Part 13
Ein trüber Tag, der 16. Oktober! Kein Zipfel zu sehen von der deutschen Reichsflagge, die schon eine ganze Woche vom Turm der Kathedrale Antwerpens, hundertdreiundzwanzig Meter über der Erde, herabwehte. An dem Eingang nach der Place Verte zu stand ein älterer Portier mit unbeschreiblich strenger Amtsmiene. Er würdigte mich kaum eines Blicks, als ich in höflichstem Ton fragte, ob die Kathedrale offen sei. »Die Kathedrale ist offen,« antwortete er, »aber nur für deutsches Militär.« Schön, mein Alter, dachte ich und zog meinen »Sesam, öffne dich« heraus, den Ausweis General Moltkes. Der Portier las das Papier und bekam von Zeile zu Zeile ein immer längeres Gesicht. Als er zu Ende war, nahm er seine Mütze ab und sagte: »Ist es wirklich wahr, da kann ich ja dem Herrn Doktor sagen, daß ich Schwede bin, geboren in Wisby, seit dreißig Jahren ansässig in Antwerpen, und Dahlgren heiße.«
Genug, die Kathedrale stand auch für mich offen, und der ehrenwerte Dahlgren führte mich umher. Nur eine einzige Granate oder besser ein einziger Granatsplitter ist in die Mauer unter dem großen Fenster über dem Eingang an der Place Verte eingeschlagen. Der Schaden ist nicht der Rede wert, er kann in einem Tag ausgebessert werden. Wäre aber diese Granate bösartig gewesen, und hätten Rubens' berühmte Gemälde, die Kreuzigung und die Kreuzabnahme, an ihren früheren Plätzen im Kreuzgang gehangen, dann hätten sie in großer Gefahr geschwebt. Man hatte sie indes vor dem Bombardement in Sicherheit gebracht, wie alle andern kostbaren Gemälde und Kunstschätze Antwerpens. Und die einzige Spur, die die Granate im Innern der Kirche hinterlassen hat, ist ein Riß in einer Säule.
Inmitten des nördlichsten Seitenschiffs steht auf einer Bahre ein Bild der heiligen Jungfrau, die prächtige bis auf die Füße reichende Kleider und eine goldene Krone trägt. Am Sonntag nach dem 15. August wird sie alljährlich in Prozession durch die Stadt getragen. Heuer aber, wo ihre Hilfe so sehr not tat, begnügte man sich damit, lange Opferlichte vor der himmlischen Königin anzuzünden. Und dieses Jahr blieb sie allen Bitten taub! Und dabei zeigt die Glasmalerei eines Fensters, wie Karl ~V.~ diesem Marienbild die Schlüssel Antwerpens übergibt. Die Schlüssel Antwerpens! Die »schwarze« Marie hatte sie jetzt im Besitz, nicht ihre weiße Namensschwester!
Die Kanzel ist von van der Voort aus kernigem Eichenholz geschnitzt. Sie ist zweihundert Jahre alt, aber die Eichen waren vielleicht fünfhundertjährig, als sie ihr Holz der Verkündigung von Gottes Wort opferten. Die vier Frauengestalten, die die Kanzel selber tragen, sind bemerkenswert; sie stellen die vier Weltteile dar -- Australien war damals nur mangelhaft bekannt. Drei Figuren erhalten genügend Licht, aber die mit den dicken Lippen und der platten Nase, das dunkle Afrika, der Weltteil der Schwarzen, steht in tiefem Schatten. Vier Kontinente tragen den Platz, von dem den Menschenkindern Gottes ewige Liebe gepredigt wird -- ein schöner Gedanke des Künstlers. Er glaubte wahrscheinlich, die Welt werde in den kommenden Jahrhunderten vorwärtsschreiten. Nun aber verkünden fünf Weltteile das Evangelium des Kriegs und des Hasses! Die beiden Westmächte der Entente tragen die Verantwortung für den großen Totentanz. Denn sie kämpfen mit Massen zusammengeraffter Völker. Da kommen Kanadier auf ihren Schiffen aus Amerika, Turkos und Senegalneger aus Afrika; sonnverbrannte Hindus und Gurkhas aus Indien liegen frierend in den Schützengräben, und die Antipoden Australiens und Neuseelands senden Hilfstruppen. Und das Ziel dieses Weltaufgebots? Die germanische Kultur soll vom Erdboden vertilgt werden! Die Träger dieser Kultur, das Volk Luthers, Goethes, Beethovens, Helmholtz' und Röntgens, werden Barbaren und Hunnen genannt und sind eine Gefahr für die Zukunft und Zivilisation der weißen Rasse! Gurkhas und Senegalneger mußten ja wohl kommen, uns vor der Verfinsterung zu bewahren! Der Künstler, der einst die Stirn hat, das Völkeraufgebot von 1914 zu verherrlichen, sollte nicht vergessen, daß er in van der Voorts Frauengestalt mit den dicken Lippen und der platten Nase ein dankbares Motiv vorfindet.
