Part 10
Obgleich es mit großer Gefahr verbunden war, gingen wir noch zweihundert Meter in der Richtung auf die Schützengräben vor. Das Gelände senkte sich hier langsam. Wir verfolgten die Straße in zerstreuter Ordnung und im Schatten der Bäume, und wo Gebüsch war, hielten wir uns darin. Glücklich kamen wir bis zur ersten Linie der Reservetruppen für die Schützengräben. In diesen wechselt die Mannschaft jeden Morgen um 6 Uhr. Die Leute können sich also jeden zweiten Tag ausruhen. Sie haben sich in die Erde eingegraben, und ihre Wohnungen sind mit Stangen, Zweigen und Heu gedeckt. Sie waren am Morgen aus dem Schützengraben gekommen und sollten nun bis Mittag schlafen. Dann wird exerziert, und bei Dunkelheit kommen die Feldküchen mit ihren dampfenden Kochtöpfen. Es gab eine ganze Reihe solcher Reservelager an der Nordseite des Gebüschs.
Niemand riet uns, von hier aus den Weg fortzusetzen, denn dann wären wir unfehlbar von französischen Beobachtern gesehen und mit mörderischem Feuer bedeckt worden. Ausgerechnet eine Feldküche, die sich hier doch nur in der Nacht bewegt, war dieser Tage von einer Granate getroffen worden und hatte vier Mann verloren. Und jetzt hatten wir Tageslicht und offenes Gelände vor uns. Vor kurzem erst waren die deutschen Soldaten bei Einbruch der Dunkelheit plötzlich aus einem nahegelegenen Schützengraben herausgestürmt und hatten einen Bajonettangriff unternommen. Der Angriff war zurückgeschlagen worden und mehrere Deutsche auf dem Platze geblieben. Die Leichtverwundeten wurden in französische Gefangenschaft geführt. Drei Mann waren so schwer verwundet, daß sie für verloren galten und liegen bleiben mußten. Die nächsten französischen Soldaten hatten aber Mitleid mit den armen Verwundeten und brachten ihnen jede Nacht Speise und Wasser, auch Zigaretten. Eines Tags kam ein mutiger deutscher Arzt mit einigen Krankenträgern in die deutschen Schützengräben. Sie führten eine Flagge des Roten Kreuzes mit sich. Erst knallten einige feindliche Schüsse; als aber die Franzosen erkannten, was die Absicht war, wurde es lautlos still; niemand wollte das Rettungswerk stören.
Bei einer andern Reservekompagnie, wo wir uns eine Weile mit den Feldgrauen unterhielten, war vor einiger Zeit ein Leutnant Johannes gefallen. Rings um sein Grab stand eine ganze Batterie von Granaten wie ein Bataillon Kegel, das Kreuz war der König! Auch junge Fichten waren um den Grabhügel des Leutnants gepflanzt.
Nachdem wir uns ein paar Stunden bei diesen liebenswürdigen, fröhlichen und tapferen Männern aufgehalten hatten, traten wir den Rückweg nach der Fliegerstation an, wo die diensthabende Wache dem Hauptmann Rapport erstatten mußte. Sie äußerte dabei: »Es ist gut, daß die Herren nicht vor einer Viertelstunde gekommen sind, da kam ein Flieger über die Station und warf eine Bombe ab, die hier gleich in der Nähe krepierte, aber ohne Schaden anzurichten.« Zur Erinnerung daran erhielt ich einen Bombensplitter, den man lieber in der Tasche fühlt als im Körper!
