Part 16
Das Musikkorps spielte eine Hymne, deren prachtvolle, festliche Töne in der Kirche widerhallten. Ein Quartett stimmte das ~Ave verum corpus natum~ an, und schließlich sang die Gemeinde den Choral:
Großer Gott, wir loben dich. Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich Und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, So bleibst du in Ewigkeit. --
Der Gottesdienst war zu Ende, und die Soldaten gingen hinaus, an der kleinen Jungfrau von Orleans vorüber, die ihnen dank Schillers herrlichem Gedicht keine Fremde war. Gewiß durften die Lichter vor ihr brennen -- sie hatte ja die Engländer besiegt. Jetzt wurden sie schnell ausgelöscht, und sie stand wieder einsam träumend und still.
47. »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!«
Eine blutige Erinnerung aus dem Französisch-Deutschen Krieg ist mit Bapaume verknüpft. Am 3. Januar 1871 griff General Faidherbe an der Spitze des ~XXII.~ und ~XXIII.~ Armeekorps General Goeben an, der die 15. Division kommandierte, die 3. Kavalleriedivision und ein kombiniertes Detachement unter Prinz Albrecht. Die deutsche Truppenstärke, wenig mehr als 15000 Mann und 84 Kanonen, war kaum halb so groß wie die französische, zwang jedoch Faidherbe nach neunstündigem Kampf, sich auf Arras und Douai zurückzuziehen.
Nun waren seitdem 44 Jahre vergangen, und Bapaume war wieder in den Händen der Deutschen. Mitten auf dem Markt hatten die Franzosen eine Statue Faidherbes errichtet, ein würdiges Denkmal einer glänzenden Laufbahn. Mehrere Male hatte ihm sein Vaterland die Lösung dringender Aufgaben anvertraut, daheim auf Guadeloupe, in Algier, Senegal, Kabylien, und schließlich war er im November 1870 von Gambetta zum Chef der Nordarmee ernannt worden. Mut, Zuversicht, Initiative und glühender Eifer fehlten ihm nicht, aber gegen die systematisch ausgebildete deutsche Armee vermochte er mit seinen Miliztruppen nichts auszurichten.
Faidherbe überlebte seine Mißerfolge lange, er starb in Paris erst 1889, nach achtzehn Jahren des Grams darüber, daß sein Feldherrntalent nutzlos vergeudet worden war, und zwar durch Verblendung und Unkenntnis der Volksvertreter, die ihr Land an den tiefsten Abgrund nationalen Unglücks führten, dessen unsere Zeit Zeuge gewesen ist.
Da steht er nun in Bronze auf seinem weißen Sockel, eins der Opfer der Verblendung seines Volks. Und um ihn herum stehen die Söhne des Volks, das ihn besiegte, und das nun wieder in den Spuren seiner Väter gesiegt hat. Trotzig und entschlossen steht er da, die Arme gekreuzt; mit der rechten Hand packt er den Griff des Degens. Seine ganze Haltung scheint den unerschütterlichen Entschluß zu verraten, keinen Schritt zurück, nur vorwärts zu gehen; sein Uniformmantel flattert im Winde, seine Mütze sitzt keck und schief. Den Kopf trägt er hoch und stolz. Sein Blick ist auf -- deutsche Truppen gerichtet, jetzt wie damals! Viele von denen, die eben in der Kirche waren, haben sich auf dem Markt versammelt. Das Musikkorps bildet einen Halbkreis vor Faidherbes Denkmal. Der Kapellmeister hebt den Taktstock, und nun schallt die »Wacht am Rhein« über den Markt. Zündend umbrausen die Töne der Messinginstrumente den Helden oben auf seinem Sockel. Er scheint trotziger denn je. Er steht da mit gezogenem Degen, auf seinem Gesicht ruht der Ausdruck tiefer Tragik.
Ruhig und sicher stehen die deutschen Musikanten und ihre Kameraden, die sich in Gruppen um sie versammelt haben. Eine Stimmung von Siegessicherheit erfüllt all diese Krieger. Clewing beginnt zu singen, andere folgen seinem Beispiel, und machtvoll wogt der Gesang über den Markt:
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, Wer will des Stromes Hüter sein? Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht, Die Wacht am Rhein!
