Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen
Part 4
Die vielen kleinen Schellen begleiteten den Gesang wie Sperlingszwitschern; seine Stimme läutete zwischen den Bäumen den Gottesdienst des Menschengeistes in den weißen Hallen ein.
_Ein_ Tag, das fühlte Ella, bezahlte für tausend. _Ein_ Tag tut das, was das Winterlied erzählt, er wiegt einen müden Sommer zur Ruhe, dämpft seine Krankheitskeime, zerbröckelt die Erde für den neuen, macht die Nerven stark und die dunkelste Zeit hell. In ihm sammeln sich all unsere langen Träume. Was hätte nicht auch aus ihr werden können, wie klein sie auch war, wenn sie _viele_ solche Tage gehabt hätte? Was hätte sie dann nicht für ihre Knaben werden können?
Sie kamen an ein langes, weißes Gebäude zwischen zwei Flügeln, alle von Holz. Auf dem Hofplatz standen viele Schlitten mit aufgestellten Gabeldeichseln; es waren also schon mehrere Gesellschaften hier. Ein Stallknecht führte ihr Pferd fort; der Diener, der sie bedienen sollte, war gleich zur Hand, um ihnen zu helfen, und ein Mann im bloßen Kopf mit jovialem Gesicht kam dazu; es war Peter Klausson! Er schien sie erwartet zu haben und wollte Ella durchaus beim Ablegen behilflich sein. Aber er roch nach Cognac oder was es war; um ihn los zu werden, fragte sie nach dem Zimmer, in dem sie speisen sollten. Sie wurden in ein warmes, gemütliches Zimmer mit gedecktem Tische geführt; dort half Aarö ihr mit den Sachen. »Ich konnte Peter Klaussons Atem nicht ertragen,« sagte sie. Da lächelte Aarö.
»In Amerika hat man Mittel gegen dergleichen.« -- »Was meinen Sie?« -- »Man nimmt etwas, das den Atem anders macht.« -- Gleich darauf bat er, ihn zu entschuldigen, er habe noch dies und jenes anzuordnen. Sie war also allein, bis angeklopft wurde; es war wiederum Peter Klausson! Er sah ihr Erstaunen und lächelte: »Wir werden ja zusammen speisen,« sagte er. -- »So?« -- Sie sah nach dem Tisch; er war für fünf gedeckt! -- »Haben Sie kürzlich von Ihrem Manne gehört?« -- »Nein.« -- Lange Pause. Ist Peter Klausson eine Gesellschaft für Axel Aarö? Der beste Kumpan ihres Mannes? Aarö, der nur haben wollte, was echt war? Aber im selben Augenblick, da sie dies gedacht hatte, mußte sie auch zugeben, daß Peter Klaussons unmittelbare Natur vollkommen ehrlich sei, was er sonst auch immer sein mochte.
Der Diener brachte einen Korb mit Wein ins Zimmer, schloß die Tür aber nicht eher hinter sich, als bis er von draußen noch mehr hereingeholt hatte, nämlich Champagner in Eis. »Ist all der Wein für uns?« fragte Ella. -- »Wie ich sehe,« erwiderte Peter Klausson; er war sichtlich erfreut. -- »Aarö trinkt doch keinen Wein?« -- »Aarö? Er hat mich aufgefordert, heute herauszukommen -- ich kam zufällig zu ihm hinauf, -- und da haben wir beide den allerfeinsten Cognac getrunken.« -- Ella kehrte sich nach dem Fenster um, denn sie fühlte, wie sie erbleichte.
Gleich darauf trat Aarö ein, so höflich und vornehm, daß Peter Klausson die Hände aus den Hosentaschen ziehen mußte; er wagte beinahe nicht zu sprechen. Aarö teilte mit, daß er Holmbos eingeladen habe; gerade eben hätten sie abgesagt; sie mußten sich jetzt alle drei an ihrer gegenseitigen Gesellschaft genügen lassen. Er führte Ella zu Tisch. Aarö zeigte sich als der liebenswürdigste und der erfahrenste Wirt. Mit dem deutschen Diener sprach er englisch und gab fortwährend kleine Winke in Bezug auf das Anrichten; er verdeckte die Sünden des Dieners, brachte Kleinigkeiten zur Geltung -- alles so, daß man es kaum merkte. Gleichzeitig nährte er eine einfache Unterhaltung durch kleine Anekdoten aus seinem gesellschaftlichen Leben. Er schenkte niemals selbst ein; wenn er trank, zitterte ihm die Hand. Auch früher glaubte sie dies schon bei ihm gesehen zu haben; jetzt quälte es sie.
