Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen
Part 5
Er hat mir später erzählt, daß er vor Erregung zitterte und sich krank melden mußte; er konnte seine Gedanken nicht zur Arbeit sammeln. All die Jahre hindurch hatte er, oft ohne es sich selbst zu gestehen, auf ihn gewartet. Das Letzte, was er aus dem Mund des Freundes, in dem ihm eigenen, selbstherrlichen Ton gehört hatte, war ja: »Du sollst es nicht bereuen!« Eine runde, volle Anweisung, ausgestellt von einem Mann, der die Ritterlichkeit selbst war. Bye hatte ihn in all diesen Jahren nicht belästigt; zu der Schuldsumme hatten sich also Zinsen gehäuft. Der Freund war nun auch im Auslande ein reicher Mann geworden, wenn das Gerücht nicht trog; Bye würde auch ins Ausland kommen, das fühlte er! Nun galt es also, ihm zu sagen, daß er hier war. Aber es mußte so geschehen, daß andre es nicht hörten oder sahen; das hätte den Nichtsahnenden in Verlegenheit bringen können! Er erkundigte sich deshalb im Hotel, wo der Fremde abends hinginge; und Nacht für Nacht ging er selbst vor sein Hotel; er wollte ihm begegnen, wenn er heimkam. Aber es traf sich nie günstig. Da faßte er Mut und schrieb. Erzählte ihm, daß er in der Stadt sei, und erbat sich eine Unterredung, gestattete sich, die Zeit und den Ort ihres Zusammentreffens, des Freundes Zimmer im Hotel, vorzuschlagen.
Zur bestimmten Zeit fand er sich vor der bestimmten Tür ein. Er stand und lauschte, eh er anklopfte; es war Licht darin -- aber kein Geräusch. Endlich klopfte er. Ein kräftiges »Herein!« antwortete ihm. Als Bye nicht sogleich zu öffnen vermochte, wurde es wiederholt -- noch kräftiger -- vom besten Gewissen der Welt.
Ivar Bye stand vor einem hohen, stattlichen Mann in eleganter Gesellschaftstoilette, der eben Parfüm auf sein Taschentuch goß.
Sie sahen einander an; und die erste Folge davon war, daß keiner von ihnen grüßte. »Ich habe Ihren Brief erhalten; aber ich bedaure, daß die Zeit, die Sie vorgeschlagen haben, nicht günstig ist; ich bin im Begriff auszugehen. Bitte, nehmen Sie Platz!«
Bye blieb stehen.
»Ich sehe, es geht Ihnen gut. Was treiben Sie?« -- »Ich bin im Handelsfach.« -- »So, wirklich? Sind Sie schon lange hier?« -- »Ein Jahr oder so.« -- Er wußte nicht mehr, was er redete, das Zimmer fing an, sich im Kreis zu drehen. »Ja, Sie müssen wirklich entschuldigen, aber ich höre eben den Schlitten vorfahren.« Er wandte sich um und legte ein großes seidnes Halstuch um, eh er den Pelz umnahm. Es klopfte. Ein Diener meldete, daß der Schlitten da war, eilte herbei und half dem Herrn in den Pelz. Bye stand noch immer unbeweglich, als der Herr mit einem höflichen Adieu an ihm vorbei in den Gang hinaus und die Treppe hinab ging.
Bye war über dreißig Jahre alt, als er mir dies erzählte, und mehrere Jahre waren vergangen, seit es geschehen war. Aber er weinte wie ein betrogenes Weib.
