur allzu gut, sobald wir wieder an die Maas herunterkommen, da, wo das Dorf Vilosnes so schlimm mitgenommen wurde. Aber mitten in der Verwüstung blüht das Soldatenleben: da halten Proviantkolonnen mit unzähligen Wagen, rasten große Abteilungen von Ersatztruppen, die sich ungeniert auf dem nassen Erdboden rings um ihre Gewehrpyramiden herum ausgestreckt haben, reiten Feldgendarmen in grünen Uniformen und werden die gefallenen Bagagepferde ersetzt, denn in Vilosnes haben die Deutschen ein Pferdedepot eingerichtet.
Nun donnern die Kanonen mächtig, und wir haben nicht mehr weit bis zu den deutschen Batterien. Noch ist keine Gefahr. Die unzähligen Granatlöcher um uns stammen nicht aus den letzten Tagen. Seitdem hier die Granaten fielen, sind die Deutschen weiter vorgerückt. Aber wir sind unmittelbar hinter den Feuerlinien; deshalb häufen sich hier alle Vorräte, die zur Ernährung von Menschen nötig sind, sowie Pferde, Kanonen und Gewehre. Mitten im Schlamm der Äcker, Felder und Wiesen haben die Proviantkolonnen und Feldlazarette ihre Biwaks. Nirgendwo auch nur ein handgroßer Fleck, wo man einen trockenen Schlafplatz für die Nacht herrichten könnte! Vermutlich schlafen die Leute auf den Wagen, soweit der Raum reicht. Abgehärtet und frisch wie sie sind, klagen sie nicht, sie singen nur.
11. Im Schrapnellfeuer.
Beim Dorf Dannevoux, das voller Ersatztruppen ist, kommen wir dem Feuer noch näher.
Sechs Kilometer weiter liegt Septsarges. Der Weg dorthin ist schon im Schußbereich der französischen Batterien, und von Zeit zu Zeit schlagen Granaten neben ihm ein. Aber wir fahren noch im Schutz einer schwachen Geländewelle im Süden, und es ist ein Glück, daß eine Panne uns zum Halten zwingt, während wir noch in Deckung sind; denn ein kleines Stück weiter vorn wird man von den französischen Beobachtungsposten gesehen und zieht dann mit aller Wahrscheinlichkeit das Feuer auf sich; die französische Artillerie ist so eifrig, daß sie ihre Munition auf einen einzigen Menschen verschwendet.
Das Auto ist wieder in Ordnung. »Schnell über die Höhe!« kommandiert Major Matthiaß. Leichter gesagt als getan, denn der Landweg ist schmal und ein vollständiges Moorbad, worin schwere Wagen bodenlos tiefe Furchen hinterlassen haben. Links im Süden werden zwei französische Fesselballons sichtbar; ein keineswegs behagliches Gefühl, denn sie stehen mit den Batterien unter ihnen in telephonischer Verbindung. Es wirkt auch gerade nicht ermunternd, am Wegrand Holzkreuze auf frischen Gräbern zu sehen. Dort im Graben ein totes Pferd -- der Granatlöcher sind schon so viele, daß wir ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenken -- neben der Straße eine Kolonne, die Hafer für die Pferde der Mörserbatterie gebracht hat. Schon sind wir in nächster Nähe der ersten Batterien mit je vier dieser gewaltigen Brummer. Zwischen zwei solchen Stellungen fahren wir während des Feuerns durch. »Laden!« kommandiert ein Hauptmann -- »Fertig zum Feuer!« -- gleich darauf »Feuer!« -- alle vier Schüsse gehen fast gleichzeitig los. Blitzschnell fährt ein Feuerbüschel aus der Mündung. Ein Schuß erdröhnt, daß man sich die Ohren zuhält und das Land ringsum erzittert, und dann hört man das eigentümliche, unheimliche Pfeifen, wenn die Projektile in die französischen Stellungen hinübersausen. Jeder Mörser hat einen Schutzschild; bei den Kanonen findet die Bedienung in Erdhöhlen Deckung, falls das Feuer der Franzosen der Batterie allzu hart zusetzen sollte.