Der erste Gang waren Austern, und davon aß sie tüchtig; sie war sehr hungrig. Aber später konnte sie weniger und immer weniger mitkommen, ja, zuletzt war es, als würde ihr die Kehle zusammengeschnürt. Sie hätte ebenso gut weinen wie essen und trinken können.
Anfangs war es ihr nicht recht klar, weshalb. Wohl, daß es so ganz anders war, als sie geträumt hatte: der herrliche Tag war im Begriff eine Enttäuschung zu werden. Im Beginn dachte sie: dies wird wohl einmal ein Ende nehmen, und dann haben wir es auf dem Heimwege wieder angenehm. Aber nach und nach, als seine Laune immer ausgelassener wurde, erwies er ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit, ja, sie wurde von beiden Kavalieren zugleich gefeiert -- bis sie hätte schreien mögen. Nach der Mahlzeit wurde sie elegant an Aarös Arm in ein anderes Zimmer geführt, das ebenfalls in Bereitschaft gehalten war -- gemütlich, prächtig mit einem Klavier.
Der Kaffee wurde sofort serviert (mit einem »^Avec^«) und unmittelbar darauf baten die Herren um Erlaubnis, einen Augenblick rauchen zu dürfen, es solle nur ganz kurz sein. Sie gingen -- und ließen sie allein. Dies war nicht einmal mehr höflich -- und nun erst begriff sie, daß nicht nur der Tag, sondern Aarö ein anderer geworden, als sie gedacht hatte! Das große Dunkel der Ballnacht kam über sie hergezogen; sie kämpfte dagegen, sie erhob sich und ging, wollte hinaus, als könne sie ihn dort so wiederfinden, wie sie ihn in ihrer Vorstellung hatte. Sie suchte den Weg nach dem ersten Zimmer, nahm dort ihr rotes Tuch um und war gerade auf den breiten Platz vor dem Gebäude gekommen, als der Diener vom Mittag hinter ihr her kam und etwas auf englisch sagte, was sie anfangs nicht verstand; sie war nämlich zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt, um sofort die Sprache wechseln zu können. Der Diener erzählte, daß einer von ihren Begleitern krank geworden sei; der andere sei nicht zu finden. Als sie die Worte bereits verstand, begriff sie nicht, was es sei, sondern folgte ihm mechanisch. Unterwegs fiel ihr ein, daß Aarös Zunge ihm nicht ganz gehorcht habe, als er nach dem »^Avec^« um Erlaubnis gebeten, hinausgehen und ein wenig rauchen zu dürfen; ihn hatte doch wohl nicht der Schlag getroffen --!
Sie kamen am Rauchzimmer vorbei, das ihr im Vorübergehen voll erschien -- jedenfalls voll Rauch und Gelächter. Die Tür zu einem kleinen Zimmer daneben wurde geöffnet; dort lag Axel Aarö auf dem Bette; er mußte sich dort hinein geschlichen haben -- vielleicht um noch mehr zu trinken. Er hatte nämlich eine kleine, dicke Flasche mit hineingenommen, die auf einem Tische neben dem Bette stand. Auf diesem lag er selbst, vollständig angezogen mit erloschenen Augen, ohne Kraft oder Empfindung; er sagte zu ihr: »Tip, tip, Peté!« Er wiederholte es mit ausgestrecktem Finger: »Tip, tip, Peté!« Beidemal in der Fistel. Sollte das Peter heißen? Glaubte er, sie sei ein Mann? Hinter ihm auf dem Kopfkissen lag etwas Haariges; es war ein Toupet; jetzt sah sie's, er hatte eine Glatze. »Tip, tip, Peté!« hörte sie hinter sich, als sie hinausstürzte.
Armseliger als jetzt Ella in ihren Pelzschuhen und Winterkleidern so schnell, wie ihre kurzen Beine sie tragen konnten, nach der Stadt zurücktrabte, ist wohl selten jemand über einen Landweg gelaufen. Der schwere Mantel, den sie auf der Fahrt gehabt, war aufgeknöpft, das Kopftuch trug sie in der Hand, und doch schwitzte sie, daß es herab tropfte; die Vorstellung beherrschte sie, daß es die Träume seien, die von ihr abfielen!