48. Kronprinz Rupprecht von Bayern.
Am Abend des 1. November fuhr ich um 7 Uhr mit dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg von Bapaume nach Douai, wo wir um 8 Uhr zum Abendessen beim Chef der sechsten Armee, Kronprinz Rupprecht von Bayern, eingeladen waren. Die Entfernung beträgt gegen 34 Kilometer und wird bequem in dreiviertel Stunden zurückgelegt. Aber die Wachtposten kosten auch Zeit, und es war 5 Minuten vor 8, als wir endlich ankamen. Ein Adjutant führte uns in einen Salon, und dort hatten wir kaum eine halbe Minute gewartet, als Kronprinz Rupprecht schon hereintrat.
Er gehört zu den seltenen Menschen, die alle lieben und bewundern, die Engländer vielleicht ausgenommen, doch ich glaube, die Franzosen würden nicht umhin können, ihm Achtung zu zollen. In der deutschen Armee gilt er als ein ganz hervorragender Heerführer und gründlich geschulter Soldat. Aussehen, Haltung und Sprache sind im höchsten Grade gewinnend und sympathisch. Er ist weder stolz noch herablassend, sondern prunklos und einfach wie ein gewöhnlicher Mensch. Wenn man weiß, daß ihn kürzlich der schlimmste Schlag getroffen hat, der ihn treffen konnte, dann glaubt man vielleicht Spuren davon auf seinem Gesicht zu entdecken, einen Zug von Wehmut, sonst aber verrät weder eine Miene noch ein Seufzer, wie tief er den Tod seines 13jährigen Sohnes betrauert. Wo es Vaterland und Reich gilt, muß alle private Trauer zunächst zurücktreten. Der Kronprinz hat auch keine Zeit, zu trauern oder an den Verlust und die Leere zu denken, die er bei seinem siegreichen Einzug in München fühlen wird. Er lebt für und mit seiner Armee und ist jedem Soldaten ein Vater. Seine ganze Denkkraft, seine ganze physische Stärke, seine ganze Zeit opfert er diesem einzigen großen Ziel.
Kronprinz Rupprecht kommt schnell und ungezwungen herein, streckt uns seine Hände entgegen und heißt uns herzlich willkommen. Dann fügt er mit scherzhaftem Tonfall in der Stimme hinzu: »Ich habe heute abend an meinem Tisch noch andere vornehme Gäste.«
»Wen denn?« fragt der Herzog.
»Den Kaiser«, antwortet der Kronprinz und schlägt die Hände zusammen.
»Den Kaiser?« rufen wir. Wir hatten keine Ahnung, daß er sich überhaupt in dieser Gegend befand.
»Ja, der Kaiser hat heute hier verschiedene Truppenteile besucht und versprochen ..... Doch still, ich höre sein Automobil«, und damit eilte der Kronprinz hinaus.
Inzwischen kam das Gefolge des Kronprinzen herein und begrüßte uns, dann auch die Herren des Kaisers, von denen ich einige kannte. Ehe ich noch hatte fragen können, woher der oberste Kriegsherr gekommen sei, wurden wir in den Speisesaal gerufen. Dort saß der Kaiser bereits auf seinem Platz am Tisch. Wir traten alle an unsere Stühle, aber niemand setzte sich. Der Kaiser saß mit gesenktem Kopf und sah sehr ernst aus. Plötzlich aber schlug er seine blitzenden blauen Augen auf und nickte freundlich nach allen Seiten. Als er mich sah, streckte er die Hand über den Tisch und rief scherzend: »Guten Tag, mein lieber Sven Hedin. Es scheint Ihnen gut zu gefallen in meiner Armee«, was ich ohne einen Augenblick zu zögern bejahte.
Der Kaiser war brillanter Laune. Ich weiß wirklich nicht, ob er schlechter Laune sein kann, denn so oft ich die Ehre hatte, mit ihm zusammen zu sein, war er immer froh, liebenswürdig und lebhaft. Wohl kann er mit scharfen Worten seinem Unmut über eine verächtliche Handlung des Feindes Ausdruck geben, aber bald wird er wieder der reine Sonnenschein und lacht ansteckend über einen lustigen Einfall. Er hat eine großartige Fähigkeit, Leben in eine Gesellschaft zu bringen und das Gespräch in Spannung zu halten, so hier über zweiundeinhalb Stunden. Dabei erzählt er eine Masse merkwürdige Neuigkeiten, Dinge, die sich an den verschiedenen Orten in den letzten Tagen zugetragen haben und wenigstens dem Herzog und mir vollkommen neu waren. Wenn man den Kaiser nach den Verhältnissen irgendeines fernen Landes fragt, aus dem lose, widerspruchsvolle Nachrichten gekommen sind, hält er sofort mit meisterhafter Disposition eine ordentliche Vorlesung über seine innere und äußere Politik, seine Volksstimmungen, seine Hilfsquellen und seine Waffenmacht. Ich erinnere mich nicht, jemand begegnet zu sein, der in dieser Hinsicht sich mit Kaiser Wilhelm messen könnte.
