Ein treuer Diener seines Herrn
Chapter 3
Bancbanus. Ich bin wohl alt genug, und du bist jung, Ich lebensmüd und ernst, du heiter blühend, Was gibt ein Recht mir, also dich zu quälen? Weil du's versprachst? Ei, was verspricht der Mensch! Weil's so die Sitte will? Wer frägt nach Sitte. Wenn nicht in deiner Brust ein still Behagen, Das Flüstern einer Stimme lebt, die spricht: Der Mann ist gut, auf Rechttun steht sein Sinn, Er liebt, wie keiner mich, und wie zu keinem Fühl ich zu ihm Vertraun. Wenn's so nicht spricht, Dann Gott mit dir, und mit uns allen, Erny, Dann schreib dem Prinzen nur!
Erny. Mann! Gatte! Vater!
Bancbanus. Ich weiß wohl, was sie sagen: Seht den Alten, Er freit' ein junges Weib. Er täuscht, man zwingt sie. Sag, Erny, selbst, wardst du getäuscht, gezwungen? Von wem? und wann? Als Nemaret, dein Vater, Im Tod zusammenfügte unsre Hände, Der blühnden Tochter und des Jugendfreundes, Dem Schutz dich anvertrauend eines Gatten, Wer zögerte, dein rasches Wort zu nehmen? Wer schob die Heirat auf? Wer bat, beschwor dich, Dein Alter zu bedenken, und das seine? Allein du wolltest, und er fügte sich, Weiß Gott, wie gern. Wenn's nun dich reut--
Erny. Bancban! So lag der Prinz vor mir auf seinen Knien, So werf ich mich vor dich hin, ach, und schwöre.
Bancbanus. Was fällt dir ein? Du knien vor mir, und schwören? Dein Wort sei ja! und nein! weißt du dich schuldlos, Tritt hin vor mich und sag: Ich bin's! Hörst du? Ich bin's, bin schuldlos!--und sieh mir ins Auge! Nichts da! Den Blick nicht auf den Boden! Hier, Auf mich dein Aug'!--Ja so, es schwimmt in Tränen?! --Mißhandeln, Kind, mißhandeln wollt' ich nicht! Senk nur die Stirne, leg sie an dies Herz, Und was du weißt, das flüstre leis ihm zu, Es wird dich hören, wie es dir verzeiht.
Erny. Verzeihn? O bittres Wort!
Bancbanus. Nu Kind, wer weiß, Vielleicht dich bitten selbst, daß du verzeihst, Was Törichtes ich sprach.--Es ist mein Fehler, Mein alter Fehler: stets der Mund voran!
Erny (aufgerichtet). Bancban! Vor allem wisse! Kein Gedanke Von Unrecht kam in meinen armen Sinn, Nur daß, o Gott! mein Gott!
Bancbanus. Schämst du dich, Kind? Das ist dir nütz! Schäm dich an meiner Brust! So recht, den Kopf im Winkel eingeduckt, Die Augen zu, recht wie der Vogel Strauß. Und so laß sprechen uns.--Du guter Gott! Ich möchte singen, jubeln, jauchzen, schrein, Daß sie mir blieb, daß ich sie nicht verlor. Nun also denn: Der Prinz war hier?
Erny. Ach ja!
Bancbanus. War ungestüm?
Erny (aufgerichtet). O wenn du wüßtest--!
Bancbanus. Zurück, in dein Versteck!--Ihm zu entgehn, Versprachst du ihm ein Briefchen, oder so-- Ich könnte sagen: sei's! Warum denn nicht? Was schadet nur ein Brief? Doch tu ich's nicht: Die Künste sind's des höllischen Versuchers. Wer einen Fuß gesetzt, zieht nach den zweiten, Und alles Bösen Mutter ist Geheimnis. Drum schreibe nicht!
Erny. Gewiß!
Bancbanus. Und weich ihm aus.
Erny. Ausweichen ihm? Ihm stehn, ihn sehn, vernichten!
