Ein Volk in Waffen

Part 12

Chapter 123,452 wordsPublic domain

Über den Häusern an der Westseite der Place de Meir wirbeln braunschwarze Rauchwolken zum Himmel empor, und wir gelangen zum Marché aux Souliers, wo ein ganzes Viertel in Flammen steht. Aber das Feuer verbreitet keinen unheimlichen Schein in dieser im Sonnenlicht gebadeten Stadt. Die Flammen schlagen nur wie gelbe, flatternde Flaggen aus den Fenstern, und von der Straße her sieht man, wie es im Innern glüht. Mehrere Häuser sind bis auf den Grund zusammengeschossen, und aus Balken und Gerümpel steigt der Rauch in dichten, schwarzen Wolken auf. Keine neugierig gaffende Menschenmenge betrachtet dies unheimliche Schauspiel. Eine Feuersbrunst mehr oder weniger ist nichts Merkwürdiges in dieser Zeit, die so reich an aufregenden Ereignissen ist. Deutsche Soldaten halten auch an den Eingängen der Straßen Wacht, an der Place Verte und Place de Meir. Und es kann ja auch nicht viel Schaulustige in einer Stadt geben, die zum größten Teil verlassen ist. »Weshalb tut man nichts, um das Feuer zu löschen?« frage ich. -- »Die Wasserleitung in Waelhem ist zusammengeschossen, und das einzige, was getan werden kann, ist, zu sorgen, daß das Feuer sich nicht ausbreitet. Im Notfall müssen die benachbarten Häuser niedergerissen werden, aber es sieht so aus, als wolle das Feuer von selber verlöschen.«

Keinem Teil der inneren Stadt Antwerpen ist so übel mitgespielt worden wie dem Marché aux Souliers, doch nur den Häusern an der Nordseite der Straße. Ohne Zweifel haben nur ein paar Schüsse in diese Häuser eingeschlagen. Die Granaten zünden gewöhnlich beim Krepieren, und dann hat sich das Feuer auf die Nachbarhäuser ausgedehnt. Aber das Viertel ist von offenen Plätzen und Straßen umgeben, und so blieb das Feuer begrenzt. Freilich sind diese Straßen sehr eng. Über Marché aux Souliers wurde vordem ein langwieriger Rechtsstreit geführt zwischen den Hausbesitzern, der Kommune, die über die Fußsteige verfügt, und dem Staat, dem Eigentümer der Straße. Der Streit ging um die Erweiterung der Straße; sie war zu eng für den gerade hier sehr lebhaften Verkehr. Aber niemand wollte nachgeben. Da kam die deutsche Artillerie und machte dem Streit mit einem Schlag ein Ende. Nun ist die Straße breiter als zuvor!

Wir fahren durch die Avenue Sud, die gelb ist vom herabgefallenen Laub, aber hier sieht man kaum eine Spur des Bombardements, höchstens die Wirkung einer vereinzelten Granate. Am Südhafen fahren wir an den langen Reihen Pavillons vorüber, den Lagerhäusern und Kontoren, welche nach der Straße zu wohlbekannte Firmenschilder tragen: Hamburg-Amerika-Linie, Norddeutscher Lloyd, Compagnie Maritime Belge du Congo, Nippon Yusen Kaisha, Red Star Line, Peninsular & Oriental usw. Gewaltige Wagenparks stehen mit oder ohne Ladung auf Schienen, ein ganzer Zug ist mit Benzin belastet, ein Fund, der die deutschen Offiziere hoch erfreute. Ein anderer hat kolossale Heuhaufen hergebracht, die unter Planen aufgestapelt sind. In den Hallen fand man bedeutende Vorräte von Kolonialwaren, Hafer, Mehl, Kaffee und andern Vorräten, die requiriert und verbraucht werden sollten. In einigen Hallen standen etwa tausend Automobile aller Art, meist Last- und Droschkenautomobile; sie waren samt und sonders mit Äxten, Spießen und Hämmern zerschlagen und unbrauchbar gemacht. Sie repräsentierten einen Wert von etwa neun Millionen Mark!

