Part 15
Gewöhnlich ist es eine Weile still, wenn eine Batterie ihre vier Schüsse abgegeben hat. Hat man ein Auto oder ein Pferd zur Hand, so sucht man einen sichereren Platz, wenn man nicht von der ersten Feuertaufe so abgehärtet ist, daß man sich nicht weiter darum kümmert. Wir konnten als sicher annehmen, daß wir so lange Zeit Ruhe hatten, als die Engländer brauchten, um zu laden, und hielten es für das beste, uns etwas zurückzuziehen. Der Herzog, ein ungewöhnlich kaltblütiger Mensch, meinte doch, er wolle mein Leben nicht auf dem Gewissen haben, zum allerwenigsten jetzt, wo ich sein Gast sei.
Wir nahmen also wieder unsere Plätze ein und fuhren zurück. Rechts von uns pfiff es zuweilen in den Baumwipfeln und eine Explosion erfolgte wie von einem Feuerwerkskörper. Dann begegneten wir einer Munitionskolonne, der wir in den Schlamm hinein ausweichen mußten. Solange wir geradeaus fuhren, ging das; als wir aber hinter der Kolonne wieder auf das Pflaster hinaufwollten, schleifte das Rad, und das Auto fuhr sich in dem Morast fest! Seine Absicht schien zu sein, uns noch mehrere englische Grüße zu verschaffen! Schließlich war nichts anderes zu tun, als auszusteigen, bis das erleichterte Auto wieder aufs Pflaster hinaufkam. Dann ging es weiter nach Lille und von da nach Bapaume zurück, wo wir bei Einbruch der Dunkelheit ankamen.
44. Die B(apaumer) Z(eitung) am Mittag.
Bapaume hat auf seinem kleinen Marktplatz ein Rathaus, das für ein Landstädtchen eine ganz prächtige, auf einer Arkade in gotischem Stil errichtete Fassade hat. An einer Säule hängt eine Anschlagtafel, auf der täglich die letzten Kriegsnachrichten zu lesen sind. In Bapaume erscheint nämlich eine am Orte gesetzte und gedruckte Zeitung, die »B(apaumer) Z(eitung) am Mittag«, deren Redakteur Herr Clewing ist. Sie erscheint in einer Auflage von 600 Exemplaren, immer nur eine Seite mit großen Lettern auf gelbem, dünnen Papier.
Die »Bapaumer Zeitung am Mittag« befolgt die gleichen ehrlichen Grundsätze wie die ganze deutsche Presse, die ihre große Verantwortung gegenüber der Nation und der kämpfenden Armee wohl erkannt hat. Für die Soldaten, die Tag und Nacht die schwerste Last zu tragen haben und fürs Vaterland ihr Leben hingeben, ist nur die Wahrheit, die reine, klare Wahrheit gut genug. In den Ländern der Entente hat die Presse noch eine besondere und sehr wichtige Aufgabe, die der deutschen Presse nicht obliegt, nämlich die, den Mut der Soldaten anzufeuern und die Hoffnungen der Masse des Volkes aufrechtzuerhalten. Da nun frohe Nachrichten dort sehr dünn gesät sind, werden sie in den Redaktionen der verschiedenen Zeitungen fabriziert. Die deutsche Presse _braucht_ nicht den Mut der Nation anzufeuern, er brennt in klarer, reiner Flamme! Das deutsche Volk verlangt von seiner Presse, die ganze Wahrheit zu erfahren, sei sie nun gut oder schlimm. Gute Nachrichten werden nicht aufgebauscht, schlimme nicht unterschätzt. Die ganze Nation will über alle Kriegsschauplätze gut orientiert sein und ihre Zukunftspläne nicht auf einem auf die Dauer doch unhaltbaren Gewebe von Lügen aufbauen. Ist es verkehrt gegangen, so ist es am besten, man erfährt das Unglück in seinem ganzen Umfang, um die Schäden wieder gutmachen und sie in Zukunft vermeiden zu können. In Deutschland verläßt sich das Volk auf die Wahrhaftigkeit und das Verantwortlichkeitsgefühl der Presse. Da strömen die Freiwilligen zu Hunderttausenden unter die Fahnen, ohne daß Künste und Fälschungen angewandt werden müssen. Sie treibt der germanische Geist, Nationalstolz, Pflichtgefühl und Ehrgeiz. Nicht _ein_ Waffenfähiger zaudert, hinauszuziehen und zu sterben; denn das ist allen klar: will die Vorsehung, daß Deutschland untergeht, so soll wenigstens der letzte Deutsche auf der letzten Schanze gefallen sein, wenn die Wellen über dem Wrack zusammenschlagen. Deshalb hat in diesem Krieg die Presse der Zentralmächte eine viel leichtere Aufgabe als die Presse der feindlichen Länder. Sie hat nur den Verlauf der Ereignisse zu registrieren und die Neuigkeiten aus Ost und West und von fernen fremden Meeren mitzuteilen; sie braucht aber nicht zu dem ehrlosen Mittel zu greifen, ihre Leser zu betrügen und mit erdichteten Siegesnachrichten neue Scharen in die Werbelokale zu treiben.
