Ein treuer Diener seines Herrn

Chapter 2

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Und nun, lebt wohl! Gertrude, teures Weib! Bela, mein Sohn! Mein gutes, liebes Kind! Lebt wohl, ihr alle! alle meine Freunde! (Zu Bancbanus.) Vor andern aber wend ich mich zu dir, Dem ich mein Haus vertraue, Weib und Kind. Als ich dich wählte, dacht' ich Ruhe mir, In Feld und Stadt, in Schloß und Hütten Ruhe. Die fordr' ich nun von dir. Kehr ich zurück, Und finde sie gestört, die fromme Ruhe;-- Nicht strafen werd ich dich, nur dich vermeiden, Und stirbst du, setzen auf dein ruhmlos Grab: Er war ein Greis, und konnte sich nicht zügeln; Er war ein Ungar, und vergaß der Treu; Er war ein Mann, und hat nicht Wort gehalten! Doch wird's nicht kommen so, ich weiß, ich weiß! Lebt alle wohl, und Gott sei über euch! (Er geht.)

Alle (drängen sich um ihn, indem sie rufen): Heil auf den Weg! Glück zu! Kehrt siegreich wieder!

Zweiter Aufzug

Saal im königlichen Schlosse. Im Hintergrunde führt eine große, zu Anfang geschlossene Pforte nach den äußern Galerien. Rechts, im Vorgrunde, ein erhöhter Lehnsessel, im Halbkreise herum mehrere Stühle. Seitentüren. Zunächst der Türe rechts ein bedeckter Tisch.

Die Königin sitzt, von den Räten umgeben, Bancbanus, Schriften in der Hand, steht, und trägt vor.

Bancbanus. Obgleich die Kinder zweiter Ehe nun Dagegen Einspruch tun, so sagt ein Blatt, Vollzogen vom Testator eigenhändig, Ein rechtsbeständig, kräftig Kodizill-- Wo steckt es nur? (Seinen Nachbar anblickend.) Ihr Schwager? Seid so freundlich, Und haltet mir die Schriften, daß ich suche. (Er gibt Graf Petern einen Teil seiner Schriften und sucht in den übrigen. --Herzog Otto tritt zur Türe linker Hand ein.)

Otto. Noch nicht geendigt?

Königin. Eben.-- (Zu den Räten.) Gut für heute! Die Sitzung, edle Herrn, ist aufgehoben!

(Die Räte stehen auf, die Königin tritt zu ihrem Bruder.)

Bancbanus (noch immer suchend). Mein Schreiber hat's verschoben. Daß dich doch!

Königin. Wie er mich langweilt nur, der alte Tor! Glück auf, Ihr Herrn! wir sehen uns demnächst.

Sie entläßt mit einer Kopfneigung die Räte, diese gehen.--Königin zu Otto.)

Ich merke festlich Treiben hier im Schloß, Was schafft man?

Bancbanus. Seht! Da hab ich's doch gefunden. Kraft dieses Dokuments--Wo sind die Räte?

Königin. Sie gingen, so geduldig nicht, als ich, Im Schloßhof wohl nach Eurer Schrift zu suchen!

(Otto lacht laut auf.)

Bancbanus (die Schrift emporhaltend). Hier ist die Schrift!--Nu, nu, im nächsten Rat Erwägt man--

Königin. Sprach ich denn nicht schon: gewährt?

Bancbanus. Gewährt! gewährt! Lag diese Schrift nicht vor, So war nichts zu gewähren! (Er steckt die Schrift wieder unter die Papiere.) Liege du! Zu seiner Zeit kommt noch das Wort an dich.

Königin. Was also sind die Festlichkeiten, die--?

Otto. Kommst du mit mir, so sollst du selber sehn!

(Königin gibt ihm den Arm.)

Bancbanus. Vorerst nur eines noch!

Königin. Das nenn ich lästig!

Bancbanus. Der Fall ist lästig, ja, und dringend auch. Landfahrer haben, höchst verdächtig Volk, Bei Bihar sich gezeigt. Es wird nun nötig, Zweihundert--

Otto. Säcke!