Bancbanus. Kind, allzuviel geht gleich mit allzuwenig. Laß ihn uns reizen nicht, er ist wie Flamme. Und seine Schwester hängt, wie sehr, an ihm. Nicht ich, es soll mein Weib nicht Unfried' stiften. Ertrag, und übersieh ihn. Kurze Frist, So send ich dich hinaus auf eins der Schlösser, Dann bist du seiner quitt. Bis dahin: klug! Man kommt. Laß niemand ahnen, was geschah; Unbill, die man erträgt, war gar nicht da.
(Zwei Kämmerer öffnen die Seitentüre rechts. Die Königin tritt heraus, hinter ihr Herzog Otto, und der ganze Hof.)
Königin. Hier also meine schöne Tänzerin? Sehr früh verließt Ihr mich.
Bancbanus. Sie ist nicht wohl. Mit Eurem Urlaub führ ich sie nach Hause.
Königin. Nach Hause geht nun alles, edler Rat, Auch Eure Frau sonach. Glück auf, ihr Herrn! Wir danken Euch, und hoffen's zu vergelten.
Otto (hat sich indes Ernyn genähert, die links im Vorgrunde steht. Leise). Nun Gräfin, meinen Brief.
Erny (laut). Geht, ich veracht Euch. (Wendet sich zu ihrem Gatten.)
Otto. Verachten mich?--Auf Tod und Leben, halt! (Er dringt durch die Gäste und ergreift Ernys Hand.) Warum verachtet Ihr mich? Ihr! Warum?
Königin (indem sie zwischen beide tretend, sie trennt). Unsinniger!--Folgt, Gräfin, Eurem Gatten!
Otto. Nicht laß ich sie!
Königin. Du wirst, denn ich befehl es.-- Glück auf den Weg, Ihr Herrn! Nur zu. Lebt wohl!
(Die Gäste ab.--Königin zurückkommend.)
Unsinniger! Wie weit geht deine Tollheit?
Otto. Und bin ich toll, so wahrt euch vor dem Tollen. Du hast's gesagt, und so berühr mich nicht! Hin auf den Boden werf ich meinen Leib, (Er wirft sich zur Erde.) Und mit den Händen greif ich in den Grund. Nicht hören und nicht reden! Rase, stirb!
Dritter Aufzug
Vorzimmer der Königin. Rechts eine Seitentüre, zu ihrem Gemach führend. Im Hintergrunde der Haupteingang, an dem mehrere Hofleute stehen. Unter ihnen Graf Peter. Der Arzt wartend im Vorgrunde.
Die Königin tritt aus ihrem Zimmer.
Königin. Wo ist der Arzt?
Arzt. Hier bin ich, gnäd'ge Frau!
Königin. Mein Bruder gilt für krank, und Ihr bestätigt's. Kommt Ihr von dort? Wie also steht's mit ihm?
Arzt. Nicht gut, muß ich bekennen, doch zugleich, Daß noch die Form, der eigentliche Sitz Des Übelseins sich nicht bestimmen läßt.
Königin. Ein feines Pröbchen Eurer Kunst!
Arzt. Verzeiht! Es läßt gar leicht sich Grund und Ursach' nennen, Die Frag' ist nur, ob's auch zum Falle paßt. Wir Ärzte sind Nachtreter der Natur Und unsre Herrin geht auf dunkeln Pfaden.
Königin. Ei gut! Ei schön! (Zu Graf Peter.) Man sagt ja, Eure Schwester Sie geh aufs Land?--In dieser Jahreszeit? Ohn' Urlaub und Begehr? Scheint's doch, sie lernt Von ihrem Gatten Hofesbrauch und Sitte.--
Peter. Verzeiht, sie harrt im Vorgemache draußen, Ob Ihr erlaubt--
Königin. Warum ward's nicht gemeldet? Laßt sie herein.
(Es geht jemand.)
Nun, weiser Ödipus, Fahr fort, und lös uns deine eignen Rätsel.
Arzt. Des Herzogs Zustand läßt sich Fieber nennen. Er liegt und starrt und schweigt. Die Pulse fliegen, Die Stirne heiß, die Eßlust fort.