Jeden Tag, sobald die »B. Z. am Mittag« erschienen ist, versammelt sich vor der Anschlagstafel des Bapaumer Rathauses eine Gruppe eifrig lesender Soldaten. Es ist erfrischend, sie zu beobachten. Zigaretten oder Pfeifen im Munde, die Hände in den Hosentaschen, lesen sie langsam und genau. Noch sind kaum andere als frohe Nachrichten zu melden gewesen, aber die Soldaten bewahren ihre Ruhe. Höchstens kann man ein schwaches Lächeln bemerken oder ein Aufblitzen in den Augen. Dieselbe Ruhe zeigen sie, wenn einmal eine betrübende Nachricht gebracht wird, zum Beispiel daß ein Kriegsschiff verloren gegangen ist.
Zuweilen sieht man Soldaten, die sich nicht damit begnügen, zu lesen -- sie schreiben gleich die ganze Zeitung in ihre Notizbücher ab. Weshalb? Wahrscheinlich sind sie nach der vordersten Front unterwegs, nach den Schützengräben, wo sie ihren von der Welt abgeschlossenen Kameraden den Inhalt der Telegramme mitteilen wollen. --
45. Im Schützengraben.
In der letzten Oktobernacht war es unmöglich, die Besatzungen der Schützengräben bei dem Dorfe Monchy-au-Bois, nicht weit von Bapaume, in der üblichen Weise zu wechseln. Bloß ein Mann oder ein paar konnten auf einmal zu den Gräben kriechen. Wenn der Mond nicht scheint oder die Gegend in Nebel gehüllt ist, können die Soldaten truppweise vorgehen; heute nacht aber waren sie der Gefahr ausgesetzt wie am Tage und mußten die größte Vorsicht beobachten.
Auch dem kaltblütigsten Soldaten muß es seltsam vorkommen, wenn er auf Fußspitzen und Ellenbogen durchs Gras kriechen soll, zumal da er noch das Gewehr zu schleppen hat. Er muß zuweilen haltmachen, teils weil er müde wird, teils um nach dem Graben auszuschauen und zu lauschen. Dann kriecht er wieder ein Stück vorwärts und lauscht wieder. Alles ist still, aber jeden Augenblick kann ein Schuß knallen, können die Kugeln pfeifen. Schließlich liegt der Schützengraben vor ihm wie eine dunkle Linie. Wird er hinkommen, ohne von den Franzosen entdeckt zu werden? Er drückt sich immer näher an den Boden heran und bewegt sich immer vorsichtiger und langsamer. Jetzt fehlen noch 20 Meter -- jetzt nur noch 10. Der Graben liegt scharf gezeichnet vor ihm, noch ein Katzensprung trennt ihn davon. Und doch ist der Abstand ungeheuer, denn hier ist die Gefahr am größten! Auf den Graben selbst halten die französischen Wachtposten und Patrouillen vor allem ihre Aufmerksamkeit gerichtet. Diese zwei Meter tief und einen Meter breit ins Feld gegrabene Furche ist voll von bewaffneten, wachenden Männern -- aber kein Laut ist zu hören, kein lebendes Wesen, kein Schein eines vorsichtig abgeblendeten Feuers zu sehen. Kein Duft einer Zigarette, wohl aber andere Gerüche, die Menschen anzeigen. Endlich hat der Soldat bloß noch einen Meter. Es ist still auf der französischen Seite -- lautlos wie eine Katze schlüpft er über den Rand und ist gerettet. Nun kann einer seiner Kameraden seinen Platz verlassen und unter denselben Vorsichtsmaßregeln in die unterirdischen Höhlen hinter den Schützengräben zurückkriechen, wo er seine warme Suppe erhält und dann schlafen, schlafen, schlafen kann wie ein Toter!
