Part 3
Als Wilhelm ~II.~ im Juni 1913 sein fünfundzwanzigjähriges Regierungsjubiläum als Deutscher Kaiser feierte, schrieb ich in einer deutschen Zeitung u. a. folgende Worte über ihn, die zum großen Teil bereits in Erfüllung gegangen sind: »Durch seine starke und mächtige Persönlichkeit drückt Wilhelm ~II.~ dem Zeitalter, dem er angehört, sein Gepräge auf. Bisher geschah dies im Zeichen des Friedens. Was die Zukunft im Schoße trägt, weiß niemand, aber so viel wissen wir, daß keine fremde Macht Deutschlands Ehre und Sicherheit zu nahe treten darf. Und wenn unfreundliche Götter einmal blutige Runen an seinen Himmel schreiben, dann wird der Kaiser tätig und impulsiv wie in den Tagen des Friedens seine Legionen ins Feuer führen, und die goldenen Adler seines Helms werden ihnen den Weg zu neuen Siegen zeigen.«
Es wird wohl auch für alle Zeiten in der Geschichte als unerschütterliches Faktum bestehen bleiben, daß Kaiser Wilhelm im Lauf eines Vierteljahrhunderts sein möglichstes tat, um die Unwetter des Krieges von Deutschlands Grenzen fernzuhalten. Mehr als einmal hat der Ausbruch eines Krieges an einem Haar gehangen, und alle sind darin einig, daß des Kaisers persönliches Eingreifen eine Katastrophe abgewendet hat. Noch vor nicht langer Zeit war der Weltkrieg näher als die Mitwelt ahnte -- auch damals gab die Friedensliebe des Kaisers den Ausschlag. Viele tadelten ihn deswegen und nannten seine Haltung unentschlossen und nachgiebig. Aber auch hier wird das Urteil der Geschichte zu seinen Gunsten ausfallen. Währenddessen rüstete sich Deutschland für die blutigen Ereignisse, an deren bevorstehendem Ausbruch kein klar sehender Mensch zweifeln konnte. Auf die Dauer war der Kampf für die Erhaltung des Friedens hoffnungslos. Das sah niemand deutlicher als der Kaiser selbst, und deshalb hat er während seiner ganzen Regierungszeit daran gearbeitet, die Streitkraft des Reiches zu Wasser und zu Land zu stärken. In dieser Stunde schwimmt die Flotte wie ein gigantisches Monument auf dem Meere, ein Monument der klugen und klaren Voraussicht ihres Urhebers. Denn der Kaiser selbst ist es, der im Verein mit seinem unübertrefflichen Großadmiral Tirpitz die schwimmenden Festungen geschaffen hat, ohne welche Deutschlands Lage verzweifelt gewesen wäre, als England mit seiner Kriegserklärung kam.
Gleich bei meiner Ankunft in Luxemburg hatte ich die Ehre, für den nächsten Tag 1 Uhr bei Kaiser Wilhelm zu Mittag eingeladen zu werden. Die meisten Gäste wohnten im Hotel Staar, und die Automobile sollten von dort rechtzeitig abgehen. Ich fuhr mit dem Generaladjutanten Exzellenz von Gontard. Der Kaiser wohnte im Haus des Deutschen Gesandten und hatte seine Privaträume eine Treppe hoch. Im Erdgeschoß war die Kanzlei, wo gewaltige Karten über die Kriegsschauplätze auf Staffeleien aufgestellt waren; daneben war der Speisesaal, ein ganz kleiner Raum.
In der Kanzlei versammelten sich die Gäste, alle in einfacher Uniform ohne allen Zierat. Ich selbst war in Alltagskleidung. Unter dem Gefolge des Kaisers fand ich ein paar alte Bekannte, den Generaladjutanten von Plessen und Admiral von Müller, der aus Smaaland stammt und so gut Schwedisch spricht wie Deutsch. Im übrigen bemerkte ich die Exzellenzen und Adjutanten von Treutler, Frhr. von Marschall, von Mutius, Generalarzt ~Dr.~ von Ilberg, den Fürsten Pleß und von Arnim. Wir waren also zehn Mann.