Wachtposten waren noch nicht aufgestellt, der ganze Hafen lag offen da, es war fast unheimlich öde und still in den Hallen. Ein paar Dampfschiffbureaus und das des Südbahnhofs waren in bester Verfassung zurückgelassen worden. Alles Wertvolle war fort, nur Quittungen und Rechnungen lagen da, und die Röcke der Beamten hingen noch an ihren Haken, als ob ihre Besitzer an einem der nächsten Tage hätten zurückkehren wollen.

Was mehr als alles andere die Aufmerksamkeit im Hafen auf sich lenkte, waren die kolossalen Petroleumtanks, die nun ein einziges Feuer- und Rauchmeer bildeten. Das belgisch-englische Heer hatte bei seinem Aufbruch nicht versäumt, diese Vorräte anzuzünden. Kann man den Feind nicht hindern, einzudringen, so kann man ihm wenigstens den Vorteil allzu großen Gewinnes rauben. Deshalb waren die Automobile zerstört und die Petroleumvorräte in Brand gesetzt worden. Höchst eigentümlich sah es aus, wie sich die schwarzen Wolken mit ihren grauen und bräunlichen Rändern zum Himmel emporwälzten und -wirbelten. Man hörte es drinnen zischen und fauchen, und zuweilen drangen rote Flammen durch den Rauch. Ab und zu erschollen dumpfe Explosionen, und es war nicht ratsam, nahe heranzugehen. An einigen Stellen wehte noch, vom Rauch umwirbelt, die amerikanische Flagge. Nur herrenlose Kühe und Hunde streiften in dieser Gegend herum.

Gerade gegenüber dem Fort de la Tête de Flandre brannten auf dem Fluß ein paar große Leichter; sie waren offenbar verankert und hatten als Pontons für eine provisorische Brücke gedient, die das Heer der Verbündeten benutzte, als es über die Schelde zurückging und seinen Rückzug bis Gent fortsetzte. Gewisse Verteidigungsanstalten im Hafen auf dem Weg zu dieser Brücke bewiesen, daß das belgisch-englische Heer die Absicht gehabt hatte, bis aufs äußerste zu kämpfen. An einigen Stellen waren zum Beispiel unter den Hallen Barrikaden aus dicken Eisenplatten errichtet, und an einer von ihnen standen drei geschützte Kanonen, die den offneren Teil des Hafens bestrichen. Hier und da waren Stacheldrahtnetze gespannt und allem Anschein nach so eingerichtet, daß sie mit Elektrizität geladen werden konnten. Aber zum Gebrauch dieser Verteidigungsvorrichtungen war es nicht gekommen.

Auf einer Rundfahrt durch die Stadt kamen wir auch in die Rue Carel Ooms. Dort stand hinter einem eisernen Gitter eine größere Villa, in deren Park eine alte vornehme Dame, auf zwei jüngere Frauen gestützt, spazieren ging. Sonst war niemand von den reichen Bürgern der Stadt zu sehen. Ich trat ein und grüßte, und die Dame berichtete mit schlichter Würde, sie hätte es nicht über sich gebracht, Antwerpen in der Zeit seiner harten Heimsuchung zu verlassen, und bei ihren siebzig Jahren auch nicht gewagt, sich den Gefahren einer Reise auszusetzen. In ihren Park hatten fünf Granaten eingeschlagen, ihr Haus aber unbeschädigt gelassen. Doch hatte sie, wie man wohl begreifen kann, in Todesangst geschwebt. Nun ging sie zum erstenmal aus und schöpfte nach der qualvollen Stimmung der letzten Tage frische Luft. Unglücklicher waren ihre nächsten Nachbarn, denn von ihrem Haus standen nur noch die nackten Mauern. Sie selbst waren fortgereist, doch schienen ihre Diener dageblieben zu sein, denn man wollte aus der Richtung, wo die Granaten einschlugen, Hilferufe gehört haben. Schließlich erfuhr ich, die Dame sei die Witwe des berühmten belgischen Historienmalers Carel Ooms; sie bewohnte die Villa seit dem 1900 erfolgten Tod ihres Mannes, dem zu Ehren die Straße benannt worden war.