40. Über Gent und Brügge nach Ostende.
Während meines Aufenthaltes in Antwerpen erhielten wir fast täglich Nachrichten über das schnelle Tempo, in dem die Deutschen sich dem Meere näherten. »Gent ist genommen -- Brügge genommen -- unsere Truppen sind in Ostende eingerückt.« Bei meiner Rückkehr nach Brüssel sah es jedoch so aus, als ob die Verbündeten alles daran setzten, die deutschen Truppen wieder aus Ostende zu vertreiben, und ein Gerücht war im Umlauf, die Engländer bombardierten die Stadt.
Begleitet von dem liebenswürdigen Konsul Petri reiste ich am 20. Oktober mit besonderer Erlaubnis des Generalgouverneurs nach Ostende ab. Es war trübes Wetter, Regen, und schwere, schwarze Wolken hingen über dem flachen Lande.
In Gent, das völlig unbeschädigt war, übernachteten wir. Die Stadt hatte ihr gewöhnliches Aussehen, die Straßenbahnen waren in Betrieb, alle Geschäfte offen und viele Menschen unterwegs trotz des schlimmen Wetters; nur die zahlreichen deutschen Uniformen verrieten, was geschehen war.
Durch das berühmte, altertümliche Brügge mit seinen malerischen Häusern und Brücken und seinen gewaltigen Stadttoren mit den runden Türmen fuhren wir am folgenden Tag ohne Aufenthalt durch. Hinter dem Dorfe Ghistelles hielt uns an einem Kreuzweg ein Posten an, und als wir haltmachten, hörten wir in der Nähe wahnsinnigen Kanonendonner.
Der Soldat berichtete, in Middelkerke stehe ein harter Artilleriekampf, und die Deutschen hätten ihre Stellungen diesseits des langen Kanals, der Ostende mit Nieuport und Dünkirchen verbindet. Ein Geschwader von englischen Kriegsschiffen liege vor der Küste und beschieße die deutschen Stellungen, die auch von der Landseite von belgischen und französischen Truppen angegriffen würden. Aber die Straße nach Ostende, die erst nach Nordwesten und dann nach Nordnordost geht, sei ziemlich sicher. Der gefährlichste Punkt sei die Biegung jenseits des Kanals, wo der Weg seine Richtung ändert. Von Ostende kamen Munitionskolonnen, die an die Front bei Middelkerke gingen, und von der Front kamen Kolonnen mit verwundeten Soldaten, die auf dem Wege nach Ostende waren.
Wohlbehalten fuhren wir an der gefährlichen Ecke vorüber, und dann in die schöne, vornehme Stadt am Meer, die von Baedeker das Zeugnis erhält: »Ostende ist vielleicht zurzeit das eleganteste Meerbad Europas.« Wir bogen in die Strandstraße ein, wo eine endlose Reihe großer Hotels auf das Meer hinaussieht. Die meisten sind nur während der Saison geöffnet, die am 15. September schließt. Die Stadt wird da von 45000 Badegästen besucht! Aber Ostende ist auch Überfahrtsstelle zwischen dem Festland und England, und dieser Verkehr hält das ganze Jahr über an. Für Reisende, die Sturm oder Ermüdung aufhält, gibt es einfachere Hotels, aber die liegen in der Stadt.
