Part 14
Im Baedeker von 1910 kommt Hotel Majestic unter dem Namen Grand Hôtel des Bains vor. Seitdem hat es seinen Namen und wahrscheinlich auch den Besitzer gewechselt. Seine schöne, weiße Fassade war von sechs Granaten, deren Einschlagstellen wir betrachteten, übel mitgenommen. Sie hatten große, klaffende Löcher in die Mauern gerissen; auf dem Fußsteig davor Haufen von Steinen, Ziegeln und Bewurf, und ein dekorativer Gipsengel mit ausgebreiteten Flügeln lag in Scherben am Boden.
Im Vestibül lagen Schränke, Tische und Stühle durcheinander. Der Speisesaal war vor einer Stunde noch einer der elegantesten von Europa gewesen: der Fußboden mit dicken, roten Brüsseler Teppichen belegt, die Wände in Weiß und Gold und mit Spiegeln dekoriert, an der Decke prachtvolle Kronleuchter -- jetzt alles ein Bild grauenhafter Verwüstung! Zwei Granaten hatten gerade in den unteren Teil der langen Fensterreihe eingeschlagen, und ihre Splitter hatten klaffende Löcher in Wände und Decke gerissen. Die Gipsornamente waren heruntergefallen und lagen in Trümmern, und der Teppich verschwand fast unter ihrem dicken weißen Staub. Die Fenster waren zu Pulver zermalmt, und die Spiegelscheiben in merkwürdige Sternfiguren zersprungen, deren Scherben bei der geringsten Berührung herabzufallen drohten. Tische und Stühle in Trümmern, die Tischtücher in Fetzen. Nur an den Ecken des Saals, besonders den westlichen, standen die Tische noch auf den Beinen, aber Teller und Gläser waren zerschlagen. Füße von Rotwein- und Champagnergläsern standen noch da, die oberen Teile waren abgeschlagen.
Bei Beginn der Beschießung waren etwa fünfzig Offiziere zum Essen versammelt gewesen; an einigen Tischen hatte man schon zu essen begonnen. Die meisten hatten in der Westhälfte des Saals gesessen und waren deshalb auf wunderbare Weise gerettet worden. An einem Fenstertisch in der Osthälfte aber hatte der Marinearzt ~Dr.~ Lippe und ein Adjutant der Matrosenbrigade Platz genommen und bereits zu dinieren angefangen. Durch den unteren Teil gerade dieses Fensters hatte eine Granate ihren Weg genommen. Nach den ersten Treffern hatten sich die beiden Herren wahrscheinlich zu sehr ausgesetzt gefühlt. ~Dr.~ Lippe war deshalb aufgestanden, aber nur bis an das andere Ende des Tisches gekommen, als eine Granate hereinsauste und ihn mitten in den Rücken traf. Er wurde vollständig zerrissen! Was von ihm noch übrig war, lag vornüber, der Kopf auf den Armen, in einer Blutlache. Von der Uniform nur noch Fetzen, ein Stück des einen Beines fand man unter einem Tisch auf der andern Seite des Saals, alles übrige klebte in Form von Blutflecken und Eingeweiden an Wänden, Decke und Tischtüchern ringsum. ~Dr.~ Schönfelder, der sofort herbeigeeilt war, konnte nur die Überreste seines Kameraden in einem Tischtuch sammeln und in ein Leichenhaus bringen lassen. Der Adjutant hatte eine schwere Kopfwunde erhalten und wurde ins nächste Krankenhaus getragen.
Ein prächtiger Landsturmmann, der sich mit seinem jungen Sohn im Saal aufgehalten hatte, erzählte mir, alle andern Mittagsgäste seien mit dem Leben davongekommen, die meisten aber infolge des Luftdrucks bewußtlos zu Boden gestürzt, einige auch durch herumfliegende Splitter leicht verwundet. Die Betäubten erholten sich aber bald wieder.