Nach einem einfachen Frühstück unternahmen wir schließlich eine Tour nach der Nordseite des Hafens und besichtigten flüchtig die Dampfer in den Hafenbassins und Docks. Ich ging an Bord eines deutschen Dampfers, »Celadon«, der auf dem Vorderdeck Spuren eines Sprengschusses zeigte. Wie ich später hörte, waren in allen diesen Fahrzeugen die Dampfkessel zerstört, damit sie nicht von den Deutschen benutzt werden konnten.

»Comte de Smet de Naeyer« war der Name eines schönen belgischen Schulschiffes mit graublauem Rumpf, weißen Masten und feinem Takelwerk. Aber an Bord war nichts von Interesse. Ich stattete auch dem großen Australiendampfer »Tasmania« einen kurzen Besuch ab. In den Offizierskajüten waren alle Schubfächer ausgezogen und alle Wertsachen fortgenommen, nur Bücher, Papiere, Rechnungen und andere wertlose Dinge fanden sich noch vor. Aber auf einem Schreibtisch in der Kajüte des Kapitäns stand das Porträt einer Frau und die Photographie einer Gruppe blühender Kinder. Im Speisesaal stand ein gedeckter Tisch mit noch nicht geleerter silberner Kaffeekanne und Tassen, sowie einer fast leeren Zigarrenkiste. Alle Passagierkajüten waren leer und verlassen. Wir wanderten durch die langen Korridore, wo unsere Schritte hohl und laut widerhallten, und blieben zuweilen stehen, um zu lauschen, ob es unsere eigenen Schritte waren, die wir hörten, oder ob uns jemand nachging. Man konnte ja in diesen Zeiten alles mögliche annehmen. Vielleicht hielten sich Flüchtlinge an Bord verborgen. Wir riefen, aber unsere Stimmen verhallten in dem leeren Schiffsrumpf, und niemand antwortete. Wir sahen in die Mannschaftskajüten hinein, aber niemand schlief mehr in diesen Kojen, die sich so oft auf den Wogen des Ozeans geschaukelt hatten. Alles gleich still, gleich stumm und verlassen. Es konnte einem an Bord dieses Gespensterschiffs, dieses fliegenden Holländers mit einer Besatzung von unsichtbaren Geistern, die uns aus allen Winkeln und Ecken anstarrten, unheimlich zumute werden. --

Die Zeit zum Aufbruch nahte heran, und wir kehrten wieder nach Brüssel zurück. Weit waren wir nicht gekommen, als wir drei Reservebataillonen begegneten. An der Spitze marschierte ein Musikkorps, und jedem Bataillon wurde eine Fahne vorangetragen. Die Soldaten hatten ihre Gewehre mit Blumensträußchen geschmückt, und ihre Gesichter strahlten wie gewöhnlich von guter Laune.