Königin. Wieso?
Arzt. Er schlug die Diener, die ihm Nahrung brachten, Weist ab so Speis' als Trank.
Königin. Seit wann?
Arzt (achselzuckend). Wer weiß?
(Königin stampft mit dem Fuße.)
Und wenn man nicht--
(Erny kommt.)
Königin. Ei, sieh da, schöne Gräfin! Ihr reist aufs Land, dem Wonnemond entgegen? Ihr werdet sein noch etwas warten müssen, Wir sind im März. Was treibt zu so viel Eile?
Erny. Geschäfte, gnäd'ge Frau.
Königin. Ei, ich begreife! Die erste Grasung gibt die beste Milch. Da helft Ihr denn wohl selbst mit eignen Händen? Doch ernsthaft nun! (Halblaut.) Ich hoffe doch, der Vorfall Von neulich abends, er hat keinen Anteil An dieser Reise; hat er, Gräfin? Sprecht! Nehmt das nicht höher, als die Meinung war. Mein Bruder liebt zu scherzen.
Erny. Scherzen? gnäd'ge Frau.
Königin (verächtlich). So glaubt Ihr denn? Wie, oder Gräfin, doch? Wär's etwa Ernst geworden? Ernst bei Euch? Was sagt dies arme Herz?
Erny. Wohl arm! Es schweigt.
Königin. Und völlig ruhig denn?
Erny. Vollkommen ruhig.
Königin (sich von ihr abwendend). So reist mit Gott, und grüßt mir Laub und Gras! Einfältig Volk! Nur stumpf, nicht tugendhaft. Harrt draußen, ob noch etwas zu befehlen. (Erny mit einer Verbeugung ab.--Königin zum Arzte.) Eu'r Kranker, Herr, ist toll, und gegen Tollheit Gibt es ein einzig Mittel nur: Vernunft. Er mag sich selber heilen, sagt ihm das. Wie auch, daß er nicht hoffe, mich zu sehn, Bis er zu mir kommt, selbst, als ein Genesner.
Arzt. Doch wollet mich auch für entschuldigt halten, Wenn endlich doch Gefahr.
Königin Gefahr! Gefahr! Es ist nicht not, daß gar so viele leben, Die Erde trägt unnütze Last genug. Wer sich Notwendigem nicht fügen kann, Mag sterben, wär's mein Bruder, wär' ich's selbst.
Arzt. Ich gehe denn.
Königin. Bleibt noch! (Zu den Hofleuten.) Ist sonst noch jemand Im Vorsaal, der mein harrt? (Zum Arzte.) Bei Eurem Kopf! So glaubt Ihr wirklich denn, daß Grund zur Sorge? Gesteh ich's Euch, ich dacht', ein leeres Wahnbild, Ein ungestillter Wunsch, ein Hirngespinst Sei dieses Übels Grund.
Arzt. Vielleicht! Wohl möglich! Streitsücht'ge Nachbarsherrn sind Geist und Körper, Die Grenzen wechseln und verwirren sie; Man weiß oft nicht, auf wessen Grund man steht. Doch, was es sei, die Wirkung bleibt dieselbe, Zumal, wenn er die Nahrung von sich weist. Ein ganz Gesunder stirbt, entbehrt er diese.
(Ein Diener kommt eilig.)
Diener. O Herr, mein Herr!
Arzt. Wer ruft?
Diener. Der Prinz--
Königin. Was ist?
Diener. Der Prinz--Ihr wart kaum fort, da kam der Wärter Mit Arzenein, die wies der Prinz zurück, Gebot jedoch dem Mann, die Ader ihm Am dargereichten Arm zu öffnen. Jener Verweigert's. Da ergreift der Herr den Dolch, Und schleudert ihn. Am Haupte hart vorbei Flog hin das Messer, daumtief in die Wand.
Königin. Es ist genug! Das Rasen hab ein Ende! Zu Eurem Kranken kommt: aus meinen Zimmern Führt ein geheimer Gang uns nach den seinen. Ob Wahrheit, oder Wahn, ob Kraft, ob Ohnmacht, Es sei im klaren, und es sei geheilt. Was von Geschäften hier, soll meiner harren. Auch Gräfin Erny, heißt herein sie treten, Und mich erwarten. Bald kehr ich zurück.
(Mit dem Arzte durch die Seitentüre ab.)
* * * * *
Zimmer des Prinzen. Der Mittelgrund ist durch einen breiten Mauerbogen, und daran herabhängenden Vorhang geschlossen, der in ein inneres, alkovenartiges Gemach führt. In der, nach vorn gekehrten, Verkleidung des Bogens, auf der linken Seite, eine Tapetentüre. Im Vorgrunde rechts, eine Seitentüre, in deren Getäfel ein blanker Dolch steckt. Gegenüber ein Tisch und Stuhl.
Zwei Diener kommen durch die Seitentüre.
Erster Diener. Ich zieh den Vorhang auf, der Arzt will Licht.
Zweiter Diener. Der Prinz will Dunkelheit.
Erster Diener. Allein der Arzt--
Zweiter Diener. Du meinst, es heile doch der Arzt die Beulen, Die Ungehorsam bei dem Prinzen einträgt.
Erster Diener. Ich tu's! Horch! pocht man nicht?
Zweiter Diener. Geh hin, und öffne!
(Erster Diener öffnet die Tapetentüre in der Bogenwand des Mittelgrundes. --Die Königin und der Arzt treten ein.)
Königin. Warum sieht man nicht nach? Die Türe läßt Von innen kaum, selbst mit Gewalt, sich öffnen. Wo ist mein Bruder? Zieht den Vorhang auf!
Erster Diener. Der Prinz verbot--
Königin. Ich aber will's, gehorche!
(Der Vorhang wird aufgezogen. Herzog Otto liegt nach vorne gekehrt, den Kopf in die Hand gestützt, auf einem querüber stehenden Ruhebette.)
Mein Bruder! Ha! und wie entstellt und bleich! Wenn's dennoch wäre, wenn--verhüt es Gott! Geht hin, und fühlt den Puls!
Arzt (sich dem Ruhebette nähernd). Erlauchter Herr!
(Otto richtet sich mit halbem Leibe drohend empor. Arzt zieht sich zurück.)
Königin. Was muß ich sehn, mein Bruder? Weigerst du Der Hilfe dich, der heilbeflißnen Sorge? Nun glaub ich erst, was kurz vor man berichtet! Der Dolch in jener Wand bekundet deutlich, Wie du dich nimmst, wie sehr du dein vergißt. Du warfst ihn nach dem kundig wackern Mann, Er sollte haften dort zur Straf' und Warnung. Doch schon ich dein, und finde selbst bedenklich Solch Werkzeug in des Rasenden Bereich. Macht los den Dolch, ich nehm ihn selbst zu mir, Erst dem Genesnen geh ich seine Waffen.
(Der Dolch wird gebracht, sie legt ihn auf den Tisch.)
Er schweigt, kehrt nicht einmal den Blick nach mir, Nun Krankheit, oder Starrsinn, fort mit beiden! (Näher tretend.) Wie geht's Euch, Herzog?
Otto. Gut!
Königin. So steht denn auf! Wollt Ihr nicht essen?
Otto. Nein!
Königin. Warum nicht?
Otto. Ich habe schon gegessen.
Königin. Ha, Ihr lügt!
Otto. Nun denn, ich mag, ich kann, ich will nicht. Nicht essen und nicht atmen, leben nicht. (Er wirft sich herum, so, daß er mit aufwärtsgekehrtem Gesichte auf dem Rücken liegt.)