Der Abgelöste hat 48 schwere Stunden hinter sich. Nachts oder bei Nebel müssen er und seine Kameraden sich wachhalten, denn dann ist die Gefahr eines Überfalls am größten. Der eine oder der andere kann wohl eine Weile schlummern, aber mancher Wachtposten darf überhaupt nicht schlafen, wenn ihm das Leben lieb ist. Tagsüber kann die Mehrzahl in ihren Höhlen schlafen, aber auch da sind immer Wachen ausgestellt.
In die dem Feind zugekehrte Wand des Grabens sind schalenförmige Aushöhlungen oder Nischen eingegraben, die gegen das Feuer Schutz gewähren. Es kann aber vorkommen, daß eine Granate in die andere Wand einschlägt, und dann sind die Soldaten verloren. Deshalb gräbt man auch hier und da Grotten, ja geradezu unterirdische Zimmer, die zuweilen so luxuriös eingerichtet sind, daß sie Vorhänge vor dem Eingang haben. An den Wänden der Kammern ist Stroh für Schlafplätze aufgeschichtet, und nicht selten wird der kleine Zeltstreifen, den jeder Soldat bei sich hat, als Decke benutzt. Ist der Abstand zwischen den Schützengräben, wie hier, nur achtzig Meter, so darf, selbst in den unterirdischen Höhlen, kein Licht angezündet werden, noch weniger Feuer, weshalb die Luft recht kalt und feucht wird. Beträgt aber der Abstand drei- oder vierhundert Meter, dann darf Licht brennen.
Die Soldaten haben Proviant bei sich, aber es kann vorkommen, daß sie durch heftiges Feuer von aller Verbindung abgeschnitten werden und dann einen oder mehrere Tage hungern müssen. Aber auch dieses Unglück nehmen sie mit gutem Humor hin.
Bei Regen werden die Schützengräben entsetzlich. In Belgien sah ich das schon. Das Regenwasser sammelte sich in ihnen an; halb angefüllt mit graugelbem Wasser und Lehmschlamm, ähnelten sie Abzugsgräben neben einem Acker. General von Winckler erzählte, seine Leute hätten 24 Stunden bis ans Knie im Wasser gestanden, ohne zu klagen und ohne krank zu werden. Wenn sie zurückkehrten, schildern sie ihren Kameraden ihre Erlebnisse mit unverwüstlichem Humor. Man sollte meinen, die Leute würden mißmutig, wenn sie 24 Stunden lang im Wasser liegen. Aber bei den deutschen Soldaten kommen verdrießliche Mienen nicht vor. Um der Überschwemmung abzuhelfen, ließ der General Ablaufgräben graben, durch die das Regenwasser nach Zisternen geleitet wurde.
An manchen Stellen wird die Verbindung mit den Schützengräben durch Laufgräben erleichtert, die von einem geeigneten, im Gelände verborgenen Punkt im Zickzack dorthin führen und den Mannschaftswechsel in hohem Maße erleichtern.