Auch diesmal besichtigte ich ein Schloß am Wege. Nie werde ich die Eindrücke vergessen, die auf mich eindrangen, als ich durch die leeren, dämmerigen Zimmer wanderte. Im Schlaf- und Gastzimmer im ersten Stock standen die Betten unverändert, wie sie von den Besitzern und Gästen des Hauses verlassen worden. Decken und Laken waren beiseite geworfen, über die Stuhllehnen hingen nachlässig die Handtücher, die Waschschüsseln standen halbvoll von benutztem Wasser, und die Seifestücke lagen in ihren Schalen festgetrocknet. In dem großen prächtigen Speisesaal im Erdgeschoß war der Tisch noch gedeckt, auf einer Schüssel lag etwa die Hälfte des zuletzt servierten Gerichts, einer Eierspeise. Etwa zehn Personen hatten an dem Essen teilgenommen. Einige Teller waren leer, andere noch bedeckt mit Resten der Mahlzeit. Messer und Gabeln -- Brotstücke -- Gedecke -- ein paar Champagnerflaschen waren geleert, eine dritte enthielt noch einen Rest des Weins, der nun seine schäumende Frische verloren hatte. Servietten auf dem Tisch -- auf den Stuhllehnen -- auf dem Boden -- schnell und überstürzt waren die Gäste aufgebrochen, als der Kanonendonner näher kam oder vielleicht eine Granate in der Nachbarschaft einschlug. Vielleicht hatte auch ein Bote gemeldet, die äußeren Forts seien gefallen und die Deutschen marschierten geradeswegs auf Antwerpen los. Und wer waren die Gäste, die hier am Tisch gestört wurden? Die Familie des Hauses, oder Offiziere, die auf ihrem Rückzug eine Nacht in dem verlassenen Haus zugebracht hatten?

Auf dem Heimweg konnten wir nicht so schnell dahinrasen wie am Morgen. Die Straße wimmelte von Kolonnen und Lanzenreitern, sie sollten nach Antwerpen und von dort nach Gent. Fern aus dem Westen ertönte Kanonendonner. Die Deutschen ließen sich keine Ruhe. Das uneinnehmbare Antwerpen war im Lauf weniger Tage gefallen, und sofort zogen die Eroberer weiter nach Westen. Thalatta, Thalatta! Ans Meer! England hatte den Krieg haben wollen -- es sollte ihn mehr als je seit Wellingtons Tagen satt bekommen!

36. Gäste des Generalgouverneurs.

Abends um 9 waren etwa dreißig Offiziere beim Feldmarschall zur Tafel. Dort sah ich Prinz Waldemar von Preußen wieder und Hauptmann Dreger und machte die Bekanntschaft des Stabschefs Oberstleutnants Scheerenberg, sowie des Generaloberarztes ~Dr.~ Stecho, der Schwedisch sprach und viele Freunde in Schweden hatte. Dann war Bierabend in den oberen Gemächern, zu dem sich auch der Kriegsminister von Falkenhayn einfand. Der alte gesprächige von der Goltz berichtete mancherlei über Antwerpens Fall und seine Vorgeschichte, und war unerschöpflich in Anekdoten und Episoden aus den letzten Tagen.

An einem der nächsten Abende traf ich dort noch mehrere interessante Gäste. Eine hohe Erscheinung von königlich aufrechter Haltung, trat Großadmiral von Tirpitz ins Zimmer, der sich neben dem Kaiser das größte Verdienst um das Zustandekommen der deutschen Flotte erworben hat. Hohe Stirn, fröhliche, offene Augen, blonder Vollbart, sichere, männliche Haltung, ein echter Germane. Es war eine Erquickung, sich mit ihm zu unterhalten. Für solche Männer gibt es keine Unmöglichkeiten und nicht die Spur von Unruhe über den Ausgang des Kriegs.

Direktor K. F. von Siemens, der Chef von Siemens & Halske, ist auch ein ungewöhnlich kraftvoller Germanentypus und von einer Gemütsart, in der Humor und Ernst eine angenehme Mischung bilden. Die deutschen Verluste schätzte er auf 250000 Mann, der großen Mehrzahl nach Leichtverwundete, die bereits an die Front zurückgekehrt seien oder bald zurückkehren würden und vor den neuen Ankömmlingen das voraus hätten, schon im Feuer gewesen zu sein und ihre persönlichen Erfahrungen gemacht zu haben. Es fand sich, daß wir einen gemeinsamen Freund besaßen, den liebenswürdigen Sir Walter Lawrence, seinerzeit Privatsekretär Lord Curzons, als dieser Vizekönig in Indien war. Vermutlich hatten wir ihn nun beide verloren, da dieser Krieg es fertig gebracht hat, auch die festesten Freundschaftsbande zu zerreißen.

Am Tisch saß auch der fünfundsiebzig Jahre alte Geheimrat Kreidel, der Chef der Armeeintendantur. Er hatte in der letzten Zeit infolge von Überanstrengung einige Schwindelanfälle gehabt und sollte nun zur Erholung nach Deutschland zurückkehren. Dann war auch der neue Gouverneur von Antwerpen da, General der Infanterie Freiherr von Hoyningen genannt Huene, den ich schon von Karlsruhe her kannte. Der Befestigungsgeneral Bailer, sanft und liebenswürdig wie ein Dozent der Ästhetik, gehörte zu meinen besonderen Freunden. Er war so glücklich, im Lauf des Tags seinen Sohn gesehen zu haben, der als Leutnant an der Westfront stand und von dem er lange nichts gehört hatte; Leutnant Bailer hatte die lange Reise hierhin auf dem Luftwege zurückgelegt und sollte nun wieder in seinem Aeroplan zurückkehren. Im übrigen sprachen wir von Gent, das gerade nach ziemlich heftigen Kämpfen in offener Feldschlacht gefallen war. Der General wollte dort die belgischen Feldbefestigungen studieren; die Stadt selbst ist unbefestigt. Von Gent sollte das deutsche Heer nun weiter nach Brügge und Ostende. Und schließlich sprachen wir von den 300000 Freiwilligen, die eben an die Front gekommen waren, wo die jungen Studenten mit ihren munteren Scherzen die älteren Landsturmleute erfreuten, die ihnen dafür mit ihren Erfahrungen an die Hand gingen.

37. An der Schelde.

Der Generalgouverneur gab mir die Erlaubnis, noch mehrere Male nach Antwerpen zu fahren und einige Tage dort zu bleiben. Für den 11. Oktober verabredete ich daher mit ~Dr.~ Hütten, der selbst unser Auto lenkte, den nächsten Besuch. Mir lag vor allem daran, einige Aufnahmen von dem malerischen Soldatenleben zu machen, das sich in den Straßen Antwerpens abspielte. Was könnte wohl für eine Kamera verlockender sein als die Grand' Place, der kleine, vornehme Platz am Rathaus und zwischen den Giebelfassaden der alten Häuser. Mitten auf dem Platz hat man vor nicht langer Zeit eine Bronzefigur aufgestellt, eine Darstellung des Märchens von dem Jungen, der die Hand des Riesen wirft: »Handwerfen« -- »Antwerpen«. In einem Haus in der Nähe wurde einer der größten Maler aller Zeiten geboren, wie auf einer Tafel über der Haustür zu lesen ist: »~Geboortehuis von Antoon van Dyck, Kunstschilder 1599-1641~.« van Dycks Modelle und ihre Nachkommen sind verschwunden, nun bilden deutsche Soldaten die Staffage der Grand' Place, Marinesoldaten mit Tornistern auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, die Patronentasche am Leibriemen, Bajonett und Beutel an der Seite. Ein Hund läuft treu neben einem von ihnen her -- man sieht immer wieder deutsche Soldaten, die sich herrenloser Hunde angenommen haben. Dort sind einige Batterien von 6-~cm~-Schiffskanonen -- die Bedienung selbst hat sich vorgespannt an Stelle von Pferden. Vor dem Rathaus rastet eine Kompagnie Infanterie; einige Soldaten machen auf dem Steinpflaster ihr Schläfchen und benutzen die Tornister als Kopfkissen. Da stehen Proviantkolonnen mit Zeltdächern über den Wagen und Heubündeln vor den Pferden, und die Marineradfahrer sitzen auf ihren lautlos rollenden Rädern. An einem Automobil stand der große Ingenieur Hauptmann Dreger und betrachtete eine Karte, die Leutnant ~Dr.~ Hütten ihm zeigte. Aber all diese Bilder wechselten in einem fort, ein ewiges Kommen und Gehen, Fahren und Autosausen, Getrappel von Pferdehufen und Gerumpel der Artilleriewagen, dazu der Gesang der Marinetruppen, wenn sie unter den Klängen der »Wacht am Rhein« über den Platz marschierten.