Das Schicksal ist unergründlich. Weshalb mußte gerade er, der die Gefahr erkannte und einen sichereren Platz aufsuchen wollte, vom Tode erreicht werden, während wir, die wir von einem andern Hotel aus das Schauspiel beobachteten, verschont blieben? Man sagte mir später, mein Platz sei durchaus nicht sicher gewesen, denn eine Granate kann von einer Mauer im Hintergrund abprallen, und man kann daher von rückwärts durch ihre Splitter getroffen werden. In freiem Gelände hat man mehr Aussicht, unverletzt zu bleiben. Streng genommen hatten also die Artilleristen an der Straßenmündung einen besseren Platz als wir! Wir Gäste des Littoral hatten indessen keinen Anlaß, uns über die nichts weniger als gastfreie Aufnahme zu beklagen, die uns zuerst im Hotel Majestic zuteil geworden war. Wären die deutschen Marineoffiziere dort gut aufgenommen worden, dann hätte vielleicht mancher von uns das Schicksal ~Dr.~ Lippes geteilt.
In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober kehrte ich nach Brüssel zurück.
42. Mein erster Abend in Bapaume.
Als ich am 27. Oktober im Hotel zu Brüssel mein Frühstück einnahm, kam ein stattlicher Offizier gerade auf meinen Tisch zu. Er lächelte schelmisch, ob ich ihn wohl wiedererkennen würde. Ja, natürlich, ich rief seinen Namen, ehe er noch ein Wort hervorgebracht hatte: Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg! Der Herzog gehört seit mehreren Jahren zu meinen Freunden. In der geographischen Welt hat er einen berühmten Namen wegen seiner gewissenhaft vorbereiteten, meisterhaft ausgeführten und gut und unterhaltend geschilderten afrikanischen Reisen. Jetzt war er Gouverneur von Togo, befand sich aber gerade auf Urlaub in Deutschland, als der Krieg ausbrach. Unter solchen Verhältnissen in Deutschlands großer Schicksalsstunde konnte er nicht nach Afrika fahren, und da er als Leiter einer Kolonie in der Heimat kein Kommando hatte, meldete er sich bei seiner alten Truppe, dem Gardekorps, das in Bapaume lag und zur sechsten Armee gehörte, als Ordonnanzoffizier.
Wir unterhielten uns, bis er wieder zu seinem Korps zurückkehren mußte. Das Ergebnis der Unterredung war, daß ich hoch und heilig versprechen mußte, einige Tage in Bapaume sein Gast zu sein. Ich könne kommen, wann es mir passe, jederzeit. Dann nahmen wir bis auf weiteres Abschied.
Am 28. besichtigte ich mit General Bailer und Geheimrat von Lumm nochmals die Forts von Antwerpen, um photographische Aufnahmen zu machen. Am 29. sollte ich den Generalgouverneur an die Front in der Umgegend von Dixmuiden begleiten, ein Plan, dessen Ausführung die Ankunft des Königs von Sachsen, der Antwerpen sehen wollte, durchkreuzte. Ich faßte also einen kurzen Entschluß und fuhr am 30. Oktober mit einem Auto, das Herr von Siemens, der Chef der Firma Siemens & Halske, selbst lenkte, nach Bapaume.