Nach dieser Begegnung wurde er langsam ein anderer. Wie ich es später begriff, müssen die ersten äußeren Anzeichen davon gewesen sein, daß er seine Lieder nicht mehr sang, es kaum ertrug, sie von andern singen zu hören; die Guitarre rührte er nicht mehr an. Es ist dies nicht so zu verstehen, daß das Leben der Erwartung, das er bisher geführt hatte, von dem energischen Bestreben abgelöst wurde, sich eine Zukunft zu schaffen. Das lag ihm gar nicht mehr, wenn er das je getan hatte. Sondern so, daß die Schwärmerei, die er im Innersten genährt hatte, ihre sentimentalen Erinnerungen fahren ließ und statt dessen ihre Dichtung um die zu spinnen begann, in deren Kreis er gerade stand; wenigstens um Einzelne von ihnen. Es begann damit, daß er bei guten Menschen Trost und Zuflucht suchte für das Beste in ihm; aber auf die Dauer ward es zu einer Lebenskette, welche die Geschichte des einen Freundes oder der einen Freundin an die der andern schloß, und alle zusammen bildeten sein Glück. Nach und nach lebte er ausschließlich für Andere.
Wie andre junge Leute nach Enttäuschungen und Wunden in einem Kloster eindämmern, so er in guten Werken.
Als das norwegische Theater in Christiania errichtet werden sollte, war der ehemalige sentimentale Sänger und Guitarreklimperer der erste, der sich meldete. Viele Moldenser erschraken, als sie seinen Namen hörten. Daß _er_ es wagte, auf einer Bühne aufzutreten! Kurz darauf lernte ich ihn kennen und begriff sofort, wie natürlich es für diesen Träumer war, nach Aladdins Schloß zu suchen. Da würde er leben -- nicht in den Prachtgemächern, nicht an den Fenstern und auf den Balkons paradierend, bereit, Huldigungen zu empfangen; sondern in den weinlaubumschatteten Bogengängen, in den Alkoven, in den heimlichen Plätzchen rund um die Kaskaden draußen im großen Park. Der Mitwisser aller Geheimnisse, der Vertraute und Helfer aller. Immer im Hintergrund mit kleinen Diensten und guten Ratschlägen bereit; immer bereit, die Jüngsten zu loben, die Unglücklichen zu trösten, sich mit den Glücklichen zu freuen. Er selber hatte keinen Ehrgeiz; sein Trontheimer Dialekt (welchen die Bühnenleiter nicht zu brechen verstanden, solange es noch Zeit war), und seine Dilettanten-Furcht vor dem Unnatürlichen, die ihn verhinderte, ordentlich loszulegen, waren ihm überall im Wege. Aber wenn wir fragen, so wird uns jeder Einzelne von denen, die noch vom ersten Personal des norwegischen Theaters leben, erzählen, was er für die war, die er gern hatte, denn er war ein verwöhnter Menschenkenner! Sie werden uns erzählen, was sie seinem Geschmack, seiner Erfindungsgabe, wo es ihr Wohl galt, seiner taktvollen Aufrichtigkeit, seiner Treue und Diskretion verdanken. Heiter und warmherzig, phantasievoll und vertrauenerweckend, ihre kleinen Fehler verspottend und züchtigend; das, was er liebte, hervorlockend.
Er war noch nicht lange da, als er zum ersten Mal in seinem Leben festen Boden unter den Füßen zu fühlen begann; es schwankte nicht mehr alles. Aber just da erhielt er einen anonymen Brief von »einem Moldenser«. Darin wurde er gefragt, »wie _er_ es wagen könne --?«
Und hier war's, wo ich dazu kam.
Eins von den ersten Dingen, die ich erzählen hörte, als ich Zögling der höheren Schule zu Molde wurde, war, wie dieser gutherzige, schöne Junge von älteren, »vornehmeren« Kameraden mißbraucht und dann schmählich verlassen worden war. Darüber herrschte in Molde sowohl damals als später nur _eine_ Stimme. Als es nun mit Schlangenzungen zu zischen begann, schien es mir deshalb, wir Moldenser müßten die Ersten sein, sie in ihre Löcher zurückzupeitschen. Ich habe ein Talent für Organisation; in aller Eile veranlaßte ich die Moldenser Studenten, eine Leibwache um ihn zu schließen, eine Wache des Schweigens und der Freundschaft. Und zu äußerer Sicherheit nahmen wir ihn in die Studentenkolonie auf, die ein paar von uns gegründet hatten. Er zog mit seiner langen Pfeife, seinem kleinen Hausrat -- vor allem seiner kleinen Beefsteakpfanne, an der so viele von uns sich erfreut haben! -- bei uns ein; seine Bude oben wurde bald unser Lieblingsaufenthalt.
Als Theaterkritiker konnte ich ihm auch indirekt eine Stütze sein, wenn die Leute uns überall zusammen sahen. Ich stutzte einen französischen Lustspiel-Einakter für ihn und noch einen andern Notleidenden, Kapitän David Thrane, zurecht; letzterer hatte Walzer- und Operettenmelodien komponiert, die er darin angebracht haben wollte. Bye erhielt eine kleine erotische Rolle; ich wollte sehen, ob er vielleicht am Ende doch einmal mit etwas von dem, was er besaß, herauskommen könnte. Er wagte sich jedoch kaum zu rühren, so daß das Stück glänzend Fiasko machte. Wir tranken unter großem Gelächter auf seinen Tod.
Für das norwegische Theater kamen bald böse Tage. Wir Norweger haben nämlich die Gewohnheit, jedes nationale Unternehmen dreimal an unsrer Gleichgiltigkeit oder Uneinigkeit zugrunde gehen zu lassen. Erst beim viertenmal ist es lebensfähig. Bye ging mit einer schlechten Truppe auf die Wanderschaft. Aber eben damals war ich Direktor am Bergenser Theater geworden und schickte ihm Reisegeld.
Ich seh ihn noch, wie er am ersten Tag meine Garderobe musterte und sich daraus ein paar Hosen mit Seidenstickerei an den Säumen herunter auswählte; ich seh ihn mit einem Taschenmesser sitzen und diese Verzierungen austrennen; denn grade diese Hosen hatte er sich nun einmal ausgesucht. Er war bettelarm. Er hatte nämlich alles, was er hatte, weggegeben, solchen, die es nötiger brauchten, als er. »Für mich war ja noch immer Rat,« sagte Bye, »ich wußte ja, ich hatte dich in der Hinterhand.« Ich möchte wissen, ob ich jemals in meinem Leben stolzer auf etwas gewesen bin, das er mir gesagt hat. Es war auch das Einzige dieser Sorte, was er mir zu spendieren für zuträglich hielt.
Er nannte mich -- wie alle Kameraden -- »Björnen« (Bär) oder »Bjö'en« und behandelte mich wie ein Kind, oder wie einen hellen Toren -- insonderheit wie das letztere, indem er mich vollständig entmündigte. Ich bekam mein eignes Geld nicht in die Hand, -- wobei ich mich ausgezeichnet stand, -- sondern mußte ab und zu etwas von ihm »leihen«. Er umgarnte mich geradezu mit den abscheulichsten Schlichen und stiftete Verschwörungen gegen mich unter meinen Freunden an. Obschon es immer zu meinem eignen Besten geschah, -- wenn ich dahinter kam, oder wenn es zu stark gegen meine Passionen ging, so kriegte er Prügel; aber in der Regel ging's nach seinem Willen. Wenn alles vorüber war, hielt er mich unbarmherzig zum Narren, und dann lachten wir alle beide.
Im Frühling zogen wir nach Trontheim, um wieder vor den Trontheimern zu spielen -- ich darf wohl sagen, ein gut einstudiertes Repertoire. Die Trontheimer wollten uns erst das Theater nicht vermieten; »es sollte repariert werden«. Ich mußte hinauf und es erobern, und die andern kamen nach. Bye war mit dabei. Eine lustige Gesellschaft waren wir -- lauter junge Leute, der Direktor der zweitjüngste von allen! Eine Sommerreise, wie sie kaum ihresgleichen gehabt hat in Norwegen! Sie hätte ihren Dichter haben müssen; -- der aber starb mit Georg Krohn.
Proben und Vorstellungen, Gesellschaften, Ausflüge, Tollheiten und Reden, -- ich hielt zu jener Zeit beständig Reden! ... man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie wir mit den Trontheimern umsprangen, wenn ich erzähle, daß wir jeden Abend bei gutem Wetter damit endeten, daß Rektor Müller -- man denke, der Rektor der Stadt! -- auf der Feuerleiter in den Stiftsgarten stieg, ohne sich festzuhalten, und weiter über die Dachrinne und wieder zurück!