Weiter zur Fähre unterhalb der Kathedrale. Dort ist das Leben noch bunter; dort herrscht unentwirrbares Gedränge. Wir lassen das Auto unter der Aufsicht unseres Soldaten zurück und schieben uns selbst zwischen Pferden und Wagen vorwärts. Auf der Straße, die zur Fähre hinabführt, bewegen sich langsam doppelte Kolonnen. Ein donnernder Kommandoruf erschallt -- sie stehen; dann bewegen sie sich wiederum und bleiben wieder stehen. Belgische Polizisten in schwarzen Röcken mit silbernen Knöpfen und schwarzen Helmen, flämisch sprechend, helfen bei der Ordnung des Verkehrs. Wohin sollen die Wagen und Mannschaften? Sie werden auf den Fähren über die Schelde nach Tête de Flandre gebracht, dort beginnt die Straße nach Gent. Sie sollen an die Küste und einen Blick nach England hinüberwerfen!

Mitunter ist es nicht möglich vorwärtszukommen. Alles ist so zusammengeschoben, daß ich kaum photographieren kann. Ich will eben eine Feldküche knipsen, als ein Ulan, der auf einem Bagagewagen sitzt, mir zuruft: »Nachbar, es ist verboten, die Feldküche zu photographieren.« »Schön«, antworte ich. Unnötig war es gewiß, da ich schon Bilder von ihr hatte. Der Titel »Nachbar« war nicht übel.

Am Kai an den Brücken, die mit Rücksicht auf den bedeutenden Niveauunterschied zwischen Ebbe und Flut gebaut sind, waren die Fähren in vollem Betrieb. Über drei Pontons war ein fester, rechteckiger mit Geländer versehener Boden gelegt. Ein Dampfer nahm zwei solche Fähren ins Schlepptau, und drei Dampfer waren nun dabei, auf sechs Fähren Proviant- und Munitionswagen, Feldküchen, Feldtelegraphen, Post, Lazarette, Pferde und Soldaten hinüberzufahren. Unter den Soldaten waren auch österreichische Artilleristen, die zu den 30,5-~cm~-Kanonen gehörten.

»Vorwärts!« kommandiert ein Offizier am Kai. Eine Reihe Wagen fährt vor, die Pferde werden abgespannt, die Wagen von Marinesoldaten an Bord geschoben, die Pferde dann auf die Landungsbretter geführt; sie stampfen, prusten, bäumen sich zuweilen und scheuen vor dem entsetzlichen Untier von Fahrzeug. Aber an Bord müssen sie, und sobald beide Fähren voll sind, legt der Dampfer los und bugsiert sie im Handumdrehen über die Schelde nach Tête de Flandre. Dort werden die Landungsbretter ausgeworfen, die Wagen ans Land geschoben, die Pferde vorgespannt, und die Kolonnen setzen ihre Fahrt nach Gent fort.

Sobald die Ladung den Kai verlassen hatte, legte ein anderer Dampfer mit seinen zwei Pontonfähren an derselben Stelle an und nahm ein neues Kontingent an Bord. So ging das den ganzen Tag hin und her und sollte es die ganze Nacht hindurch beim Schein der elektrischen Lampen weitergehen! Und den ganzen nächsten Tag ebenso, solange noch Kolonnen über die Schelde zu befördern waren, immer mit der gleichen Schnelligkeit, Ordnung und Disziplin, die das deutsche Heer bei all seinem Tun und Lassen bis in die kleinste Einzelheit auszeichnet.