Bancbanus. Wie?--Es wird nun nötig, Zweihundert--

Otto. Säcke!

Bancbanus. Reiter, gnäd'ger Herr, Dahin zu senden. Wenn Eu'r Gnaden Bruder, Der Herzog, nun nach Tätigkeit verlangt, So könnte man der Reiter Führung ihm--

Otto. Sehr gnädig, in der Tat!

Königin. Das ist zuviel! Ihr schmeichelt, wie das Tierchen in der Fabel. Mein Bruder soll zweihundert Reiter führen? Schickt Euren Schwager--Euren--was weiß ich?!

Bancbanus. Wie Ihr befehlt.--

Königin. Und schweigt für jetzt, ich bitte! Wem also gelten jene Festlichkeiten, Die man bereitet, seh ich, rings im Schloß?

Otto. Ich wollte früher schon dir alles melden, Doch diese Herrn--(Zu Bancbanus.) Beliebt's Euch, Platz zu nehmen? Wie, oder dünkt Euch ein Spaziergang besser In freier Luft? Wir haben schönes Wetter.

Bancbanus. Ich bleibe noch, ich bin noch nicht zu Ende.

Königin. Wie also? sprich!

Otto. Du weißt, wir feiern heute Das Wiegenfest des Kleinen, deines Sohns. Die Herren sind, die Fraun bei ihm versammelt Und binden ihn mit kleinen Gaben an. Da hab ich denn gewagt, in deinen Zimmern Dem Feste zu bereiten noch ein Fest. Die Meinung war, dich erst zu überraschen, Doch liebst du, weiß ich, Überraschung nicht. Drum sieh, ach, und verzeih!

(Er hat die Seitentüre rechts geöffnet, die Königin sieht hinein.)

Königin. Du guter Bruder!

Otto. Nun hier noch.

(Er klatscht in die Hände, die Seitentüre links öffnet sich. Der kleine Bela läuft herein, mit kindischen Gaben schimmernd behangen. Hinter ihm Herren und Damen, darunter Erny.)

Bela. Mutter! Mutter!

Königin (zu ihm niedergekauert und ihn küssend). O mein Kind! (Ihrem Bruder die Hand drückend.) Was soll ich sagen? (Zum Kinde.) Und so reich beschenkt! Habt Dank, Ihr Herrn! Ihr edlen Frauen, Dank! Für alles, was Ihr unserm Sohne gönnt. Wir stünden tiefer noch in Eurer Schuld, Wenn unser Bruder, Herzog Otto hier, Nicht der Vergeltung Pflicht auf sich genommen. Nehmt teil denn an dem Feste, an den Freuden, Die er für uns, die er für Euch ersann. Es ist zwar noch am Tag, allein wir wollen Mit Lust den freud'gen Abend führen ein. Graf Iwan, Dank!--Ei, Gräfin Erny, gönnt Ihr Uns auch einmal die schöne Gegenwart? Wir rauben stündlich Euren Gatten Euch, Und nicht zu seiner Freude, fürcht ich fast; Er findet uns zu schülerhaft, zu leicht. (Zu Otto halblaut.) Du arger Schalk! das Fest galt also mir? Ich denk du gabst dir's selbst und deinen Wünschen!

Otto. Ihr zürnt doch nicht?

Königin. Was Scherz ist, tadl' ich nicht. Nun auf! ein jedes wähle den Gefährten, Dem es bei Tanz und Tisch die Rechte gönnt.-- Nicht so!--Nein, das Verbundne laßt uns trennen! Des Gatten, des Geliebten Recht erlischt Beim frohen Fest, das Fremdes soll verbinden. Ich selbst, da es der Königin nicht ziemt, Im Scherz auch einen Mann als Freund zu grüßen, (Zu Erny.) Erwähle, Gräfin, Euch mir zum Gefährten, Wenn nicht vielmehr zum Manne mich für Euch. Gebt mir die Hand! die Rechte! (Ernys Hand in ihre beide lassend.) Glaubt, ich lieb Euch! Mein schönes Kind, ich lieb Euch, weiß es Gott! Wir tanzen nicht, wir wandeln durch die Gäste, Und wenn der Hausfrau rings besorgte Pflicht Mich von Euch ruft, so soll mein teurer Bruder Vertreten meine Statt. Dann tanzt Ihr wohl Ein Schrittchen, oder zwei. Seid Ihr's zufrieden? Mein frommes Kind, ich lieb Euch wahrlich sehr! Nun fort!