Die Schützengräben verlaufen nicht in geraden Linien, wenn nicht etwa, wie südlich von Antwerpen, das Land völlig eben ist. Sonst richten sie sich nach den Formen des Bodens. Im allgemeinen werden sie so angelegt, daß sie nach dem Feinde zu freie Aussicht haben und Überrumpelungsversuche erschweren. Ein Schützengraben hat daher gewöhnlich eine sehr unregelmäßige Form, er gleicht einer Kurve mit Ausbuchtungen nach vorn und hinten. Oft zerfällt er auch in mehrere kleine Sektionen. Den Zwischenraum zwischen den verschiedenen Teilen füllen Stacheldrahtnetze und andere Hindernisse aus. Oft ist ein Schützengraben dem Artilleriefeuer besonders ausgesetzt; wenn er in einer stark gewellten Linie verläuft, können einzelne Strecken den Bahnen der feindlichen Geschosse parallel liegen und von dem Artilleriefeuer buchstäblich reingefegt werden. Um sich dagegen zu schützen, graben die Soldaten sogenannte Traversen, ganz kurze Zweiggräben, die sich von dem großen Schützengraben im rechten Winkel abzweigen. Zu diesen Schutzgängen nehmen die Soldaten ihre Zuflucht, wenn das Feuer auf den Hauptgraben eingestellt ist.
Wenn man wie bei Monchy-au-Bois auf Grund des allgemeinen strategischen Plans lange Zeit stillgelegen hat -- hier seit dem 6. Oktober --, so hat man Zeit und Gelegenheit, an den Schützengräben, Traversen und den unterirdischen Höhlen Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen.
Auf der dem Feinde zugewandten Seite der deutschen Schützengräben bei Monchy-au-Bois laufen breite Gürtel von Stacheldrahtnetzen und tiefe Wolfsgruben mit spitzen Pfählen auf dem Grund. Solche Verteidigungswerke, die bloß an einigen Stellen von offenen Passagen unterbrochen werden, lassen sich nur im Dunkel der Nacht oder bei Nebel errichten, aber auch unter günstigen Verhältnissen ist die Arbeit mit Lebensgefahr verbunden, nicht zum wenigsten wegen der Patrouillen, die des Nachts umherstreifen und sich natürlich gerade auf dem schmalen Streifen zwischen den deutschen und den französischen Schützengräben bewegen. Ihre Aufgabe ist, sich über die Verteidigungswerke der Feinde zu orientieren. Erst wenn die Patrouillen erfolgreiche nächtliche Streifzüge unternommen haben, läßt sich ein Angriff wagen. Bei Monchy sollen die Franzosen mehr Angriffe gemacht haben als die Deutschen, und die Massen von Leichen, die zwischen den Schützengräben lagen und einen unerträglichen Geruch verbreiteten, waren daher zum größten Teil Franzosen. Oft geschieht es, daß sich Patrouillen beider Parteien begegnen, dann entsteht sofort ein Kampf auf Leben und Tod, bis die eine Partei zurückgeht. Den Verwundeten helfen ihre Kameraden, sich in den Schützengraben zu retten, aber die Toten bleiben liegen und verpesten die Luft, denn niemand kann sich ihnen ohne Lebensgefahr nähern. Solche kleine Scharmützel fanden bei Monchy jede Nacht statt.
An einer Stelle, nahe von Monchy, sollen Franzosen und Deutsche in einem und demselben Graben liegen. Eine französische Patrouille hatte sich im Dunkel der Nacht verirrt und zu einem zufällig leeren Teil eines deutschen Schützengrabens ihre Zuflucht genommen. Als sie ihren Irrtum bemerkte, errichtete sie in dem Graben selbst nach beiden Seiten Erdwälle, und von diesen Wällen aus hatten sich die Gegner in einem Abstand von wenigen Schritten beschossen. Ich weiß nicht, wie es den Franzosen zuletzt ergangen ist; wahrscheinlich waren sie verloren. Ihre Stellung war absolut unhaltbar, und bestenfalls mußten sie sich gefangen geben, wenn der Proviant ausblieb.
Natürlich sind die Verhältnisse in den Schützengräben sehr verschieden. Liegen sie weit voneinander entfernt, so sind die Verbindungen leichter und das Leben ist in ihnen erträglicher, nicht zum wenigsten deshalb, weil man sie leichter reinhalten kann. Bei Monchy-au-Bois sollten die Zustände in diesen unterirdischen Wohnungen unbeschreiblich sein. Um so mehr ist der frohe, frische Mut, die Bereitwilligkeit und die Opferwilligkeit der Soldaten zu bewundern. Wenn sich einer über Kälte oder Verpflegung unter der Erde beklagen wollte, würde er von seinen Kameraden ausgelacht und gescholten werden, aber ich hörte nicht, daß sich solch ein Fall ereignet hätte.
In einem Dorf in der Nähe hatte Prinz Eitel Friedrich sein Quartier. Man erzählte, er wohne in einem ziemlich zusammengeschossenen Bauerngut und lebe nachts auf dem Felde, immer dem Feuer ausgesetzt. Alle priesen seinen Mut, seine Energie und seine hervorragenden Eigenschaften als Mensch und Soldat.
46. Allerseelen.
Seit tausend Jahren wird in der katholischen Kirche am 2. November das Allerseelenfest gefeiert zur Erinnerung an die Toten und als Mahnung für die Lebenden, zu Gottes Thron Fürbitten für die Seelen hinaufzuschicken, die im Fegefeuer schmachten. In den Kirchen wird eine Messe für die Verstorbenen gelesen, und auf den Kirchhöfen werden die Gräber mit Kränzen und Blumen geschmückt.
In der Stadtkirche von Bapaume wurde am Sonntag, 1. November, eine deutsche Allerseelenfeier zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten abgehalten. Der Herzog und ich begaben uns rechtzeitig zum Gottesdienst. Wir fanden aber die Kirche bereits gedrängt voll von 4000 Soldaten. Wir bahnten uns einen Weg zum Chor, wo uns zwei Stühle in einer Gruppe von Offizieren angewiesen wurden.
Die alte Kirche macht einen wahrhaft großartigen und prächtigen Eindruck. Wenn man Platz genommen hat, betrachtet man zunächst das Gotteshaus mit seinen hohen, gotischen Wölbungen und seinen schönen Fenstern. Zu beiden Seiten des mächtigen Langschiffs werden schmale Seitenschiffe von soliden Säulen getragen. Die Wände sind mit großen Gemälden, wahrscheinlich von zweifelhaftem Kunstwert, geschmückt. Durch die gemalten Fenster sickert das Sonnenlicht herein und fällt in allen Farben des Regenbogens auf die weißen Säulen. Man ist erstaunt darüber, daß eine Stadt von wenig mehr als 3000 Einwohnern eine Kirche braucht, die 4000 Mann faßt! Aber an den großen Festen versammelt dieses Gotteshaus die Bevölkerung der ganzen Umgegend.
Alle Bänke sind überfüllt, in allen Gängen stehen die Soldaten dicht gedrängt, die Helme im Arm. Man sieht katholische Schwestern in ihren schwarzen Trachten, weißen Hauben und Rote-Kreuz-Binden. Das Militär ist ohne Waffen, man hört keine Säbel rasseln. Niemand wird zum Gottesdienst kommandiert, es steht den Soldaten frei, die Kirchzeit zu verbringen, wie sie wollen. Und doch ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Diese abgehärteten Krieger fühlen das Bedürfnis, Gottes Wort zu hören, bevor sie dem Tode entgegengehen.
Als ich meine Blicke von dem erhöhten Platz auf dem Chor über das Langschiff schweifen ließ, fühlte ich mein Herz im Takt mit den 4000 Südgermanen schlagen. Rotbäckig und sonnenverbrannt standen sie da, ein Bild gesammelter Manneskraft, eisenharten Willens und demütigen Glaubens an Gottes Hilfe. Ihre feldgrauen Uniformen hatten meist durch die Berührung mit der Erde in den Schützengräben und unterirdischen Wohnungen einen Ton erhöhter Echtheit erhalten; hier und da sah man auch die dunkelblauen Uniformen der bayrischen Landsturmleute.