In Septsarges standen auch die Feldküchen bereit mit ihren rauchenden Schornsteinen. Tagsüber wird das Essen gekocht, und sobald es dunkel ist, fahren die Feldküchen in die Nähe der Schützengräben, wobei sie immer soviel als möglich im Gelände Deckung suchen. Die Mannschaften in den Schützengräben wissen, wo die Küchen zu finden sind, und begeben sich im Schutz der Dunkelheit dahin, um sich ihre Blechtöpfe mit siedender Fleischbrühe füllen zu lassen.
Im Dorf erkundigten wir uns bei ein paar Offizieren nach dem Stand der Dinge und fuhren dann bis zu einem geschützten Platz, wo wir unsern Wagen verließen. Darauf gingen wir weiter hinauf nach Süden, wobei wir die nächste Mörserbatterie links und eine Position von Feldartillerie rechts hatten. Auch die Mannschaften der Feldartillerie hatten sich neben den Kanonen Erdhöhlen gegraben und mit Zweigen, Stroh und Laub gedeckt, um sich vor französischen Fliegern zu verbergen. Vom Automobil aus gingen wir etwa achthundert Meter auf das französische Feuer zu. Die Schützengräben sind zwei ziemlich parallel laufende, einige hundert Meter voneinander entfernte Linien. Hinter ihnen sind die Artilleriestellungen, ebenfalls in zwei fast parallelen Linien. Wir bewegten uns also jetzt zwischen den deutschen Artilleriestellungen und den deutschen Schützengräben, d. h. in dem Gebiet, das das Ziel der französischen Artillerie war. Wir beobachteten daher alle Vorsichtsmaßregeln, die sich aus dem Gelände ergaben. Unser Ziel war ein Beobachtungsstand oben auf der Anhöhe, wo ein paar Artillerieoffiziere unbeweglich wie Bildsäulen bei ihren auf Holzstativen ruhenden Scherenfernrohren standen. Sie leiteten das Feuer der Mörserbatterie und meldeten mittels Telephon, wo die Granaten einschlugen, ob die Schüsse zu niedrig oder zu hoch gingen, zu weit rechts oder zu weit links vom Ziel, das nach den Meldungen der Patrouillen und Flieger festgelegt wird.
Unten gingen wir noch einigermaßen sicher, da wir nicht von der französischen Front aus gesehen werden konnten. »Achten Sie auf die Telephondrähte!« rief Matthiaß, der an der Spitze ging, als wir einige Leitungen im Grase überschritten. Nun erreichten wir etwa die Mitte des Abhangs, wo uns die Franzosen von mehreren Punkten aus sehen konnten, und stiegen dann in einen langen Laufgraben hinab, der bis in die Nähe des Beobachtungspostens führte. Der Graben war wenig mehr als einen Meter tief und wir mußten stark gebückt gehen, um nicht gesehen zu werden. Infolge der Abschüssigkeit des Terrains war zwar das meiste Wasser abgelaufen, was aber noch vorhanden war, genügte, um den Boden des Grabens in einen graubraunen Lehmbrei zu verwandeln, worin man mit schweren Sohlen ausglitt und bis zur Mitte des Schienbeins einsank.