Ich hatte mich auch dort auf der Kommandantur zu melden und wurde wie gewöhnlich mit der größten Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der Chef, ein alter bayrischer Oberst, der seinen Abschied genommen hatte, aber bei Kriegsausbruch wieder in Dienst getreten war. Und nun ging es aus einem andern Ton. »Was ist das dort für ein Zivilist? Was haben Sie hier zu tun? Woher kommen Sie? Sind Sie Zeitungsmensch? Ich werde schon herausbringen, was Sie für einer sind, und ob Sie die Erlaubnis haben, sich in Bapaume aufzuhalten.« Auf alle erdenkliche Weise versuchte ich, den Obersten zu beruhigen, aber er fuhr mich an wie ein richtiger Korporal. Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, fragte er mich: »Können Sie mir je verzeihen, daß ich neulich so grob zu Ihnen war?« -- »Mein lieber Oberst,« erwiderte ich, »ich kann Sie versichern, daß es mir ein unbezahlbares Vergnügen gewesen ist, einen bayrischen Kriegsmann in seiner vollen Kraft und Autorität zu sehen. Ich konnte ja ein Spion sein, und Sie hatten nur Ihrer Instruktion zu folgen.«
Darauf führte mich ein Unteroffizier in das Haus, wo ich wohnen sollte. Ich hatte mich kaum eingerichtet, da klopfte es an meine Tür. »~Entrez!~« rief ich so neutral wie möglich, und herein trat Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg. Jung, froh und herzlich hielt er mir beide Hände hin und hieß mich in Bapaume willkommen. »Aber dies Zimmer ist zu klein.« -- »Nein, es reicht vollkommen.« -- »Schön! Wir nehmen die Mahlzeiten zusammen ein, ich bin jetzt mehrere Tage dienstfrei und werde Ihnen alles zeigen, was hierherum sehenswert ist.«
Dann plauderten wir, bis es Zeit war zum Abendessen im Offizierskasino. Als wir eintraten, waren schon alle versammelt. Am großen Tisch präsidierte Exzellenz von Plettenberg, kommandierender General des Gardekorps, Generaladjutant des Kaisers und ein alter Freund des schwedischen Generals Bildt. Ein großer, schlanker, weißhaariger Mann, ein echter Soldat, fühlte er sich nirgends so wohl wie im dichtesten Kugelregen. Er setzte sich gleich den Feldmarschällen von Haeseler und von der Goltz unbedenklich den schlimmsten Gefahren aus, er konnte mitten in der Nacht zu den vordersten Schützengräben gehen und in einer Entfernung von 200 Metern das französische Gewehrfeuer auf sich lenken -- nur um zu sehen, wie es den Soldaten ging, und sich persönlich davon zu überzeugen, ob alles in bester Ordnung sei. Ein großartiger Zug nach meinem Dafürhalten; denn der Mut des Heerführers stählt den der Soldaten. General Plettenberg hatte eine frische, impulsive Art, war aber jetzt sehr ernst, wohl weil er kürzlich einen Sohn im Kriege verloren hatte. Oft schwieg er lange und saß nachdenklich am Tisch, dann aber blitzten plötzlich seine Augen, und er scherzte, wie gesundheitsgefährlich doch der Krieg sei; man schösse so fahrlässig, die Kanonen würden so unvorsichtig aufgestellt und die Granaten schlügen manchmal gerade da ein, wo sich Menschen aufhielten.
Als der General die Gesellschaft zeitig verließ, um an seine nächtliche Arbeit zu gehen, lud der Herzog ein Dutzend fröhliche Offiziere in sein Haus. Im Salon wurden die Zigarren angebrannt und schäumender Wein geschenkt. Die Stimmung war großartig. Nirgends eine Verdrießlichkeit bei diesen Männern, von denen viele noch am selben Tage dem Tod ins Angesicht geschaut hatten, aus Schützengräben oder Luftschiffen oder auf gewagten Patrouillen. Hier waren Deutschlands vornehmste Familien vertreten. Bald debattierte man in kleinen Gruppen, bald war die Unterhaltung allgemein, laut, lebhaft, munter. Als aber ein Generalstäbler geradeswegs vom Generalkommando kam und die letzten Nachrichten vom östlichen Kriegsschauplatz und von fernen Seekämpfen brachte, da wurde es still, alle hörten zu, und dann drehte sich die Unterhaltung um das ernste Wagespiel des Kriegs.
Unter den Gästen war der junge Erbprinz Friedrich von Hohenzollern, ein bartloser Held, durch verwandtschaftliche Bande mit nicht weniger als drei Königen verbunden. Er ist ein Neffe des Königs von Rumänien, außerdem mit dem unglücklichen Könige von Belgien verwandt, und endlich Schwager des Exkönigs Manuel von Portugal. Der Erbprinz war gemütlich und voll witziger Einfälle, lachte selbst aber niemals.