Punkt 1 Uhr wird die Tür des Vestibüls geöffnet, und Kaiser Wilhelm tritt mit festen, ruhigen Schritten herein. Aller Augen richten sich auf die mittelgroße, kraftvoll gebaute Gestalt. Es wird vollkommene Stille, man fühlt: eine große Persönlichkeit ist ins Zimmer getreten. Der ganze, sonst so anspruchslose Raum hat eine unerhörte Bedeutung erhalten. Hier ist die Achse, um die sich die Weltereignisse drehen. Hier ist das Beratungszimmer, von dem aus der Krieg geleitet wird. »Deutschland soll zermalmt werden«, sagen seine Feinde. »Magst ruhig sein«, sagt das deutsche Heer zu seinem Vaterland. Und hier steht in unserer Mitte sein oberster Kriegsherr, ein Bild der Mannhaftigkeit, Entschlossenheit und offenen Ehrlichkeit. Ihn umkreisen die Gedanken der ganzen Welt; er ist Gegenstand der Liebe, blinden Vertrauens, der Bewunderung, aber auch der Furcht, des Hasses und der Verleumdung. Ihn, der den Frieden liebt, umrast der größte Krieg der Geschichte, und um seinen Namen tobt der Kampf. Ein Mann, der in einem stammverwandten Reiche einen so unsinnigen Haß und so schändliche Schmähungen hat erwecken können, muß in Wahrheit ein sehr bedeutender Mann sein, denn sonst würden ihn seine Verleumder in Frieden lassen und die Schalen ihres Zornes über einen andern ausleeren, der mehr zu fürchten ist. Aber alles, was Verleumdung, Feigheit und Weiberklatsch ausdenken kann, ergießt sich über sein Haupt. Seine Absichten werden verdreht, seine Worte mißdeutet, seine Handlungen zu Verbrechen gestempelt. Aber in ganz Deutschland, im ganzen deutschen Heer erklingt sein Lob. Bei den Feldgottesdiensten und in allen Kirchen Deutschlands, an Wochen- und Feiertagen wird brünstig für sein Wohlergehen gebetet. »Magst ruhig sein!« können die Soldaten ihrem Kaiser sagen; und sie ihrerseits wissen, daß er niemals seine Pflicht versäumt, und daß er nie zurückweichen wird, ehe Deutschlands Zukunft gesichert ist.
Es ist kein Kaiser Karl ~V.~, kein Imperator, der in die Kanzlei tritt. Es ist ein Offizier in der denkbar einfachsten Uniform, einem kurzen, graublauen Waffenrock mit doppelten Knopfreihen, dunkeln Beinkleidern und gelben Feldstiefeln. Nicht einmal das kleine schwarz-weiße Band des Eisernen Kreuzes schmückt ihn. Aber es ist eine fesselnde und gewinnende Persönlichkeit, ein höflicher und freundlicher Weltmann. Seine scharfe Auffassung und sein glänzendes Charakterisierungsvermögen verraten den Beobachter und Künstler, sein kluges Sprechen den Staatsmann, seine energische Haltung, seine ausdrucksvollen Bewegungen und prächtigen Schlachtenschilderungen den Feldherrn, sein verbindliches Wesen Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit, und seine männlichen, befehlenden Worte den Herrscher, der an Gehorsam gewöhnt ist. Glücklich das Volk, das besonders in unruhigen Zeiten einen Herrscher besitzt, der das Vertrauen aller genießt, und an dessen Beruf niemand zweifelt.
Aber es ist auch ein Paar Augen, die eine wunderbar magnetische Kraft haben und alle fesseln, sobald der Kaiser hereintritt. Es ist, als würde der ganze Raum heller, wenn man den ruhigen blauen Augen des Kaisers begegnet. Seine Augen sind merkwürdig ausdrucksvoll. Sie erzählen vor allem von unerschütterlicher Willenskraft und eiserner Energie. Sie erzählen von Wehmut über die Blindheit derer, die nicht einsehen wollen, daß er nur das will, was Gott gefällig und seinem Volke nützlich ist. Sie erzählen auch von sprudelndem Witz, von durchdringendem Verstand, dem nichts Menschliches fremd ist, und von unwiderstehlichem Humor. Sie erzählen von Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe und einer Aufrichtigkeit, die niemals den Blick abirren läßt, der einem fest und unerschütterlich durch Mark und Bein dringt.