Königin. Unsinniger! Sein selbst vergeßner Tor! Geht ihr hinaus, ich werde nach euch rufen. (Arzt und Diener ab.) Kannst also du der Gottheit Abglanz schänden? Nicht Krankheit ist's, ich weiß, ich kenne dich! Der Leidenschaft und ihrer Raserei Wirfst du die Gaben vor des gottgegebnen Geistes; Sie glüht als Fieber durch dein kochend Blut, Und wirft die Blasen, die sie Krankheit nennen. Der Leidenschaft! Und wär' es Liebe noch, Wenn auch verkehrt', verbrecherische Liebe-- War doch in alter und in neuer Zeit Entschuld'gung sie für manches Schlimm' und Schiefe Doch ist es Liebe nicht, ist Tobsucht nur, Des ungezähmten Geistes trotzig Walten, Der Eigensinn, der will, weil er gewollt. Ich aber denk es nimmermehr zu dulden, Am mindsten, wo ich Frau und Königin. Mir kommt die Lust an, Wunder zu versuchen! Steh auf und sei gesund! sprech ich zu dir. Steh auf, und zwar zur Stelle! Jetzt! Ich will's!
(Sie hat seine Schulter mit ihrer Hand berührt, Otto richtet sich empor, und sitzt mit aufgestützter Hand und vorhängendem Haupte da.)
O Jammerbild der selbstgeschaffnen Schwäche! Wie schäm ich mich, daß du von meinem Blut! Wo gehst du hin? Was willst du?
Otto (der aufgestanden ist und einige Schritte gemacht hat, die Stirne reibend). Wußt ich's doch! Ei ja!
Königin. Wo willst du hin? Bleib, Otto, bleib! Du willst doch nicht ins Freie? Otto, sprich!
Otto. Ich will!
Königin. Die Luft ist rauh, der Abend kühl, Du selber bist erhitzt. (Sie hat seine Hand gefaßt.) O Gott, wie heiß! Ach, du bist krank, wahrhaftig krank! Mein Bruder!-- O bleib doch, bleib! Was willst, was kannst du wollen?
Otto. So ruf denn selbst, und laß die Pferde holen.
Königin. Wie?
Otto. Meine Pferde, meine Diener auch!
Königin. Wo willst du hin?
Otto (aufrecht hinschreitend und Wams und Gürtel ordnend). Will heim! Zu meinem Vater, Zu meinen Brüdern, meinen Schwestern allen, Die mein begehren, mir mit Liebe folgen; Zurück in meiner Heimat Alpental. Was soll ich hier? Wo jedermann mich haßt, Wo jedes Wort rückprallt vom stumpfen Hörer; Wo meine Schwester selbst das Beispiel gibt, Mich zu erniedern.
Königin. Ich?
Otto. Ja du, nur du! Wer bin ich hier, und was an deinem Hof? Beschimpft nicht jedermann mich ungescheut? Tratst du dazwischen nicht am selben Abend, Wo ich die Törin, die mir Hohn gesprochen, Antrat zu Widerruf und zu Erklärung? Tratst du dazwischen nicht? Als sie es aussprach, Es aussprach, daß sie mich verachte!--Teufel! Verachtung?!--Grimm und Tod!--Verachten?--Mich?
Königin (ihn anfassend). Zu Hilfe! Ärzte! Diener! Hört denn niemand?
(Der Arzt öffnet die Tür.)
Otto. Laß! Ich bin stark wie der nemäische Leu, Der Grimm stählt meine Sehnen, statt Gesundheit.
(Der Arzt zieht sich zurück.)
Ja, ich will fort. Du aber, danke Gott! Denn blieb' ich hier, in Mitte meiner Schar Durchzög' ich dies, dein Land, bis ich sie fände, Die Törin fände, die mir Schmach getan. Aus ihres Hauses Flammen riß ich sie, Aus ihrer Wächter Mitte, vom Gebet, Und stellte sie vor mich hin. Da! Nun sprich, Wenn du es wagst: Warum du mich verachtest?
Königin. Mein Bruder, höre!--O wie schäm ich mich! Du hast wohl Fraun von höhrer Art gekannt, Ich selber darf mich zählen unter solche. Hast Geist gekannt und Witz, des Umgangs Reize. Wie kann nun Leidenschaft für dieses Wesen, Kaum schön, von schwachem Geist und dürft'gen Gaben, Halb töricht und halb stumpf, dich nach sich ziehn? Und unerhört; denn sieh, ich weiß, mein Bruder: Sie denkt dein nicht.