(Die Gäste, die sich paarweise in Ordnung gestellt haben, setzen sich in Bewegung. Königin zu Bancbanus, der noch immer im Vorgrunde rechts steht.)

Was aber machen wir mit Euch?

(Während des Vorigen ist die Türe der Galerie geöffnet worden. Diese ist mit Leuten aller Art angefüllt, die zum Teil Bittschriften halten.)

Wer sind die Leute da?

Bancbanus. Eu'r hoher Gatte Empfing um diese Stunde die Suppliken, Bittschriften aller Art.

Königin. Tut's denn statt mir! Ihr liebt die Feste nicht. Weiß Gott, ich fürchte, Ihr tadelt mir den Tanz, das Mahl, die Gäste. Bleibt hier, und hört, was jene dort begehren. Hier ist ein Tisch, Papier und Feder hier. Für eines jeden Unterhaltung sorg ich. Eu'r Weibchen soll indes Euch nicht vermissen, So viel traut mir nur zu! Beliebt's, Ihr Herrn?

(Sie geht mit Erny an der Reihe der Gäste vorüber in die Seitentüre rechts ab, die Gäste folgen.)

Bancbanus (zu einigen Dienern, die zurückgeblieben sind). Rückt mir den Tisch ein wenig seitwärts! So! Du läßt die Leute vor! Du übernimmst Die Schriften, die sie reichen, legst sie hierher! Die Feder ist wohl stumpf? (Hält sie vors Auge.) Nu, nu, sie geht! Nur Ordnung sag ich euch! (Zum ersten Supplikanten.) Was also willst du? (Er entfaltet die Bittschrift.) Jan Farkas. Ei mit deiner alten Bitte? Hat dich der König nicht schon abgewiesen? Nun glaubst du wohl, weil er vom Lande fern? Der König ist noch da, hier, siehst du, steht er, Und drinnen-- (Auf das Zimmer der Königin zeigend, vor sich hin.) Nu, weiß Gott, drin hüpft und tanzt er. (Laut.) Nichts da! Geh fort! Laß Bessern deine Stelle! (Ein Zweiter tritt vor.) Die Erbschaftssache! Nu, wir wollen sehn. Im heut'gen Rat kam's noch nicht zur Entscheidung, Im nächsten wird's geschehn. Glück auf, mein Freund!

(Hofleute gehen vorüber in die Zimmer der Königin. Sie zeigen mit dem Finger auf Bancbanus, und flüstern sich in die Ohren.--Bancbanus zu einem Dritten.)

Entschäd'gung, weil der Prinz auf letzter Jagd Die Saat verwüstet.--Er? Der Prinz allein? Die ganze Saat? Wohl nur des Prinzen Jäger? Weshalb denn schreibst du: Er? Wo bleibt die Achtung, Verwünschtes Volk, für eurer Fürstin Bruder? Man wird den Schaden schätzen und vergüten. Ich bin ermüdet; bringt mir einen Stuhl!

(Ein Stuhl wird gebracht. Er setzt sich.--Ein Edelmann vom Gefolge des Prinzen, eine Dame führend, aus dem Seitenzimmer links: ein Kämmerer öffnet.)

Edelmann (zur Dame). Ihr müßt zum Fest, die Königin nimmt's übel. Sei's auch, daß Ihr nicht wohl, so tanzt denn nicht, Doch kommen müßt Ihr; es geht glänzend her. Was ist denn hier? Gehört das mit zum Fest?

(Der Kämmerer spricht leise zu ihm, wobei er lachend auf Bancbanus weist.)