Es war 2 Uhr. Ich war niemals in Ostende gewesen und kannte keinen von den deutschen Offizieren. Aber ich hatte meine Papiere und mußte mich bei dem Kommandanten im Hotel Littoral an der Strandstraße melden.
Das graue, düstere Meer bot einen höchst eigentümlichen Anblick, wenn man die Augen nach Westen richtete. Der Regen hatte aufgehört, die Luft sich geklärt, aber der Himmel war noch wolkenbedeckt. Genau im Westen, neun oder zehn Kilometer entfernt, erkannte man scharf und deutlich die Umrisse von dreizehn englischen Kriegsschiffen; einige von ihnen waren Kreuzer, die übrigen große Torpedoboote älterer Jahrgänge. Sie beschossen die deutschen Stellungen an der belgischen Küste und wurden selber beschossen. In einemfort änderten sie ihren Platz, um der deutschen Treffsicherheit entgegenzuarbeiten, blieben aber doch in derselben Entfernung, und ihre schwarzen Rümpfe hoben sich imponierend von dem hellen Horizont ab. Aus ihren Schornsteinen stiegen schwarze Steinkohlenrauchsäulen schräg nach links mit dem Wind, so daß der Himmel wie gestreift aussah.
Ich besuchte den Kommandanten von Ostende, Kapitän zur See Tägert. Er wohnte im zweiten Stock des Hotels Littoral. Von seinem Balkon aus beobachteten wir wieder die englischen Schiffe. Er erzählte, er und seine Kameraden von der Marine seien am selben Tag, dem 21. Oktober, morgens nach Ostende gekommen. Sie hatten sich ins Hotel Majestic begeben, das für das beste in der Stadt galt. Der Hotelwirt erklärte aber, er habe kein Zimmer frei, eine Unwahrheit, denn die Saison war längst vorüber. Vielleicht gab der Name des Hotels die Erklärung dafür, daß keine Zimmer frei waren -- für deutsche Offiziere. Anstatt sich ihres Rechtes zu bedienen, durch einen Machtspruch Zimmer zu verlangen, gingen die Deutschen ganz bescheiden ins Hotel Littoral, das ihnen bis unters Dach zur Verfügung gestellt wurde. Später zeigte sich, daß der Tausch für sie ein Glück wurde. Die Landoffiziere waren weniger nachgiebig gewesen und hatten sich ohne weiteres im Hotel Majestic eingerichtet, wo Küche und Bedienung bald in vollem Gange waren.
Kapitän zur See Tägert, ein vornehmer, gewissenhafter Mann, gab Befehl, mir das letzte freie Zimmer zur Verfügung zu stellen. Ich nahm es sofort in Besitz. Vom Korridor des zweiten Stocks kam man in die Zimmer, die nach dem Meere zu lagen, und deren Türen die Namen der Marineoffiziere trugen. Die Glastüren nach außen führten auf einen Balkon mit bequemen Korbstühlen; von dort hatte man freie Aussicht übers Meer, auf das englische Geschwader und seine kriegerischen Unternehmungen.
Von meinem herrlichen Aussichtspunkt aus genoß ich einen ungewöhnlich prachtvollen Sonnenuntergang. Im Westen glühte die Sonne in einem eigentümlich hellen Ton mit einem Stich ins Gelbe. Die Wolken in ihrer Nähe waren mit goldgelben Rändern geschmückt, und der Widerschein glänzte auf dem Meere. Im übrigen war der ganze Himmel mit Wolken bedeckt, und ab und zu ging obendrein ein feiner Staubregen nieder, aber die Fensterscheiben nach der Strandpromenade glühten, als ob es in den Häusern brenne. Gerade dort, wo der blendende Sonnenglanz das Meer vergoldet, liegt das englische Geschwader. Den ganzen Tag hat es auf die deutschen Stellungen geschossen, ich sehe die Blitze der englischen Schiffskanonen und höre nach einer Weile das Donnern des Schusses. Jetzt, 5 Uhr 20 nach deutscher Zeit, donnerten die Kanonen so heftig und rasch hintereinander, daß die Fenster des Kursaals rasselten und klirrten. Eine halbe Stunde später hörte das Feuer auf. Man glaubte, das Geschwader gehe nach Norden, um Munition zu holen. Das Gold über dem Meer verblich, die Dämmerung fiel herein, und ein paar Bojen mit Blinklicht wurden sichtbar.