Das Gefühl von Verzagtheit, das man vielleicht gehabt hat, während man auf den mächtigsten und merkwürdigsten Mann der Erde wartete, verschwindet spurlos, sobald der Kaiser nach einem mehr als kräftigen Handschlag und herzlicher Begrüßung zu sprechen begonnen hat. Seine Stimme ist männlich, militärisch, er spricht außerordentlich deutlich, ohne eine einzige Silbe zu verschlucken. Er sucht nie nach einem Wort, sondern trifft immer den Nagel auf den Kopf, oft mit sehr kräftigem Ausdruck. Er begleitet seine Rede mit hastigen und ausdrucksvollen Bewegungen des rechten Arms, während der linke in Ruhe bleibt. Seine Rede fließt spannend und interessant dahin. Sie wird oft von blitzschnellen Fragen unterbrochen, die man sich bemühen muß, ebenso schnell und klar zu beantworten, und gelingt einem das, so kann man des Kaisers Zufriedenheit bemerken. Er ist äußerst impulsiv, und seine Rede ist eine Mischung von Ernst und Scherz. Eine kluge Antwort oder eine lustige Anekdote lösen bei ihm ein herzliches Lachen aus, das auch seine Schultern erschüttern kann.
Auf Befehl des Kaisers gingen wir in den Speisesaal. Admiral von Müller saß links, ich rechts von dem hohen Wirt, ihm gegenüber der Generaladjutant von Gontard.
Der Mittagstisch war einfach gedeckt. Der einzige Luxus war die goldene Klingel, die vor dem Kuvert des Kaisers stand, und mit der er klingelte, sobald ein neues Gericht hereingetragen werden sollte. Das Mittagessen war ebenso einfach: Suppe, Fleisch mit Gemüse, Nachspeise und Früchte mit Rotwein. Ich bin selten so hungrig gewesen, als nachdem ich von des Kaisers Tisch aufgestanden war! Nicht wegen der geringen Anzahl der Gerichte, sondern weil niemals eine Pause im Gespräch entstand, bis die Klingel zum letztenmal erscholl, alles sich erhob, und die feldmäßig uniformierten Lakaien unsere Stühle wegrückten. Der Kaiser sprach fast die ganze Zeit mit mir. Er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er beigewohnt hatte; Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe. Dann sprach er von der Weltlage und den Stürmen, die über Europa hinbrausen. Mich freute besonders, zu hören, mit welcher Achtung und Sympathie sich der Kaiser über Frankreich aussprach. Er beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen, und er hoffte, daß die Zeit kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten könnten. Auf dieses Ziel habe er sechsundzwanzig Jahre hingearbeitet, und er hoffe, daß eine ganz neue Ordnung der Dinge aus dem gegenwärtigen Krieg hervorgehen werde. Eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich werde mit Notwendigkeit ein unerschütterliches Bollwerk für den zukünftigen Frieden schaffen. Erst aber den Sieg über die unübersehbaren Heere, die vier Großmächte gegen Deutschlands Grenzen und die deutschen Besitzungen in fremden Weltteilen werfen, dann ein ehrenvoller und nach allen Seiten hin Sicherheit schaffender Friede und schließlich der große und festgebaute Weltfriede. Vor allem setzt der Kaiser sein Vertrauen in Gott, aber er verläßt sich auch blind auf das deutsche Volk und seine große, herrliche Armee. Er vertraut auf die glänzende Tapferkeit und die Todesverachtung der Soldaten und auf das Offizierkorps, das sie zu Wasser und zu Lande führt.
Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen als jetzt. Und niemand wird wohl glauben, daß ich die Verantwortung auf mich nehmen könnte, dem Kaiser andere Urteile in den Mund zu legen als die, die er wirklich gefällt hat und die ich selbst von ihm gehört habe. Das hieße die Gastfreundschaft, die ich an der Front genossen habe, übel lohnen.
Auf dem Tisch in der Kanzlei standen Zigarren und Zigaretten und ein brennendes Licht. Hier wurde die Unterhaltung lebhaft fortgesetzt, in Ernst und Scherz, Erzählungen von Kriegsgreueln und lustige Anekdoten wechselten ab, bis der Kaiser sich verabschiedete, mir eine glückliche und lehrreiche Reise wünschte und in seine Zimmer hinaufging, wo gewiß ganze Berge von Papieren und Briefen, Rapporten und Telegrammen ihn erwarteten.
Alles Gerede, daß der Kaiser unter dem Krieg gealtert sei, daß der Krieg mit all seiner Mühe und Unruhe seine Kräfte und seine Gesundheit verzehrt habe, ist Dichtung. Sein Haar ist nicht stärker ergraut als vor dem Krieg, sein Gesicht hat Farbe, und er ist so wenig abgezehrt und mager, daß er im Gegenteil von Leben und Kraft strotzt. Ein Mann von Kaiser Wilhelms Art ist in seinem Element, wenn die Macht der Verhältnisse ihn zwingt, alles was er besitzt und vor allem sich selbst zum Nutzen und zur Ehre seines Reiches einzusetzen.
8. Zur fünften Armee.
Der neue Begleiter, den mir General Moltke für die Fahrt in das Hauptquartier des Kronprinzen gegeben hatte, hieß Hans von Gwinner und war ein Sohn des großen Bank- und Bagdadbahndirektors in Berlin; lebhaft und energisch lenkte er selbst sein Automobil. Bald saß ich an seiner Seite, während der uns begleitende Soldat im Wagen Platz nahm.
In strömendem Regen ging es aus der Stadt hinaus. Der Weg war schlüpfrig, aber wir fuhren mit rasender Geschwindigkeit. Wir waren spät aufgebrochen und wollten noch vor Anbruch der Nacht ans Ziel kommen; sonst war man nicht sicher vor Franktireurs. Bei der fünften Armee hatte man neulich einen Trupp Franktireurs gefangen genommen und ohne Pardon erschossen.
Unser Weg führt nach Westen. Bei Redingen überschreiten wir die Grenze von Französisch-Lothringen. »Karabiner laden«, ruft der Leutnant hastig dem Soldaten zu. Ich sehe mich unwillkürlich um, vermag aber nichts Ungewöhnliches zu bemerken; es war auch nur eine Vorsichtsmaßregel, aber der Befehl klang eigentümlich, als ich ihn zum erstenmal hörte. Im ersten französischen Ort, Longlaville, sah man zahlreiche Spuren von deutschen Granaten, aber die Fabriken und ihre hohen Essen waren geschont. Auch in der Mitte und an den Seiten der Landstraße hatten die Granaten gewaltige Löcher gerissen, und so mancher Baum war von einem Kanonenschuß gefällt. Von einigen Häusern ist nicht viel mehr übrig als die Mauern; von andern hat ein Streifschuß nur das Dach weggerissen. Die Bahn an der Außenseite der Landstraße ist übel zugerichtet, und hier und da sind ihre Schienen wie Stahldraht aufgewickelt. Auf den Kirchtürmen ist oft das Dach abgedeckt, eine besondere Vorliebe der Franzosen, um offenen Spielraum für die Maschinengewehre und Beobachtungspunkte für die Offiziere zu schaffen, die die deutschen Artilleriestellungen und die Wirkung des französischen Feuers erkunden sollen.
»Wo geht der Weg nach Longwy?« fragt Gwinner. -- »Geradeaus.« Die Antworten sind stets höflich, wenn auch die Wut im Herzen klopft. Eins der beiden detachierten Forts von Longwy bleibt rechts liegen, und bald darauf sind wir in der kleinen Fabrikstadt, die in einem Tal gelegen und rings von Höhen umgeben ist. Auf einer dieser Höhen liegt die Festung Longwy, die gleich zu Anfang des Kriegs nach äußerst heftiger Beschießung von den Deutschen mit Leichtigkeit eingenommen wurde. Tot und verlassen sah die Stadt keineswegs aus, denn ein großer Teil der Einwohner war zurückgekehrt, nachdem der Krieg weiter nach Westen vorgerückt war, und das Leben fing wieder an so gut wie es ging in seine alten Bahnen zurückzukehren.
Vor der Stadt standen die nackten, schwarzen Mauern eines ausgebrannten Hauses; aus seinen Fenstern hatte man auf deutsche Truppen geschossen, die deswegen nach Kriegssitte das Gebäude in Brand steckten. Überall, wohin man sich wendet, Spuren des Kriegs: auf den Äckern und an den Grabenrändern fortgeworfene französische Tornister und Uniformstücke; im Straßengraben ein umgestürztes Automobil, rücksichtslos beiseite geschoben, um nicht den Verkehr zu stören; ein Stück weiter ein Motorlastwagen. Hier Trümmer von Gewehren und Munitionswagen, dort halbmondförmige Wälle zum Schutz für Feldkanonen. Ein Grab mit Holzkreuz, dann wieder eins -- eine ganze Reihe von Gräbern -- Soldatengräber! In der Mitte der Straße ein paar mit Regenwasser gefüllte Granatlöcher; sie können gefährlich werden, wenn man sie in der Schnelligkeit für seichte Pfützen hält; aber Gwinner kennt diese Straße schon. Rechts und links vom Wege tiefe, schmale Schützengräben mit kleinen Wällen als Brustwehr und Gewehrstütze. Die Soldaten sind jetzt fort, und stumm liegen diese Äcker, auf denen vor einem Monat 300000 Mann gekämpft haben! Auf manchem Feld wurde die Ernte von deutschen Truppen geborgen. An den Grabenrändern, in Wäldchen und Gebüschen sieht man niedrige, aus Zweigen und Ästen gebaute Hütten, in denen die französischen Soldaten vor Regen und Kälte Schutz suchten. Die deutsche Infanterie dagegen hat Zelte, und jeder Soldat trägt auf seinem Tornister eine Zeltbahn.
Unser Weg führt durch ein Stück Wald. Die Franzosen wissen ihre Stellungen in waldigem Gelände sehr geschickt zu halten. Sie verstecken Maschinengewehre in den Baumkronen. Von Flüssen durchzogene Täler und Waldgegenden betrachten daher die Deutschen als schwer zu erobern. Auf offenerem Gelände wie im mittleren und südlichen Frankreich läßt sich leichter im Sturm vorgehen.
Die Hauptstraße von Longwy sieht trostlos aus. Eine lange Strecke weit kein Haus mehr, nur Ruinen, Schutthaufen, nackte Mauern mit gähnenden Fensteröffnungen. Nur an den Brücken schultern deutsche Wachtposten ihr Gewehr, sonst kein Mensch! Die Stadt Noërs ist niedergebrannt und ihr Kirchturm zusammengeschossen, da ein Maschinengewehr von dem Platz aus gesungen hat, wo sonst die Glocken zum Abendgebet rufen. Aber nirgends Leichen, keine gefallenen Soldaten, keine toten Pferde; alle sind von den Deutschen begraben worden, damit sie nicht die Luft verpesten und Seuchen hervorrufen. Doch an die Heimsuchungen des Krieges erinnert noch genug. Längs einer Hecke eine Reihe Strohhütten, weiterhin umgeworfene Wagen, mit denen die Franzosen versuchten, die vortreffliche, zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzte Chaussee zu sperren. Nebenher läuft die Telegraphenlinie, die von den Verteidigern zerstört, dann aber wieder von deutschen Telegraphenarbeitern instand gesetzt wurde. --
In Marville wird der Verkehr lebhafter. Gleich neben der Straße auf einem Felde hat eine Proviantkolonne ihre mit bogenförmigen Zeltdächern versehenen Wagen im Viereck aufgestellt. Sie rasten, und die Leute haben ihre Lagerfeuer für die Nacht angezündet. Um die Wagenburg stehen Wachtposten.
Eine Strecke weiter hat wieder eine Proviantkolonne von einfacheren Wagen haltgemacht. Sie dürfen des Verkehrs wegen nicht auf der Straße halten; auch ist es leichter, eine gesammelte Kolonne zu bewachen und wenn nötig zu verteidigen. Hier überholen wir einen Motoromnibus mit Feldpost für die fünfte Armee; er donnert mit gewaltigem Lärm auf der harten Chaussee einher. Nun wird die Straße wieder von einer Proviantkolonne eingeengt, die noch in Bewegung ist. Da müssen wir langsamer fahren, damit die Pferde der eskortierenden Reiter nicht scheu werden und mit dem Auto zusammenstoßen. --
Schon haben wir Montmédy erreicht, dessen kleine Festung sich ergeben hat, ehe sie beschossen wurde. Bevor aber die Besatzung abzog, sprengte sie den Eisenbahntunnel, der durch den Berg führt. Die Deutschen gingen deshalb sofort daran, eine neue Eisenbahn um den Berg herum zu legen; mit diesem Bau waren französische Gefangene noch beschäftigt. Ein wunderlicher Anblick, diese Soldaten in ihren blauen und roten Uniformen arbeiten zu sehen, bewacht von deutschen Soldaten in feldgrauer Uniform und mit geschultertem Gewehr.
Gegen Abend klärt sich das Wetter auf, und die Sonne geht rot unter wie eine glühende Kugel. Ihre letzten Strahlen treffen einen Transport französischer Gefangener, die müde und gebeugt nach Montmédy wandern, bewacht von deutschen Soldaten.
Nun wird vor uns das Maastal sichtbar und die kleine Stadt Stenay.
9. Beim Kronprinzen.
Wir halten vor dem Haus des Armeeoberkommandos. Hier traf ich einen meiner Freunde aus dem Großen Hauptquartier, den Landrat und Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Maltzahn, der zu den persönlichen Freunden des Kronprinzen gehört. Er teilte mir mit, daß ich erwartet werde und mich beeilen müsse, um bis zum Abendessen um acht Uhr fertig zu sein. Wir fuhren also bis zu dem kleinen französischen Schloß, wo der Kronprinz Quartier genommen hatte.