Bancbanus (zu andern Bittwerbern). Was kniet ihr? Auf! Der König duldet's nicht, Und ich soll knieen sehn von meines Gleichen? Ich bin ein Untertan, wie andre. Auf!

Edelmann (lachend). Nu, das ist lustig! Laßt uns denn hinein! (Zu Bancbanus im Vorbeigehn.) Seid Ihr der Pförtner, Herr, des heut'gen Fests? Was zahlt man Eintritt?

Bancbanus. Klugheit nicht; Ihr bliebt sonst haußen wohl!

(Edelmann und Dame ab.)

Verwünschtes Volk! (Die Bittschrift in der Hand.) Ich sehe wohl, warum ihr erst gekniet. Die Bitt' ist unstatthaft. Seht doch! Zehn Goldstück Für jede Lieferung! Nicht acht, nicht fünf!

Ein Diener (reißt die Seitentüre rechts auf und schreit). He, Wasser und Zitronen!

Zweiter Diener (zur entgegengesetzten Seite hereinkommend, schreit ebenso). Hier!

Bancbanus. Nu, nu! Ein wenig sacht!

Erster Diener. Hier sitzt er. Blitz! Derweile Setzt Herzog Otto seinem Weibchen zu. Laß ihn uns schrauben!--Edler Herr, befehlt Ihr Ein wenig Wasser zu höchstnöt'ger Kühlung?

Bancbanus. Ja, ja, mein Sohn, gib her!

(Er nimmt das Glas. Die beiden Diener platzen in Lachen aus und laufen davon.)

Was soll denn das?

(Die Grafen Simon und Peter stürzen erhitzt aus den Zimmern der Königin.)

Peter. Es ist zuviel!

Simon. Bancbanus, du noch hier?

Bancbanus. Wo anders sonst?

Simon. Fühlst du denn nicht? O sag ihm's, Sag ihm's, ich bitte dich! Mich würgt der Zorn.

Peter. Fühlt Ihr denn nicht, daß Ihr der Spott des Hofes?

Bancbanus. Der Spott? Warum?

Peter. Daß draußen vor der Tür--

Bancbanus. Ich übe, was mein Amt. Ei spottet nur! (Nach rückwärts gekehrt.) Die Fordrung ist zu hoch, mein guter Freund! Acht Taler sind genug. Das, Schreiber, schreibe!

Simon. Bancban, auf Tod und Leben, höre mich! Heiß diese Leute gehn! (Auf die Bittwerber zeigend.)

Bancbanus. Du scherzest wohl?

Simon. Nun denn, auf die Gefahr, daß sie uns alle hören! (Halblaut.) Indes du hier den Pförtner spielst des Festes-- So nannten sie dich drin und lachten! lachten!-- Umschwärmt der Prinz dein Weib.

Bancbanus. Ich kann's nicht ändern! Kann ihn nicht ändern, wollt' ich's noch so gern.

Peter. Er tanzt mit ihr.

Bancbanus. Zum Tanz ward sie geladen.

Peter. Drückt ihr die Hand.

Bancbanus. Er kriegt den Druck nicht wieder, Dafür bin ich dir gut.

Simon. Bist du so zahm? Hab Mitleid mindestens mit deinem Weibe. Sie fühlt die Schmach, der Scheelsucht Spötterblicke, Kaum hält des Hofes Brauch sie noch beim Feste; Doch Unwill' glüht in ihrem Angesicht.

Bancbanus. Doch Unwill' glüht in ihrem Angesicht. Das sagst du selbst, und willst: ich soll sie hüten? Tanz zu! tanz, Erny, zu! Du wahrst dein selbst! (Er kehrt zu den Bittschriften zurück.)

Simon. Nun denn, so dulde, was du dulden willst. Ich kehre heim.

Peter. Und ich zum Tanz zurück. Und wagt er's, seiner Frechheit Raum zu geben Durch leiseste Berührung nur der Hand, So straf ich auf der Tat sein ruchlos Werben Und Blut soll ihres Tanzes Estrich färben.