Im Lauf des Tages hatten sich viele Zivilisten gezeigt, gegen Abend aber verschwanden sie. Niemand durfte nach 9 oder früh vor 5 Uhr ausgehen. Die Straßen wurden nicht erleuchtet, aber viele Geschäfte hatten Licht bis 9 Uhr. An der Strandpromenade brannte nicht eine einzige Laterne, hier wanderte man in der Dunkelheit unter deutschen Soldaten. Von vielen Fenstern aber strahlte Licht aufs Meer hinaus, das galt nicht als gefährlich, da die feindlichen Schiffe auf alle Fälle genau orientiert waren. Man glaubte jedoch nicht, daß die Engländer Ostende beschießen würden, da hundert gefallene Deutsche oder mehr und die Räumung des Platzes nicht den Verlust vieler Millionen englischen Kapitals aufwiegen würden, das in der Stadt angelegt sein soll!
Ich wurde aufgefordert, mich dem Kreis der deutschen Marineoffiziere mittags und abends im Hotel Littoral anzuschließen. Als wir uns nun um 8 Uhr zum erstenmal im Speisesaal versammelten, wurde ich mit ihnen allen bekannt gemacht. Meine speziellen Freunde wurden außer dem Chef Kapitänleutnant Beß, Leutnant Haak, Stabsarzt ~Dr.~ Schönfelder und ~Dr.~ Kübler. Wir hielten die folgenden Tage gut zusammen und werden unsere gemeinsamen Erlebnisse in Ostende wohl niemals vergessen.
41. Das Bombardement von Ostende.
Freitag den 23. Oktober weckte mich ~Dr.~ Kübler, um mir eine Promenade zum Leuchtturm und dem alten Fort vorzuschlagen. Zurück fuhren wir mit der elektrischen Bahn. Im Wagen saßen Soldaten und Zivilisten. Unter jenen war ein alter Landsturmmann, der erzählte, er habe drei Söhne im Krieg, aber er habe keine Ahnung, wo sie ständen und ob sie noch lebten. »Sie mögen immerhin fallen,« sagte er, »fürs Vaterland opfert man alles.«
Auf die Strandpromenade zurückgekehrt, setzten wir uns auf eine Bank am Kursaal und betrachteten das englische Geschwader durchs Fernrohr. Die Luft war ungewöhnlich klar, das Wetter strahlend.
Kurz vor ½1 Uhr suchte mich Kapitänleutnant Beß auf. Er war eben mit Admiral von Schröder von Middelkerke zurückgekehrt und erzählte, die Straße, auf der wir gestern laubgeschmückte Wagen gesehen hatten, sei jetzt alles andere als sicher, da ein paar Granaten dort eingeschlagen hätten. Auf der Strandpromenade durfte sich jetzt das Militär nicht mehr zeigen; Beß riet mir daher ab, Middelkerke einen Besuch abzustatten; vielmehr hatte er einen andern, weniger gefährlichen Vorschlag, nämlich ein paar seiner Seekompagnien und ihre Quartiere zu besichtigen.
