Part 11
Alles, was diese Riesenmörser betrifft, wird geheim gehalten. So viel aber erfährt man doch, daß diese unerhört schweren Geschosse mehrere Kilometer hoch geschleudert werden und meilenweit vom Ausgangspunkt entfernt einschlagen! Man schießt sich mit den großen Mörsern sehr sorgfältig ein und muß doch darauf gefaßt sein, daß ein Schuß oder ein paar ihre Wirkung verfehlen. Man stellt aber den Schuß mit einer solchen Sicherheit ein, daß die Fehlerquelle nur gering ist. Bevor man die Schüsse abgibt, werden die genauesten Berechnungen und Beobachtungen angestellt. Während des Einschießens sind Beobachter in geeignet gelegenen Wäldchen vor der Front aufgestellt, die telephonisch mit der Bedienung verbunden sind und melden, in welchem Verhältnis zum Ziel der Aufschlag erfolgt. Wenn ein Ding von der Größe dieser Geschosse aus einer Höhe von einigen Kilometern herabkommt, kann ja kein von Menschenhänden errichteter Bau widerstehen!
Im Fort Nr. ~I~ konnte man auch die Wirkung der Geschosse sehen. Ein Schuß hatte den ringförmigen Panzer der Kuppel des größten Panzerturms getroffen, war durch diesen wohl einen halben Meter dicken Panzer hindurchgegangen wie durch Butter und hatte dann noch fünf Meter Beton durchschlagen. Durch einen sinnreichen Mechanismus ist das Geschoß so eingerichtet, daß es erst ein paar Sekunden nach dem Auftreffen explodiert. Es hat, wie die Deutschen sagen, einen Zünder mit Verzögerung. Daher ist seine Wirkung so furchtbar.
Kruppsche Ingenieure waren zurzeit damit beschäftigt, die Forts von Namur und Lüttich wieder instand zu setzen, und bedeutende Arbeitermassen hatten vollauf damit zu tun. Durch die Instandsetzung der eroberten Befestigungen verstärken die Deutschen ihre strategische Stellung und können große Truppenkontingente freimachen und in andere Gegenden schicken.
Welche Wirkung diese schwere Artillerie auf die Besatzung der beschossenen Forts ausübt, kann man aus der Tatsache ermessen, daß in einem Fort siebzig Prozent der Verteidiger fielen und dreißig Prozent schwer verwundet wurden. Unter den Verwundeten war in einem solchen Falle der tapfere General Leman, der in der Gefangenschaft seinen Degen wieder erhielt. In einem andern Fort fand man vierzig unverwundete, aber tote Soldaten. Sie waren offenbar durch die Gase der Geschosse getötet oder im Betonstaub erstickt, der aufs unheimlichste aufwirbelt und überall eindringt. Der Luftdruck hatte auch viele gegen die Kasemattenwände geschleudert; sie wurden mit zerschmetterter Hirnschale aufgefunden.
Eine der Lehren, die man aus dem jetzigen Kriege ziehen zu können meint, ist die, daß auch die modernsten Festungen mit den vorzüglichsten Panzertürmen gegenüber einer Artillerie vom Kaliber der großen deutschen Mörser ohnmächtig sind. Gerade der Umstand, daß die Geschosse erst explodieren, wenn sie in die Kasematte eingedrungen sind, bewirkt, daß die Zerstörung aller Beschreibung spottet. Die Geschosse wirken erst von oben nach unten durch das Einschlagen selber, und dann von unten nach oben durch die Explosion. Die 42-~cm~-Mörser werden in ihre Stellungen auf Eisenbahnschienen befördert, die jedesmal besonders gelegt werden.