Die Beobachter stehen oben in ihren Mänteln auf der Spitze des Hügels, eine niedrige, kurze Brustwehr vor sich. Im allgemeinen ist man auf solch einem Punkt nicht gerade willkommen, denn man kann die Aufmerksamkeit der Franzosen wecken und die Beobachter in Lebensgefahr bringen. Sie grüßten denn auch nur kurz und fuhren fort, das französische Feuer zu beobachten, unbeweglich wie Bildsäulen. Wir gingen den letzten Abschnitt im Gänsemarsch, damit es wenigstens von den gerade gegenüberliegenden Batterien aus scheinen sollte, als käme bloß ein Mann und wir nicht zerstreut auf der Spitze des Hügels mehr Bewegung verursachten. Auf den Hacken sitzend, beobachteten wir das Land im Süden in der Richtung nach Malancourt und orientierten uns so gut es ging. Der Major erklärte gerade, welche Höhen, Wälder, Dörfer und Chausseen von den Deutschen genommen worden waren und wo die französischen Stellungen begannen, als ein Schrapnell in unserer unmittelbaren Nähe explodierte, gleich links von uns. »Deckung!« rief Major Matthiaß und warf sich der Länge nach hinter der Brustwehr nieder. Wir waren kaum seinem Beispiel gefolgt, als drei neue Schrapnells in etwas weiterer Entfernung niedergingen. Offenbar hatte uns der französische Beobachter doch gesehen und das Feuer einer Batterie gerade auf uns einstellen lassen. Wir hielten es daher für das klügste, einen sichreren Platz aufzusuchen. Zunächst gingen wir wieder zu der Mörserbatterie hinab. Während der nächste Schuß geladen wurde, entwarf ich die beigefügte, sehr unvollkommene Skizze, aber es verlangt wohl niemand, daß man Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit zu ausführlichen Zeichnungen hat, wenn man jeden Augenblick mit Schrapnells überschüttet werden kann. Das Bild zeigt das Mörserrohr, gesenkt zum Laden, rechts auf einer Trage ruht ein Geschoß.
12. Madame Desserrey.
Es war noch hell, als ich nach Stenay zurückkam. Am Eingang des Schlosses saß der Kronprinz und ruhte sich aus; er war eben vom Tagesdienst zurückgekehrt. Später machte ich noch einen Spaziergang durch die Stadt. Bei den Maasbrücken wurde ich von den Wachtposten angehalten, die mich bestimmt aber höflich aufforderten, meinen Ausweis vorzuzeigen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, daß ich ihnen verdächtig vorkam, da ich ein Skizzenbuch unter dem Arm trug. Bloß einer von ihnen, ein ehrenwerter Landwehrmann, erklärte querköpfig, mein Ausweis sei nicht genügend. »Also der Generalstabschef General Moltke imponiert Ihnen nicht?« »Nein, der Ausweis muß von der fünften Armee abgestempelt sein«, antwortete er. Ein paar Kameraden von ihm retteten die Situation, nachdem sie den Ausweis gelesen und versichert hatten, daß General Moltke ihnen genüge.
Nach einem kurzen Besuch im Lazarett, das in einer französischen Artilleriekaserne eingerichtet war, kehrte ich um und blieb erstaunt am Eingang eines Ladens stehen, in dem Soldaten aus und ein gingen. Da ich hörte, wie ein paar Soldaten verzweifelte Anstrengungen machten, sich mit den Inhaberinnen des Ladens zu verständigen, erbot ich mich zum Dolmetsch. Es war ein Geschäft für Damenartikel, Weißwaren, Schnürleiber, Spitzen, Taschentücher, Strümpfe, Parfüms, Seife und andere nützliche Toilettengegenstände. Die Inhaberin, Frau Desserrey, war seit drei Jahren Witwe und lebte mit ihren drei Kindern und einer Schwester von diesem kleinen Geschäft. Die Soldaten im Laden wollten Hemden kaufen, und Madame Desserrey wollte ihnen begreiflich machen, daß sie ihnen alles, was sie verlangten, nähen wolle, wenn sie ihr den Stoff dazu schafften. Mit diesem Bescheid waren die Soldaten zufrieden, kauften ein paar Schachteln Seife und zogen ihrer Wege. Ich fragte Madame Desserrey, ob der Krieg sie nicht ruiniert habe, doch hatte sie bisher noch keinen Verlust gehabt; sie hoffte, über den Herbst und Winter hinwegzukommen und bald den Krieg beendet zu sehen.
»Und wie finden Sie die deutschen Soldaten?« fragte ich.