Ferner war unter den Anwesenden Herr Schoelvinck, der Direktor von Benz & Co. Jetzt stand er als Hauptmann im Felde. Er war einer von den vier Offizieren, die unter dem Schutz der weißen Parlamentärflagge nach Reims entsandt wurden, um über die Kapitulation der Stadt zu unterhandeln. Sie wurden gefangen genommen und als Spione angesehen, und hätten wahrscheinlich das übliche Schicksal der Spione erlitten, hätte sich der Kaiser nicht an den amerikanischen Gesandten in Paris gewandt, der ihre Freilassung erwirkte. Über die Behandlung, die sie erfuhren, werden sie, denke ich, wohl später selbst dies und jenes zu berichten haben.
Noch einer von den vier Parlamentären war zugegen, der Freiwillige Carl Clewing, Mitglied des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin, ein entzückender Mensch voll Humor, Schauspieler und Sänger zugleich. Ein Schauspieler mit dem Eisernen Kreuz ist nicht gerade etwas Alltägliches; aber was sieht man dieser Art nicht an der endlos langen deutschen Front! Clewing ist ein Lautensänger im Stil Sven Scholanders; die beiden Troubadours hatten gerade im Herbst eine gemeinsame Sängerfahrt unternehmen wollen. Aber in Clewings Ohren sollten andere Töne klingen, die der Schrapnells, und auf einer andern Bühne sollte er auftreten als auf der des Schauspielhauses! Er klagte nicht über den Tausch; früher hatte er als Schauspieler und Sänger Freude verbreitet, nun ging von ihm auch der Glanz des Kriegers aus, der tapfer für sein Vaterland gekämpft hat.
Von der Laute hatte ihn aber nicht einmal der Krieg ganz zu trennen vermocht. Er hatte sein Saitenspiel bei sich, setzte sich mitten unter uns auf einen Stuhl, sah sein Publikum an und lachte schelmisch. Er sang französische Chansons, sang deutsche Soldatenlieder aus alter Zeit, sang Winterweisen aus dem Jahre 1530 und »Die goldene Kugel«, komponiert von ihm selbst. Aber das Beste war doch, daß er mich mit Bellmann überraschte. Er sang ein paar von Fredmans Episteln in Niedners Übersetzung:
Weile an dieser Quelle! Sieh! Unser Frühstück ist zur Stelle: Rotwein und Pimpinelle Und Bekassinchen zart und fein!
Und dann sang er ein frisches, hinreißendes Soldatenlied; der Text war vermutlich von ihm selbst, die Melodie aber die unseres bekannten Liedes: »Es gingen drei Mädchen im Sonnenschein«, und in den Refrain: »Trarallalalala«, stimmten alle deutschen Offiziere mit so wildem Entzücken ein, daß die Leuchter klirrten und die Ofenklappen rasselten.
So ging der Abend hin, unmerklich überschritt die Zeit die Mitternachtsstunde, und sie war in die Nähe des zweiten Glockenschlags gerückt, als wir zum letztenmal in den Refrain einstimmten: »Trarallalalala, trarallalalala, trarallallallallallallallalla«.
43. An der Front bei Lille.
Am Morgen des 30. Oktober bestiegen wir das Auto des Herzogs, um zur Feuerlinie zwischen Lille und Armentières hinauszufahren. Wir waren zu viert: Am Steuer der Chauffeur des Herzogs, neben ihm der Erbprinz von Hohenzollern, das Signalhorn besorgend, der Herzog und ich. Es hatte geregnet. Die Landwege waren schrecklich, die Chausseen schlüpfrig und gefährlich, und über dem nordöstlichen Frankreich lag kühler Nebel.