33. »Vandalismus.«
Vom Fort Nr. ~I~ fuhren wir in die Stadt zurück, deren schönste Partien am Zusammenfluß der Sambre und Maas gelegen sind. Südlich von der Sambre windet sich eine unendlich malerische Straße zur Zitadelle hinauf. Von dem prächtigen Grand Hotel Namur-Citadelle, das auf der Höhe thronte, ist nur noch das Skelett von eisernen Balken und Ziegelmauern vorhanden. Der Hotelwirt war ein Deutscher, und die Belgier hatten ihn im Verdacht, daß er beim Anmarsch der Deutschen seinen Landsleuten Lichtsignale gäbe. Deshalb steckten sie das Gebäude in Brand. Aber die Aussicht ist noch vorhanden, und sie ist großartig, besonders auf das Maastal mit seinen zahllosen Villen und Schlössern, in denen reiche Belgier wohnen oder wohl besser gewohnt haben; denn die meisten sind infolge der deutschen Okkupation weggezogen.
Die Stadt Namur selbst wurde von den Verheerungen des Kriegs nur wenig betroffen. Das Rathaus ist eine Ruine, ebenso mehrere Häuser in der Nachbarschaft; im ganzen sind aber nur etwa zwanzig Häuser zusammengeschossen. Man hat die Deutschen wegen der Zerstörung menschlicher Wohnungen, Kirchen, öffentlicher Gebäude und Gegenstände von kunsthistorischem Wert getadelt. Solche Verluste sind ja an und für sich beklagenswert, aber weder der Angreifer noch der Verteidiger nehmen die geringste Rücksicht darauf, wenn es zu siegen oder zu sterben gilt! Hegt der anrückende Feind, der eine Stadt erobern will, den Verdacht, daß der Kirchturm der Stadt als Beobachtungsposten benutzt wird, so schießt er den Kirchturm zusammen. Als die Belgier den Verdacht gefaßt hatten, daß von Schloß Marche-les-Dames der Herzogin von Arenberg bei Namur, berühmt wegen seiner kostbaren Kunstschätze, Signale gegeben würden, steckten sie es in Brand. Wenn es gilt, das Vorrücken eines Invasionsheeres aufzuhalten oder seine Verbindungslinien abzuschneiden, scheut der Verteidiger keine Opfer, wenn auch er selbst in erster Linie den materiellen Verlust erleidet. Unter den unzähligen Brücken, die die Belgier in ihrem eigenen Lande gesprengt haben, um den Deutschen den Weg zu verlegen, sind viele, die für die Deutschen nicht die geringste Bedeutung hatten. Hierdurch haben sich die Belgier selbst dreifach Schaden zugefügt: sie haben die Brücken verloren, sie haben die Aufräumungsarbeit zu leisten und, wenn der Krieg zu Ende ist, eine neue Brücke zu bauen -- alles das wird durch eine einzige Bohrpatrone verursacht.
Wie oft schafft nicht ein Kriegsheer bei der Verteidigung des eigenen Landes mehr Verwüstung als das Invasionsheer! Das Sprengen von Brücken ist an und für sich ein Vandalismus, aber vollkommen berechtigt, wenn man dadurch strategische Vorteile gewinnen kann. Die Verwüstung, die die Deutschen bei ihrem Vordringen angerichtet haben, war teils unfreiwillig, teils durch die Haltung der Zivilbevölkerung erzwungen; aber niemals erfolgte sie aus Zerstörungswut und Vandalismus. Entgegengesetzte Behauptungen gehen darauf aus, in der Öffentlichkeit falsche Vorstellungen zu erwecken, und man kann sicher sein, daß feindliche Heere, wenn es ihnen gelänge, in Deutschland einzudringen, dieses Reich mindestens ebenso verwüsten würden, wie jetzt die Gegenden verwüstet sind, in denen deutsche Heere stehen.
In der ersten Zeit nach der Einnahme Namurs mußten nach Einbruch der Dunkelheit alle Fenster nach der Straße hinaus erleuchtet bleiben, während die Straßen selbst im Dunkel lagen. Wer auf der Straße ging, war daher nicht zu sehen; wer aber aus einem Fenster schoß, wäre sofort ertappt worden. Alle Haustüren mußten zunächst unverschlossen bleiben. Nach einiger Zeit wünschten aber die Einwohner aus Furcht vor den Soldaten ihre Haustüren schließen zu dürfen, und der Wunsch wurde bewilligt.