(Die Hand am Säbel, durch die Seitentüre rechts ab. Graf Simon geht auf der entgegengesetzten Seite.--Herzog Otto aus der Seitentüre links mit einem Begleiter.)

Otto (im Auftreten zu Graf Simon). Ist Gräfin Erny hier?

Simon. Seht selbst! und seht Euch vor! (Ab.)

Otto. Unhöflich Tier! Wo aber ist sie hin? Ihr Gatte hier? Mit eins war sie verschwunden. (Zu seinem Begleiter.) Sagt' ich dir nicht, du sollst auf jeden Schritt?-- Komm und vollführe! was ich sonst gebot. (Im Vorübergehen.) Bancban, ist Eure Gattin schon nach Hause?

Bancbanus. Ich weiß es nicht.

Otto. Nu, nu, es soll sich weisen. (In den Tanzsaal ab.)

Bancbanus. Hier ist es allzulaut. Kommt, folget mir, Im Vorsaal draußen, auf den innern Gängen Macht leichter das und ruhiger sich ab. Die Königin verzeiht wohl solchen Wechsel.

(Er faßt die auf dem Tische liegenden Papiere zusammen. Erny, erhitzt und schwer atmend, kommt, sich unter den Supplikanten wegdrängend, durch die Mittelpforte.)

Erny. Hier, endlich hier! Nun, Gott sei tausend Dank!

Bancbanus. Je, Kind, was kommt dir an? Vom Tanz erhitzt. Du gingst wohl durch den Schloßhof? Herr und Gott, Es kann dein Tod sein, schneidend weht die Luft. Du böses Kind, was machst du mir für Sorge!

Erny. Nun ist es gut! Weil nur bei dir! O gut! (Sie setzt sich in den Stuhl.)

Bancbanus. Zu luftig ist es hier. Zurück zum Tanz! Ein Reihen oder zwei erwärmt dich wieder.

Erny (aufspringend). Zum Tanz? Ich weiche nicht von deiner Seite! So drück ich mich in deine Nähe, so. Trotz sei geboten, wer von hier mich trennt!

Bancbanus. Und dennoch muß es sein. Sieh hier, Geschäfte.

Erny. Ich geh mit dir, ich falte dir die Blätter, Ich streue Sand, wie ich wohl oft getan; Doch nicht in jenen Saal mehr. Nein! fürwahr!

Bancbanus. Was war denn?

Erny. Nichts. Doch geh ich nicht von dir.

Bancbanus. Bancbanus' Weib steht gut in seiner Nähe, Des Reichsverwesers Frau gehört zum Fest.

Erny. Gib sie zurück denn, dieses Amtes Bürde, Sei Ernys Gatte bloß, mit ihr beglückt.

Bancbanus. Was fällt dir ein? Weil du nicht gern beim Fest, Soll ich von Hof, Unfrieden herrschen lassen, Verwirrung rings im Land? Ich hab's versprochen, Dem König angelobt bei seinem Scheiden, Den Frieden zu bewahren hier, die Ruh', Und werd es halten, trifft was immer zu. Dem Dienste folg ich, folg dem Feste du!

(Die Stiegen herauf tönt Geräusch von Stimmen und Schwertergeklirre.)

Was ist? Horch!--Schwerterklang!? (Zu einem Diener, der hereinstürzt.) Mein Freund, was gibt's?

Diener. Herr, Eures Bruders Diener, und des Prinzen, Sie streiten, sie sind handgemein, man ficht.

Bancbanus. Die Diener meines Bruders? Wer gab Anlaß?

Diener. Des Prinzen Leute reizten sie durch Spott.

Bancbanus. Gleichviel! Wo ist mein Schwert?

Erny. Ich will mit Euch, Ihr wagt Euch sonst.

Bancbanus. Bist du nicht klug? Bleib hier.

(Ein Kämmerer kommt aus dem Zimmer der Königin.)

Kämmerer (zu Erny). Die Königin verlangt nach Euer Gnaden.