Zunächst bogen wir auf die große Landstraße nach Arras ein und behielten diesen Kurs bei, solange man ruhig fahren konnte, ohne gerade totgeschossen zu werden. Bei dem zusammengeschossenen und verbrannten Boiry bogen wir rechts ab, verloren aber in dem Gewirr von Dorfstraßen den Kurs. In Croisilles waren wir wieder auf dem rechten Weg. Hier zeigten sich Flaggen des Roten Kreuzes, Schwerverwundete wurden in die Krankenhäuser getragen. Eine Kolonne leichte Feldhaubitzen rollte nach Arras. Auf dem Felde nahmen Soldaten friedlich Kartoffeln aus, und in ihrer Nähe waren alte Männer, Frauen und Kinder mit der Ernte von Zuckerrüben beschäftigt, die hier viel angebaut werden.
Endlich sind wir auf der großen Straße zwischen Cambrai und Douai. Über Pont-à-Marcq kommen wir bis an den äußeren Fortgürtel von Lille heran und dann nach wenigen Minuten durch die Porte Douai in die Stadt hinein. Der Stadtteil in der Nähe dieses Tores liegt in Trümmern.
Im übrigen ist Lille ganz unversehrt. Man kann straßauf, straßab fahren, ohne irgendwo eine Wirkung des Granatfeuers zu sehen. In der Mitte der Stadt sind die Straßen obendrein belebt, und viel Volk ist unterwegs. Junge Damen von unzweifelhaftem Ruf schweben in modernen Kostümen über die Fußsteige wie Schmetterlinge. Viele Geschäfte und Hotels sind offen und in Betrieb, als wenn nichts geschehen wäre. Das einzige, was an den Krieg erinnert, ist außer den zerstörten Stadtteilen das deutsche Militär -- Reiter, Wagen und Kolonnen.
Hinter dem Dorf Lomme fahren wir weiter in der Richtung nach Armentières. Rechts und links Wäldchen, Gärten, Parks, Gehöfte und Dörfer; der Weg ist schmal und aufgeweicht. Eine gut maskierte Batterie ist in voller Tätigkeit. Von der feindlichen Seite kommt der Kanonendonner immer näher, wird aber meist von dem steten Surren des Automobils übertönt. Nur wenn wir die Fahrt verlangsamen oder halten, scheint der Donner beunruhigend nahe zu sein. Bei einem Landgut, vielleicht einem Herrensitz, lag etwa 100 Meter nördlich der Straße ein Wäldchen kaum bis zur Hälfte entlaubter Bäume. In voller Schnelligkeit fuhren wir, sahen aber glücklicherweise einen jungen Leutnant und zwei oder drei Soldaten, die unter den Bäumen standen, uns verzweifelte Zeichen machten und so laut als ihre Lungen es vermochten, »Halt!« riefen.
Wir hielten sofort, so schnell das bei der raschen Fahrt möglich war, und gingen über eine sumpfige Wiese zu dem Leutnant hin, der an einem Tisch mit Karten, Schmiegen, Federn, Ferngläsern usw. stand, und hörten, jeder Schritt weiter in dieser Richtung sei lebensgefährlich. Und er schien recht zu haben: es klang, als wären wir von allen Seiten vom Feuer umgeben! Vor uns, auf einer Linie von Nordnordost nach Südsüdwest, lagen die nächsten deutschen Schützengräben; deutsche Artilleriestellungen waren vor, hinter und neben uns. Die Batterie, an der wir eben vorübergefahren waren, entsandte ihre vollen Ladungen, ihre Geschosse pfiffen nur so über die Baumwipfel. Vor uns im Norden, Westen und Südwesten donnerten französische Batterien. Wir waren wie in einem Ring von Kanonen, die einander laute Liebenswürdigkeiten zuriefen.