Die Fähren kehren von Tête de Flandre nicht leer zurück, denn dort haben sich unübersehbare Scharen zurückkehrender Flüchtlinge angesammelt, Männer, Frauen und Kinder mit Korbwagen, Zweirädern und kleinen Karren und mit allerhand Bündeln und Paketen, eine bunte Schar von Zivilisten, ähnlich einem Zug Auswanderer. Die meisten sind Flämen. Auch unter ihnen herrscht bemerkenswerte Ordnung. Sie trotzen nicht, sie schreien nicht, sie drängen sich nicht vor, um auf den Fähren Platz zu bekommen, sondern warten ruhig, bis die Soldaten ihnen den Weg zeigen. Zwischen Militär und Zivilisten herrschte das beste Einvernehmen, und man sah sie unter Scherzen und Lachen alles aufbieten, um sich in den verschiedenen Sprachen, Deutsch, Flämisch, Französisch durcheinander, verständlich zu machen.

38. Löwen.

Der 12. Oktober war ein strahlend schöner Tag. Die Chaussee de Louvain führte, schön gepflastert, durch dichten Buchenwald, wo kaum ein Sonnenstrahl bis zum Boden durchdrang. Man sieht in dieser Gegend keine deutschen Soldaten, es ist, als wäre nichts anderes geschehen, als daß der Herbst über dieses unglückliche Land hereingebrochen ist. Hier fahren keine Kolonnen. Die Wagen, die die Straße benutzen, sind bürgerliche Lastfuhrwerke. Die Equipagen der vornehmen Welt aber sind verschwunden, seit ihre Besitzer nach andern Ländern aufgebrochen sind.

Achtzehn Kilometer bis Löwen. Innerhalb der Stadt fährt man ein gutes Stück, bis man die ersten Ruinen erreicht. Ganz Löwen ist keineswegs zusammengeschossen, wie man sich vorgestellt hat. Kaum ein Fünftel der Stadt ist zerstört. Zwar kommen auf dieses Fünftel mehrere kostbare und unersetzliche Bauten; besonders beklagenswert ist der Verlust der Bibliothek. Inmitten dieser Verwüstung erhebt sich aber wie ein Fels im Meer das Rathaus, das stolze Kleinod aus der Zeit von 1450 mit seinen sechs schlanken Türmen in durchbrochener Arbeit. Ich ging um das Rathaus herum und konnte mit dem besten Willen keine Schramme in diesen mit verschwenderischem Reichtum geschmückten Mauern entdecken. Vielleicht findet sich irgendwo eine Ritze von einem Granatsplitter, die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Dank der Treffsicherheit der deutschen Artillerie ist auch nicht ein Gesims der sechs Türme beschädigt. Der Anlaß zum Bombardement von Löwen ist bekannt. Beim Einzug in die Stadt wurden die deutschen Truppen von der Zivilbevölkerung aus den Fenstern beschossen, und da das Verbrechen nicht auf andere Weise bestraft werden konnte, wurden die Häuser in Brand geschossen. Als dann deutsche Soldaten das Feuer in den dem Rathaus benachbarten Häusern zu löschen suchten, lauerten ihnen die Franktireurs wieder mit ihren Büchsen auf! _Jede andere Armee der Welt hätte ebenso gehandelt_, und die Deutschen haben es selber tief beklagt, daß sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, zu solchen Mitteln zu greifen.

Von Löwen fuhr ich nach Mecheln, eine lange Strecke den Kanal entlang, der die beiden Städte vereint und wo man plötzlich die Masten von Schuten zwischen den Bäumen der Parks und Alleen hervorlugen sieht. Nach Mecheln kamen wir gerade zu der Beerdigung eines Marinesoldaten, der auf seinem Posten gefallen war. Der Tote wurde auf einem belgischen Leichenwagen zu Grabe gefahren, hinterdrein gingen etwa hundert Soldaten aus der Armee und Flotte. Nach Hinabsenkung der Leiche wurden drei Gewehrsalven abgegeben und das Grab zugeschüttet. Auf dem kleinen Kirchhof waren viele deutsche, mit Kränzen und Helmen geschmückte Gräber und zwei Massengräber.

39. Die weiße und die schwarze Marie.