Bancbanus. Hörst du? Geh hin! Ich schlicht indes die Fehde. (Zu den Supplikanten.) Ihr harret auf der Treppe, bis die Ruh', Neu hergestellt, uns Muße gibt zur Rede.

(Er geht, die übrigen folgen.)

Erny. Er geht.--Wo ist der Kämmrer, der mich rief Zur Königin?--Gleichviel! Ich will nur hin! Was kann der Prinz auch tun? Ich war wohl töricht! Zurück zum Fest und ihm ins Aug' geblickt! Du aber Gott, du gib mir Mut und Kraft, Der Unbill zu begegnen mit Verachtung! Gib, daß kein Wort, kein Wink, kein Laut Bestät'ge was er meint und was er hofft!-- Doch erst das Haar geordnet und die Kleider, Verraten möchten sie mein kindisch Zagen, Des wär' er froh, allein da harre du! (Im Vorgrunde stehend, und die Locken an den Fingern aufwickelnd.) Sie glauben, weil ich selten sprech und wenig, Ich könne mich nicht wahren, nicht verteid'gen. Mein Vater sprach wohl oft: sie hat's im Nacken! Ich hab es auch. Ihr sollt noch wahrlich sehn! (Sie betrachtet noch ihre Schuhe.) Nun ist es gut. Der Schuh sitzt fein genug! Nun ist es gut! nun will ich nur hinein!

(Otto, der, während der letzten Worte, durch die Seitentüre rechts, leise eingetreten ist, nähert sich jetzt von hinten, ihre beiden Arme mit dem Äußersten der Finger berührend.)

Otto. Verstärkt Ihr noch die Macht so vieler Reize? O schmückt Euch nicht! wir sind schon wund genug!

Erny (links nach dem Vordergrunde zurückweichend). O Gott! Er selbst!

Otto. Ich bin's, und hochbeglückt, Daß die Gelegenheit, so oft gesucht, Und nie gefunden, günstig dar sich beut.

Erny. So glaubt Ihr? Laßt mich! Ich will fort!

Otto. O bleibt!

Erny. Der Königin Befehl--

Otto (vorkommend). Er ist erdichtet, Von mir erdichtet. So wie jener Streit, Der Euren Gatten in dem Schloßhof hält, Auf mein Geheiß sich, auf mein Wort entspann. Ich wollt' Euch sprechen, und ich tu's, beim Himmel! Es komme was da will! Der Ort ist günstig: Das Fest hat aus der Nähe sich gezogen, In fernen Zimmern dampft das frohe Mahl. Wir sind allein, und doch, die Türen offen, (Auf die offene Pforte des Hintergrundes zeigend.) Der kleinste Ruf führt Zofen her und Diener, Ihr seid so sicher gegen jede Kühnheit, Als nur am eignen Herd.

Erny. Und dennoch fort!

Otto. Auch das! Hier ist mein Arm! Kommt mit zum Fest! Doch glaubt Ihr, mir dadurch Euch zu entziehn, So irrt Ihr, Gräfin, sehr. Ihr kennt mich nicht. Doch wer mich kennt, der weiß, in Hofes Mitte, Am offnen Markt, heiß ich Euch Rede stehn, Und leg Euch vor dieselben Fragen, die-- Nichts mehr, als dies,--ich hier Euch stellen wollte. Doch ist's Euch nicht genehm, gut, wir verschieben's!

Erny. O Übermaß des sträflichsten Erkühnens!

Otto. Ihr seid was eitel, merk ich, gute Gräfin. Ihr glaubt mich wohl verliebt? Mag sein! Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Ich bin nicht so erregbar. Ein Menschenkenner bin ich, Menschenforscher, Zumal auf Fraun geht meine Wißbegier. Die tausend Formen zu erspähn, die Krümmen, In denen sich das eins und eine birgt, Das eine: Heuchelei. Pfui, feige Schwäche! Bin ich nicht gut, so wollt' ich's auch nicht scheinen! Ihr aber scheinet Tauben, fromme Tauben, Und seid's in einem nur, in ew'ger Glut.

Erny. Das anzuhören ziemt mir nicht.