Der festliche Schmuck der Kirche war das Verdienst dieser Landsturmleute. Der Chor bildete eine einzige Laube von Blattpflanzen, und an allen Pfeilern hingen große, grüne, zum Gedächtnis der Gefallenen gewundene Kränze. Das Merkwürdigste war aber doch die Achtung, die die guten Bayern einer kleinen Statue der Jeanne d'Arc gewidmet hatten, die links am Chor stand, innerhalb des Triumphbogens. An und für sich hatte dieses Gipsbild der 17jährigen Jungfrau von Orleans gar nichts Merkwürdiges an sich. Sie war so, wie man sie an vielen andern Orten sieht. Sie stand königlich aufgerichtet in ihrer Rüstung und hielt in ihrer Hand die weiße, liliengeschmückte Fahne, und doch konnte ich meine Blicke nicht von ihr wenden. Sie schien die deutschen Soldaten im Langschiff zu betrachten, und ihre Lippen umspielte ein ironisches Lächeln.
Wie war sie hierher gekommen? Zwar war sie von Leo ~XIII.~ vor 20 Jahren selig gesprochen worden. War sie unterdes auch in die Schar der Heiligen aufgenommen? Jedenfalls war sie in diesem Teil Frankreichs Gegenstand tiefster Verehrung. Daß sie nicht zum Schmuck der Kirche selbst gehörte, konnte man sehen, denn sie stand auf einem dürftig mit einen Tuch drapierten Kasten. Als der Krieg wie eine finstere Gewitterwolke über Frankreich hing, hatte man sie in die Kirche getragen, und die Gläubigen waren vor ihr niedergekniet und hatten sie gebeten, ihren Geist und ihre siegreiche Hilfe den Franzosen zu schenken. Die Bürger von Bapaume hatten ihr, um sie zu gewinnen, zahlreiche Lichter geschenkt, die vor dem Bild befestigt waren. Und nun kommt das Merkwürdigste: Die guten Bayern hatten ihr einen Hintergrund von hohen Topfpflanzen gegeben und alle Lichter angezündet, dieselben Lichter, die brennende Gebete um Sieg über die Deutschen sein sollten!
Die Jungfrau hatte sicher einen anderen und tieferen Grund, über die Torheit der Menschen zu lächeln. Zu ihrer Zeit war halb Frankreich von den Engländern und ihren Verbündeten überschwemmt worden. Gegen diese Engländer kämpfte sie, die besiegte sie, und als man sie schließlich den Engländern auslieferte, wurde sie von ihnen als ketzerische Hexe der Inquisition übergeben! Sie wurde beschimpft, mit rohen Soldaten eingesperrt und schließlich verbrannt -- alles das von diesen Engländern, denen gegen die Deutschen zu helfen sie nun mit brennenden Gebeten und Lichtern angefleht wurde! Man wird ihr verzeihen, daß sie den Mund verzog und sich etwas verwirrt fühlte.
Nun steigen die Töne der Orgel machtvoll und klar zur Wölbung empor, und volltönende Stimmen aus den Kehlen von 4000 jungen Kriegern singen:
O Haupt voll Blut und Wunden, Voll Schmerz und voller Hohn, O Haupt, zum Spott gebunden Mit einer Dornenkron'! O Haupt, sonst schön gekrönet Mit höchster Ehr' und Zier, Jetzt aber höchst verhöhnet, Gegrüßet seist du mir ...