Otto. Wer spricht davon? Und doch! Weil sie nicht will, und weil sie's nicht verdient Will ich sie lieben, will mit jedem Reiz Erfinderisch sie schmücken, mir zur Qual; Will wissen, ich, warum sie mich verschmäht; Den Zauber kennen, den der ekle Tor Ausübt, ihr Gatte, über sie; die Kräuter, Die Sprüche, die ihm ihre Liebe bannen. Dann komme was da mag! Wer frägt nach ihr? Laß, ich will fort!
Königin. Mein Bruder, höre! Geh nicht von mir, du meines Lebens Glück! Laß mich allein nicht hier in dieser Wüste, Wo du der einz'ge bist, der einz'ge, der da lebt! Mein Ich, mein Selbst, mir teurer, als mein Selbst. Begehre, was du willst, nur bleib bei mir.
Otto. Ich kann nicht bleiben, so beschimpft, entehrt.
Königin. Man soll genug dir tun. Verweis, Erklärung. Ich banne sie vom Hof!
Otto. Was fällt dir ein? Glaubst du, mein Zürnen brauche fremder Hilfe? Doch eins! laß mich sie sprechen!
Königin. Sprechen?
Otto. Ja! Die Gräfin, sie. In deinem Zimmer. Hier.
Königin. Euch zu erheben, wollt Ihr mich erniedern? Vermittlerin ich zwischen Euch und ihr?
Otto. Ich sagte dir: Von Lieb' ist nicht die Rede, Ob ich sie liebe, das ein andermal, Doch sprechen muß ich sie, und weigerst du's, So woll' auch nicht, was sonst unmöglich ist.
Königin. Mein Otto!
Otto. Und du kannst es; wie so leicht! Du rufst sie her, und hinter jener Tür (Auf die Tapetentüre zeigend.) Bist du ein Zeuge dessen, was geschieht. Nur Zeuge, Hörer nicht; drei Schritte fern, Harrst du, bereit zu schneller Unterbrechung, Sobald der Zweisprach Wendung dir mißfällt, Sobald ein heftig Wort, ein Laut, ein Ruf, Dir anzuzeigen scheint, daß Trennung not. Du willst? Du tust's? (Zur Türe hinausrufend.) Hollah!
Königin. Vorerst nur noch--
(Ein Diener kommt.)
Otto. Nicht ich. Die Königin verlangt nach dir.
Königin (nach einer kleinen Pause). Ruft Gräfin Erny her in dieses Zimmer.
Otto. Noch eins!
(Er spricht, mit dem Diener zur Türe gehend, leise ihm ins Ohr. Diener ab.)
Königin. Was ist?
Otto. Ein Auftrag meinen Leuten, Daß wir nicht reisen, daß wir bleiben noch.
Königin. Nun aber hör! Ich weiß, was ich verletze, Wie sehr zu tadeln, daß ich mich gefügt. Verdammlich ist die Liebe, meine Liebe, Die du mißbrauchst, und doch so teuer mir. Nun aber zeige, daß du ihrer wert, Erspare einen Teil mir der Beschämung, Indem du so dich nimmst, wie ich gehofft, Als ich mich fügte deinen raschen Wünschen. Gib mir dein Wort!
Otto. Man kommt!
Königin O Gott! Auf dir ruht nun mein Dasein, fahre mild! (Durch die Tapetentüre ab.)
Otto. Auch ich will nur hinein in mein Versteck. Der Feind erkenn' erst später die Gefahr. (Er tritt hinter den Vorhang, der sich schließt.)
Erny (kommt durch die Seitentüre). Es ward gesagt, die Königin sei hier. Wo ist sie denn? Das Zimmer ist ja leer; Kein andrer Ausgang auch, als wo ich kam. Horch! Hinter jenem Vorhang tönt ein Rauschen, Vielleicht, daß dort!