Otto (aus dem Wege weichend). O ja; Die eine läßt sich trauen einem Greise, Mit grauem Bart und Haar, ein schlottrig Scheusal, Voll Launen, abgeschmackt, zum Tollhaus reif; Doch ehrt und liebt sie ihn.

Erny. Sie ehrt und liebt ihn!

Otto. Wenn je und dann sie schielt nach hübschen Jungen, Minutenlang mit ihrem Blick verweilt, Je, Neugier! Ei, zum Sehn ward uns das Auge! Wie? Oder auch schon Menschenforscherin, Auflauernd der Entwicklung des Geschlechts, Und vom Gefühl gewendet zum Erkennen?

Erny. Ich weiß, Ihr wollt beleid'gen und erniedern; Was sonst Ihr meint, weiß und versteh ich nicht.

Otto. Ihr blicktet nie nach andern, ei, ich weiß! Ihr wart auch jene nicht, wie, oder doch? Die, als man ihr beim Tanz die Hand--

Erny. Ihr lügt!

Otto. Verteidigt nicht, bevor man noch beschuldigt! Die, als man ihr beim Tanz die Hand gedrückt, Den Druck zurückegab. Ich fühlt' es, ja!

Erny. So mögen diese Finger denn verdorren, Und Feuer sie bestrafen, lohe Glut, Wenn absichtslos sie und dem Willen fremd Euch andres kündeten, als Haß und Abscheu!

Otto. Als Haß und Abscheu. Gut! (Mit starker Stimme.) So gebt zurück denn Die Haare, die Ihr stahlt von meinen Haaren! Ich war nicht lang an diesen Hof gekommen, Da sandt' ich zum Geschenk sie meiner Schwester, In Kleinod sie zu fassen und Geschmeid. Ihr aber glaubtet Euch allein und stahlt Vom Putztisch Euch ein Pröbchen. War's nicht so?

Erny. O Gott! Mein Gott!

Otto. Das also wirkte! O Heuchelei, du abscheuwürd'ges Laster, Und doch in Euch so schön, wie all das Eure! Laßt mich Euch danken für die schöne Sünde. O alle Tugend gleicht ihr nicht an Reiz. (Er kniet.)

Erny. Mein Prinz!--O glaubt!--Doch steht vom Boden auf! Daß jene Locke, kaum in meiner Hand-- Steht auf, ich bitt Euch!--daß ich sie verbrannt; Daß ich--o Gott! mein Gott!--Steht auf!--Man kommt! Soll ich mit Tränen Euch im Auge bitten? (Mit dem Fuße auftretend.) Ich will nicht, sag ich Euch. Ich duld es nicht!

Otto. Ich soll Euch hören, und Ihr selbst verweigert's?

Erny. Ich will Euch hören, nur steht auf vom Boden!

Otto (aufstehend). Es sei! Doch auf Bedingung! Seht, Ihr schuldet Mir die Geschichte jener Locke; ich Hab eine Frage noch an Euch zu stellen. Gönnt zu geheimer Unterredung mir Ein Viertelstündchen, wo und wann Ihr wollt.

Erny. Geheimes ich und Ihr?

Otto. Geheim um Euretwillen! Bringt Zof' und Diener mit, mir gilt das gleich! Verwahrt Euch, wie Ihr wollt. Nur laßt mich fragen! Mir ist's um meine Zweifel nur zu tun. Seht Ihr denn übrall Liebe, eitles Volk? Doch sprechen muß ich Euch, muß Antwort haben! Und wollt Ihr anders nicht, so sei es hier. Noch einmal knieend bitt ich Euch darum. (Er beugt das Knie.)

Erny. Halt ein! Ich will!

Otto. Ihr gönnt mir ein Gespräch Und wo? und wann?

Erny. O nirgends, ach, und nie!

Otto. Ich seh, es macht Euch Müh', davon zu sprechen. Hier ist Papier und Feder, ich will gehn. Zwei Zeilen, die Ihr schreibt, mit Zeit und Ort, Genügen mir. Wenn heim die Gäste kehren, Nah im Getümmel ich mich Euch des Aufbruchs, Und lese, was Ihr schriebt; mein Heil, mein Glück. Bis dahin lebet wohl! O meine Wünsche! (In die Seitentüre rechts ab.)