Anfangs dachte sie nur an Axel Aarö, den unglückselig Verlorenen! Morgen oder übermorgen hatte er das Land verlassen, sie wußte es bereits, und diesmal für alle Zeiten!
Aber wenn sie es sich so recht entsetzlich ausmalen wollte, wie es war, dann lag das Toupet auf dem Kopfkissen und sagte: »Es war doch wohl nicht alles so echt mit Axel Aarö?« Doch, doch, -- was konnte er dafür, daß er so früh kahl geworden war? Hm, erwiderte das Toupet, er hätte es eingestehen können.
Ella arbeitete sich vorwärts. Glücklicherweise begegnete sie niemand, auch kam niemand von all denen, die jetzt auf Baadshaug waren, hinter ihr her; sie mußte ja komisch aussehen, schwitzend und weinend mit aufgeknöpftem Mantel, in Pelzschuhen mit dem Tuch in der Hand. Sie versuchte ein paarmal, langsamer zu gehen, aber der Aufruhr in ihr war zu stark, und dann lag es in ihrer Natur, sich vorwärts zu arbeiten.
Aber in ihrem gejagten Blut meldete sich die kräftige Frage: Möchtest du, Ella, nun all deine Träume entbehren, da es jedesmal so jämmerlich damit gegangen ist? Da flennte Ella laut auf und erwiderte: nicht, wenn es mein Leben gälte! Nein, denn die Träume sind das Beste, was ich gehabt habe; sie haben mich gelehrt auszuhalten, sie haben mir gegeben, womit ich all das andere messen kann, so daß ich niemals etwas für hoch halte, was niedrig ist. Nein, meine Träume, die habe ich auch um meine Kinder gewebt, so daß ich jetzt tausendmal mehr Vergnügen an ihnen habe. Die, und dann die Blumen, das ist alles, was ich habe. Und sie flennte und arbeitete sich vorwärts.
Aber nun sind dir ja keine Träume mehr geblieben, Ella!
Anfangs wußte sie nicht, was sie darauf antworten sollte; es schien ja allzu wahr, allzu entsetzlich wahr, -- und das Toupet zeigte sich wieder.
Gerade hier hatte Aarö das Winterlied gesungen. Wie das Zwitschern der Schellen die Weise begleitet hatte, so begleitete jetzt das »Mama, Mama!« der zarten Stimmen ihre Tränen. Es war nicht wunderlich, denn sie lief ja zu ihren Knaben, aber jetzt meldeten sie sich, als wären sie's, von denen sie träumen sollte. Nein, nein, »da haben Sie doch etwas Reelles,« antwortete es mit Aarös Stimme; sie erinnerte sich, wie er es gesagt, sie erinnerte sich seiner Wehmut dabei. Hatte er wirklich an sie und sich gedacht und an die Knaben und sie? Hatte er seine eigene Schwäche mit ihrer Gesundheit und Zukunft gemessen? Sie kam wieder weit von den Knaben ab; sie war wieder bei all seinen Worten und Blicken, um das Rätsel zu deuten; aber darunter brach das Sehnen und der Schmerz wieder auf, wie nie zuvor; das ganze Leben war vorbei, der Traum zu alt in ihr, zu stark, zu lieb, die Wurzeln konnten nicht ausgerissen werden, unmöglich! Sie waren ja ungefähr alles, was sie den nächsten Tag sehen würde, berühren, vornehmen würde! -- -- Zu aller Verzweiflung kam noch, daß die Knaben nicht zu Hause waren; sie kam an ein leeres Haus.
Aber Kräfte waren in ihr. Denn als sie nach Hause kam und gebadet und sich schlafen gelegt hatte, und der Mondschein von gestern abend ins Zimmer sah und erwähnte, was sie mit einander gehabt hatten, da warf sie sich im Bett umher und weinte laut wie ein Kind; hier konnte niemand sie hören, niemand hereinkommen. Ihr Herz war jung, wie damals, als sie siebzehn Jahre alt war; es konnte und wollte nicht aufgeben!
Was war es denn eigentlich, was sie heute gewollt hatte? Ja, das wußte sie nicht; -- nein, sie wußte es nicht! Sie wußte nur, daß _dort_ ihr Glück sei, und nun hatte sie es darauf ankommen lassen. Jetzt lag sie hier enttäuscht und betrogen in einer Weise, wie gewiß wenige vor ihr es gewesen.