Ich wohnte im ersten Hotel der Stadt.[3] Ivar Bye wohnte natürlich bei mir. _Er_ sagte nichts und _ich_ sagte nichts; aber wir waren im voraus darüber einig, so und nicht anders mußte er Trontheim wiedersehen.
Den Tag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir miteinander an dem langen, düstern Haus vorbei, in dem er einmal als Gefangener gesessen hatte. Nie vergeß' ich, welche Stimmung in mir zitterte, meine Augen begegneten den seinen. Er sagte irgend etwas, wie: sie haben ein neues Tor; oder: das Tor ist neu angestrichen. Ich weiß nicht mehr, was. Ich sagte nichts; d. h. ich schwatzte unaufhörlich von ganz andern Dingen.
In Trontheim waren nur Wenige, die sein Geheimnis kannten, und diese Wenigen waren seine guten Freunde. Hier war er also sicher. Ich seh ihn noch draußen auf einem Stein mitten in dem großen Lerfoß, ein Stück weit von der Stadt; Gott weiß, wie er da hinaus gekommen war. Er hockte da -- nackt. Da war er einmal ganz losgelassen! Eine solche Wildheit und ein solcher Übermut offenbarte sich da, daß man erwartete, er würde sich in den Strom werfen. Ich stand und dachte: Jetzt ist Bye froh!
[Fußnote 3: In einer wehmütigen Stunde, mitten unter allem Jubel, schrieb ich da:
»Auf Sankte-Hans ist Lachen und Tanz; ich aber weiß nicht, ob sie flicht ihren Kranz.« ]
Später sagte ich zu ihm: »Was hätte aus dir werden können, Bye, wenn du dich hättest frei entwickeln können.«
»Ja,« antwortete er, »etwas zwischen Aschenputtel und Nöck. Auch wenn der Nöck weint.«
Und eine Weile darauf: »Aber für mich war von Anfang an die Schranke gezogen.«
Zwei Tage zuvor hatte ich mich verlobt, deshalb lebt der Tag in meinem Gedächtnis wie Sonnenschein; jedes Wort steht vor mir in gleicher Klarheit wie die Landschaft. Solange diese Verlobung sich vorbereitet hatte, schwieg er; nicht mit einem Hauch seines Mundes, so schwach, daß er die kleinste Feder bewegt hätte, versuchte er auf meinen Entschluß einzuwirken. Und doch sagte er mir, sogleich nachdem es geschehen war, daß es sein höchster Wunsch gewesen war! Herrliche Tage hatten wir drei! Und es blieb so, als ich mich verheiratete, obwohl er ausziehen mußte und meine Frau einzog; er kam beständig zu uns.
Jenes Jahr ist zweifellos das für meinen Charakter gefahrvollste gewesen. Ich hatte eine unbändige Arbeitskraft; ich leitete das Theater und das Oppositionsblatt der Stadt und damit die große Wahl, die erste in Norwegen auf ganz nationalem Grund. Gleichzeitig nahm ich in ausgedehntestem Grad am Vereinsleben und an Gesellschaften teil, schrieb an einer Erzählung und dichtete Lieder. Aber mir war nicht leicht eine Schranke zu setzen, wenn ich etwas erreichen wollte; ich hatte ja auch immer Glück.
Ihm und ihr verdanke ich es, und der Mithilfe meiner teuren Freunde Georg und Henrik Krohn, Dankert Roggen, Andreas Behrens, Henrichsen, Dahl u. a., daß ich so einigermaßen unversehrt daraus hervorgegangen bin.
Unter den warmen, unmittelbaren Menschen in Bergen fanden sich Freunde für Ivar Bye. Als Garderobier am Theater, wo man ihn seines guten Geschmacks willen angestellt hatte, kam er mit vielen verschiedenen Schichten der Bevölkerung zusammen, und er traf wie gewöhnlich, seine Auswahl. Durch uns andre lernte er noch mehr kennen, -- so daß er nun endlich Menschen gefunden hatte, die er brandschatzen konnte für seine armen Freunde in allen Ecken und Winkeln des Landes! Nach und nach gewann er, -- das war unausbleiblich -- vollständige Herrschaft über die, die er gern hatte, und er erhielt sie sich auch, weil er genau wußte, wie er jeden Einzelnen zu nehmen hatte. Eine alte Verwandte meiner Frau liebte ihn so, daß sie den Tag für verloren hielt, an dem er nicht vorgesprochen hatte. Trotzdem wollte sie ihm das Kleid nicht geben, das sie eben an hatte; es war ja auch wirklich zu toll, um so etwas zu bitten. Bye hatte nämlich ein altes armes Fräulein, dem dies Kleid akkurat paßte; es war so hübsch warm, so recht ein gutes Winterkleid, und sie besaß mehrere, das alte Fräulein aber gar keines. Kaum war Bye gegangen, so fing das, was er gesagt hatte zu wirken an. Vielleicht mußte es eben grade solch ein Kleid sein? Sie zog es aus und packte es ein. Eh' Bye von seinen vielen Besorgungen nach Hause kam, lag das Kleid auf seinem Zimmer. -- Für andre hatte er eine andere Art des Vorgehens. Wenn sie mit einem ausgedienten Kleidungsstück nicht herausrücken wollten (es gibt ja liebenswürdige Menschen, die in diesem Punkt unglaubliche Gewohnheitstiere sind), so nahm er es ganz einfach und ließ uns andre dann arglos fragen: »Aber, Liebe, haben Sie denn das graue Kleid nicht mehr? Es stand Ihnen so gut!«
Was er sich und uns Spaß machte mit all seinen Schlichen, um uns Geld für seine alten Fräuleins abzulocken! Er hatte ein wahres Genie dafür, solche aufzustöbern und sie mit seinem Geplauder und seinen diskreten Gaben zu erfreuen.
Ivar Bye hat uns in Wahrheit gelehrt, gut zu sein, und viele, viele außer uns.
Als Beweis dafür, wie sicher er sich seiner Freunde fühlte, muß ich einen kleinen Streich erzählen, über den seinerzeit halb Bergen lachte. Wir waren in Gesellschaft bei einer Dame, die für ihre ausgezeichneten Kuchen bekannt war. »O,« sagte meine Frau, »besonders _der_ da schmeckt köstlich!« -- »Den sollst du mit nach Hause nehmen,« antwortete Bye. Alle Kuchen wurden aufgegessen, nur nicht diese Sorte; sie waren fast unberührt. »Ich begreif' es nicht,« sagte die Wirtin, als die andern Gäste fort waren und wir noch allein da waren. »Ich glaubte, die Kuchen seien die Besten.« -- »_Ich_ begreif' es gut,« sagte Bye, »ich bin nämlich zu allen Leuten gegangen und habe ihnen gesagt, daß in den Kuchen da faule Eier seien!« --
Der reichste Teil aber seiner Menschenkenntnis, seiner Wärme und Güte sammelte sich in seinem Beruf als Ratgeber und Vertrauter. Er war dazu geboren. Keine Instinkte sind im Menschen feiner entwickelt, als die, die Verständnis ahnen! Und andrerseits gibt es kein sichereres Zeugnis moralischer Macht, als das, Bekenntnisse zu erzwingen einfach dadurch, daß man ist, der man ist! Und diese Macht hatte er.
Unsre Literatur hat ein Denkzeichen für seine Art und Weise, Vertrauen entgegen zu nehmen. Es ist niedergelegt in dem Gedicht:
Ich hab' einen Freund -- In schlafloser Nacht -- --
Ich schrieb es fern von ihm -- nicht, damit er es bekommen sollte, sein Name ist nicht genannt und er hat es nie erhalten; sondern weil das Leben damals schwer für mich war.