(Sie blickt hinter den Vorhang, ihn in der Mitte öffnend. Währenddem tritt Herzog Otto leise von der rechten Seite hervor und bleibt an der Türe stehen.)
Auch hier kein lebend Wesen. Wer wohnt nur hier? Die Wände reich verziert; Ein Schlafgemach. Vielleicht wohl gar. O Gott!
(Sie erblickt den Herzog und läßt die Vorhänge fallen.)
Otto. Erschreckt nicht, schöne Frau!
Erny. Erschrak ich denn? Ich bin erstaunt, empört, doch nicht erschrocken. Zur Königin berief man mich hierher.
Otto. Es ist ihr Wunsch, daß Ihr sie hier erwartet.
Erny. Da gilt kein Wunsch und selber kein Befehl! (Zum Gehen gewendet.)
Otto. So hört denn mich, mein Bitten, meinen Schmerz. Ich weiß, ich hab Euch schwer und tief beleidigt, Vor allem laßt Verzeihung mir erflehn.
Erny. Wer alles sich erlaubt, und selbst verzeiht, Braucht der Verzeihung andrer und Erlaubnis?
Otto. Der süßen Nähe Reiz berückte mich. Der Locken Gold, der Wangen Rosenlicht, Die Stirn aus Elfenbein, der Augen blaue Himmel, Die ganze, lichthell glänzende Gestalt-- Allein, was sprach ich, und was wollt' ich sprechen? Ich bin verwirrt, ich bitt Euch, seht mir nach!
Erny. Als kleines Mädchen nannten sie mich eitel; Ich bin's nicht mehr.
Otto. So viel der Himmelsgaben; Dazu noch der Gedanke, daß--ich weiß nun, Wie sehr ich irrte, damals aber glaubt' ich's-- Daß Euer Auge mit Zufriedenheit, Mit Wohlgefallen auf mir hafte. Jener Unsel'ge Druck der Hand, den ich beim Tanze Zu fühlen glaubte; Haare, meine Haare, Die Ihr so gütig waret zu bemerken, Zu Euch zu nehmen.--
Erny. Auf dies eine hört, Was ich zur Deutung--
Otto. O nicht doch! o schweigt! Laßt uns nicht mehr von diesen Träumen sprechen, Ich weiß zu gut, wie sehr ich mich getäuscht. Dies alles nun, und über alles andre, Das Euer Gatte--Gräfin, Ihr verzeiht! Bancbanus ist, ich weiß, ein Ehrenmann, Wohlredenheit strömt über seine Lippen, Ist geistreich, witzig, schnellgewandt im Rat. Sein Bart ist grau, allein in Ehren grau; Sein Säbel schlägt die Fersen, wie ein andrer, Ein Ehrenmann, fürwahr! Doch etwas--unschön, Beinahe möcht' ich's lieber gräßlich nennen, Allein, ich seh, Ihr seid nicht meiner Meinung! Wohlan, ich geb es zu! Der erste Eindruck Tut wohl das Schlimmste, und der Mann gewinnt, Zumal in einiger Entfernung. Aber Wenn auch nicht grau, und wenn nicht widrig auch; Was wär' er gegen diesen holden Umfang Von allem, was der Himmel reizend schuf? Als ich mit ihm zum erstenmal Euch sah, Da rief's in mir: verkehrt ist die Natur! Entsprießt dem Eis die Königin der Blumen? Gezwungen ist sie, oder ist betrogen; Des Ritters Pflicht, Gefangne zu befrein.
Erny. Spart Eure Ritterpflicht auf größre Not! Mit freier Wahl erkor ich meinen Gatten. Und wenn nicht jung und wenn nicht blühend auch, Weit höher acht ich ihn, als--
Otto. Sprecht nicht weiter! Antwortet mehr nicht als man Euch gefragt. Beleidigen ist leicht, doch schwer versöhnen.
Erny. Wir sind zu Ende, scheint's, und ich kann gehn.