Militärisch uniformierte Lakaien nahmen meine Bagage in Empfang und führten mich in mein Zimmer im ersten Stock, neben den Privatgemächern des Kronprinzen. Bald darauf klopfte der diensthabende Hofmarschall Kammerherr von Behr, ein freundlicher junger Mann von feinem und ansprechendem Aussehen, an meine Tür, um mich zum Abendessen zu holen. Wir gingen durch das obere Vestibül auf die Treppe hinaus und wurden von deren Absatz aus Zeuge einer schönen Zeremonie: Im Hausflur stand eine Anzahl Offiziere in einer Reihe, ihnen gegenüber etwa zwanzig Soldaten. Dann erschien der Kronprinz, groß, schlank, aufrecht, in weißem Waffenrock mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse und trat sichern Schrittes zwischen beide Reihen. Ein Herr des Gefolges trug ihm eine Schachtel mit Eisernen Kreuzen nach. Der Kronprinz nahm eins und überreichte es dem nächsten Offizier, dankte ihm für die Dienste, die er Kaiser und Reich geleistet habe, und gratulierte mit kräftigem Handschlag dem neu ernannten Ritter. Nachdem die Offiziere ihre Orden für bewiesene Tapferkeit erhalten hatten, kam die Reihe an die Soldaten; das Zeremoniell war dabei dasselbe wie bei den Offizieren.
Nachdem die Ritter des Eisernen Kreuzes fort waren, gingen wir ins Vestibül hinab. Hier kam mir der Kronprinz entgegen und hieß mich in seinem Quartier und auf dem Kriegsschauplatz herzlich willkommen. Bei dem Essen waren folgende Herren zugegen: der Chef des Stabs der fünften Armee, Exzellenz Generalleutnant Schmidt von Knobelsdorf, Kammerherr von Behr, Generaloberarzt Professor Widenmann, die Majore von der Planitz, Müller und Heymann, Leutnant von Zobeltitz und einige Mitglieder des Stabs, die von der Arbeit im Felde später zurückkehrten und am Ende des Tisches Platz nahmen.
Was man beim deutschen Kronprinzen ißt? Nun, hier ist der Speisezettel: Kohlsuppe, Pfefferfleisch mit Kartoffeln, Entenbraten mit Salat, Früchte, Wein, Kaffee und Zigarren. Und wovon spricht man an seinem Tisch? Nun, das ist kaum möglich zu erzählen, denn wir bewegten uns so gut wie über die ganze Erde. Der Kronprinz begann, wie der Kaiser, mit Tibet, und von da aus hatten wir ja bloß einen Katzensprung über den Himalaja bis zu den Palmen im Hugli-Delta, zu den Pagoden in Benares, zum silbernen Mond über dem Tadsch-Mahal, den Tigern in den Dschungeln und dem kristallklaren Widerhall der indischen Wogen an den Klippen von Malabar Point bei Bombay. Wir sprachen von alten, unvergeßlichen Erinnerungen, von gemeinsamen Freunden, die zu Feinden geworden. Und wir sprachen vom Krieg und seinen Greueln und von den furchtbaren Opfern, die er fordert. »Das hilft nichts,« sagte der Kronprinz, »das Vaterland fordert alles von uns, und wir wollen, wir müssen siegen, wenn auch die ganze Welt gegen uns zu Felde zieht.« --
»Ist es nicht wunderlich, daß hier eine so große Ruhe herrscht? Wir leben ja heute abend wie im tiefsten Frieden, und doch haben wir bloß ein paar Stunden Wegs bis zu den Feuerlinien!« sagt mein erlauchter Wirt, nachdem er einen kurzen, präzisen und befriedigenden Rapport angehört hat, den ein eingetretener Offizier mit lauter Stimme vortrug.
»Ja, Kaiserliche Hoheit, ich hatte mir das Oberkommando einer Armee wie einen summenden Bienenkorb vorgestellt und finde nun in Wirklichkeit nicht einen Schimmer von Unruhe oder Nervosität, überall nur Ruhe und Sicherheit. Was ich aber am liebsten sehen möchte, das wäre eine Schlacht, denn ich vermute, daß ich mir ebenso wie die meisten andern Laien eine ganz falsche Vorstellung davon mache.«