Bei meinem Besuch, also am 8. Oktober, machte Namur einen belebten Eindruck. Noch ½8 Uhr abends waren die meisten Geschäfte offen und auf den Straßen viel Verkehr. Sogar junge Damen, die anfangs nicht auszugehen gewagt hatten, zeigten sich wieder. Aber noch durfte niemand ohne besonderen Ausweis nach 9 Uhr abends außer dem Hause sein. Die vielen Uniformen, Militärautos und Transporte verwandelten Namur in eine deutsche Garnisonstadt. Aber Namur war auch noch etwas anderes; das bewiesen die weißen Fahnen an vielen Fenstern, namentlich in den Hauptstraßen; sie bedeuteten: wir, die wir in diesem Hause wohnen, finden uns in die neue Ordnung der Dinge. Wer durch Belgien reist, muß sein Herz verhärten, denn jeder Schritt erinnert daran, welches Unglück es sein muß, die Freiheit im eigenen Lande verloren zu haben. Und man denkt mit Schrecken daran, wie man selbst bei gleichem Unglück fühlen würde. Ein Strafgericht geht jetzt über Europa. Wehe den Völkern, die nicht beizeiten ihr Haus besorgt haben und sich auf Vereinbarungen und papierne Erklärungen verlassen; denn nur die Macht gibt den Ausschlag, und nur der Starke und Wachsame flößt Respekt ein nach _allen_ Seiten!
34. Generalgouverneur Exzellenz von der Goltz.
Am Nachmittag des 9. Oktober fuhr ich mit einem Militärauto nach Brüssel, in der Absicht, vor dem Einbruch der Dunkelheit wieder in Namur zu sein. Der Weg führte mich über das Schlachtfeld von Waterloo. Ich besuchte das dortige Schlachtenpanorama und den kolossalen Löwen, den die niederländische Regierung aus eroberten französischen Kanonen hat gießen und dort auf einem Hügel hat aufstellen lassen.
Dämmerung senkt sich auf diese blutgetränkte grüne Erde herab, der Wind weht über die Felder und Hügel, wo das Echo der alten Kanonen und das Gerassel der Harnische und Steigbügel, gekreuzter Lanzen und harter Säbelhiebe vor fast hundert Jahren verklang. Eine feierliche Stimmung ergreift den Beschauer dieses Schlachtfeldes, auf dem mehrere Völker ihren Toten Denkmäler errichtet haben. Nun halten deutsche Soldaten bei Waterloo und seinen Denkmälern Wacht. Still! Hört man nicht den Kanonendonner vor Antwerpen? Wir lauschen; nein, alles ist still. Meine Chauffeure, die mit oben bei dem armen gefangenen Löwen stehen, können nicht begreifen, was vorgefallen ist. Seit ein paar Wochen konnte man täglich die Kanonade hören, versichern sie, und nun ist es plötzlich still! Man sieht nicht einmal im Norden den Feuerschein brennender Häuser. Sind Wind und Nebel daran schuld? Meine Begleiter glauben gehört zu haben, in der vorigen Nacht seien fünfzehnhundert Schüsse auf die unglückliche Stadt abgefeuert worden; die Verwüstung dort müsse schrecklich sein. Nun ja, denke ich, auch eine Artillerie wie die deutsche wird Zeit brauchen, um einen Platz wie Antwerpen einzunehmen, der nach englischen und französischen Angaben die stärkste Festung der Welt und absolut uneinnehmbar ist.
Die Nacht war hereingebrochen, als wir Brüssel erreichten, aber die Straßen waren erleuchtet, und die Fenster der Geschäfte und Restaurants strahlten in hellem Glanz. Viele Spaziergänger waren unterwegs, aber fahren sah man nur deutsche Offiziere und Soldaten.