»Sie haben mir und den Meinen nicht das geringste getan, sind immer höflich und nehmen sich nichts heraus. Was sie von meinem Lager brauchen konnten, haben sie gekauft und ehrlich bezahlt; ich könnte ein großes Geschäft machen, wenn ich nur neue Waren aus Luxemburg erhielte. Ich und noch drei andere sind die einzigen, die hier ihre Läden offenhalten; alle übrigen haben geschlossen und sind beim Herannahen der Deutschen geflohen.«
Im Laden standen zwei Strickmaschinen, daran saßen die achtzehnjährige Blanche Desserrey und ihre vierzehnjährige Schwester und strickten Strümpfe für die deutschen Soldaten, während ihr elfjähriger Bruder draußen auf der Treppe saß und dem Soldatenleben zusah. Fräulein Blanche war bezaubernd, sah aber leidend aus und hatte einen wehmütigen Zug in ihren schwarzen Augen und einen Hoffnungsanker an ihrer Brosche. Ich fragte sie, ob sie viele Freunde draußen im Krieg habe. Ja, antwortete sie und sie sehne sich nach ihren Freunden, die aus der Stadt geflüchtet seien. »Wie entsetzlich ist nicht dieser Krieg!« rief sie, »welches Unglück für alle!« Dann fragte sie, ob man auch heute an der Front hart kämpfe; sie hatte den Kanonendonner am frühen Morgen gehört. Ja, man kämpfte erbittert, Deutsche und Franzosen, und mancher tapfere und vielversprechende junge Mann starb für sein Vaterland. Fräulein Blanche nähte nicht nur für Soldaten, sie träumte auch die schönsten Träume, und ihr Herz war rein und ohne Falsch; sie war liebenswürdig und konnte obendrein lachen inmitten aller Einquartierungssorgen und beim Strümpfestricken, ja man merkte, daß sie die Freude zu den vergänglichsten Dingen in dieser Welt zählte. Die deutschen Soldaten, die hereinkamen, betrachteten sie mit Interesse und begegneten ihr achtungsvoll. Sie selbst versicherte, sie habe nie Anlaß gehabt, sich über ihr Benehmen zu beklagen; sie ahnte aber nicht, daß sie auch den Stärksten mit einem Blick ihrer Augen entwaffnen konnte.
»~Soyez comme l'oiseau,~ ~Penché pour un instant~ ~Sur les rameaux trop frêles,~ ~Il sent plier la branche,~ ~Mais il chante pourtant,~ ~Sachant qu'il a des ailes.~«
Blanche Desserrey hätte die Heldin eines rührenden Romans abgeben können!
Ich für meinen Teil hatte keine Zeit für Romane. Als ich auf die Straße hinaustrat, schlug die Uhr des Kirchturms ihre sechs alten französischen Schläge, und ich begab mich auf mein Zimmer, um einige Aufzeichnungen zu machen. Plötzlich klopfte es. »Herein!« rief ich mit Korporalstimme. Und herein trat der Kronprinz, mit einem großen Buche unter dem Arm. Ich bat meinen hohen Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen; dort saßen wir denn und plauderten, bis es Zeit wurde, sich für das späte Mittagessen zurechtzumachen.
Das Buch aber, das der Kronprinz gebracht hatte und das er mich bat, als Andenken zu behalten, hieß »_Deutschland in Waffen_« und enthielt, neben Beiträgen aus verschiedenen Federn, eine Reihe von hervorragend gut ausgeführten und wiedergegebenen farbigen Darstellungen der verschiedenen deutschen Truppengattungen im Dienst, im Manöver und im Krieg und der deutschen Kriegsflotte auf hoher See. Der Kronprinz selbst hat das Werk unter dem Beistand hervorragender Meister herausgegeben.
13. Morgengrauen.
_22. September._ Während des Essens machte mir der Kronprinz den Vorschlag, den Major Matthiaß zu begleiten, den der Dienst nach Eclisfontaine rief. Von dort aus sollte der Sturm auf Varennes und die umliegenden Dörfer unternommen werden, die die Deutschen schon einmal in Besitz gehabt, dann aber aus taktischen Gründen wieder geräumt hatten.