Otto. Noch nicht! Das Letzte fehlt, ist noch zu sagen. Dies Land, wo meine Schwester lebt und herrscht, Wo alles mich umringt mit Lust und Freuden, Durch die Ereignisse der letzten Zeit Ist's mir zum Greul geworden und zur Hölle. Nach Deutschland kehr ich heim.--Ich seh, es freut Euch! Nun, um so lieber reis ich, macht's Euch Freude. Beim Scheiden nun gönnt mir als letzten Trost-- Ihr könnt es leicht, denn bin ich fern, wie kann ich Je Vorteil ziehn aus Eurer Huld und Meinung.-- Gönnt mir den Trost, daß Ihr Euch mein erinnert.
Erny. Erinnern Eurer? Nie!
Otto. Daß ich Euch völlig Gleichgültig nicht.
Erny. Gleichgültig ganz und völlig.
Otto. Ihr lügt!--Ihr täuscht Euch, fürcht ich!--O ich weiß, Was Euch so strenge macht, so herb und kalt. Ihr haltet mich für schlimm. Ich bin's, ich war's! Geboren auf der unglücksel'gen Höhe, Wo man nicht Menschen kennt, nur Schmeichler, Sklaven; Emporgetragen von des Haufens Gunst, Aus Hand in Hand, ein Spielball fremder Neigung; Begabt mit manchem, was sonst Frauen lockt, Stürzt' ich mich in des Lebens bunt Gewühl. War ich nicht gut, ich konnte schlimmer sein; Gab böses Beispiel ich, wer gab mir gutes? O wäret damals Ihr in Himmelsklarheit Hinabgestiegen in die Schauerhöhle, Wo ich, mit Molch und Natter spielend, lag; Ich hätt's erkannt an Eurem reinen Licht, Wär' Euch gefolgt, wär' glücklich nun und selig.
Erny. Setzt Ihr's voraus, weil's nun unmöglich ist?
Otto. O nicht unmöglich, jetzt noch möglich, jetzt noch! Wenn Ihr nur wollt, wenn Ihr Euch nicht entzieht. Ich fordre ja nicht Liebe, Liebe nicht! Gönnt mir nur Anteil, Neigung, Euer Aug' nur, Daß ich es fragen darf mit meinen Augen: War's also recht? wenn ich nicht schlimm getan. Ihr willigt ein? Ihr stoßt mich nicht zurück?
Erny. Habt Ihr vergessen, daß Ihr reisen wolltet? Der Meister hat den Schüler gern um sich, Ich aber wünsch Euch fern.
Otto. Verkennt Ihr denn Der Tugend schönstes, weltbeglückend Vorrecht, Wo sie geblüht, auch Samen auszustreun? Genügt es denn der Sonne, daß sie Licht, Geht sie nicht auf, uns alle zu erleuchten? Wenn ihr dereinst am großen Tage steht, Umgeben von den Engeln Eurer Taten Wollt Ihr dann nicht den Blick zurückesenden Und sagen: dieser Mann ist auch mein Werk?
Erny. Es hört sich gut, doch handelt Ihr nicht so. Wer dürft' Euch trauen, wenn er wollte selbst?
Otto. Ihr dürft. Ihr sollt! O dieser Augenblick Ist fruchtbar an Entwürfen und an Taten! Gesteh ich's Euch! Als man Euch herbeschied War finster meine Brust, und Gräßliches, Das Äußerste bewegte sich in mir. Doch Euer Anblick bannte jene Schatten. Lernt mich erst kennen, achten wohl zuletzt! Des Leuchtturms Flamme seid dem irren Schiffer. Er sieht das Ufer nicht, von Nacht umfangen, Doch steuert er getrost dem Schimmer zu, Er weiß, dort wo das Licht, ist Land und Rettung. Ihr wollt? Ihr tut's? Gebt mir die Hand darauf. Die Hand, um die ich bitte--Eure Hand!
Erny. Ha, was war das? Enthüllst du selber dich? Tilg erst den Schimmer dort aus deinem Auge, Der lauernd sich gelungner Plane freut. Wirbst du nach Tugend, und gehörst der Sünde?