Sie vermochte aber auch nicht, ihn zu entheiligen. Deshalb zog die Winterweise mit seiner Stimme vorüber, gut, voll, traurig; die wollte gleichsam alles für sie ordnen. Und gehorsam wie ein Kind legte sie sich zurecht und lauschte. Was sagte sie? Freilich, die sagte, daß die Träume zwei Sommer zusammenbänden, den, der war, und den, der sich langsam aufs neue emporarbeitete, dank den Träumen, die gewacht hatten. Sie sagte auch, daß die Träume etwas für sie seien, oft höhere Wirklichkeit, als die der Verhältnisse. Sie hatte das ja oft so empfunden, wenn sie mit ihren Blumen beschäftigt war.
Bei all ihrer Ruhelosigkeit im Bette war der Zopf an ihre Seite geraten. Wehmütig zog sie ihn herauf; noch heute hatte er ihn geküßt.
Und dann legte sie sich auf die Seite und nahm ihn zwischen die Hände und weinte.
»Mama, Mama,« flüsterte es. Und so schlief sie ein.
Ivar Bye
Deutsch von G. I. Klett
An seinem Sterbebett gab ich mir selbst das Versprechen, sobald seine Geschichte einst öffentlich erzählt werden könnte, wollte ich es tun. Aber ich wußte, in dem ersten darauf folgenden Menschenalter konnte dies kaum geschehen.
* * * * *
Nun hat sich öffentlich vor aller Augen in Norwegen etwas ereignet, das bis zu mir dringt und fragt: Ist die Zeit noch nicht gekommen?[1]
Ivar Bye's Name war den Meisten bekannt, welche die Eröffnung des norwegischen Theaters in Christiania sahen. Bis in die fünfziger Jahre waren wir künstlerisch ein von Dänemark abhängiges Land; wir waren ohne dramatische Literatur, ohne Schauspieler und, der Ansicht vieler gebildeter Norweger zufolge, absolut unfähig, dies Beides zu erlangen, -- bis Ole Bull den Braven zeigte, daß dennoch ein großes Schauspielertalent im Volk steckte, und daß die Stücke von selbst kamen. Nach dem Bergenser norwegischen Theater, das er errichtete, erstand das Christianiaer norwegische Theater, in Gang gebracht von einigen Patrioten, deren einziger überlebender der alte Oberlehrer K. Knudsen[2] ist. Am Eröffnungstag des norwegischen Theaters war Ivar Bye mit dabei. Ein dunkler, breitschultriger Mann von schlanker Taille, einen Kopf so schön von Form, so gut und edel von Gesichtsausdruck, daß keiner ihn vergaß. Die Stirn breit und hoch, das Haar fast schwarz, die Augenbrauen gewölbt, eine Adlernase, schmal, fein, -- und dazu die guten, grauen Augen mit einem Schelm drin, sobald er sprach. Dann verzog sich auch der Mund gern zu einem Lächeln, voll von Erotik und erhellt von einem Schimmer herrlicher Zähne in breiter Rundung. Diese grauen Augen und der Mund taten gute Dienste zusammen, machten unablässig Eroberungen unter Männern und Frauen, alten und jungen. Aber im Stillen. Obgleich sein Kopf auf einem recht langen Hals aufrecht getragen wurde, und obschon das Kinn vorspringend war und Mut bekundete und obschon das hagere, bräunliche Antlitz Energie verhieß, -- immer kam er gedämpft und rücksichtsvoll.
[Fußnote 1: Ein begabter Arbeiter war im Jahr 1894 zum Stortings-Mann für Trontheim gewählt worden, gab sich aber darauf selber als wegen einiger Jugendvergehen vorbestraft an.]
[Fußnote 2: + im Jahr 1895.]
Zwei Mängel hatte der Körper; er war nicht rund ausgebaut, sondern eher flachgedrückt, und die Kniee waren nicht frei von der Neigung, auseinander zu gehen. Die Meisten sahen das nicht; sie hielten sich an seinen schönen Gang, dessen angenehmen Rhythmus sie empfanden. Nie hat jemand ihn irgendwo im Vordergrund gesehen, wo sie ihn aber zu Gesicht bekamen, da zog er die feineren Naturen an. Und auch die andern fühlten, hier war ein Mann von Rasse.