Anderthalb Kompagnien waren im Theater einquartiert. Davor standen sogenannte Schiffskanonen, kleine, leichte Geschütze von derselben grauen Farbe, wie sie die Panzerschiffe haben, und von 6-cm-Kaliber. Die zugehörigen Munitionswagen standen auf dem Fußsteig. Wir betraten das große, schöne Foyer. An den Wänden entlang hatte die Mannschaft ihre Betten aufgestellt, Matratzen und Kissen, die der Bürgermeister von Ostende hatte requirieren müssen. Auf den Stühlen sah man Waffen und Kleider, auf den Tischen Schüsseln und Tassen. Die Logen des ersten Ranges waren gleichfalls in Schlafplätze und Aufbewahrungsräume für Kriegsmaterial verwandelt. Den ganzen Rundgang nahmen Betten ein. In einigen Logen putzten Marinesoldaten ihre Gewehre oder brachten Kleider und Leibriemen in Ordnung.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Küche im Theater einen Besuch abzustatten. Hier hantierten dicke, joviale Marineköche in weißen Anzügen und Mützen mit aufgestreiften Ärmeln. Die Kessel brodelten, und appetitreizende Dämpfe erfüllten den Raum. Ich mußte natürlich die Gerichte kosten und erhielt eine riesige Portion Gulasch in einem tiefen Teller vorgesetzt, gekochtes Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Brühe -- vortrefflich! So gutes Essen bekomme ich nicht im Hotel, dachte ich, und aß mich satt. Kein Wunder bei solcher Kost, wenn die deutschen Soldaten so stark, frisch und blühend sind! Läge ich längere Zeit im Felde und hätte zwischen Offiziers- und Mannschaftskost zu wählen, ich würde ohne Zaudern die letztere wählen! Sie ist gesund, kräftig und wohlschmeckend und verschont den Magen der Leute mit allem unnötigen Ballast. Der gute Gesundheitszustand in der deutschen Armee beruht zum großen Teil auf der ausgezeichneten und reichlichen Verpflegung.
Aber nun fehlten nur noch fünf Minuten an 1 Uhr, und wir mußten beim Mittagstisch der Offiziere pünktlich sein. Wir gingen durch die Rue du Cerf. An der Ecke dieser Straße und der Digue de Mer, der großen Strandstraße am Meer, ist das Hotel Littoral. Die Rue du Cerf liegt einige Meter tiefer als die Strandstraße, die auf der Dünenreihe an der Küste angelegt ist. Ihr Ende steigt zu der großen Strandstraße hinan. Oben an der Ecke des Littoral stand eine Gruppe Offiziere in lebhafter Unterhaltung. Sie zeigten nach Westen und benutzten eifrig ihre Fernrohre. Wir gingen zu ihnen, neugierig, was wohl los wäre. Das englische Geschwader lag auf seinem gewöhnlichen Platz im Westen und Westsüdwest, vielleicht uns etwas näher als sonst, sieben oder acht Kilometer entfernt.
Aber ein Torpedoboot hatte sich von den andern getrennt und fuhr in voller Fahrt auf Ostende zu, parallel mit der Küste und dem Lande so nahe wie möglich. Bald darauf sah man ein anderes Torpedoboot im Kielwasser des ersten steuern. Was wollten sie, diese Gauner? Man hörte derbe Worte. »Es ist doch stark, einem so direkt auf den Leib zu rücken! Offenbar sind sie auf Kundschaft aus, aber welche Frechheit, sie wissen doch, daß wir Ostende besetzt haben. -- Aha, sie vermuten Unterseeboote und Torpedoboote im innern Hafen und wollen nun sehen, ob man etwas draußen von der Reede erkennen kann.«
Nun, ihre Absicht mochte sein was sie wollte, ich ging in mein Zimmer hinauf und machte mich zum Essen fertig. Dann trat ich auf meinen Balkon hinaus, überzeugt, die Torpedoboote seien umgekehrt oder wieder aufs Meer hinausgefahren. Aber nein, sie steuerten noch denselben Kurs wie bisher und der Schaum stand an ihren Vordersteven!
Unten vor meinem Balkon hörte ich einen Offizier mit Stentorstimme kommandieren, die Straße solle geräumt werden, kein Mensch dürfe sich vor der langen Häuserreihe blicken lassen. Nur die Wache vor dem Littoral durfte auf ihrem Posten bleiben, bis auch sie eine Minute später Deckung suchte.