30. Feldgottesdienst.
Sonntagmorgen in Vouziers (4. Oktober). Schon früh um 5 weckte mich ein Franziskanerbruder, den ich im dortigen Lazarett des Professors Zinser kennen gelernt hatte. Ich kleidete mich schnell an und in Begleitung eines katholischen Soldaten, der von Behr bediente, wanderten wir nach dem Altenheim, in dessen Kapelle der Geburtstag des heiligen Franziskus mit Messe und Gesang gefeiert werden sollte. Es war noch nicht Tag, der Mond schien nicht, die Nacht herrschte noch auf der Erde, ein feuchter Nebel schwebte über Vouziers, und das Steinpflaster der Straßen war naß. Hier und da brannte ein elektrisches Licht, einsam gegen die Dunkelheit kämpfend. Ab und zu hörte man eilige Schritte; es waren die Mönche, die zur Messe eilten, und vor einem Haus mit irgendeiner militärischen Bestimmung ging eine Nachtwache auf und ab, sonst war die Straße lautlos still.
Am Ziel angelangt, treten wir in einen kleinen Garten ein, an den der Säulengang des Heims angrenzt, und sind bald darauf in der Kapelle. Diese ist schon mit Zuhörern gefüllt. Da sitzen Elisabethschwestern aus Essen in ihren weißen Schleiern und Vincentiusschwestern aus Hildesheim in ihren schwarzen Schleiern, die Franziskanermönche haben ihre Plätze eingenommen, und auf den Emporen sitzen mehrere Soldaten. Ihnen schließe ich mich an.
Die Heiligenbilder am Altar werden von hohen Lichtern erleuchtet, die eben angezündet werden; aber die beiden Kandelaber werden noch nicht benutzt. Es ist draußen noch so dunkel, daß die gemalten Fenster nicht zur Geltung kommen, da sie nur von innen beleuchtet werden. Man erkennt kaum die Züge der Jungfrau Maria und der heiligen Helena.
Ein Bruder in weißem, goldgesticktem Ornat, umgeben von vier ebenso prächtig gekleideten dienenden Brüdern, tritt an den Altar heran. Sie tragen an langen, feinen Ketten Weihrauchkessel, auf deren glühende Kohlen einer von ihnen ein wohlriechendes Pulver streut, und leichte, blaue Wolken steigen bis zu meinem Platz auf dem Chor empor.
Nun beginnt das lateinische Altargebet. Ein Priester singt, und die Versammelten antworten mit dem immer wiederkehrenden Refrain: »~Per omnia saecula saeculorum.~ Amen.« »~Oremus~« erklingt es vom Altar, und aus der Versammlung »~Per omnia saecula saeculorum.~ Amen.«
Dann folgt die Predigt. Der Redner knüpft seine Betrachtungen an das Leben des heiligen Franziskus. Von der ganzen Erde steigen heute Gebete zu ihm auf. Die Versammelten können sein Andenken nicht besser feiern als dadurch, daß sie ihre Pflichten im Dienst der Menschenliebe erfüllen und die Qualen der Verwundeten lindern.
Die Chorfenster bekommen Farbe. Es tagt draußen. Die Gemeinde singt ein deutsches Lied zu Ehren des heiligen Franziskus. Ein Bruder tritt an den Altar heran und klingelt ein paarmal mit einem kleinen Glöckchen. Ich kann meine Augen nicht von diesen Brüdern und Schwestern abwenden, die von den Schlachtfeldern und Lazaretten gekommen sind, und deren Gedanken sich nun so friedlich um den Namen des großen Heiligen sammeln. Wie sind sie davon ergriffen, wie andächtig machen sie das Zeichen des Kreuzes. Auf einem stimmungsvollen Gemälde im Chor gegenüber schaut der Gekreuzigte von der Höhe seines Leidens auf die knienden Gestalten herab. »~Per omnia saecula saeculorum.~« -- »~Dominus vobiscum.~« -- »~Gratias agimus Domino, Deo nostro.~« -- »~Unus est Deus, unus est Dominus.~« Und das Glöckchen läutet wieder, und der Weihrauchkessel schwingt in seinen Ketten, und es ist, als träten die Jungfrau und die heilige Helena aus den Wolken um den Altar hervor und kämen uns allen näher!
