Ein Volk in Waffen

Part 2

Chapter 23,604 wordsPublic domain

Auch ein junger französischer Leutnant hatte, schwer verwundet, im Kurhaus Unterkunft gefunden. Mit welcher schändlichen Grausamkeit sollten nach den Meldungen der englischen Presse die Deutschen ihre französischen Gefangenen behandeln! Ich konnte daher dem Wunsche nicht widerstehen, mich zu erkundigen, was der Franzose selbst darüber zu sagen hatte. An seinem Zimmer war nichts auszusetzen, es lag unmittelbar gegenüber einem der sechs kleinen Räume, in denen König Wilhelm ~I.~ 1867-1887 Jahr für Jahr einige Zeit zubrachte. Der Verwundete wurde von einem deutschen Arzt gepflegt, der die besten Hoffnungen für seine Wiederherstellung hatte, und von zwei barmherzigen Schwestern, von denen die eine französisch sprach. Auf meine Frage, ob er mit der Pflege, die ihm in Deutschland zuteil wurde, zufrieden sei, antwortete der Leutnant aus überzeugtem Herzen heraus mit Ja!

Er lag in einem großen Bett, und sein Gesicht war kaum weniger bleich als die reinen weißen Bettlaken, aber er sah gut aus mit seinem kurzgeschorenen Haar, der edlen Nase, dem schwachen Schnurrbart über den feingeschnittenen Lippen, und seine schwarzen französischen Augen erzählten von Lebenslust und scharfem Verstand. Er berichtete, er sei im Juni von Guinea heimgekehrt und habe gerade vor der Hochzeit gestanden, als der Krieg ausbrach und ihn von der Braut und den Eltern wegriß. In dem Gefecht bei Rossignol in Belgien traf ihn die Kugel. Es war ein entsetzlicher Tag. Er kämpfte im Feuer der Granaten, Maschinen- und Handgewehre. Die Kugel drang ihm durch Knie und Unterschenkel. Er fiel und blieb die ganze Nacht auf dem Schlachtfeld liegen. Am nächsten Tag las ihn die deutsche Ambulanz auf, und er wurde etappenweise bis Ems befördert. Ende August war Kaiser Wilhelm in Ems gewesen, und als er erfuhr, daß ein verwundeter Franzose da sei, hatte er ihn besucht. Der Leutnant erzählte, der Kaiser habe sich in ausgezeichnetem Französisch nach seiner Verwundung und seinem Befinden erkundigt. Ich sagte ihm, ich würde wahrscheinlich binnen kurzem den Kaiser treffen und dann Seiner Majestät mitteilen, welchen Eindruck der hohe Besuch auf den Verwundeten gemacht habe. Als ich mich später des freiwillig übernommenen Auftrags entledigte, zeigte sich, daß der Kaiser sich sehr wohl des französischen Leutnants erinnerte und sich über seine voraussichtliche Genesung freute.

Schließlich fragte ich den Kranken, ob ich ihm einen Dienst erweisen könnte, soweit das von den deutschen Behörden erlaubt sei. Er schien auf diese Frage gewartet zu haben. Tag und Nacht hatte er über dem einzigen Gedanken gebrütet: wie können meine Eltern und meine Braut erfahren, daß ich lebe und es mir gut geht? ich bin ja in Feindesland und habe keine Postgelegenheit! Ich bat ihn um seine Adresse, und er schrieb in mein Tagebuch: ~Monsieur Verrier-Cachet, Horticulteur, 52 Rue du Quinconce, Angers, Marne et Loire~. Bald darauf saß ich an einem Schreibtisch, berichtete auf offener Postkarte und in deutscher Sprache das Schicksal des Leutnants Verrier und schickte die Karte an meine Familie in Stockholm, die durch Vermittlung des französischen Gesandten die Nachricht an obenstehende Adresse befördern sollte. Und daß die Nachricht ans Ziel kam und große Freude bereitete, das weiß ich; denn ich habe später aus Verriers Elternhaus die herzlichsten Grüße erhalten.

Oft bin ich seither schweren und zögernden Schritts durch Feld- und Kriegslazarette gewandert, besonders durch die Säle, in denen verwundete Franzosen, Engländer und Belgier lagen und die langsam verrinnenden Stunden zählten. Wie leicht hätte ich, der ich meine Freiheit und gesunde Glieder hatte, Postkarten in die Welt hinausschicken und sehnsüchtig Harrende von ihrer Unruhe erlösen können! Nichts ist so peinigend und schwer zu tragen wie die Ungewißheit über das Schicksal derer, die man liebt. Wenn in der Verlustliste der Name eines Sohnes, Bruders oder Ehemanns unter den Vermißten steht, ist das Leid für die Daheimgebliebenen größer, als wenn er gefallen wäre. Zwar besteht noch die Hoffnung, daß er am Leben sei, aber sie wird von unheimlichen Vorstellungen verdrängt: man sieht ihn verwundet, verblutend, einsam und verlassen in Nacht, Kälte und Durst. Oft habe ich mir Vorwürfe gemacht, daß ich solche Postkarten nicht schrieb. Aber ich tröstete mich damit, daß ich einmal kein Recht dazu hatte, mich in die Bestimmungen hineinzumischen, die die deutschen Militärbehörden über die Verbindung Verwundeter mit ihrer Heimat getroffen hatten, und dann waren ihrer auch allzu viele. Immer sah ich schon am Abend des Tages ein, daß das Wirken als barmherziger Bruder eine hoffnungslose Aufgabe gewesen wäre. Übrigens wurde vom Beginn des Oktober an allen Gefangenen, also auch den Verwundeten, der Briefwechsel mit ihrer Heimat gestattet, nachdem die französische Regierung den Grundsatz der Gegenseitigkeit anerkannt hatte. --

Wir betrachteten noch den Denkstein, der an die bedeutungsvolle, feste Antwort erinnert, die König Wilhelm am 13. Juli 1870, 9 Uhr 10 Minuten vormittags dem französischen Minister Benedetti gab, jene Antwort, die der Anlaß zum Französisch-Deutschen Kriege wurde. Und nun nach 44 Jahren standen wir wieder am selben Fleck! Nun war der Revanchegedanke zum Ausbruch reif geworden -- soweit nicht andere böse Mächte Frankreichs Sehnsucht nach Rache für Elsaß-Lothringen benutzt haben, um selber daraus Vorteil zu ziehen und den Aufschwung aufzuhalten, den Deutschland inzwischen genommen hat. Denn ich habe genaue Kenner versichern hören, daß der Revanchegedanke in weiten Kreisen des französischen Volkes mit den Jahren im Abnehmen begriffen war. Eine nahe Zukunft wird entscheiden, wen die Verantwortung dafür trifft.

4. Feldpostbriefe.

Der Rhein in seiner gewaltigen Pracht. Wir kreuzen ihn auf einer langen Pontonbrücke, auf der die Wachtposten zahlreicher als sonst stehen, und sind in Koblenz. Da, wo die Mosel in den Rhein mündet, steht ein Reiterdenkmal des alten Kaisers Wilhelm; der Sockel trägt die denkwürdigen Worte: »_Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu._« Heute bewahrheitet sich dieses Wort vor Deutschland und der ganzen Welt.

Die Straße führt uns auf das rechte Ufer der Mosel, wo eine Steinbrücke in schönem Bogen von Ufer zu Ufer führt und ein paar Moseldampfer unter der Roten Kreuz-Flagge verankert liegen. Ein Gewirr von engen Gassen, wimmelnd von Straßenbahnen, Droschken, Karren und Volk und vor allen Dingen von deutschen Soldaten. Die Landschaft liegt unbeschreiblich schön an diesen ewigen Flußwindungen; eine Stadt nach der andern lugt hinter den Vorgebirgen hervor, und graue Häuser mit ihren schwarzen Schieferdächern und schöne Kirchen lösen sich von dem grünen Hintergrund.

Schließlich erreichen wir Treis, wo eine lustige Fähre, wie ich sie von den sibirischen Flüssen kenne, uns auf das linke Ufer hinüberführt. Dort setzten wir unsere schnelle Fahrt fort. Wir kamen an mehreren Militärzügen vorüber und begegneten auch einem Lazarettzug, dessen beide erste Wagen verwundete Franzosen beherbergten, die übrigen deutsche. Den Franzosen ging es weder besser noch schlechter als den Deutschen. Alle lagen auf Stroh. Die Schiebetüren in diesen zum Lazarett eingerichteten Güterwagen standen offen, um den Kranken frische Luft zu verschaffen.

In der Stadt Eller rasten wir einige Zeit in einem Wirtshaus, dessen Wirt, Herr Meinze, uns mit allem unterhält, was er vom Krieg weiß. Sein Töchterchen springt davon und bringt einen Brief, der eben vom Sohn der Familie angelangt ist, einem zweiundzwanzigjährigen Potsdamer Garde-Ulanen. Der Briefschreiber beklagt sich, daß er einen Monat lang kein Wort von zu Hause gehört habe. Er sei in einem Gefecht gewesen, in dem ein französischer Flieger eine Bombe auf eine Batterie herabwarf, drei Mann tötete und zwanzig verwundete. Über seine englischen Gegner spricht er mit großer Verachtung. Er vergißt, daß, man mag über die englische Leitung sagen was man will, die Soldaten doch tüchtig sind, große persönliche Tapferkeit zeigen und sich mit Löwenmut und Todesverachtung schlagen. Seinen Brief beginnt er mit den Worten: »Liebe Eltern und Schwester«, und am Schluß gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland bald mit seinen Feinden fertig werden möge. Der bezeichnende Zug all dieser Feldpostbriefe ist die unbefangene Beurteilung der Lage und der blinde Glaube der Soldaten an die unüberwindliche Macht des Heeres und den schließlichen Sieg. Wenn ich falle, das bedeutet nichts -- ob ich bei dem Triumphzug der heimkehrenden Krieger durch das Brandenburger Tor dabei bin oder nicht, was tut's? -- aber Deutschland soll siegen, wenn nicht früher, doch sobald die Frühlingsblumen aus meinem Grab hervorwachsen!

5. Verwundete und Gefangene.

Der nächste Weg nach Trier. -- »Nach Wittlich?« fragt Rittmeister von Krum in einem Dorf, als er des Wegs nicht sicher ist. -- »Nach Paris!« antworten ein paar muntere Mädchen, die uns die Richtung zeigen. Als wir endlich vor dem »Trierischen Hof« in Trier haltmachten, war es bereits dunkel. Wir waren durchnäßt und wollten uns nur trocknen, um dann die Reise nach Luxemburg fortzusetzen. Da aber der unbarmherzige Regen mehr zu- als abnahm und in Luxemburg kein Zimmer zu bekommen war, beschlossen wir, zu bleiben, wo wir waren. Im Restaurant wimmelte es von Offizieren, und auf den Straßen gingen die Soldaten in ihren grauen Mänteln. »Wo ist das Große Hauptquartier?« fragten wir bald hier, bald da. Keiner wußte es. Einige meinten, es sei in Luxemburg, andere, es sei nach Belgien verlegt. Nun, dachten wir, wir werden schon allmählich hinkommen.

Im »Trierischen Hof« waren wirklich noch ein paar Zimmer frei, in denen wir es uns bequem machten. Mein prächtiger Freund Krum erzählte mir, daß in Kriegszeiten alle Offiziere das Recht haben, sich einzuquartieren, wo sie wollen. Ein Zimmer mit Frühstück soll kostenlos zu ihrer Verfügung stehen; Mittagessen und sonstige Beköstigung müssen sie bezahlen. Der Offizier hat nur eine gedruckte Quittung auszufüllen, die er dem Wirt beim Aufbruch statt klingender Münze übergibt. Gegen diese Quittung bekommt der Wirt von der betreffenden Militärbehörde sein Geld, doch nicht die gleiche Summe wie in Friedenszeiten, denn die Taxe wird niedriger angesetzt als unter normalen Verhältnissen. Dasselbe gilt von Pferden, Wagen und allem, was im Krieg gebraucht wird; es wird von besonderen Kommissionen abgeschätzt und mit Quittungen bezahlt. In Trier war kein Auto aufzutreiben, nicht einmal eine Droschke, da alle Pferde fort waren. Als daher unser Wirt ein Telegramm erhielt, sein leicht verwundeter Sohn sei gegen 3 Uhr nachts zu erwarten, konnte er kein Fahrzeug auftreiben, um ihn abzuholen. Unser Automobil durften wir ihm nicht leihen; schließlich fand er das Auto eines Arztes und traf seinen Sohn bei ganz gutem Humor.

In besserem Gang waren die Straßenbahnen, und einer solchen bedienten wir uns, als wir am Abend die Horn-Kaserne aufsuchten, in der sonst das Infanterieregiment Nr. 29 von Horn liegt. Jetzt war das ganze Regiment im Feld und die Kaserne ein Lazarett. Sie kann tausend Soldaten aufnehmen, aber nur fünfhundert Verwundete, denn diese brauchen mehr Raum und Platz für Ärzte und Krankenwärter; außerdem werden mehrere Zimmer als Operationssäle, Baderäume usw. in Anspruch genommen. Bei unserem Besuch waren nur 220 Plätze belegt; 150 von ihnen hatten Franzosen inne. Sechs Ärzte und ein Oberarzt, dazu eine ganze Schar von Rote-Kreuz-Schwestern pflegten die Verwundeten.

Mit einigen jungen Ärzten schritten wir durch einen langen Korridor und besahen zunächst einige Operationssäle, die beim Ausbruch des Krieges in aller Eile hergerichtet und dann, soweit möglich, ganz modern ausgerüstet worden waren. Die Operationstische standen in der Mitte der Zimmer, die Wasserleitungen, Becken, Apparate, eine Masse chirurgischer Instrumente, alles in bester Ordnung. Wände und Boden dieser Säle waren mit Ölfarbe gestrichen. Es wurden hier im Durchschnitt fünfzehn Operationen am Tage vorgenommen. Ähnlich waren mehrere andere Kasernen in Trier in Krankenhäuser umgewandelt worden.

Dann betraten wir einen großen Saal mit deutschen Verwundeten. Alle waren vergnügt und munter, befanden sich vortrefflich und konnten sich keine sorgsamere Pflege denken, als sie in diesem Lazarett erhielten. Nur wurde ihnen die Zeit allzu lang; sie mußten immer an ihre Kameraden in den Schützengräben denken, sehnten sich in den Krieg zurück und hofften, bald wieder auf die Beine zu kommen, d. h. diejenigen, die wußten, daß sie nicht Krüppel fürs Leben waren!

In einem andern Saal wurden französische Soldaten gepflegt. Auch hier unterhielten wir uns mit einigen Patienten. Sie waren alle höflich und mitteilsam, ließen aber den fröhlichen Lebensmut der Deutschen vermissen, was ja auch kein Wunder war, da sie sich in Feindesland befanden und von aller Verbindung mit der Heimat abgeschnitten waren. Einer von ihnen war bei Rossignol verwundet worden, wie Leutnant Verrier, den er aber nicht kannte. Er hatte einen Schuß durch die linke Hand und durch das linke Bein, das der Arzt hatte amputieren müssen. Bei seiner Verwundung hatte er die Kraft und die Geistesgegenwart gehabt, bis zu einem Graben zu kriechen, wo er vor Wind und Wetter und Feuer geschützt war; einige Fetzen aus seinem Mantel hatte er um seine Wunden gewickelt. Tags darauf fanden ihn deutsche Sanitätssoldaten, legten ihm den ersten ordentlichen Verband an und trugen ihn ins nächste Feldlazarett, von wo er vor kurzem mit der Eisenbahn ins Trierer Kriegslazarett transportiert worden war.

Der andere Soldat hatte zwei Nächte auf dem Feld gelegen und unsagbar an Durst gelitten. Einige Male hatten Deutsche, die an ihm vorüberkamen, ihm Wasser und Schokolade gegeben. Schließlich hatte man Gelegenheit gefunden, ihn in das Verwundetenlager zu bringen. Wie sein Kamerad sprach er seine Dankbarkeit aus über die Behandlung, die ihm in Trier zuteil wurde, und aus mehreren Betten in der Nachbarschaft erscholl Zustimmung. Die beiden deutschen Ärzte, die uns begleiteten, erzählten, die französischen Verwundeten wollten gewöhnlich das Lazarett nicht verlassen, da sie wie einfache Gefangene behandelt werden, sobald sie wieder auf die Beine gekommen sind. Diese Auffassung ist ganz natürlich und wird sicher von allen Verwundeten geteilt, welcher Nation sie auch angehören mögen, denn es ist behaglicher, in seinem warmen Bett zu liegen und auf alle Weise gepflegt zu werden, als in einer Baracke zu wohnen oder in einem Gefangenenlager inmitten von Senegalnegern, Marokkanern und Indern!

Schließlich kamen wir in ein Zimmer, in dem drei französische Offiziere lagen. Einer von ihnen, der einen Lungenschuß hatte, schlief gut und ließ sich durch unsere Unterhaltung nicht stören. Der andere hatte einen gefährlicheren Lungenschuß, wurde immer von einem bösen Husten geplagt, der ihm bei jedem Anfall den Kopf vor- und rückwärts warf. Sein Zustand wurde für kritisch angesehen; auch wenn man die Adresse seiner Angehörigen gewußt hätte, wäre es keine Freude gewesen, sie von seinem Befinden zu unterrichten. Der dritte, ein großer, wohlbeleibter Kapitän, hatte mehrere Jahre im südlichsten Marokko Dienste getan und war an Kämpfe mit den Tuaregs in der Sahara gewöhnt. Aber dieser Krieg war doch etwas ganz anderes. »~Terrible!~« Von seiner afrikanischen Garnison her war er in diesen furchtbaren Krieg gerufen worden. In einem Gefecht in Belgien hatte eine Kugel ihm den rechten Fuß zerschmettert, während eine andere ihm ein paar Finger abriß. Er meinte sich zu erinnern, daß ihm bereits auf dem Schlachtfeld seine Wunden von deutschen Sanitätssoldaten oder Ärzten sorgsam verbunden worden seien; dann war in einem Feldlazarett sein Verband erneuert worden. Als verhältnismäßig Leichtverwundeten hatte man ihn nach Luxemburg gebracht und jetzt nach Trier. Wahrscheinlich wußte er, daß er, sobald er geheilt war, mit all den Vorteilen seines Ranges in Gefangenschaft gehalten und außerdem die Hälfte des Soldes bekommen würde, den er in seiner Heimat bezog. Nun lag er da, der Kapitän mit den freundlichen Augen, der Adlernase und dem Vollbart, und versicherte jovial und gutmütig, daß er über absolut nichts zu klagen habe, nur über das Geschick, das ihm versage, noch weiter für sein Land zu kämpfen. Aber er trug sein hartes Schicksal als Philosoph und als Mann. Ein Lächeln umschwebte seine Lippen, und er war dankbar für die Hilfe, die er empfing, und für das Interesse, das ihm die unbekannten Gäste erwiesen.

Die jungen Ärzte, die uns führten, berichteten, daß die deutschen Soldaten sich immer und ohne Ausnahme an die Front zurücksehnten, soweit ihr Zustand solche Gedanken nicht einfach unmöglich machte. Bei den Franzosen sei die Stimmung eine andere: »Alles -- nur nicht zurück an die Front!« Auch das ist aus psychologischen Gründen ganz natürlich. Nichts drückt den Soldaten so nieder und demoralisiert ihn so, wie eben die Gefangenschaft. Er spielt die Rolle des Schwächeren, er lebt ausschließlich von der Gnade anderer, seine Kraft ist erschöpft, seine Initiative gelähmt und seine Kampflust vergebens. Da sagt er, um persönliche Vorteile zu gewinnen und aus einer an und für sich widrigen Situation das Beste herauszuschlagen, manches, was er jenseits der Feuerlinie niemals gesagt hätte. Deshalb würde man jedem Heere unrecht tun, wenn man seinen Kampfwert nach den Aussagen der Gefangenen beurteilen wollte.

Hierin findet man vielleicht auch die Erklärung für das Faktum, daß in dem Trierer Lazarett, wenigstens in der Horn-Kaserne, die Sterblichkeit unter den Franzosen viel größer war als unter den Deutschen. Die Wunden der Deutschen heilen leichter und schneller als die der Franzosen, und das psychologische Moment ist dabei von unverkennbarer Wirkung. Der deutsche Soldat kann Zeitungen lesen und mit seinen Angehörigen Briefe wechseln. Der französische Soldat ist ganz und gar von der äußeren Welt abgeschnitten, ein Nachteil, von dem bis Ende September auch die in Frankreich gefangenen Deutschen betroffen wurden. (Vergl. oben S. 18.) Und ein Gefangener, der nichts von dem Gang des Kampfes erfährt, leidet doppelt unter dem Eindruck, besiegt zu sein. Diese trostlosen Gedanken wirken auf seinen Zustand zurück und vermindern seine Widerstandskraft, er wird Fatalist und vermag nicht gegen den Tod anzukämpfen. Er gibt alles verloren und hofft nicht einmal auf Wiederherstellung und Heimkehr.

6. Im Hauptquartier.

Als wir am Morgen des 18. September Trier verließen, waren wir über die geographische Lage des Hauptquartiers genau so wenig unterrichtet wie in Berlin. Wieder fuhren wir über die Mosel und warfen einen Blick hinauf auf die Höhen, wo am 4. August Franzosen in Zivil den Luftschiffern, die die deutsche Mobilisierung erkunden wollten, Lichtsignale gegeben hatten. Bei der Flugstation machten wir halt und betrachteten die »Tauben« in ihrem »Taubenschlag« von Zelttuch.

Dann nehmen wir Abschied von der Mosel. Links haben wir bereits die Straßen nach Metz und Saarbrücken hinter uns, und nicht weit nach Süden liegt die Grenze Lothringens. Hinter Wasserbillig kreuzen wir den kleinen Fluß Sauer und sind damit im Großherzogtum Luxemburg. An einem Eisenbahngleis hält uns ein unendlich langer, leerer Zug auf; er fährt nach Deutschland, um Soldaten zu holen. Das Volk in Luxemburg mustert uns mit gleichgültigen Blicken. Es ist vorbei mit dem Grüßen und freundlichen Winken. Hier grüßt niemand, und niemand verrät seine Gedanken -- freundliche Gedanken können es gerade nicht sein.

Schließlich schlängelt sich unser Weg in ein schönes Tal hinab. Auf dessen Grund liegt ein Teil der kleinen und lieblichen Stadt Luxemburg.

Nunmehr aber beginnen wir zu suchen, denn ohne Zweifel ist hier das Hauptquartier. Wachtposten mit geschultertem Gewehr stehen an den Eingängen zu allen Hotels, überall werden Soldaten sichtbar, Offiziere eilen in Automobilen vorüber. Auf einem Markt sind große Zelte für Pferde aufgeschlagen, und vor ihnen stehen pfeiferauchende Wachtposten. Und auf einem andern Markt stehen ganze Reihen von Kraftwagen, beladen mit Benzin und Öl in zylindrischen Gefäßen.

Bei unsern Nachforschungen müssen wir die militärische Ordnung beobachten und fahren daher auf das Haus zu, wo der Generalstab sich einquartiert hat, und das unter gewöhnlichen Verhältnissen eine Schule ist. Krum geht hinauf und kommt bald mit dem Bescheid zurück, daß wir uns bei Oberstleutnant von Hahnke zu melden haben. Der schickt uns zum Generalstabschef Exzellenz von Moltke, der eben mit seiner liebenswürdigen schwedischen Gemahlin am Mittagstisch im »Kölnischen Hof« sitzt. Frau von Moltke steht im Dienste des Roten Kreuzes und war in dieser Eigenschaft zu kurzem Besuche in Luxemburg eingetroffen. An ihrem Tische fühlte ich mich fast wie daheim, ich war ja so oft in ihrem gastfreien Hause in Berlin gewesen. Ruhig, als wäre er im Manöver, zündete sich der General seine Zigarre an und unterrichtete sich genau über meine Pläne und Wünsche. Ich möchte die Front sehen, erklärte ich ihm, soweit mir das überhaupt erlaubt werden könne, und ich hätte die Absicht, zu schildern, was ich mit eigenen Augen vom Krieg sehen würde. Wenn möglich, wollte ich einen Eindruck von einer modernen Schlacht gewinnen; auch hoffte ich Gelegenheit zu finden, die okkupierten Teile von Belgien zu besuchen.

Der General dachte eine Weile nach. Die Erlaubnis zum Besuch der Front hatte ich bereits erhalten; es blieb also nur noch zu bestimmen, wo ich am besten meine Studien beginnen konnte. Die Armee des Kronprinzen war die nächste und in ein paar Stunden zu erreichen. Der General erklärte sich also bereit, alles für meine Reise ordnen zu lassen; binnen kurzem sollte ich über das Programm näheres hören. »Sicher sind Sie natürlich nicht innerhalb des Operationsgebietes, es ist nicht weit bis dahin, wenn Sie genau aufpassen, hören Sie den Kanonendonner von Verdun.«

Im Lauf des Tages wurde mir ein vom Generalstabschef unterzeichneter »Ausweis« zugestellt. Er enthielt die Erlaubnis, dem Gang der Ereignisse bei den verschiedenen Truppenteilen des Heeres beizuwohnen, ferner die Bitte an alle Kommandobehörden, mir das weiteste Entgegenkommen zu bezeigen und mich mit Rat und Tat zu unterstützen. Dieses Papier war ein »Sesam öffne dich«; es gab mir fast unbeschränkte Bewegungsfreiheit.

Das Große Hauptquartier ist das Herz der Armee, oder richtiger sein Gehirn; hier werden alle Pläne entworfen, von hier gehen alle Befehle aus. Ähnlich verhält es sich auch in Frankreich, Rußland und Österreich. Deshalb ist das Große Hauptquartier ein unerhört verwickelter Apparat mit einer im voraus bis ins einzelne festgestellten Organisation. Wenn sich so ein Apparat in einer kleinen Stadt wie Luxemburg niederläßt, werden alle Hotels, Schulen, Kasernen, alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser für die Einquartierung in Anspruch genommen. Das Land, das Gegenstand der Invasion ist, kann nichts tun, als sich in sein Schicksal finden. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles wird nach dem Krieg ersetzt. In einem Hotel war das Kriegsministerium einquartiert, in einer Schule der Generalstab, in einem Privathaus das Bureau des Automobilkorps usw. General Moltke wohnte im »Kölnischen Hof«, der Reichskanzler und der Minister des Äußeren in einem äußerst eleganten Privathaus, die meisten Herren vom Stab und vom Gefolge des Kaisers im Hotel Staar, wo auch mir ein Zimmer zur Verfügung stand.

Wenn ich mich aus leichtbegreiflichen Gründen nicht weiter beim Großen Hauptquartier aufhalten kann, so muß ich doch etwas über Einen Mann sagen, den ich dort traf, und den ich für eine der größten und merkwürdigsten Gestalten der Geschichte, den mächtigsten und imposantesten Herrscher unserer Zeit, und außerdem für einen der genialsten und interessantesten Menschen halte.

7. Der Kaiser.