Da nahm ich mein Fernrohr und eilte die Treppen hinunter. In dem eleganten, teppichbelegten Vestibül des Hotels, wo Sofas, Tische und Stühle zwischen riesigen Topfpflanzen kleine Gruppen bildeten, gingen Offiziere eilig hin und her, und man erkannte leicht, daß etwas Außergewöhnliches bevorstand. »Wird man schießen?« fragte ich Beß. »Ja, es wird geschossen«, antwortete er mit stoischer Ruhe. Durch die Glastüren des Vestibüls konnte man beobachten, was sich an der Mündung der Rue du Cerf zutrug: dort kommandierte Admiral von Schröder, dort sah man Kapitän zur See Tägert, und dort rollte die Mannschaft der Matrosenbrigade mit fieberhafter Hast die zwei 6-~cm~-Schiffskanonen heran und ihre Munitionswagen -- andere Artillerie war zurzeit in der Stadt nicht zur Hand.
Die Straße war von Zivilisten geräumt, und kein anderes Militär als Bedienung und Leitung der Batterie hielt sich dort auf. Ich durfte daher nicht ausgehen, konnte aber doch beobachten, wie schnell und genau die beiden Kanonen gerichtet und wie sie geladen wurden: »Laden! -- Fertig! -- Feuer!«
Der erste Schuß erdröhnte! Das Echo hallte in der Straßenmündung wider, und die Fensterscheiben des Hotels klirrten in ihren Rahmen. Ich ging in den Speisesaal. Von dort war freie Aussicht über das Meer und auf das erste Torpedoboot. Einen Augenblick später folgte der zweite Schuß. Der erste schlug unmittelbar vor dem Torpedoboot ins Wasser ein, ohne daß sich entscheiden ließ, ob er Schaden angerichtet hatte. Auch der zweite Schuß ging ganz in der Nähe des Ziels nieder.
Im Speisesaal waren mehrere Offiziere. Ich stand zusammen mit dem Leutnant des ersten Reserve-Seebataillons ~Dr.~ Algermissen aus Colmar. Acht Fenster des großen Saals gehen aufs Meer hinaus, zwei und der Eingang auf die Rue du Cerf. An den ersteren stehen gedeckte kleine Tische, im östlichen Teil des Saals der große Tisch, an dem wir unsere Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Die Decke wird von vier Pfeilern getragen. An dem zweiten von Westen standen Algermissen und ich.
Sofort als die beiden deutschen Schüsse abgefeuert waren, machten beide Torpedoboote kehrt, und im selben Augenblick begannen sie zu feuern. Es blitzte aus den Schiffskanonen, wie es schien, direkt auf uns zu. »Deckung!« rief Algermissen mir zu, und ich stellte mich hinter die Säule, die wie Papier fortgeflogen wäre, wenn sie eine 10-~cm~-Granate getroffen hätte! Einige im Saal folgten unserm Beispiel, andere aber verschmähten kaltblütig diese Vorsichtsmaßregel, die sie wohl für ungenügend hielten. Das erste Torpedoboot war etwa 1400 Meter entfernt, die Geschosse kamen also schnell genug ans Ziel. Die ersten flogen zu kurz, schlugen gerade vor dem Littoral ins Wasser, und hohe, weiße Wassersäulen stiegen von der Einschlagstelle auf. Sobald sie eingeschlagen haben, richten wir unsere Fernrohre auf das Torpedoboot, es blitzt wieder, und wir suchen Schutz, doch bloß für den Körper, nicht für den Kopf, denn man kann seine Augen von einem solchen Schauspiel nicht abwenden, man will, man muß es um jeden Preis sehen! Vergeblich aber wäre es, die Spannung zu schildern, in der man sich befindet in der Zeit zwischen dem Aufblitzen der Kanonen und dem Einschlagen der Geschosse. Wenn man fühlt und weiß, daß man selbst das Ziel des »Mantelsacks« ist, der angeflogen