Die dienenden Brüder grüßen sich, indem sie sich gegenseitig die Hände auf Schultern und Haupt legen. Das Abendmahl wird an die Gemeinde ausgeteilt, und wieder erklingt der stete Refrain »~Per omnia saecula saeculorum~«. Und man denkt an all die Tapferen, die draußen in den Schützengräben sterben, und an die Blüte männlicher Jugend zweier edlen Nationen, die dem Granatfeuer geopfert wird. Vielleicht waren die Gedanken der Nonnen und Mönche stärker ergriffen von den unruhigen Ereignissen, die jetzt die Welt erschütterten, als von dem Frieden, der den Namen des heiligen Franziskus umschwebte. Sie gedachten all der Soldaten, die in ihrem Beisein gestorben sind. Es ist schwer, zu sterben, wenn man jung und stark ist und das ganze Leben noch vor sich hat! Aber ewige Ehre verdienen die Männer, die sich fürs Vaterland opfern, und ihr Andenken soll lebendig bleiben »~per omnia saecula saeculorum~«.
Nun werden die Kandelaber auf dem Altartisch angezündet, aber draußen hat jetzt der Tag gesiegt, und das Gesicht der heiligen Helena erstrahlt hell und rein vor aller Augen. Ihre Lippen umspielt ein Lächeln voller Milde und Güte und sie, die Freundin der Wehrlosen und Leidenden, scheint mit Freude so viel würdige Schwestern und Brüder um sich zu sehen, die ihre besten Kräfte den verwundeten und sterbenden Soldaten weihen.
Der Gottesdienst war zu Ende, und mein Franziskanerbruder führte mich in den Säulengang, wo die Schwestern Kaffee mit feinem Weizenbrot und Marmelade boten. Hier verbrachten wir bis zum Abschied eine angenehme Stunde.
½10 Uhr fand der protestantische Feldgottesdienst statt. Das Gotteshaus war eine Straßenecke unter freiem Himmel, ein sichrerer Platz als das offene Feld vor der Stadt, wo eine große Menschenmasse immer ein dankbares Ziel für die Bomben der französischen Flieger abgäbe. Einige hundert Soldaten und etwa fünfzig Offiziere waren zur Stelle. Ein Oktett der Regimentsmusik blies einen Choral -- wir kannten ihn nur zu gut: »Ein' feste Burg ist unser Gott« -- und die Kriegsleute stimmten mit starken, frischen Stimmen ein.
Dann trat auf der untersten Stufe einer Steintreppe der junge Pastor Marguth aus Hessen hervor. Er trug einen schwarzen Rock und um den Arm eine weißviolette Binde wie alle Geistlichen der Feldarmee. Er sprach im Anschluß an den Römerbrief über die Kraft des Evangeliums, und kam damit auf die welthistorischen Ereignisse, die aller Gedanken erfüllten. Er sprach von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes, das in solchen Zeiten einen Herrscher hat, der in Wahrheit ein Führer ist. Der Kaiser habe alles getan, um den Krieg zu vermeiden; er habe den Frieden gewollt, aber da er zum Krieg gezwungen worden sei, habe er auch gewußt, wo sein Platz sei, und was das Volk von ihm verlangen konnte. Und im Vertrauen auf dieses Volk habe er nicht gezaudert, für Deutschlands Existenz und Zukunft loszuschlagen.
Pastor Marguth sprach vom Pflichtgefühl des Volkes als der vornehmsten Bedingung des Siegs. Das Volk wisse, was es zu tun habe, wenn die Pflicht es ruft. »Wir müssen Gott danken für seine Gnade, daß er uns jetzt in der Stunde unserer Heimsuchung in unserer schwersten aber auch größten Zeit so einig und stark gemacht hat.« Und zuletzt sprach er von der Ausdauer der Soldaten und von ihrer Entschlossenheit, sich erst mit dem letzten Mann und dem letzten Pferd zu ergeben.
Es war eine einfache Beredsamkeit ohne Redeblüten, ohne Phrasen; der Geistliche sprach freimütig mit froher Zuversicht und unerschütterlicher Siegesgewißheit, und die deutschen Worte weckten ein klingendes Echo an den französischen Häusern. »Vater unser, der du bist im Himmel ... Der Herr segne euch und behüte euch ...« Schließlich wurde wieder ein Choral gesungen, mit so brausender Kraft, als sei es am Tag vor dem siegreichen Einzug durch das Brandenburger Tor. Hier standen nun diese breitschultrigen, kraftvollen und jugendfrischen Germanen, und unter den Helmen flammten Augenpaare, die vielleicht morgen in den Schützengräben erlöschen sollten! Es überlief mich kalt, als ich den Choralgesang erschallen hörte und dachte, diese Männer verstehen die Kunst, zu sterben! Aber ihr Volk wird nie sterben, und es ist schade um die Mächte, die sich zu ihrem eigenen Untergang vereinigt haben. Wieviel Blut muß noch fließen, bis sie einsehen, daß ihr Ziel, Deutschlands Vernichtung, unerreichbar ist!
Die Feldprediger sind ein Geschlecht für sich. Immer froh, munter, aufopfernd und freimütig. Sie sind die Seelsorger der Soldaten, den Lebenden predigend, die Sterbenden tröstend und erquickend. Die Konfession spielt keine Rolle mehr. Protestantische und katholische Priester verkehren wie Brüder. Alle haben _einen_ Gott, und alle haben _ein_ Ziel: die Wohlfahrt des Vaterlandes. Oft sieht man Priester zu Pferde dahergesprengt kommen, das Kreuz um den Hals, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, die weißviolette Binde am linken Arm des Feldrocks. Nicht selten sind sie mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Dann haben sie wohl mitten im Granatfeuer von der Auferstehung und dem Leben gesprochen oder mit unerschütterlicher Ruhe gepredigt, während feindliche Flieger über ihnen schwebten. Ja, vielleicht sind sie Sonnabend nachts in Kälte und Regen zwischen Büschen und Gras hindurchgekrochen, um an die Schützengräben zu gelangen und ihren Bewohnern am Sonntag Gottes Wort zu verkünden.
Am Abend desselben Tages wurde in der Kirche zu Cernay Gottesdienst abgehalten. Man hatte an Licht sparen müssen, und auf dem Altar brannten nur ein paar Talgkerzen. Aber es war Vollmond und klares Wetter, und der Mondschein sickerte durch die Fenster herein und erleuchtete das Schiff und die Säulen und die wetterharten Männer, die aus ihren Schützengräben oder von ihren Troßwagen gekommen waren. Von Zeit zu Zeit schlugen französische Granaten in die Stadt ein, und es donnerte und krachte von Explosionen und einstürzenden Häusern. Aber der Priester ließ sich nicht stören. Er schien den Krieg draußen nicht zu merken, sondern sprach, ohne mit der Stimme zu zittern, vom Frieden in Gott und von den Pflichten gegen das Vaterland. Die Soldaten hörten mit unerschütterlicher Ruhe zu, und als der Choralgesang schließlich verklang und die Lichter ausgelöscht wurden, zerstreute sich die Schar in den Gassen, die eigentümlich erleuchtet waren vom Mondschein und vom Feuer der brennenden Häuser. --
31. Nach Belgien.
Nachdem ich lange genug bei den prächtigen Offizieren von Herzog Albrechts Armee verweilt hatte, begann ich mich nach neuen Erlebnissen zu sehnen, und am Vormittag des 8. Oktober entschloß ich mich, zunächst nach Sedan zurückzukehren. Da um diese Zeit kein Militärzug abging, benutzte ich auf den Rat des Stationskommandanten, Oberstleutnant Böhlau, den Postautobus, in dessen Innern zwei Artillerieleutnants Müller und Fuchs und meine Wenigkeit hinter den hochaufgestapelten Briefsäcken noch eben Platz fanden. In Sedan nahm mich Oberstabsarzt ~Dr.~ Fröhlich, mit dem ich schon vorher, in Sedan selbst und in Vouziers, zusammengewesen war, in einem Lazarettzug mit dreihundert Patienten, den er nach Breslau zu führen hatte, bis nach Libramont mit. Dort fragte ich den Stationsvorsteher, ob er mir nach Namur weiterhelfen könnte.
»Nicht ganz bis dahin, aber bis Jemelle. Und sind Sie erst dort, so wird sich wohl leicht eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finden.«
»Schön, und wann geht der Zug?«
»Im nächsten Augenblick, aber es ist kein Zug, nur vier zusammengesetzte Lokomotiven, die aus Jemelle requiriert wurden.«
Ich hatte schon manches Beförderungsmittel benutzt, von den Kamelen in Takla-makan angefangen bis zu den Rikschas in Kyoto. Aber auf einer Lokomotive war ich noch nie gefahren, und schon deswegen nahm ich den Vorschlag mit größtem Dank an.
So verabschiedete ich mich denn von ~Dr.~ Fröhlich und wurde mit meinem Gepäck von laternentragenden Landsturmleuten über einige Schienenstränge bis zu den vier Lokomotiven geleitet. Auf der ersten nahm ich Platz; sie hatte den Tender vorn, und ich hatte daher freie Aussicht über die Landschaft, die sich nach und nach vor meinen Blicken aufrollte. Aber kühl und zugig war es, eine dünne Schicht dichten Reiffrostes deckte das Land, und diesen weißen Schein verstärkte noch der Mond, der hoch und kalt über der durchfurchten Erde schwebte.
Lokomotivführer und Heizer waren kräftig gebaute, unerschütterlich ruhige Männer. Ihre rußigen Gesichter verrieten keine Bewegung, keine Unruhe, aber immer hielten sie den Blick fest auf die Bahn gerichtet, bereit, die Maschine anzuhalten, sobald sich etwas Verdächtiges zeigen sollte. Überanstrengt waren sie auch nicht, aber in der letzten Zeit hatten sie auch leichteren Dienst gehabt als früher, wo sie oft achtundvierzig Stunden, ja manchmal sechzig Stunden ununterbrochen tätig waren! Die Schüsse der Franktireurs hatten aufgehört, und man konnte mit einem Gefühl von Sicherheit fahren, was aber Vorsicht nicht unnötig machte.
Die Nacht ist lautlos still. Wir begegnen langen Militärzügen, die wunderlich aussehen in der ungewohnten Perspektive; und auf den Bahnhöfen in Hatrival und Mirwart stehen endlose, leere Güterzüge. Langsam wird es Tag. Gärten und Wälder erhalten Form, und die Laubkronen der Bäume heben sich immer deutlicher vom Himmel und von dem weißen Felde ab. Wir fahren über eine Brücke, die gesprengt, aber von den Pionieren wieder hergestellt worden ist. Die Landschaft ist unendlich schön, wellig und hier und da mit Wald geschmückt. Der Lokomotivführer stellt mir einen kleinen, dreibeinigen Stuhl hin, und als der Heizer den Ofen öffnet, um Kohlen nachzulegen, lächelt er, als ich die Gelegenheit wahrnehme, meine Hände zu wärmen.
Forrières! Nun geht die Sonne auf und mit glitzerndem Gold färbt sie Bäume, Äcker und Wiesen, Häuser und Wagen und die Landsturmleute, die nicht mehr mit aufgeschlagenen Kragen zu gehen brauchen.
Wir sind in Jemelle und steigen aus. Ich danke für gute Reisegesellschaft; ein Trinkgeld wird nicht angenommen. Auf dem Bahnsteig erscheint ein Unteroffizier und fragt, wer ich bin. Er bekommt meinen Ausweis zu sehen und bittet mich, im Zimmer des Stationsvorstehers zu warten, bis dieser kommt, es ist ja erst ½7 Uhr. Drinnen prasselt ein freundlicher Ofen, vor dem ich mich in einen Lehnstuhl niederlasse und sofort einschlafe.
Nach einer Weile kommt Hauptmann Haaf, der Stationsvorsteher, und weckt mich, sehr erstaunt darüber, einen wildfremden Menschen im Besitz seiner Amtsstube zu finden! Aber die Bekanntschaft ist bald gemacht.
»Wann geht ein Zug nach Namur?« frage ich.
»½12 geht ein kleiner Zug Proviantwagen; wenn Sie den benutzen wollen, lasse ich gern einen Personenwagen anhängen.«
»Natürlich, das paßt ausgezeichnet.« Und dann geleitet mich der Hauptmann nach einem in der Nähe gelegenen belgischen Restaurant, in dem ein paar muntere, gesprächige Frauen ein erstklassiges Frühstück auftischen. Währenddem berichtet der Hauptmann, daß man immerhin noch nicht ganz sicher vor Franktireurs sei. Vor einigen Tagen war ein Büchsenschuß auf das Stationsgebäude in Jemelle abgefeuert worden. Man hatte den Schützen ergriffen und vor das Kriegsgericht gestellt; wie es ihm ergangen war, wußte man noch nicht. In der Gegend von Houyet hatte vor kurzem eine Bande Zivilisten einige Deutsche überfallen, und eine Strafexpedition von hundertunddreißig Mann war gegen sie ausgesandt worden.
Die Abfahrtsstunde schlägt, und der Zug fährt durch hügeliges Land mit wohlhabenden Dörfern und auf den Wiesen weidenden Herden. An den Krieg erinnert nichts als die Landsturmleute, die an der Bahn Wacht halten, die Eisenbahntruppen, die hier und da arbeiten, und die Militärzüge, die an den Stationen halten. Auch bei Marloie stand einer, und wir hielten unmittelbar neben ihm. In einem der Wagen saßen Schwestern vom Roten Kreuz, und der Zufall wollte es, daß mein Fenster gerade ihnen gegenüberlag. Einige Schwestern schlummerten, aneinander gelehnt, andere lasen, die übrigen strickten. Durch das geöffnete Fenster sah eine der Schwestern heraus. Sie sah lieblich aus in ihrer hellen Tracht mit dem roten Kreuz am Arm.
»Woher kommen Sie und wohin gehen Sie?« fragte ich.
»Wir sind von Berlin«, antwortete sie, »und sollen nach Sedan.«
»Aber in Sedan ist ja kaum noch ein Verwundeter, die meisten sind nach Deutschland gebracht worden.«
»Das haben wir gehört, aber es werden wohl bald neue von der Front kommen. Woher kommen Sie selber?«
»Aus der Gegend südlich von Sedan.«
»Sind Sie Deutscher?«
»Nein, Schwede.« Es war nicht zu umgehen, ich mußte mich der jungen Dame und ihren Mitschwestern vorstellen. Die Unterhaltung war bald im besten Gang, und wir waren halbwegs miteinander bekannt geworden, als mein Zug sachte weiterfuhr. Ich konnte ihnen bloß Glück zu ihrer menschenfreundlichen Arbeit wünschen und erhielt aus ihrem Fenster freundliche Abschiedswinke. Damit war diese kleine Idylle zu Ende.
Auf der Strecke zwischen Aye und Hogne machten einige Leute der Kasseler Eisenbahntruppen Zeichen, daß sie aufsteigen wollten. Der Zug fuhr langsamer, sie sprangen auf das Trittbrett und fuhren mit Gepäck und Gewehren mit.
Die kleine Stadt Ciney kann sich eines besonders prächtigen Stationsgebäudes rühmen, wo der Verkehr lebhafter ist als sonst. Zuweilen begegnen uns kolossale leere Züge. In den Güterwagen liegen Stroh und Bänke bunt durcheinander. Vielleicht haben sie Truppen nach Antwerpen befördert. Oft sieht man bei den Stationen und zwischen den solid gebauten Steinhäusern der Dörfer gemütliche, gutgepflegte Küchengärten. In einiger Entfernung von der Bahn erblicken wir schließlich das Fort Naninnes mit der deutschen Flagge, und dann fahren wir über die Maas auf einer neuen Brücke, von der man eine Aussicht auf die alte hat, die in den ersten Kriegstagen gesprengt wurde. Und damit sind wir in dem bezaubernden, schön gelegenen Städtchen Namur angelangt.
32. Die 42-~cm~-Mörser vor Namur.
Um die etwa nötigen Aufklärungen zu erhalten, wandte ich mich an einen Hauptmann, einen großen Herrn mit schneeweißem Haar und Bart. Es stellte sich heraus, das es kein Geringerer war als der Professor emeritus ~Dr.~ B. Lepsius, der trotz seines hohen Alters mit in den Krieg gezogen war, ein guter Freund des berühmten schwedischen Physikers Professor Svante Arrhenius; er hat während meines kurzen Aufenthalts in Namur wie ein Vater für mich gesorgt.
Nachdem meine Sachen in einem Hotel am Bahnhof untergebracht waren, machte ich einen Besuch beim Gouverneur, General von Hirschberg, der nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich eines der Forts besichtigte. Außer Professor Lepsius begleitete mich Major Friederich vom Generalstab.
Wir fuhren an die Nordfront und waren bald beim Fort Marchovelette angelangt, jetzt Fort Nr. ~I~ genannt. Die Deutschen haben alle die Stadt umgebenden Forts mit römischen Ziffern bezeichnet. Der erste Eindruck vom Fort Nr. ~I~ ist der, daß die Verwüstung geringer gewesen ist als bei dem Fort in Port Arthur, wo General Kondratenko fiel; denn dieses Fort glich, als ich es vor sechs Jahren besuchte, einem einzigen Schutthaufen. Betrachtet man aber Nr. ~I~ genauer, so erstaunt man über die unheimliche Wirkung der neuen deutschen schweren Artillerie. Das Fort hat die Form eines Dreiecks mit einer Spitze nach Nordosten. Sein Glacis ist mit Stacheldrahtnetzen bedeckt, die zwischen Eisenpfeilern von einem Meter Höhe ausgespannt sind. Das Netz ist dicht und sein Gürtel etwa dreißig oder vierzig Meter breit. Innerhalb dieses Gürtels ist der Graben, der nach außen von der Kontereskarpe, nach innen von der Eskarpe begrenzt wird. Noch einen Schritt weiter nach innen folgt ein Wall oder ein kleinerer Graben für Infanteriestellungen und zuletzt der Kern des Forts mit den Panzertürmen.
In einer Entfernung von zehn oder fünfzehn Metern vor dem Stacheldrahtnetz sah man das Loch, das ein 42-~cm~-Geschoß in den Erdboden gegraben hatte; es maß etwa dreißig Meter im Umkreis und war etwa acht Meter tief. An den fast senkrechten Betonwänden der Eskarpe und Kontereskarpe sah man die Spuren von gewöhnlichen Granaten, die strahlenförmig von der Explosionsstelle sich ausbreitende Löcher hinterlassen hatten. Hier lagen auch Splitter von Sprengbomben verschiedenen Kalibers. Ein Splitter eines 42-~cm~-Geschosses war so schwer, daß man ihn nur mit Aufgebot seiner ganzen Kraft bewegen konnte! Dafür wiegt aber auch ein solches Geschoß in ganzer Gestalt mehrere hundert Kilo! Ein kleiner Splitter, den ich mitnahm, zeigte, daß sich die Masse um ein Viertel ihrer ursprünglichen Dicke ausgedehnt hatte.