Erny. Weh mir! Was ist geschehn? Gerechter Gott! Wenn in den ersten Tagen, da er kam, Er fromm mir schien und gut--O pfui, pfui, pfui! Erbärmliches Gefühl, du bleibst mir fremd! Und sagen will ich's ihm! Doch hier, und jetzt Dem Rasenden, in Mitte seines Hofs? Und sprech ich nicht, so kehrt er tobend wieder, Kniet, droht, beschimpft. Ich will ihm schreiben, ja! Er hat's begehrt, und ich, ich will es tun, Will schreiben ihm, ihn sprechen ohne Zeugen, Und hören soll er ein verzweifelnd Herz! (Sie eilt zum Tische.) Und doch, es ist nicht gut, es ist nicht recht! Woher sonst dieses Zittern, diese Angst? Ist niemand hier? Mir kommt ein Schwindel an Horch!--Stimmen--Menschen--Wo verberg ich mich?

(Sie hat das vor ihr liegende Blatt rasch gefaltet in den Busen gesteckt, und steht zitternd, zwischen Tisch und Mauer gedrängt, da.--Bancbanus kommt.)

Bancbanus. Der Streit ist abgetan. So schnell geschlichtet, Als er begann. Fast scheint mir's angelegt, Absichtlich angelegt, die Ruh' zu stören. (Auf ein Geräusch wendet er sich um.) Doch wer ist dort?--Ha, Erny, du? Und bleich Und zitternd? Kind, was war? Was ist geschehn? (Er will sie anfassen, sie weicht zurück.) Fliehst du vor mir? Ha, du bist krank. Nur Hilfe! Ist niemand hier?

Erny. O still! Ich bin nicht krank!

Bancbanus. Nicht krank? Und Todesblässe deckt die Wangen, Aufzuckend fiebert eisig jedes Glied? Laß uns nach Hause, komm!

(Er greift nach ihrer Hand; sie eilt an ihm vorüber, dem Vorgrunde zu.)

Erny. Ich kann's nicht tragen! Glühend brennt das Blatt, Das frevle Blatt auf meinem schuld'gen Busen. (Sie wirft das Blatt von sich.) Nur fort! Nur fort! (Zu Bancban, der es aufgehoben hat.) Vernicht, zerreiß, vertilg es! Und niemand ahne, niemand, was es birgt!

Bancbanus (es entfaltend). Was birgt es denn? Sieh, es ist leer?

Erny. Ha, leer? Der Hölle Züge sind drauf eingegraben.

Bancbanus. Mag sein! Doch lesbar nur für Gott, und für die Brust, Die es gedacht, obgleich sie's nicht geschrieben! Hier ist dein Blatt! Nimm es zurück!

Erny. Ich nicht! Bancban, auf diesem Blatt wollt' ich dem Prinzen schreiben!

Bancbanus. Verhüt es Gott!

Erny. Und kamst du nicht, ich tat's!

Bancbanus. Die Königin mag wohl in Sorgen sein Ob jenes Streits; den Ausgang meld ich ihr.

Erny. Und lässest du mich so allein? Bancbanus, Willst du dein Weib nicht strafen und nicht hüten?

Bancbanus. Bestrafen? Hüten? Ei, sag du nur selbst, Wie fang ich's an? Führ ich dich tobend heim? Versperre dich ins innerste Gemach Mit Schloß und Riegel, unter Tor und Gitter, Verschreib ich Stumme mir aus Mohrenland, Verschnittne, die mein Weib allsehend hüten. Und nachts, die Diebslaterne in der Hand, Schleich ich mich hin, und forsche, ob's noch schließt? Die Ehre einer Frau ist eine ehrne Mauer, Wer sie durchgräbt, der spaltet Quadern auch.

Erny. O hart, zu hart, Bancban, mein Gatte!