In nächster Nähe des Wäldchens stand eine Batterie von 15-~cm~-Haubitzen, zwischen Bäumen und Büschen vortrefflich versteckt; man sah sie erst aus nächster Nähe. Die Kanonen waren zum Teil mit Laub bedeckt, damit sie nicht von obenher erkannt würden; Munitionsvorrat, Hütten und Proviant der Bedienung war ebenso sorgfältig verborgen. Zum Schutz gegen feindliches Feuer hatten die Leute unterirdische Höhlen. Aber jetzt saßen sie oben bei ihren Geschützen in voller Bereitschaft. »Warum schießen Sie nicht?« fragte ich. »Dort über dem Wäldchen«, antwortete der Leutnant und zeigte nach Südwesten, »kreist ein französischer Flieger, jedenfalls will er unsere Batterie feststellen. Wir haben wahrscheinlich auf der französischen Seite Schaden angerichtet, und nun suchen sie uns, bisher aber vergeblich. Die feindlichen Granaten krepieren südwestlich von hier in einem Abstand von nur 500 Metern. Noch gehen sie nicht bis hierhin, aber sie kommen näher und können die Batterie jeden Augenblick erreichen. Wenn wir jetzt schießen, während der Flieger in der Luft ist, dann hätten wir bald das feindliche Feuer über uns.«
Der Flieger zog ein ums andere Mal seine Kreise rings um das Wäldchen. Solange wir an dem Beobachtungsplatz des Leutnants verweilten, kreiste er über demselben Fleck; er suchte offenbar die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage. Jedenfalls sollte die Projektion seiner Flugbahn auf dem Erdboden das Ziel für die feindlichen Granaten angeben; auch schien er mit Flaggen und mit weißem und rotem Licht Signale zu geben. Die Batterien, die an diesem Teil der Front den Deutschen gegenüberstanden, sollten alle englische sein.
Der Leutnant und die Soldaten auf dem Beobachtungsplatz und an der Batterie verfolgten die Bewegungen des Fliegers mit größter Aufmerksamkeit, und unter den Bäumen standen besondere Wachen, die »Halt!« rufen mußten, falls jemand in der Nähe ging oder sich rührte, während der Flieger seinen Aeroplan so steuerte, daß er freie Übersicht auf dieser Seite hatte. Wenn er aber langsam umgekehrt war und uns den Rücken wandte, durften wir uns wieder frei bewegen. Doch war sein Kreis nur klein, und wer von der Batterie zum Beobachtungsplatz ging, mußte sich beeilen, denn bald war der Feind wieder da, und man lief Gefahr, entdeckt zu werden.
Bei den Haubitzen hatten die Artilleristen jetzt nichts zu tun. Bei der einen frühstückten sie, bei einer andern las ein Soldat laut aus der Zeitung vor. Zu ihrem großen Vergnügen machte ich ein paar Aufnahmen von ihnen. Als der Flieger uns dann wieder den Rücken zukehrte, gingen wir schnell im Schutz der Bäume über die Wiese zum Auto zurück.
Um nach Hause zu fahren, war es noch zu früh; wir konnten noch der Front im Nordwesten einen Besuch abstatten. Deshalb kehrten wir nach der Außenlinie von Lille zurück und schlugen dann die Straße nach St. André, Verlinghem und Quesnoy ein. In St. André lag das Oberkommando des Korps; hier machten wir halt, und der Herzog fragte den kommandierenden General, wie weit wir in dieser Richtung fahren könnten. Bis Quesnoy und noch ein Stück weiter; vielleicht könnten wir auch die österreichischen 30,5-~cm~-Kanonen in Tätigkeit sehen!
Wir fuhren in der angegebenen Richtung und überholten verschiedene große Kolonnen, die die Front mit immer neuem Material und neuem Proviant versehen. Wachtposten wiesen uns auf die Straße zur österreichischen Batterie. Die Straße war nicht gerade breit; in der Mitte war sie gepflastert, zu beiden Seiten aber lief ein ungepflasterter, etwa drei Meter breiter Streifen, der bei dem jetzigen Wetter einem Schlammbad glich. Der Verkehr war lebhaft, schnelles Fahren also unmöglich. Ein Stück weiter vorn erreichten wir die hintersten Automobile von der gewaltigen Kolonne der Mörserbatterie. Die beiden Mörser waren am weitesten vorn, der Zug hielt und nahm die rechte Hälfte des Weges ein. Wir stiegen daher hinter der Kolonne aus und gingen zu Fuß weiter.