-- -- Als meine Frau und ich mit unsrem kleinen Jungen vom Auslande heimkehrten, vier Jahre nach meinem Abschied von ihm und vom Theater, sehnten wir uns tiefinnerlichst nach Bergen und ich ganz besonders nach ihm. Das Theater war aufgehoben. Natürlich. Aber Bye hatte sich Vertrauen erworben, er blieb zurück als Aufseher über Haus und Habe, und die kleine Einnahme genügte für ihn.
Wir hatten uns darauf gefreut, ihm unsern Jungen zu zeigen, -- und wir mußten hören, daß Bye gefährlich krank sei. Trotzdem war viel Freude bei der Rührung des Wiedersehens, denn er war ja auf, er hob unsern Jungen hoch; wir wollten viel zusammen sein, sagte er.
Darin aber täuschten wir uns. Den Tag darauf mußte er zu Bett, um nicht mehr aufzustehen. Es war, als hätten die Kräfte ausgehalten, bis wir kamen; jetzt ging es rasch bergab.
Daß es schnell zu Ende ging, begriff ich zum erstenmal bei einem Vorfall, einige Tage später; ich will ihn nicht verschweigen. Ich kam zu ihm -- »kam« ist nicht das Wort, denn ich war wütend und stürmte die Treppen hinauf. Ich war mit einer Sache beschäftigt, die mich erregte und ich vergaß, -- wie junge gesunde Leute nur allzu oft tun, -- wie es Schwachen und Kranken zumute ist. Nach alter Gewohnheit wollte ich mich vor allem vor ihm austoben, und das tat ich auch. Da traf mich auf einmal ein hilfloser Blick und ich hörte die Worte: »Ach nein -- ich kann nicht fassen, was du sagst!« ... Wie ich erschrak, wie ich mich schämte und unglücklich war! Und wie das sich verschärfte, als er ein paar Tage darauf starb! So nahe war er dem Tod, und wir ahnten es nicht!
Es ist mir leider oft passiert, daß ich mit meinem unbändigen Eifer denen weh getan habe, die ich am wenigsten kränken wollte, -- und alle diese Fälle haben mich später heimgesucht, einzeln oder miteinander, mich gequält, mich gedemütigt. Keiner aber öfter als dieser.
Denn war es nicht, zum Ausgang seines Lebens, wie eine letzte Wiederholung all des rücksichtslosen Gebrauchs, den andre von seiner hingebenden Natur gemacht hatten?
Wie wenn Anfang und Ende sich zusammenschließen sollten, stand, als die Wirtin seine Augen geschlossen hatte und in seine Wohnung hinunter kam, ein Fremder da; er fragte nach Ivar Bye. Sie erzählte ihm weinend, daß sie ihm soeben die Augen geschlossen habe; der Fremde ward davon so stark ergriffen, daß er sich setzen mußte. Er fing an, sie auszufragen, und der Wirtin war es eine Erquickung, grade jetzt ihn aus ihres Herzens reichster Fülle preisen und zuletzt sein geduldiges, ruhiges Sterbebett schildern zu können. All das machte einen tiefen Eindruck auf den Fremden. Er blieb lange sitzen. Als er sich erhob, um zu gehen, wollte er aber seinen Namen nicht nennen. Er habe wie ein Beamter ausgesehen, sagte sie. Sollte es einer der Kameraden von Molde gewesen sein, den späte Reue grade in diesem Augenblick herbeigezogen hatte?
Der Anführer von damals war es nicht; der war längst tot.
Ich stand an Ivar Byes Grab und sagte mir, daß ich dies alles einmal niederschreiben wollte. Für das juristische norwegische Volk.
Ich stand am Grab und blickte auf das Gefolge. Das war ja eine große Beerdigung; ich kannte nicht den zwanzigsten Teil! Theatervolk, Handwerker, Kaufleute, Seeleute, Beamte, arme Kerle, Reiche, die Ältesten und die Jüngsten. Und am Grab erwarteten uns die Frauen. Mütter waren da, die ihre Kinder mit sich hatten, und Mütter und Kinder weinten um die Wette. Alte Fräulein aus dem Jungfernstift, arme Weiber, junge Mädchen, alle mit Blumen und Tränen.