An der Ecke der Rue de la Loi wurden wir von zwei Wachtposten angehalten. Ich zeigte meinen Ausweis, sie gaben den Weg frei, und wir fuhren weiter bis zum Palast der Ministerien. »Wo wohnt der Gouverneur?« fragte ich meinen Chauffeur. »Wir sind sofort da«, war die Antwort. Er hielt vor dem ~Ministère des Sciences et des Arts~. Am Torweg standen starke Wachtposten. Man führte mich über einen Hof und in einen langen Korridor mit deutschen Türschildern. Auf einem stand der Name des Leutnants Massebus; gerade den suchte ich, denn er war einer der Adjutanten. Er teilte mir mit, der Generalgouverneur sei den ganzen Tag vor Antwerpen gewesen, werde aber sicher gegen 9 Uhr zurückkommen; ich möchte dann meinen Besuch erneuern.
Ich fuhr daher nach dem Palast-Hotel, dessen vierhundert Zimmer zum größten Teil von deutschen Offizieren bewohnt wurden. Zur festgesetzten Zeit befand ich mich wieder im Empfangsraum des Generalgouverneurs. Dort warteten mehrere Offiziere. Unter ihnen machte ich die Bekanntschaft eines Mannes, dessen Namen ich schon hatte nennen hören, des Hauptmanns Dreger, der Ingenieur bei Krupp ist und einer von denen, die die 42-~cm~-Mörser konstruiert haben. Dies war nun ein Thema, über das man nicht sprechen durfte, dafür erzählte aber Hauptmann Dreger, daß er im Oktober 1908 eine Woche nach mir nach Bombay gekommen sei, und daß er mich dann buchstäblich über Colombo, Penang, Singapore, Hongkong und Schanghai verfolgt habe, immer in einem Abstand von kaum einer Woche.
»Wer ist jetzt drin?« fragte ich.
»Frau Martha Koch aus Aleppo«, antwortete ein Adjutant. »Sie hat mit Mann und Kindern dreißig Jahre in Aleppo gewohnt, und der Generalgouverneur gehört seit der Zeit seines türkischen Aufenthalts zu den alten Freunden der Familie. Nun ist sie hierher gekommen, um dem Roten Kreuz ihre Dienste anzubieten.«
Ein Offizier, der mit dem Generalgouverneur unterwegs gewesen war, schüttelte den Kopf und sagte: »Wir wundern uns jeden Tag, daß er noch lebt, er setzt sich den schlimmsten Gefahren aus. Neulich flog eine Granate einige Meter über seinen Kopf weg, und er lächelte nur.« Ein anderer Offizier warf ein: »Ja, er scheint an der Gefahr sein Vergnügen zu haben, gefährdete Plätze ziehen ihn besonders an, man möchte fast glauben, daß er den Tod sucht. Das wäre ein schöner Abschluß eines glänzenden Lebenslaufs. Aber die Kugeln weichen ihm aus, während sie die, die in seiner Nähe sind, nicht schonen. Ja, er geht so weit, daß er sich bis an die Schützengräben heranschleicht, sich dort niederlegt und mit den Soldaten scherzt. Natürlich wirkt seine Gegenwart auf sie im höchsten Grad anfeuernd. Eines Tags ging er in Begleitung eines Soldaten bis an einen feindlichen Schützengraben heran, der freilich lange still gelegen hatte, von dem man aber doch nicht wissen konnte, ob er Besatzung enthielt oder nicht. Glücklicherweise war er leer. Als Exzellenz zurückkehrte, machten wir ihm Vorwürfe wegen seiner Unvorsichtigkeit. »Aber es war ja niemand drin«, antwortete er ganz ruhig. -- »Aber es hätten sich doch Schützen versteckt halten können.« -- »Freilich; dann wäre ich wahrscheinlich nicht hingegangen.«
Wie wir gerade von Exzellenz von der Goltz sprachen, trat er selbst aus seinem Zimmer heraus und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich kannte ihn von der Berliner Deutsch-Asiatischen Gesellschaft her, wo ich unter seinem Vorsitz über meine letzte Reise gesprochen hatte. Er empfing mich auch wie einen alten Bekannten.
Der Generalgouverneur von Belgien, Feldmarschall Freiherr von der Goltz, seinerzeit Pascha in türkischen Diensten, steht im zweiundsiebzigsten Lebensjahr, hat aber noch Tatkraft und Energie wie ein junger Mann und fühlt sich im Felde so recht in seinem Element. Kräftig gebaut und stämmig, ist er klein von Gestalt, hat freundliche und lustig blinzelnde Augen hinter einer Brille und erinnert mehr an einen Professor als an einen General. Tatsächlich ist er auch ein sehr gelehrter Mann, der viele kriegsgeschichtliche Arbeiten von großem Wert herausgegeben hat, nicht zum wenigsten über den Deutsch-Französischen Krieg, an dem er teilnahm.
Als wir allein waren, berichtete er mir die große Neuigkeit, daß Antwerpen am selben Tag gefallen und die deutschen Truppen nachmittag 3 Uhr eingezogen seien! Kein Wunder also, daß wir bei Waterloo nichts von einer Kanonade gehört hatten. Ich nahm mir sofort die Freiheit, zu fragen, ob es erlaubt sei, Antwerpen möglichst bald zu besuchen, da es interessant und lehrreich sein könne, zu sehen, wie sich eine neu eroberte Großstadt ausnimmt. Ja, natürlich! Ich könnte alles sehen, was ich wünschte; ich möge nur am folgenden Morgen gleich nach 7 Uhr wiederkommen, dann würde ich erfahren, ob ich schon ohne allzu große Gefahr nach Antwerpen fahren könnte.
35. Antwerpen einen Tag nach seinem Fall.
7 Uhr morgens am 10. Oktober befand ich mich auf dem Weg zum Palast des Generalgouvernements an der Rue de la Loi. Am Eingang kamen drei junge Offiziere auf mich zu, fröhlich und guter Dinge, und begrüßten mich, als wären wir Jugendfreunde. Sie hätten, sagten sie, vom Feldmarschall den Auftrag bekommen, mich nach Antwerpen zu begleiten. »Wenn es Ihnen recht ist, fahren wir sofort, das Auto steht bereit.« Natürlich! Der Chauffeur setzte den Motor in Gang und nahm seinen Platz am Steuer ein. Neben ihm saß ein Soldat und im offenen Automobil die drei Deutschen und ich. Alle Deutschen trugen Revolver; außerdem hatten wir drei Karabiner zur Hand. Offenbar hielt man die Straße noch für unsicher und den Besuch in der eben eingenommenen Stadt mit Gefahren verbunden. Man hatte noch keine genaueren Nachrichten über die Stimmung Antwerpens während der Nacht und am frühen Morgen. »Mir ist es komplett egal, ob ich jetzt oder ein anderes Mal erschossen werde, sterben muß man ja auf alle Fälle«, sagte Leutnant Classen, der ein großer Spaßvogel und voll lustiger Einfälle und Geschichten war. Die übrigen zwei Reisekameraden waren Leutnant ~Dr.~ Hütten aus Stettin und Leutnant ~Dr.~ Walter Kes aus Steglitz. ~Dr.~ Kes war auch in Friedenszeiten aktiv und dabei Doktor der Philosophie, was sehr ungewöhnlich ist.
Sobald alles in Ordnung war, erscholl der Ruf: Los! Und vom ersten Augenblick an fuhr das Automobil mit wahnsinniger Geschwindigkeit. Ehe man noch recht wußte wie, lag die große Stadt Brüssel mit ihren in dieser frühen Morgenstunde stillen und leeren Straßen hinter uns, und wir waren draußen auf dem ebenen Lande, wo vereinzelte Häuser und Dörfer, Wäldchen und Heufeime aus dem Nebel auftauchen, der noch mit dem Morgen kämpft, aber bald von der Sonne zerstreut sein wird. Durch ein herrliches, altes Tor zwischen zwei runden Türmen sausen wir in unvorsichtig rascher Fahrt nach Mecheln hinein.
Wir lassen rechts die Grand' Place mit dem Rathaus und andern altertümlichen Gebäuden und der schönen Bildsäule der Margarethe von Österreich liegen, kreuzen wieder einen Kanal und gelangen auf die Antwerpener Chaussee. Hier fahren wir zwischen den bedeutenden Forts Waelhem und Ste. Cathérine, die von häßlichen Stacheldrahtnetzgürteln und Wolfsgruben umgeben sind, und vorsichtig zwischen den tiefen Löchern, die krepierende Granaten mitten in die Landstraße gerissen haben.
Zu beiden Seiten der Straße sehen wir vortreffliche Schützengräben, die die Belgier auf ihrem Rückzug nach Norden gebaut haben; in den Landstraßengräben sind schalenförmige Nischen ausgehöhlt, um gegen den Hagel des Schrapnellfeuers Schutz zu bieten. Links stehen noch weite Strecken des Landes unter Wasser, und neben der Straße liegen noch provisorische Pontons, hergestellt aus einem Gitterwerk von Balken, die auf zylinderförmigen Petroleumfässern ruhen; die Deutschen brauchten sie beim Übergang über die Wasserläufe.
Die Bewohner des Landes sind wie weggeblasen. Nur ganz selten zeigt sich noch ein verirrter Bauer oder ein Wächter, der zurückgeblieben ist, während der Sturm über das Land raste. Aber das Leben auf der großen Landstraße spottet doch jeder Beschreibung, und der Verkehr nimmt zu, je weiter wir nach Norden kommen. Es sind die alten, wohlbekannten Kolonnen, in denselben endlosen Zügen, von gleichem Aussehen und in der gleichen mustergültigen Ordnung, die wir von den südlicheren Heerstraßen her kennen. Landwehrtruppen rasten neben den Wegen und Straßen; sie haben die Gewehre zusammengestellt, an deren Bajonetten die Mützen, Leibriemen und Patronentaschen hängen. Und dort biegen mehr als vierzigjährige Landsturmleute in ganzen Regimentern nach Gent ab. Ihnen fehlt es nicht an gutem Humor und Courage, sie marschieren wie Jünglinge und singen, als ginge es zum Erntefest! An den Gewehrmündungen tragen sie Blumen, Kränze um den Hals. Nach fünftägiger ununterbrochener Eisenbahnfahrt marschieren sie nun fünfundvierzig Kilometer bis zu den Gefechtsstellungen, vielleicht um fürs Vaterland zu fallen. Deshalb singen sie. Und doch haben sie Frau und Kinder daheim gelassen. Für Freiheit und Glück kämpfen und fallen sie. Sie wissen, was es gilt. Je mehr Kinder sie dem Vaterland geschenkt haben, desto mehr haben sie zu verteidigen, und desto wichtiger ist es für sie, daß Deutschlands Freiheit und zukünftige Größe gesichert wird.