Er hat auch die Gabe, blitzschnell was andere sagen aufzufassen und zu beurteilen. Mit lebhaftem Interesse hörte er Kronprinz Rupprecht zu, als dieser allerlei von seiner Armee berichtete, und mir, als ich das Bombardement von Ostende beschrieb.
Es war ½11 Uhr, als der Kaiser seine Zigarre weglegte und aufstand, um sich mit jenem kräftigen Händedruck zu verabschieden, der durch Mark und Bein geht. Nur der Kronprinz begleitete ihn in das unmittelbar neben dem Speisesaal gelegene Vorzimmer, von dem einige Stufen auf die Straße hinausführten. Ein Soldat stand bereit und hielt den hellen blaugrauen Mantel mit dem dunklen Pelzkragen, ein anderer überreichte die gewöhnliche preußische Offiziersmütze. Nachdem Wirt und Gast sich noch einige Minuten unterhalten hatten, gingen sie zusammen zum Automobil, der Kaiser stieg ein und der Wagen fuhr schnell in die Nacht hinaus.
49. Tommy Atkins in Gefangenschaft.
Um 8 Uhr morgens wieder heraus und fort über das öde Feld von Artois nach Douai! Bald darauf kreuzten wir die Stadt Lille in schneller Windung, fuhren durch die Porte de Roubaix wieder hinaus und folgten in nordöstlicher Richtung der langen, dichtbebauten Straße, die Lille und Roubaix verbindet.
In Roubaix lagen noch 250 Engländer und eine Anzahl Offiziere, die am Nachmittag nach Deutschland transportiert werden sollten. Die Mannschaft war in einem großen Saal untergebracht, vermutlich einem geräumten Restaurant. Möbel waren nicht zu sehen, aber große Bündel Stroh auf dem Boden, besonders an den Wänden. Hier konnten sich die Soldaten ihr Nachtlager herrichten, und sie litten wahrhaftig keine Not. Ein Tommy, der eine ungefährliche Kopfwunde hatte, wurde gerade von einem englischen Arzt, der selbst Gefangener war, behandelt. In einem angrenzenden Zimmer mit Glasdach standen lange Reihen von Tischen und Stühlen, wo die Gefangenen ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Hier photographierte ich ein paar Gruppen, durch die der Leser sich überzeugen kann, daß die Engländer in der Gefangenschaft weder betrübt noch leidend aussehen. Auf dem einen Bild haben sie sogar eine muntere, mollige Französin bei sich, aber ich muß zu ihrer Ehre zugestehen, daß die edle Dame selbst darum gebeten hatte, mit ihren Verbündeten und zufälligen Eßkunden zusammen porträtiert zu werden. Sie war nämlich die Wirtin und überwachte die Verpflegung der Gefangenen.
In der Wirtschaftsküche kochte die Gefangenenkost in großen Kesseln; auch dort war das Personal zum überwiegenden Teil französisch. Wer die Deutschen anklagt, daß sie mit der Verpflegung der Gefangenen knausern, der sollte sich im Restaurant zu Roubaix umsehen. Dort war alles reichlich und gut. Austern, Trüffeln und Plumpudding gab es zwar nicht, aber die Söldner, die zufällig aus Eastend waren, hatten wahrscheinlich lange nicht so gut gegessen wie in Roubaix. Dazu kam, daß die französische Wirtin in Tommy Atkins ziemlich verliebt war und wie eine Adlermutter dafür sorgte, daß er das nötige Essen bekam.
Es geschieht nicht, um meiner Kamera zu schmeicheln, wenn ich behaupte, das eben erwähnte Bild sei eine treffliche Illustration der »~Entente cordiale~« der Westmächte. Die französische Dame lächelt und strahlt und kann sich keine feinere Einfassung denken als zwischen handfesten englischen Soldaten. Sie sollte an den Sinn des lustigen Liedes denken, das mit den Worten schließt: »~I love you my darling, cette phrase vous coutera beaucoup~«, und dessen Moral ist: ~La France pour les Français!~ Es ist gefährlich, mit Tommy Atkins zu kokettieren. Es läßt ihn ganz kühl, das sieht man auf dem Bild. Er sitzt kalt wie eine Marmorstatue und schenkt seiner Pflegerin keinen andern Gedanken als den: Geh zu, wir werden die Suppe essen, die du kochst! Wann wird sie es satt sein, so undankbar behandelt zu werden? Wird sie damit fortfahren, bis ihr das Letzte genommen ist?