Der Weg lag gut einen Meter höher als das Feld rechts. Von links her, von Südwesten, wurde tüchtig in der Richtung auf uns geschossen. Ein ums andere Mal krepierten Schrapnells in unserer Nähe, und unaufhörlich bildeten die Explosionen am Himmel kleine weiße Wölkchen, aus deren Kern ein Blitz aufflammte. Dann wußten wir, daß der Schrotkegel unterwegs war. In Hockstellung suchten wir daher Schutz hinter dem Weg und den Automobilen der Batterie. Wir waren mitten im Feuer und konnten jeden Augenblick getroffen werden. Unsere Deckung war durchaus ungenügend, denn die Wagen standen einige Meter voneinander entfernt, und im übrigen hätte ein Schuß bequem durch mehrere von ihnen hindurchgehen können.
Je weiter wir vorkamen, desto häufiger schienen die Explosionen zu werden. Da trafen wir einen Offizier, der uns mitteilte, die österreichische Batterie sei nicht in Tätigkeit, und weiterzugehen sei mehr als gefährlich. Wahrscheinlich hatte man durch Flieger die Kolonne festgestellt und sie zum Ziel für das Feuer mehrerer Batterien genommen. Das häßliche Pfeifen durchschnitt die Luft, man schoß sich auf die Mörser und ihre Wagen ein. Wir hielten es daher für das klügste, diese gefährliche Stelle zu verlassen.
Wie wir eben zu unserm Automobil auf die Landstraße hinaufgekommen waren, erhielten wir von der englischen Batterie eine ganze Salve. Die vier Schüsse erfolgten in kurzen Zwischenräumen, alle vier schienen unser Auto zu suchen. Das erste Schrapnell krepierte etwa zwanzig Meter hoch über dem Felde und gerade vor uns und dem Automobil. Ich hatte das deutliche Gefühl, mich mitten in seinem Schrotkegel zu befinden und war erstaunt, daß ich nicht plötzlich irgendwo in meinem Körper einen Schmerz fühlte. Die zwei folgenden Schüsse krepierten etwas seitwärts von dem ersten. Der vierte kam besonders nahe. Es ist, als hörte man den Tod pfeifen, wenn ein solches Dings gerade auf einen zukommt. Wir hörten ihn -- er kam von Südwesten. Wo er flog, schien die Luft zu zischen und zu brennen. Das Pfeifen kam näher, ging über uns weg und verklang hinter uns. Wir bückten uns alle drei. Die Bewegung macht man ganz unwillkürlich, und auch Offiziere, die schon im Feuer gewesen sind, wenden diese Vorsichtsmaßregel an. Mit der Zeit aber gewöhnt man sich das ab, wenn man sich klar gemacht hat, wie nutzlos es ist, Schrapnells aus dem Wege gehen zu wollen. Ich hörte später Artillerieoffiziere sagen, wenn man das Pfeifen ganz in der Nähe vernähme und das Geschoß unmittelbar vor sich glaube, dann sei es bereits vorüber.
In welcher Höhe wohl das Geschoß über uns hingegangen war? Der Herzog schätzte den Abstand auf etwa 8 oder 10 Meter, der Erbprinz auf höchstens 15. Mir schien es so nahe gewesen zu sein, daß es meine Mütze hätte streifen können. Das Merkwürdigste aber an diesem freundlichen Gruß der Engländer war, daß, während die drei ersten Geschosse explodiert waren, das vierte gar nicht krepierte. Wäre das geschehen, dann hätten wir aller Wahrscheinlichkeit nach alle drei dagelegen! Das Geschoß ging in einiger Entfernung hinter uns in den weichen Boden hinein und, wie ich zu hören glaubte, mit einem Laut, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft.