Ein treuer Diener seines Herrn

Chapter 4

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Otto. Der Sünde nicht! Noch nicht! Noch ist es Zeit! Gib mir ein mildes Wort, und rette dich, Errette dich und mich.

Erny. Ich, Milde dir? Ich hasse, ich verabscheue ich ver--

Otto. --- achte! Verachtung, war's nicht so?--Merkt Euch das Wort! Ihr spracht es einmal schon, an jenem Abend, Merkt Euch das Wort! Ihr steht dafür mir Rede! Fahr aus, du guter Geist, der mich beschlich, Als ich sie bat, der fast mich übermannt, Räum deinen Platz dem Finstersten der Hölle! Schwachsinnig Weib mit der erlognen Tugend, Die heilig möchte heißen, weil sie kalt, Du liebst mich nicht? Was frag ich um dein Lieben! Du hassest mich? Was kümmert mich dein Haß! Doch weißt du, Törin, was Verachtung heißt? Verachtest du mich, Weib? Das bitt mir ab, Auf diesen deinen Knieen bitt es ab, Sonst fürchte meinen Zorn!

Erny. O Gott! mein Gott! Wer rettet mich?

Otto. Du selbst! wenn du dich fügst. Allein, wenn nicht, dann Unglücksel'ge! wisse: Verschwinden sollst du vom Gesicht der Erde, Daß sich die Leute fragen: ist sie tot? Indes du lebst in dunklen Schauerklüften, Umgeben von des Ortes Einsamkeiten, Wo nur Erinnerung und du. Dort sollst du jammern, sollst die Hände ringen, Wie einen Festtag zählen jeden Tag, Wo mich mein Fuß in deine Zelle trägt. Umsonst dein Flehn, umsonst selbst deine Liebe (Näher tretend.) Wenn du mir Liebe bötest selbst.

Erny. Ich dir? Ha, mein Gefühl, ich hab es dir genannt.

Otto. Du hast, es sei! (Er tritt hinter den Vorhang.)

Erny. O Gott! Was wird? Er sinnt Gefährliches. Nur fort! Entfliehn! (Sie eilt zur Türe, und versucht es, sie zu öffnen.) Die Tür verschlossen.--Gott, wer schloß die Tür? Wer rettet mich? Sie kommen! Großer Gott!

(Der Vorhang fliegt auseinander. Herzog Otto tritt vor. Hinter ihm zwei Gewappnete, deren einer die Schnur des Vorhanges gezogen hat. Im Hintergrunde zeigt ein, aus seinem Rahmen geschobenes, großes Bild den Eingang, durch den sie gekommen sind.)

Otto. Ergreift dies Weib! Bringt sie nach Forchenstein, Auf den geheimen Pfaden, die ihr kennt.

Erny (die wieder nach der linken Seite des Vorgrundes geflohen ist). Mein Prinz!

Otto. Es ist zu spät!

(An der Tapetentüre wird gepocht.)

Ha Schwester, du? Es ist zu spät, sag ich nun auch zu dir! (Er dreht den Schlüssel an der Tapetentüre.) Die Würfel liegen, und kein Schritt zurück. Ergreift sie, sag ich euch!

Erny. Ich aber: Weicht! (Sie hat den Dolch ergriffen, der auf dem Tische lag.) Du hilfreich Werkzeug, dich hat Gott gesendet! Glaubst du dich meiner Herr, und jauchzest drob? Wer mich berührt, den trifft dies scharfe Eisen. Ein zürnend Weib und eine Ungarin, Wer wagt's, und naht?

(Sie tut einige Schritte ihnen entgegen, die Gewappneten halten ein.)

Otto. Ha Feige! zittert ihr? Und habt doch Harnisch an?

(Die Gewappneten gehen auf sie los.)

Erny. Erbarmen!--Ha, Sie nahn, sie fassen mich!

(Einer der Gewappneten hat sie ergriffen, sie reißt sich los.)

Hier ist kein Harnisch! (Sie stößt sich den Dolch in die Brust.) O weh!--Es schmerzt!--Muß ich so früh schon sterben?-- Mein Blut!--Es schmerzt!--

(Sie sinkt zu Boden.--Herzog Otto entflieht nach dem Innern des Gemaches zu. Sobald gepocht wird, bleibt er erstarrt stehen, noch immer in der Stellung eines Fliehenden, den Rücken gegen die Zuschauer gekehrt.)

Königin (von innen an die Tapetentüre pochend). Macht auf! bei eurem Leben, öffnet!

(Einer der Gewappneten öffnet die Tapetentür. Königin tritt heraus.)

Was ging hier vor? Um aller Heil'gen willen? Verruchter! Das mein Lohn und dein Versprechen? Sucht Hilfe, eilt!

(Um die Tote beschäftigt. An der Seitentüre rechts wird heftig geschlagen, verworrne Stimmen lassen sich hören.)

Mein Gott! Was ist nun das?

Peter (von außen). Sie ging hinein, wir haben sie gesehn!

Simon (ebenso). Sprengt auf die Türe, öffnen sie nicht willig.

Königin (ihren Bruder an der Hand ergreifend und vorführend). Unseliger, stell dich an meine Seite, Die Rasenden ergreifen, töten dich.

(Die Türe wird eingesprengt. Bancbanus. Die Grafen Simon und Peter mit Dienern und Gewaffneten stürzen herein.)

Simon. Bancbanus, sieh! dort liegt dein Weib ermordet!

Bancbanus. O Erny, o mein Kind, mein gutes, frommes Kind! (Kniet an der Leiche.)

Peter. Ist keine Hilfe? Sendet Diener aus!

Simon. Umsonst! getroffen ist der Sitz des Lebens, Kein Arzt, kein Gott gibt wieder sie zurück. Nichts mehr für sie zu tun, als sie zu rächen! Dort ist der Mörder! Dieser hat's getan. (Auf Otto zeigend.) Heraus mein Schwert und freu dich auf ein Fest!

Peter. Du grimmer Wolf, was tat dir dies mein Lamm? (Er zieht ebenfalls.)

Simon. Auf ihn! Haut ihn in Stücke! Stoßt ihn nieder!

Königin. Zurück! Wer klagt hier an, und wer beweist?

Peter. Liegt nicht das Opfer tot in seinem Blut?

Simon. Steht nicht der Henker dort? Wer anders konnt' es?

Königin. Wer anders? Ich! ich selber hab's getan. Sie hatte höchlich sich an mir vergangen, Und also straft' ich sie. Wenn mein Gemahl Zurückekehrt, steh ich dem König Rede. Bis dahin--(Zu Otto.) Komm!--Und Ihr kennt Eure Pflicht!

(Mit ihrem Bruder zum Abgehen gewendet. Die übrigen stehen um die Leiche.)

Vierter Aufzug

Platz vor Bancbanus' Hause.

Die Grafen Simon und Peter kommen mit Begleitung. Alle bewaffnet. Sie bleiben im Vorgrunde rechts stehen.

Simon. Bancbanus nicht zu Hause?--Aber seht, Dort nahen sie, sie kommen vom Begräbnis. Was fällt ihm ein? Begräbt er seine Frau?-- Ein Bahrrecht soll uns werden. Blut'ges Bahrrecht! Er wird schon alt und kindisch, höchste Not, Daß andre denken, handeln drum für ihn. (Zu Peter.) Sei ruhig, Bruder, dir soll Rache sein! (Zu einem Begleiter.) Du aber kehre zu den Unsern. Sag, Sie sollen jeden Ausgang streng bewachen, Der aus dem Schloß ins Freie führt. Man will Den Mörder unserm Grimm entziehn, ihn heimlich Nach Deutschland senden; doch das soll, das darf nicht! Ich will dich zerren, blut'ger Wolf!--Geh nur! Und komm ich selbst, und haben wir nicht Antwort, So stürmen wir das Schloß!

(Begleiter geht ab.--Im Hintergrunde kommt Bancbanus auf zwei Diener gestützt. Verwandte und Freunde hinter ihm, alle in Trauer. Sie gehen quer über die Bühne auf das Haus zu.)

Er kommt.

Peter. Und sieh wie bleich!

Simon (ruft). Bancbanus!

Bancbanus (anhaltend). Halt, wer ruft? Ah, du, mein Bruder? (Nach vorne kommend.) Wir haben dein entbehrt bei dem Geleit. Ich sandte zu dir, doch, du warst nicht heim.

Simon. Nicht heim? Nicht heim? (Gegen seine Begleiter gewendet.) Wo war ich denn derweile?

Bancbanus (zu den Leichengästen). Euch andern Dank für diesen letzten Dienst, Den ihr erwiesen mir und meinem Weib. Zur sichern Ruhstatt brachten wir sie hin, Wo Gott sie hat, und hat sie ach! so lieb, Daß er sie nimmer läßt. O nimmer! Nie! (Mit erstickter Stimme.) Nun denn: dein Will' gescheh'!--Kehrt nun nach Haus, Und haltet ruhig euch und still. Denkt drum nicht schlimmer Von mir und von den Meinen. Wenn mein Weib sich Auch eines Fehltritts, wie es heißt, vermaß, Für den man sie so hart, ach, gar so hart bestraft, Geschah's gewiß aus Übereilung nur, Denn sie war ruschlich--o mein Weib! mein Weib! mein Weib!--

Was sie versehn, und wie sie sich vergangen, Ob man zu streng, zu hart an ihr getan, Es wird sich weisen, kehrt der König wieder. Und das soll bald, gemeldet ward's ihm schon. Der nun wird sitzen mit dem Schwert des Rechts, Wer rein, wer schuldig, wird sein Wort entscheiden. Bis dahin haltet euch als ruh'ge Bürger, Und meines Danks versichert, lebet wohl!

Simon. Halt noch! und du! Seid Ihr so zahm, so feig, Daß Ihr mit Tränen ehrt nur ihren Tod? Sie hätte eines Fehltritts sich vermessen? Getötet hat man sie, hat sie ermordet, Weil sie sich nicht gefügt verbotner Lust.

Bancbanus. Bist du der Richter hier in diesem Land? Der Alleswissende du ob den Sternen? Daß du so kühn dein Urteil gibst für Recht?

Simon. Ein Ungar bin ich, rufend um Gericht.

Bancbanus. Es soll dir werden, kehrt der Richter heim.

Simon. Dann ist der Schuld'ge fern, sie retten ihn.

Bancbanus. Das soll man nicht!

Simon. Sie wollen's und sie tun's!

Bancbanus. So sehr denn lechzest du nach seinem Blut?

Simon. Ich, ja!

Bancbanus. Auch ich, gäb's wieder mir mein Weib!

Simon. So tret ich denn als ihr Verwandter auf, Und fordre Bahrrecht, Blutrach', und zur Stund'!

Bancbanus. Ich bin der Nächste, dem man sie geraubt, Dem man sein Heil, dem man sein Glück getötet, Mein Kind, mein Weib, mein alles auf der Welt. Wenn nun nicht ich, wer ist so kühn und redet? Hier steht noch einer, sieh, ihr Bruder hier, Allein er schweigt und starret auf den Grund. Komm, Peter komm! Wir wollen in mein Haus! Es ist um Zwielicht schon, wir setzen uns Dort, wo sie saß und sprach, und sagen uns, Wie lieb sie war und gut;--komm, Peter komm! Und weinen uns recht satt.

Simon (Peter am Arme haltend). Nicht von der Stelle! (Zu Bancbanus.) So wisse denn, die Burg ist schon umringt. Auslieferung des Mörders fordern wir, Nicht ihn zu töten, nur zu sichrer Haft. Wird nicht Gewährung uns zu dieser Stunde, So stürmen wir das Schloß. Bist du ein Mann, So nimm dein Schwert, und geh an unsrer Spitze.

Bancbanus. Aufrührer! ich mit euch? Ich bin der Mann des Friedens, Der Hüter ich der Ruh'.--Mich hat mein König Geordnet seinen Frieden hier zu wahren; Ich in den Bürgerkrieg mit euch? Fluch, Bürgerkrieg! Fluch dir vor allen Flüchen! Aufrührer, sieh, und so verhaft ich dich. Im Namen meines Königs, deines Herrn!

Simon (ihn mit vorgestreckter Hand abhaltend). Schwachsinniger! Bewahrst du andrer Rechte, Und kannst die eignen nicht bewahren dir? So bleib denn, bleib! Das Ziel sei der Verachtung, Ein Spott für jeden, dem die Ehre lieb! Kein Tapfrer setze sich an deinen Tisch, Der Bettler weise dir zurück die Gabe, Unheilig sei die Stätte deines Grabs. Bewein dein Weib, ich aber will sie rächen! Ihr in der Trauer friedlichem Gepränge, Nehmt Schild und Schwert, zeigt männlich euer Leid!

Bancbanus. Verwandte! Freunde! Haltet! Hört mich erst!

Simon. Wer denkt wie ich, der trete her zu mir!

(Die Leidtragenden treten zu ihm über und nehmen Waffen.)

Bancbanus. Bin ich allein für meines Königs Sache? Unglückliche, vernehmt--

Simon. Schlagt Schild und Schwert zusammen, Hört nicht, was er in seinem Wahnwitz spricht!

(Sie schlagen unter lautem Ausruf ihre Waffen aneinander, indes Bancbanus fruchtlose Versuche zu sprechen macht.)

Bancbanus. Ihr wollt nicht hören? Krieg denn wollt ihr? Habt ihn! Doch gegen euch mit meinem letzten Odem. Gebt mir mein Schwert! Mein Schwert!--Mein Schwert! (Er wendet sich wankend gegen seine Diener und sinkt endlich in ihren Armen zur Erde.)

Simon. Laßt ihn, und überlaßt ihn seiner Schwäche! Die Zeit verrinnt. Folgt mir! Kommt mit aufs Schloß! Der Rache sei ihr Recht, dem Recht sei Rache!

(Mit seinen Begleitern ab.--Pause.--Es wird allmählich, dunkler.)

Bancbanus (richtet sich mit Hilfe seiner Diener vom Boden auf). Wo sind sie hin? Bringt mich ins Haus zurück! Hol einen Mantel du. Du kannst ja rudern? Auch eine Blendlaterne bringe mir. Es wird schon dunkel. Führt mich in mein Haus.

(Sie bringen ihn ins Haus.)

Zimmer der Königin, mit einer Mittel-und zwei Seitentüren, von denen jene rechts nach dem Vorgrunde zu, die zur linken Seite aber gegen den Hintergrund angebracht ist. Rechts im Vorgrunde ein Tisch mit Lichtern, dabei ein Lehnstuhl.

Hinter der Szene ertönt ein Schrei. Dann stürzt die Königin aus der Seitentüre rechts. Herzog Otto hinter ihr, das Schwert in beiden Händen gerade vor sich hinhaltend wie einer, der sich anschickt, zum zweiten Male auszuholen.

Königin. Um Gottes willen! Bruder, was beginnst du?

Otto. Ah, Schwester! so bist du's? Ich dachte, sie wär's, Die blasse Gräfin, sie.--Nun, so ist's gut. (Will zurück.)

Königin. Ich bitt dich, bleib!

Otto. Warum?

Königin Ich bitte dich!

Otto. Wart noch! (Er geht in das Zimmer zurück.)

Königin. Auch dieser Trost noch sollte fehlen!

Otto (kommt zurück, einen Gewappneten führend). Hier stell dich an die Tür, und siehst du? so Halt deinen Spieß. Wer irgend nun hereintritt, Und weiß das Merkwort nicht, den stößt du nieder. Triff zweimal, oder dreimal, bis er tot. (Vorkommend.) Ich selber halte dies mein gutes Schwert, Ich hab's geschliffen-- (Es seiner Schwester hinhaltend.) Fühl! (Er versucht selbst die Schneide.) Hui! Scharf, wie Gift! Das in der Hand, den Rücken so gesichert-- (Er schiebt den Tisch nach rückwärts.) Der Tisch ist für den ersten Anfall gut. So will ich sitzen, und will wachsam sein. (Setzt sich.)

Königin. Vergißt du denn?

Otto. Nach Deutschland kehr ich heim. Sorgt ihr für euch! Was kümmert's mich?

Königin. Nach Deutschland? Und jeder Ausgang ist verwehrt, bewacht.

Otto (seine Beine betrachtend). Ich will mir Schienen fert'gen lassen, dreifach Eisen, Und Panzerhosen von geprobtem Stahl. Der Stiefel schützt nicht g'nug. (Mit dem Schwert an den Fuß klopfend.) Es schmerzt wohl gar! (Er greift mit der Hand nach der getroffnen Stelle.)

Königin. Mann! wenn du es noch bist--zum mindsten Mensch denn! Wahnsinnig mach mich nicht mit solchen Reden! Weißt du auch, wo du bist? Was dich umgibt? Von Pöbelhaufen sind wir rings umlagert, Nach dir begehren sie, dich heischt ihr Grimm. Das Schloß ist schlecht verwahrt, der Unsern wenig; Geh du hinab, stell dich an ihre Spitze, Wend ab, was droht.

Otto (aufspringend). Daß sie mich fangen? töten? Pfui über allen Tod! Durch Schwert, durch Feuer, Durch Gift, durch Strick, durch Beil, pfui allem Tod! Ei, ich will leben, ich! (Er setzt sich wieder.)

Königin. So lebe denn, Bis uns das Unheil allesamt verschlingt!

Otto. Wo ist dein Sohn? Das ist ein wackrer Schütz, Mit seiner kleinen Armbrust. Ruf ihn her! Er war zu Nacht bei meines Bettes Häupten, Dort hielt er Wacht; und wenn die Gräfin kam, Da spannt' er seinen Bogen, wie Cupido, Und schoß nach ihr den Pfeil. Sie duckte sich, Jetzt hier, jetzt dort! so war sie nicht mehr da. Wo ist dein Sohn? Mich drängt es, ihn zu sehn.

(Der Schloßhauptmann.)

Königin. Euch sendet Gott vom Himmel! Nun, mein Freund, Habt Ihr die Meuter angeredet? Geben Sie besserm Rat, sie ihrer Pflicht Gehör?

(Schloßhauptmann zuckt die Schultern.)

So bleiben sie bei ihrer alten Fordrung?

Schloßhauptmann. Sie haben einen hergesandt als Boten, Um Euer Gnaden ihr Begehr zu künden. Er harrt im Vorgemach. Doch bleibt's wohl fruchtlos, Denn sie bestehn--

Königin. Laßt ihn doch immer ein! Ein lebend Wort gilt hundert tote Zeilen, Und Hunderte von Gründen samt Erweis.

(Schloßhauptmann geht ab.)

Nun, Bruder, aber geh auf dein Gemach, Sie sollen dich nicht sehn!

Otto. Was fällt dir ein? Ich muß hier Wache halten! Wache! Wache!

(Graf Peter kommt, vom Schloßhauptmann begleitet.)

Königin. Nun Graf, als Kämmrer übt Ihr Euer Amt, Allein, nicht öffnend, Ihr verschließt die Türen.

Peter. Der Grund, warum wir Euch in Waffen nahn--

Königin. Ich weiß den Grund--vielmehr nur: ich errat ihn; Denn wissen, hieße doch zugleich erklären, Daß er erkennbar aus Vernunft und Recht.

Peter. Ein ungeheurer Frevel ist geschehn.

Königin. Ein Unglück, sprecht vielmehr!

Peter (auf Otto zeigend). Der Täter hier.

Königin. Wer sagt's Euch?

Peter. Es ist klar! Er sei bestraft! Auslieferung des Schuld'gen wird begehrt.

Königin. Ausliefern ihn? Daß Ihr in seinem Blut--

Peter. Nicht ihn zu töten, nur in sichre Haft.

Otto. Der ist nicht klug! Nach Deutschland geh ich.

(Er neigt den Kopf in die Lehne des Sessels zurück.)

Peter. Hört Ihr?

Königin. Wir werden uns verständ'gen, seh ich wohl. Seid Ihr zufrieden, wenn ich Euch gelobe, Ihn selbst zu halten hier, ihn nicht zu lassen, Bis Euer Herr zurückkehrt, und der meine?

Peter. Verzeiht, wir traun Euch nicht!

Königin. Verwegne, wagt Ihr's? Und wenn zurück ich das Begehren weise?

Peter. So stürmen wir--so stürmen sie das Schloß.

Königin. Ich seh in Euren Augen, Graf, ein Etwas, Das eine mildre Meinung mir verbürgt.

Peter. Hier ist von meiner Meinung nicht die Rede, Von meinem Auftrag nur.

Königin. Nun denn, so wißt: Eh' ich den Bruder seinen Mördern liefre, Begrab ich mich in dieses Schlosses Trümmern, Mich, Eures Königs Weib, mit mir sein Kind, Den Erben seines Throns. Wagt Ihr's und stürmt? Der König wird so teure Pfänder rächen.

Peter. Mit Recht. Doch nicht an uns, da Ihr sie tötet.

Königin. Ist dies Eu'r letztes Wort?

Peter. Das meine, ja; Doch nicht auch Euer letztes, hoff ich.

Königin. Geht!

(Graf Peter ab. Königin zum Schloßhauptmann.)

Sagt ihm, wenn man--Begehrt zwei Stunden Aufschub, Bis dahin überlegt man--

(Schloßhauptmann ab. Königin steht erwartend an der Türe. Schloßhauptmann kommt zurück.)

Nun?

Schloßhauptmann. Er will nicht.

Königin. Sei's denn! Geht in den Schloßhof. Rüstet Euch, Heißt alle wachsam sein. Versprecht Belohnung. Vor allen braucht die Leute meines Bruders. Wenn's angeht, kommt er, selbst.

(Schloßhauptmann ab. Königin rasch zu Otto tretend.)

Nun, Bruder, auf! Schläfst du? Und wär' dein Schlummer Seligkeit, Ich kann dir's nicht ersparen. Auf! Die Waffen in die Hand! (Die Hand auf sein Haupt gelegt.)

Otto (emporfahrend). Wer faßt mich an? (Mit abstreifenden Bewegungen über Arm und Körper.) Sie fangen, töten mich! Ha! Ketten, Bande, Stricke!-- Wer da?--Ha, Schwester du?--Und doch, und doch-- Dort regt sich's--dort, im Winkel--Meine Schwester? Bringt Lichter!--Dort im Winkel!--Gott! nur Licht! Licht, sag ich: Licht! Licht! Licht!

(Kammerfrau aus der Seitentüre rechts, mit Licht.)

Königin. Nur Fassung, Bruder! (Zur Kammerfrau.) Bleibt dort, dort an der Türe mit dem Licht! (Zu Otto.) Sieh, es ist nichts.

Otto (matt). O Schwester, meine Schwester! Nicht wahr, die Gräfin war ein böses Weib?

Königin. Vielleicht!

Otto. Sie hat's verdient!

Königin. Wohl möglich!

Otto. Ach! Und ich hab's nicht getan, sie tat es selbst?

Königin. Sei ruhig! Was geschehn, ist nicht zu ändern! Drum sammle dich, und laß uns weitersehn.

Otto (von seiner Schwester unterstützt). Mein Innres ist betrübt, bis in den Tod! Schick fort nach deinem Sohn! Das Kind ist gut. Es hat mich diese Nacht bewacht, es soll's Auch jetzt. Geh, bitt dich, deinen Sohn!

Königin (zur Kammerfrau). Bring ihm das Kind!

(Kammerfrau geht in die Seitentüre rechts ab.)

Du aber setz dich dort auf jenen Stuhl. Sei erst du selbst, das andre findet sich.

(Entfernte Trompeten und Geschrei. Ein starker Schlag erschüttert das Schloß.)

Ha, was ist das?

(Kammerfrau kommt mit dem Kinde zurück.)

Kammerfrau. Ach, gnäd'ge Frau! Sie bringen Sturmböcke, Mauerbrecher an das Schloß.

Königin. Kein Aufschub denn?

Kammerfrau. Ich sah's beim Schein des Mondes, Sie stehn in Haufen. Hörtet Ihr den Schlag?

(Ähnliches Getöse, wie oben.)

Schon wieder! Gott und Herr, in deinen Schutz--

Otto. Die Mauern sind zu schwach, sie halten nicht. Ein Dutzend Stöße, und sie stürzen nieder.

Kammerfrau. Erbarm dich unser, Herr!

Otto. Am Tore rechts, Da steht ein Erker, vor ins Freie springend. Wenn den mit Schützen man besetzt und Schleudrern, So fassen sie des Feindes Seite, drängen Und treiben ihn zurück.

Königin. Wenn du's erkennst, Hinab, und ordn' es so!

Otto. Was fällt dir ein? Ich geh nicht hin, ich bleibe hier bei euch! Habt ihr zu essen nicht? Mich hungert.

Königin. Von aller Welt verlassen, und auch dies noch! In ihm vernichtet, der mein alles war!

(Erneuerter Anprall und Kriegeslärm.)

Otto. Knie nieder, Knabe! falte deine Hände! (Zur Kammerfrau.) Du auch!--Ich hinter euch, mit meinem Schwert, Will stehn und wachen, ob euch Gott erhört.

Königin. Horch! Was dort für Geräusch?

Kammerfrau (die aufgestanden). Es kam von seitwärts, Aus jenem Zimmer! (Auf die Seitentüre links zeigend.)

Königin. Ist Verrat im Werk?

(Man hört Fenster klirren.)

Kammerfrau. Sie überfallen uns.

Königin. Wer da?--Man schweigt.

Otto. Kniet nieder ihr, dies ist der letzte Tag!

Königin (zu Otto). Gib mir dein Schwert! Ich will nur selber sehn. Wer dort? Freund oder Feind?

Bancbanus (in einen braunen Mantel gehüllt, eine Blendlaterne in der Hand, kommt aus der Seitentüre links). Nicht Feind, nicht Freund! Ich bin's!

Königin. Bancban!

Otto (zum Knaben). Stell dich vor mich hin, Knabe! Sie wollen mir zu Leib!

Bancbanus (auf die Kammerfrau zeigend). Heißt diese gehn!

Königin. Führt Ihr Verbotnes nicht im Sinn?

Bancbanus. Ei ja!

Königin. Margrete, geh!

(Kammerfrau geht ab.)

Wie nun?

Bancbanus. Mir ist gelungen, Zu täuschen Eurer Feinde Wachsamkeit, Auf kleinem Kahn den Graben zu durchsetzen, Der dort das Schloß umgibt. Wollt Ihr mir folgen? Ins Freie bring ich Euch auf gleichem Weg!

Königin. Bancbanus, sprecht Ihr Wahrheit?

Bancbanus. Zweifelt Ihr?

Königin. Nach allem, was geschehn?--Mann! Ihr vergaßt?

Bancbanus. Nicht, daß mein Herr Euch meinem Schutz vertraut. Nehmt Euer Kind, und folgt!

Königin. Mein Kind! und dieser? (Auf Otto zeigend.)

Bancbanus. Dankt Gott, daß, als ich kam, ich seiner nicht gedacht! Nehmt Euer Kind und folgt!

Königin. Bancbanus, höre! Du rettest alle drei uns, oder keines. Mit ihm den Tod, mit ihm auch nur befreit.

Bancbanus. Ich will nicht sehn, wer Euren Schritten folgt. Doch hüt' er sich, wenn draußen wir im Freien.

Königin. Komm, Bruder! komm!

Otto (zum Kinde). Und du! Und hier mein Schwert!

(Er führt den Knaben. Alle gehen durch die Seitentüre links ab. Bancbanus schließt.)

Kammerfrau (stürzt herein). Um Gottes willen, gnäd'ge Frau! O Rettung! Das Tor ist offen, Feinde überall! Wo sind sie? Gott! Wo flieh ich Ärmste hin?

(In die Seitentüre rechts ab.)

Dunkles Gewölbe. Im Hintergrunde ein offner Mauerbogen als Eingang. An der Seitenwand links ein ähnlicher kleinerer, zu einem schmalen Gange führend. Gegenüber rechts, ein verschlossenes Pförtchen.

Bancbanus kommt mit einer Blendlaterne. Hinter ihm die Königin, dann Otto, den Knaben führend, unter dem Arme einen zusammengefalteten weißen Mantel, in der Hand das bloße Schwert.

Bancbanus (am Ausgange auf der linken Seite stehenbleibend). Hier ist die Tür. Sie führt durch einen Gang Nach außen, bis zum Graben hin der Burg. Dort harrt sein Nachen--

Otto (zum Kinde herabgebeugt). Ich will rudern, schau!

Bancbanus (zur Königin fortfahrend). Ein Fährmann lenkt den Kahn, der also klein, Daß er nur zwei auf einmal bergen kann: Den Fährmann selbst, und Eines je von Euch. Gefällt's Euch, geht zuerst. Zurückgekehrt, Nimmt Euer Kind der leichtgefügte Nachen; Und läßt der Feind uns Zeit zur dritten Fahrt, So mag sich retten, wem's noch ferner nötig.

Königin. Nicht so, Bancban! Soll ich dein Schiff besteigen, So rett es diesen erst. (Auf Otto zeigend.)

Otto. Ja, mich zuerst!

Bancbanus. Nicht eh' noch Euer Kind?

Königin. Dies Kind beschützt Schuldlosigkeit mit lilienblankem Schwert, Doch diesen suchen sie, und er ist schuldig. Drum rett erst ihn, zum zweiten dieses Kind, Die dritte Fahrt der Schwester und der Mutter. Nimm, Otto, meinen Sohn! Folgt diesem Mann! Ich selber bleibe hier. Die dumpfe Luft, Der enge Raum benimmt, hemmt mir den Atem. Wenn mich die Reihe trifft zur nächt'gen Fahrt, So gebt ein Zeichen mir. Leb wohl, mein Sohn! Mein Bruder, lebe wohl! Nun fort, nur schnell!

(Bancbanus mit der Laterne voraus in den Gang. Otto, der Mantel und Schwert weggeworfen, und den Knaben auf den Arm genommen hat, folgt. Königin, nachdem sie ihnen einen Augenblick nachgesehen hat, rasch nach hinten gewendet.)

Ich hörte Stimmen, und sie kommen, fürcht ich. Das Schloß ist über, wenn nicht alles täuscht. Nur so viel Frist, o Gott! bis sie gerettet, Die Lieben beide! Komme dann, was will! (Am Mitteleingange stehend.) Ich hörte recht. Die Stimmen nahen. Helle, Wie Fackelschein, wächst gleitend durch die Gänge. Der Fußtritt naht. Stell ich den Meutern mich Als Königin entgegen und als Frau? Sie spotten mein, und tun ihr blut'ges Werk. Ergreif ich dieses Schwert, den Mantel hier, (Sie rafft beides vom Boden auf.) Und kämpf als Mann um meine süße Beute? Zu schwach! O Gott! Kein einzelner genügt! Drum dort hinein! Zu warnen, anzutreiben, Beschleun'gen ihre Flucht--O Gott, man kommt!