In dem großen Saal lagen nun Tommy Atkins und seine Kameraden und ruhten im Stroh. Sie sahen frisch und munter aus, und viele hatten sympathische, männliche Züge. Als ich vor einer Gruppe stehen blieb und mich mit den Leuten unterhielt, blieben sie ungeniert liegen, antworteten aber sehr höflich und mit der unerschütterlichen Ruhe, die für ihre Rasse charakteristisch ist. Sie gestanden offen zu, daß sie mit der Behandlung, die sie erfuhren, und mit ihrer Kost zufrieden seien. Einer von ihnen fand, man könne es im Kriege gar nicht besser haben. Das einzige, was ihnen nicht gefiele, wäre, daß sie im Saal nicht rauchen dürften. Ein deutscher Offizier, der neben uns stand, erklärte ihnen, der Saal sei feuergefährlich, nicht zum wenigsten wegen des trockenen Strohs, und die Deutschen wünschten nicht, daß ihre englischen Gefangenen hier verbrennten.
In einem großen, gemütlichen Zimmer im ersten Stock wurden drei Offiziere gefangen gehalten, ein Hauptmann und ein Leutnant, beide Engländer, und ein französischer Leutnant. Jeder von ihnen hatte sein gutes, reinliches Bett und im übrigen Tisch und Stühle und andere notwendige Möbel.
Der englische Leutnant war ein feiner und angenehmer junger Mann, der Sohn eines angesehenen Londoner Kaufmanns. Sein Vater stand in Geschäftsverbindung mit Deutschland, und er selbst war, ich glaube, in Hamburg gewesen, um Deutsch zu lernen. Der Krieg hatte alle seine Pläne auf den Kopf gestellt. »Aber wir hatten doch keine andere Wahl und mußten mit!« meinte er.
50. Die englische Lüge.
Gar zu gern hätte ich noch gesehen, wie es den Indern in dem nebligen Herbst von Artois und Flandern erging. Aber die indischen Gefangenen der Zitadelle von Lille hatte man eben nach Osten abgeschoben, um neuen Scharen Platz zu machen. Ich selbst hatte einmal erfahren, wie es sich rächt, Inder in ein kälteres Klima zu verpflanzen. Auf meiner letzten Reise nach Tibet hatte ich zwei Radschputen aus Kaschmir mit. Als wir in die Berge hinaufkamen, waren sie dem Erfrieren nahe, und mein Karawanenführer Muhamed Isa erklärte, sie seien so nutzlos wie junge Hunde. Ich mußte sie deshalb verabschieden. Ähnlich erging es mir mit meinem indischen Koch; er war außerhalb Indiens völlig unbrauchbar. In Tibet lebt man von Fleisch, in Indien von Vegetabilien. Wie hätte er eine so plötzliche Veränderung des Klimas und zugleich der Diät ertragen können!
Nun berichtete die Presse, die Engländer hätten einen vollständigen Import von Indien nach Europa angeordnet. Es fiel mir schwer, das zu glauben, aber an der Front erfuhr ich, es sei wahr. »Wie behandeln Sie die indischen Soldaten?« fragte ich einmal ein paar Offiziere. -- »Wir arretieren sie«, antwortete einer, und ein anderer fügte hinzu: »Das braucht es gar nicht; sie werden bald in den Schützengräben erfrieren.«
Wenn ich zugestehe, daß ich selbst eine Dummheit beging, als ich glaubte, Inder könnten in Tibet Dienste tun, so darf ich wohl behaupten, daß Lord Charles Beresford eine noch siebenmal größere Dummheit beging, als er die Hoffnung aussprach, »indische Lanzenreiter die Berliner Straßen räumen und die kleinen braunen Gurkhas es sich im Park von Sanssouci bequem machen zu sehen.«[A] Aber dieser Import ist mehr als eine Dummheit -- er ist ein Verbrechen!
[A] Dieses Zitat ist Professor Steffens Buch »Krieg und Kultur« entnommen, das ich aufs wärmste jedem empfehle, der in die sozial-psychologischen Irrgänge des Weltkriegs eindringen will.
Großbritannien hat bald hundertundfünfzig Jahre glänzend seine Mission erfüllt, Indiens Vormund zu sein; einem andern Volk würde diese Riesenaufgabe kaum so gelingen. Indische Truppen haben mit Ehren gegen ihre Nachbarn gekämpft und dazu beigetragen, die Ordnung unter 300 Millionen aufrechtzuerhalten. Aber niemals ist es einer englischen Regierung eingefallen -- »vor dem jetzigen ~Liberal Government~« --, farbige Heiden gegen christliche Europäer zu verwenden! Das ist ein Verbrechen an Kultur, Zivilisation und Christentum. Und wenn die englischen Missionare es billigen, dann sind sie Heuchler und schlechte Verkündiger des Evangeliums. Indiens englische Herren verachten mit Recht alle ehelichen Verbindungen zwischen Weißen und Hindus; die Kinder aus solchen Ehen werden wie Maulesel betrachtet, oft auch so genannt; sie sind weder Pferd noch Esel, sie sind halfcast. In Kalkutta haben sie ihr eigenes Viertel und dürfen in keinem andern Stadtteil wohnen. Aber -- wenn es sich darum handelt, die »deutschen Barbaren« niederzuwerfen, dann ist eine Verbindung mit dem bronzefarbenen Volk Indiens für den Engländer gut genug!
Ist es ein des zwanzigsten Jahrhunderts würdiger Fortschritt in Kultur und Zivilisation, daß man die ahnungslosen Inder Hunderte von Meilen über Meer und Land schleppt, um sie auf den Schlachtfeldern Europas gegen die ersten Soldaten der Welt, die deutsche Armee, ins Feuer zu treiben? Wenn diese Frage mit Ja! beantwortet werden kann, bleibe ich doch unerschütterlich bei meiner Auffassung, daß eine solche Handlungsweise der Gipfel der Grausamkeit ist! Grausam nicht gegen die deutschen Soldaten, denn ich weiß, was für Empfindungen die indischen Gegner ihnen einflößen: Verachtung und Mitleid! Auch geht es nicht recht vorwärts mit der »Räumung der Berliner Straßen«, und die Linden von Sanssouci werden wohl kaum über den Kriegerstämmen von den Abhängen des Himalaja rauschen.
Was mögen diese indischen Truppen von ihren weißen Herren denken! Das wird die Zukunft zeigen. Wer etwas von dem Land der tausend Sagen gesehen hat, wer über die Kämme des Himalaja geritten ist, wer im Mondschein beim Tadsch Mahal träumte, wer den heiligen Ganges in grauen Ringen leise an den Kais von Benares vorübergleiten sah, wer entzückt war von dem Zug der Elefanten unter den Mangobäumen in Dekkan, mit einem Wort, wer Indien liebt und die Ordnung und Sicherheit bewundert, die unter der englischen Verwaltung dort herrscht, der bedarf keiner starken Phantasie, um zu begreifen, mit welchen Gedanken die indischen Soldaten zurückkehren werden, und mit welchen Gefühlen ihre Familien und Landsleute in den kleinen engen Hütten an den Abhängen des Himalaja ihren Berichten lauschen werden. Er kann nur mit Schaudern daran denken, denn er muß sich sagen, daß hier im Namen der Zivilisation ein Verbrechen an Zivilisation und Christentum begangen wird.
Die Frage läßt sich nicht unterdrücken: werden diese indischen Kontingente wirklich gebraucht? Reichen die weißen Millionen Großbritanniens, Kanadas und Australiens nicht zu, von Franzosen, Belgiern, Russen, Serben, Montenegrinern, Portugiesen, Japanern, Turkos und Senegalnegern nicht zu reden? Es scheint wirklich so. In der »Times« vom 5. September liest man in den fettesten Lettern die Überschrift: ~The need for more men.~ (Mangel an Leuten.) Schon damals brauchte man mehr Leute, um die »Kultur« der »deutschen Barbaren« auszurotten! Das englische Volk muß mit besonderen Mitteln dazu erzogen werden, Anlaß und Zweck des Kriegs zu begreifen! Sonst bleiben die Engländer zu Hause und spielen Fußball und Cricket.