Ich kenne manche, die ihre Tränen wiederfinden werden, wenn sie dies lesen. --
Wenn ich mir meine verstorbenen Lieben denke, so mag ich sie mir nicht als Leichen, geschweige denn als abgemagerte Skelette denken. Ich denke sie mir wieder mit der Röte des Lebens auf den Wangen, ihre Augen auf mich gerichtet. Bye aber kann ich mir denken, so wie er jetzt aussehen muß, -- ja, ich denke ihn mir meistens so, mit seiner Reihe herrlicher Zähne in breiter Rundung, mit dem Nasenbein und den Höhlen unter dem schönen Schädel. Ohne Scheu seh' ich die kalkgrauen Kniee, -- etwas aufwärts- und auseinandergekrümmt, und die langen, gegeneinander gelegten Knochenfinger.
Ich glaube nicht, daß dies ist, weil sein Gesicht hager war, so daß es der Phantasie Vorschub leistete. Auch nicht, weil er, als Nöck draußen in Lerfoß hockend, mitten im Sturz und Schaum des Wassers, mehr aus Höhlen als aus Augen um sich starrte, während seine Zähne gleißten.
Nein, es ist wohl, weil sein Verstehen der Menschen und Dinge ein so tiefes geworden war, ein so liebevolles, daß es für ihn nichts Abstoßendes gab. Nicht in den Formen des Lebens und nicht in den Formen des Todes. Und _das_ symbolisiert sich auf diese Weise in meiner Erinnerung.
Einsame Reue
Ich hab' einen Freund -- in schlafloser Nacht tönt mir sein Friedensgruß. Wenn das Licht erstirbt und das Grau'n erwacht naht er auf leisem Fuß.
Nie redet in harten Worten sein Mund -- selbst kennt er Leid und Reu' -- sein weicher Blick macht Krankes gesund -- wer ist, wie er, so treu?
Begangene Sünde, die mich kränkt, nimmt still er auf sein Herz, und wenn mein Glaube die Flügel senkt, hebt er ihn himmelwärts.
So kämpft er auch heute, wie immerdar, mein einsames Ringen mit -- Übers Jahr, mein Freund, wird offenbar, um was ich heute stritt!
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
Offensichtliche Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der norwegischen Originale, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 14]: ... »Trauer! O Trauer ist das Los meines Lebens ... ... »Trauer! O Trauer ist das Los meines Lebens! ...
[S. 24]: ... stehen und knixte wie ein Schulmädchen in kurzen ... ... stehen und knixte wie ein Schulmädchen im kurzen ...
[S. 25]: ... Elsa war mit dabei! Sie kam zu früh, -- ... ... Ella war mit dabei! Sie kam zu früh, -- ...
[S. 31]: ... Men I, som höhrer, styrk deus Klang; ... ... Men I, som höhrer, styrk dens Klang; ...
[S. 32]: ... Teilnahmlosigkeit kühlte sie ab; sie kam wieder ... ... Teilnahmslosigkeit kühlte sie ab; sie kam wieder ...
[S. 34]: ... der kleinen Person irgenwo unten an seiner Weste ... ... der kleinen Person irgendwo unten an seiner Weste ...
[S. 38]: ... for mig hun löfter den og ler ... ... For mig hun löfter den og ler ...
[S. 38]: ... Fordi det aevet er af Smerte, -- ... ... Fordi det vaevet er af Smerte, -- ...
[S. 44]: ... wie es ihm füher schon zweimal gegangen war. ... ... wie es ihm früher schon zweimal gegangen war. ...
[S. 58]: ... draußen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen ... ... draußen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ...
[S. 61]: ... kenne es, -- und jetzte erst sollte er lernen, wie ... ... kenne es, -- und jetzt erst sollte er lernen, wie ...
[S. 70]: ... auf ein Brettende, das ins schwanken kam; sie wäre ... ... auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wäre ...