kommt! Es ist das keine Furcht, denn wenn mich jemand gebeten hätte, ihn an eine sichere Stelle im Innern der Stadt zu begleiten, ich wäre nicht mitgegangen. Es ist eine Mischung von atemloser Spannung, intensivem Interesse und einer Aufmerksamkeit, die sich nichts von dem entgehen lassen will, was vor sich geht. Deshalb hält man ununterbrochen das Fernrohr bald auf das Boot, bald auf die Einschlagstelle gerichtet. Ein Geschoß prallte von der Wasserfläche ab und schlug in ein Dachgesims, 58 Schritte von mir entfernt, wie ich später feststellte. Ein anderes beschrieb eine höchst merkwürdige Bahn, ich weiß nicht wie, landete aber schließlich auf der Steinpromenade am Meer und blieb an dem eisernen Geländer liegen, ohne zu krepieren. Dort lag es noch ein paar Tage, und die Wache paßte auf, daß niemand das gefährliche Ding berührte. Ein paarmal konnte ich sehen und hören, wie die Granaten aufs Wasser schlugen, abprallten, wie flache Steine über das Wasser tanzten und in die Kaimauer einschlugen. Erst der Blitz aus der englischen Kanone -- dann das Einschlagen aufs Wasser -- dann der Knall; bald darauf das Krachen, wenn eine Fassade getroffen war, dann das Poltern der Ziegel oder Mauerteile auf die Straße.
Das zweite Torpedoboot, das ich von meinem Platz aus nicht sehen konnte, schoß ebenso munter wie das erste. Da ich nicht sehen konnte, wann es schoß, war der Schutz, den mir der Pfeiler bot, erst recht illusorisch. Die beiden deutschen Kanonen gaben jede fünf oder sechs Schüsse ab. Ob sie Schaden anrichteten, weiß ich nicht. Alles ging zu schnell, als daß völlige Treffsicherheit hätte erreicht werden können. An der abschüssigen Straßenmündung liefen die Kanonen zu stark zurück und mußten bei jedem Schuß von neuem vorgerückt werden. Das Ganze war in zwölf Minuten vorüber. Die Boote machten fast kehrt und fuhren schleunigst nach Westen zurück, fortwährend feuernd. Sie gaben etwa dreißig Schuß ab, wie mir die deutschen Offiziere sagten. Gleichzeitig schossen sie mit Maschinengewehren. Aber der Abstand nahm zu, und schließlich hörte das Feuer auf.
»Wie kommt es, daß nicht ein einziger Schuß unser Hotel getroffen hat?« fragte ich. »Die Engländer müssen doch gesehen haben, daß die Quelle des deutschen Feuers gerade unsere Straßenecke war, und daß die Bedienung der Kanonen die einzigen lebenden Wesen auf der ganzen Strandstraße bildete.«
»Das scheint uns so, aber bei der schnellen Bewegung der Boote konnten sie wohl kaum entscheiden, woher das Feuer kam. Vielleicht hatten sie ihre Aufmerksamkeit auf den Hafen gerichtet in dem Glauben, daß wir dort Torpedoboote liegen hätten. Mehrere Schüsse gingen auch auf den Hafen.«
»Merkwürdig,« warf ein anderer ein, »daß mehrere Schüsse das Hotel Majestic getroffen und dort ein paar Offiziere getötet haben. Majestic ist ein großes, weißes Prachtgebäude, wo die Engländer vermutlich einen guten Fang zu tun glaubten.«
»Es ist sehr bezeichnend,« fügte ein dritter hinzu, »daß sie uns mit ihrem Besuch gerade um 1 Uhr beehrt haben, wo sie wußten, daß alle Offiziere bei Tisch saßen. Offenbar haben sie gedacht, sie könnten ungehindert vorüberkommen und nach ausgeführter Erkundung wieder verschwinden, ehe wir fertig wurden.«
Als alles ruhig war, setzten wir uns zu Tisch, und dann begaben Beß, Kübler und ich uns nach dem Hotel Majestic.