Und wie steht es nun um diese neue Volkserziehung? Darüber unterrichtet uns die englische Presse täglich. Sie ist eine systematische Lüge! Die verhängnisvolle Wirklichkeit, die England langsam einer Katastrophe zuführt, muß durch eine strenge Preß- und Telegrammzensur verheimlicht werden. Von Hindenburgs Siegen hat das englische Volk keine Ahnung. Die Entwicklung der deutschen Operationen in Polen wird in ein siegreiches Vorrücken der Russen auf Berlin umgedeutet! Über den deutschen Kaiser verbreitet man die schändlichsten Verleumdungen! Die Germanen sind Barbaren, die zerschmettert werden müssen, und an diesem preiswürdigen Unternehmen müssen die zivilisierten Völker Serbiens, Senegambiens und Portugals teilnehmen! England führt den Krieg durch konsequente Fälschung der Wahrheit, die in der englischen Presse so selten ist wie in der deutschen die Lüge.
Aber glaubt denn das Volk wirklich alles, was in den englischen Zeitungen steht? Ja, ganz blind! Davon habe ich mich durch Briefe aus England überzeugen können. Ein mir zugeschickter Aufruf, der von vielen Gelehrten -- darunter mehrere Träger des Nobelpreises! -- unterzeichnet ist, schließt mit den Worten: »Wir beklagen tief, daß unter dem unheilvollen Einfluß eines militärischen Systems und seiner zügellosen Eroberungsträume der Staat, den wir einmal geehrt haben, jetzt als Europas gemeinsamer Feind und Feind aller Völker, die die Rechte der Nationen achten, entlarvt ist. Wir müssen den Krieg, in den wir uns eingelassen haben, zu Ende führen. Für uns wie für Belgien ist er ein Verteidigungskrieg, der für Freiheit und Frieden durchgekämpft wird.«
Die alte Geschichte vom Splitter und Balken! Ist denn Englands Weltmeerherrschaft kein militärisches System? Läßt sich ein ausgedehnterer Militarismus denken als der, der seine Werbungen über fünf Kontinente ausdehnt? Der sogar nach dem Strohhalm greift, den das republikanische Portugal darreicht, und in den Zeitungen ~The need for more men~ annonciert?
Was war denn der Burenkrieg? Vielleicht eine Äußerung derselben humanen »Fürsorge für die kleinen Staaten«, die jetzt England eine Lanze für Belgiens Selbständigkeit brechen läßt?
Es wäre nutzlos, jetzt, wo es zu spät ist, ergründen zu wollen, wie sich der große Krieg würde entwickelt haben, wenn England ruhig geblieben wäre. So viel aber ist sicher, daß Belgien dann seine Selbständigkeit nicht länger eingebüßt hätte als bis zum Friedensschluß. Der Krieg wäre dann auch nicht zu einem Weltkrieg angewachsen wie jetzt -- zu der größten und tragischsten Katastrophe, die je das Menschengeschlecht heimgesucht hat. Keine Nation hat je eine größere, weltumfassendere Verantwortung getroffen als England! Und man kann die Männer nur tief beklagen, die vor Gegenwart und Nachwelt diese erdrückende Verantwortung werden zu tragen haben.
51. Heimwärts.
Am 4. November war die Zeit meines Aufenthalts an der Front abgelaufen, und ein Auto brachte mich nach Metz. Nie habe ich einen vornehmeren Chauffeur gehabt als diesmal, denn der Herzog Adolf Friedrich selbst hatte am Steuer Platz genommen. Es war die wildeste Fahrt, die ich je mitmachte. Der Herzog lenkte mit verblüffender Ruhe und Kaltblütigkeit; wo es auf freier Chaussee geradeaus ging, legten wir 90 bis 100 Kilometer in der Stunde zurück. Zuweilen konnte man kaum Atem holen, aber herrlich war es doch, mit solcher Schnelligkeit das Land zu durchfliegen. Um 9 Uhr 20 morgens waren wir abgefahren, und bald nach Einbruch der Dunkelheit langten wir in Metz an.
Von den mannigfachen Abenteuern meiner Rückfahrt kann ich in diesem Büchlein, das ja nur einen kleinen Teil meiner Erlebnisse an der deutschen Front wiedergibt, nicht weiter erzählen. Auch meinen Aufenthalt in Metz, meinen letzten Besuch an der Front bei Blamont, meine Heimfahrt über Ludwigshafen und Mannheim, meine »Verhaftung« in Heidelberg als Spion und die köstliche Gestalt, die diese harmlose Episode in der französischen und englischen Presse annahm, meinen Besuch bei der Großherzogin Luise von Baden und im Lazarett zu Karlsruhe, meinen schließlichen Aufenthalt in Berlin -- alles dies werden meine Leser in meinem großen Buche geschildert finden, in dem ich weit ausführlicher über meine Eindrücke an der deutschen Front, die zu den stärksten meines Lebens gehören, Rechenschaft ablege.