Erscheine mir zum Schilde, Zum Trost in meinem Tod und laß mich sehn dein Bilde In deiner Kreuzesnot; Da will ich nach dir blicken, Da will ich glaubensvoll Dich fest an mein Herz drücken: Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Nachdem Clewing, von unserm Platz aus unsichtbar, aber überall vernehmbar, seine klangvolle Stimme hatte hören lassen, betrat der Divisionspfarrer Franz Xaver Münch die Kanzel. Mit würdiger Autorität sah er auf seine Gemeinde herab, Soldaten aller Grade und Waffengattungen, barmherzige Schwestern, Protestanten und Katholiken. Der Gottesdienst war interkonfessionell, der Prediger selbst Katholik. Aber jetzt, in der größten Zeit des deutschen Volkes, sind alle konfessionellen Schranken zusammengebrochen, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Protestanten, Katholiken und Juden, es gibt nur noch Deutsche! »Jetzt sind wir alle ein Mann geworden, und alle haben wir einen Gott.«
Die ergreifenden Worte des Priesters vollständig wiederzugeben, muß ich mir hier versagen; meine Leser werden sie in der großen Ausgabe meines Buches finden. Nur eine besonders erschütternde Stelle der Predigt möge hier folgen:
»Und ein zweiter Ruf tönt aus den Massengräbern: ‚_Vergesset unsere Leiden und unsere Wunden nicht!_‛ Meine lieben Kameraden. Der große Völkerapostel hat einmal seiner Gemeinde in stolzer Liebe zum Gekreuzigten zugerufen: ‚Ich trage die Wunden des Herrn an meinem Leibe.‛ Wer von unserem Volke sich noch etwas sittlichen Ernst bewahrt hat, wird die Wunden und die Leiden dieses Krieges zeitlebens in seiner Gesinnung tragen. Der Preis unserer Befreiung und unserer Siege war der teuerste und kostbarste, den eine Nation zu zahlen hat: das Blut der Jugend! Kommt und schauet, wie wir sie begraben! Nicht einmal einen armen Sarg können wir ihnen gewähren. Wir können sie nicht wie die Germanen auf die Schultern heben und über die Berge in die deutsche Heimat tragen. Aber, meine lieben Brüder, ich kenne einen Sarg, der kostbarer ist als der Sarg, gezimmert von einem fremden Meister: das ist der Sarg des deutschen Herzens! Dahinein, tief und verborgen, wollen wir unsere teuren Toten betten; ihn führen wir heimwärts in die deutsche Heimat. Und wenn einmal -- was Gott, der Schirmherr unserer deutschen Sache verhüten möge -- die Zeit kommen sollte, wo eine Generation, unsere Jünglinge, unsere Töchter und Frauen nicht mehr wissen, was uns der Friede und eine neue Blüte des Reiches gekostet hat, wo man nur der Früchte in einem erschlaffenden Genußleben sich freut, wo man entnervenden und zersetzenden Sitten wie fremden Göttern zu huldigen beginnt -- dann, meine lieben Brüder, ist für uns, die wir heute hier an den Massengräbern trauern, die Stunde gekommen, wo wir die Särge öffnen und einer nur genießenden Nation unsere Toten, ihre Wunden und ihre letzten Stunden zeigen werden, dann zeigt, ihr Väter, eure gefallenen Söhne. Dann mögen die Geister der Gefallenen den schwersten Kampf gegen das eigene Volk führen, das die Wunden des Kriegs nicht mehr in seiner Seele trägt.
So ist der heutige Tag, der unsern Toten gilt, im Grunde ein Tag quellenden Lebens, neuer Hoffnung, machtvollster Aufgaben. Für unsere Gegner sind die Gräber eine gigantische Anklage, für uns ein heiliger Hinweis auf die Zukunft. Sie haben Sturm gesät, sie werden auch Sturm ernten. Und dieser Sturm sind wir. Aus kleinlichen Motiven und geführt und verleitet von selbstsüchtigen kleinen Gruppen, haben sie auf das Fleisch gesät und sie werden Verderben ernten. Wir dürfen vor Gott beschwören, daß wir auf den Geist der Gerechtigkeit und des Friedens gesät haben. Der Krieg ist für uns eine monumental-geistige Sache einer einheitlich auferstandenen, in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten und zur Gegenwehr gezwungenen Nation. Diese Nation wird aber auch vom Geiste der Gerechtigkeit und des Friedens ewiges Leben ernten. Amen.«