½4 Uhr wurde ich geweckt. Ich zündete mein Licht an, öffnete das Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es war pechdunkel, nur einige Sterne schimmerten durch die Baumkronen des Parks hindurch -- lautlose Stille, nur der langsame Schritt der Wachen war zu vernehmen.
Um 4 Uhr saß ich einsam beim Frühstück. Ein Soldat begleitete mich mit einer Laterne zur Wohnung des Majors Matthiaß, wo das Automobil mit einem jungen Leutnant und einem Soldaten wartete. Wir nahmen, in Pelze gehüllt, Platz und rollten zur Stadt hinaus. Vor uns her die hellen Lichtbündel des Scheinwerfers; in so früher Morgenstunde reichten sie aber nicht weit. Dichter Nebel lagerte auf der Erde. Wir fuhren daher behutsam, schon weil die Straße jetzt voll wandernder Kolonnen war. Der Verkehr auf der Etappenlinie funktionierte auch während der Nacht. Nimmt denn dieser ewige Zug niemals ein Ende? Wahrhaftig, Deutschland scheint unerschöpflich an lebender Kraft und Material.
In dem Nebel erscheinen die Bäume wie Spukgestalten, die Posten stehen. Noch seltsamer nehmen sich in dieser ungewöhnlichen, malerischen Beleuchtung die Kolonnen aus. Die Reiter, den Mantel über den Schultern, sitzen auf geduldigen, schnaufenden Pferden und träumen; einer nach dem andern taucht aus dem Nebel auf, je nachdem das Licht der Scheinwerfer auf sie fällt. Ein Pferd scheut vor dem Licht und vor dem Surren der Maschine, sein Reiter schreckt aus seinen Träumen empor; er schüttelt sich, setzt sich im Sattel wieder zurecht, und der Zug geht weiter. Neue Reiter tauchen auf, immer einer nach dem andern, unzählige Pferdehufe trappeln die Straße daher, und die Räder der schweren Bagagewagen knirschen und ächzen in dem Morast, der sich an ihnen festsaugt und in unförmigen Klumpen wieder herunterfällt.
Da wird neben der Straße ein rotgelber Schein sichtbar. Wir kommen näher -- er wird stärker und farbiger: es ist das Lagerfeuer eines Biwaks, von dem sich müde Soldatengestalten als scharfe Silhouetten abheben. Sie kochen etwas über dem Feuer, vielleicht Kaffee oder Tee, und mancher von ihnen raucht schon seine erste Pfeife. Ebenso dunkel und nebelverhüllt wie die Nacht, die sich noch um sie ausbreitet, ist das Geschick, das sie heute erwartet! Es liegt in der Luft, daß heute etwas bevorsteht, ein neuer Kampf an der Front. Aber für die Soldaten ist das nichts Neues, nichts Ungewöhnliches oder Aufregendes. Für sie ist es das tägliche Brot, denn an der Front wird immerfort gekämpft, und das Schicksal ruft sie hinaus in das Feuer. Vielleicht ist es ihnen bestimmt, gerade heute zu fallen und die Anzahl der Gräber und Holzkreuze an den Straßengräben zu vermehren. Vielleicht war diese dunkle Nacht die letzte in ihrem Leben! Zum letztenmal haben sie wenigstens gut geschlafen; das Biwakfeuer verbreitete eine freundliche und behagliche Wärme.
Neue Feuer werden sichtbar; um alle bewegen sich Gruppen von Soldaten, Soldaten und immer wieder Soldaten. An einer Stelle müssen wir eine Weile halten, da wir mit dem ungebärdigen Pferd eines Reiters zusammengeraten sind. Hier hören wir die kriegerischen Stimmen der Nacht von allen Seiten: das Knarren der Wagen, das Klirren der Waffen, das Getrampel der Pferde, die Unterhaltung der Mannschaften und die strengen Kommandorufe der Führer. Es sind Truppen, die an die Front marschieren.
14. Die »Brummer« bei Eclisfontaine.