Einigen der vornehmen Villen und Schlösser an der Straße statten wir unsern Besuch ab. Teils werden sie von einem zurückgebliebenen alten Diener oder einer Dienerin bewacht, teils sind sie leer und verlassen. Nirgends ist der Besitzer selbst zurückgeblieben, worüber man sich ja auch nicht wundern kann. Die Häuser, die wir besuchten, waren völlig unberührt und zeigten keine Spur von Plünderung oder Verwüstung. Wir waren auch unter den allerersten, die nach der Eroberung die Straße daherkamen. Soldaten werden für Diebstahl oder boshafte Zerstörung streng bestraft. Solche Fälle gehören auch zu den Seltenheiten. Und wie sollten sich Ausnahmen in einer Millionenarmee vermeiden lassen! In einer Kolonne, die vielleicht aus hundert oder hundertundfünfzig Wagen und vierhundert Pferden besteht, und wo siebzig oder achtzig Mann Karabiner tragen und die Eskorte im übrigen sehr klein ist -- wie soll in einer solchen Kolonne der verantwortliche Führer alles, was geschieht, kontrollieren können! Man muß auch bedenken, daß eine Hafenstadt wie Antwerpen, einer der Hauptpunkte des Welthandels, eine Masse internationales Gesindel beherbergt, das gerade in unruhigen Zeiten losgelassen wird und auf Raub ausgeht. Es wäre daher nicht zu verwundern, wenn sich nach Beendigung des Krieges Privateigentum verwüstet fände. Aber so etwas war bei meinem Besuch noch nicht geschehen, soweit ich beobachten konnte. Die Schlösser, die wir besuchten, befanden sich in dem Zustand, in dem ihre Besitzer sie verlassen hatten.
Es geht an Ruinen und nackten, beschädigten Mauern vorüber und auf einer hölzernen Pionierbrücke mit der gewöhnlichen Landsturmwache fahren wir über die Nethe, wo die alte Brücke während des Rückzugs gesprengt wurde.
Die Schützengräben liegen immer dichter nebeneinander und sind mit bewundernswerter Sorgfalt angelegt. Die unterirdischen Gänge sind oft zu kleinen Zimmern ausgebaut, mit Holz- und Erddächern versehen, die Wände mit Brettern belegt. An einer Stelle ganz nahe der Stadt sieht man quer über die Straße Spuren von Barrikaden. Sie sind wie Steinmauern aufgeführt, aber leicht zu umgehen, da Lücken in sie geschlagen sind. Oft liegen auf und neben der Straße tote Pferde. In der Nähe des innern Fortgürtels mit den Stacheldrahtnetzen begegnen wir ein paar Batterien schwerer Mörser, die in dieser Gegend nicht mehr gebraucht werden und nun wohl auf dem Weg nach dem westlichen Flandern sind. In derselben Richtung wie wir fährt eine Kolonne, die auf langen, schmalen Wagen Pontons befördert; sie sollen bald an der Schelde in Anwendung kommen.
Die Stadt selbst umgibt ein grasbewachsener Wall, den viele Tore durchbrechen, und vor dem Wall zieht sich ein fortlaufender Graben, über den Brücken führen. Von den Toren wehen die deutschen Fahnen herab. Durch das Mechelner Tor gelangen wir in den Stadtteil Berchem und fahren dann die Mechelner Chaussee nach Nordwesten. Die ganze Straße ist voll von rastenden Kolonnen und Truppen. Sie stehen offenbar bereit zu neuen Taten. Hier und da sind Häuser von Granaten getroffen und an einigen Stellen ist das Straßenpflaster von Granaten aufgerissen. In der breiten, vornehmen Avenue des Arts sind einige Bäume von Bomben zersplittert. Place de Meir, eine große, schöne Straße im Zentrum der Stadt, ist überfüllt von rastenden Munitionskolonnen und Truppen. Sie stehen froh im Sonnenschein und zeigen eine Haltung und Miene, als wäre Antwerpens Eroberung die leichteste Sache von der Welt.
Frauen und Kinder sind nicht zu sehen, und der Männer, die die Truppen betrachten, wenige. Die ganze Bevölkerung ist nach Holland geflohen, die Reichen nach England oder an die Riviera. Alle Läden sind geschlossen. An den Banken halten deutsche Soldaten Wacht. Aber die durch Waffenmacht unterdrückte Stadt ist doch wie zu einem Siegesfest geschmückt! Ganz Antwerpen flaggt mit -- belgischen Fahnen! Wie ist es möglich, daß sie aushängen dürfen? Nun, die Stadt ist ja erst gestern gefallen -- da flaggte man noch für die belgische Armee und die englischen Hilfstruppen! An den folgenden Tagen verschwanden nach und nach die schwarz-gelb-roten Flaggen.