Und das war er. Aus einer alten norwegischen Beamtenfamilie, in der das Erbe unsrer ältesten Geschlechter steckte, er hieß nicht Bye.
Sein Großvater hatte als Beamter Kassendefraudation begangen, und obwohl die Umstände nicht sonderlich gravierend waren, empfanden es die Kinder als eine solche Schande, daß sie einen andern Namen annahmen. Ivars Vater war zum Offizier bestimmt, ich glaube auch, er war auf der Kriegsschule; aber nach des Vaters Fall mußte er sich damit zufrieden geben, Sergeant zu werden.
Jeder Moldenser Schuljunge aus meiner Zeit erinnert sich an Sergeant Bye, wenn er in der Stadt war .... stets betrunken. Ein mittelgroßer, breit ausgehauener Mann mit großer Adlernase und mit einer gewissen Würde in seinen Bewegungen. Selbst wenn er am allerbetrunkensten war, bewahrte er die. Er konnte nicht gedeihen in der Umgebung, zu der er herabgesunken war, und so schuf sein romantisches Naturell sich manche sonnige Stunde, in denen er den Herrn spielte. Alle rühmten seine Güte und Rechtschaffenheit.
Der Sohn hatte denselben Drang aus dem Bauernleben heraus. Draußen an der Küste ging es damals recht eng und ärmlich zu. Da saß er als Hirte und träumte davon, das Geschlecht zu ehemaliger Herrlichkeit emporzuheben; er erzählte diese großen Träume bloß seiner kleinen Schwester, sonst niemand. Die beiden Geschwister hielten sich ganz für sich.
Der kleine Ivar hatte ein unglaubliches Talent, sie und sich selbst herauszuputzen. »Etwas zu machen aus nichts oder aus einer ungeeigneten Materie,« wie das religiöse Lehrbuch meiner Zeit »die Schöpfung« definierte. Zum Lohn für dies Talent wurde, als er älter war, Vaters abgelegte Uniform für ihn gewendet und zugeschnitten, so daß er sich eines Tages in der Stadt in blauem Tuchanzug, mit blauer Mütze zeigen konnte! Das war wohl der höchste Festtag seines Lebens! Er wurde auch gleich um seiner ungewöhnlichen Schönheit willen bewundert. Die Gesellschaft anderer als der Zöglinge der höheren Schule verschmähte er. Er erzählte mir später, wie er lange vergebens darauf brannte, mit in das Spiel der großen, vornehmen Jungens zu kommen. Und es glückte, -- dank Einem insbesondere, dem Herrn über alle andern. Die Hingebung und der Stolz des kleinen Jungen kannte keine Grenzen.
Hier hatte er auch seine erste Liebe. Es war kein Mädchen, sondern ein fast erwachsener Kamerad unter denen, die sich seiner angenommen hatten, -- schön, verwegen, herrschsüchtig, schon recht lebenserfahren, schon ziemlich verdorben. Aber das verstand Ivar nicht; er bewunderte seine Flottheit, sein Befehlshabertalent, seine herablassende Leutseligkeit, -- und vielleicht vor allem seine große Schönheit, seine hohe, schlanke Figur, seine ungewöhnlich weiße Haut zu schwarzem Haar -- nicht zu vergessen seine gesellschaftliche Gewandtheit und die Gunstbeweise der Frauen ihm gegenüber; das war für den Knaben etwas ganz Neues. Das war der Herrentyp, das Ideal des Knaben.
Unter all diesen Kameraden war Ivar der kleinste und behendeste, wenn es gefahrvolle Schelmenstreiche galt, z. B. Äpfel und Beeren in den Gärten stehlen und verschwunden sein, wenn der Eigentümer oder andre den Lärm hörten und herbeikamen. Jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, wie eine Schnur über den Weg spannen, so daß die Bauern, wenn sie betrunken von der Stadt zurückkehrten, drüber fielen und die Pferde durchgingen, oder wenn sie die Leinen an den Booten der Bauern durchschnitten hatten, so daß sie ins Meer hinaustrieben ... jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, ohne entdeckt zu werden, so hielten sie das für »eine Tat«. In Stadt und Umgegend davon reden zu hören, das war ein Jux!
An einem Ende der Stadt lebte eine geizige, zornmütige Witwe, die einen Laden und einen großen Garten besaß; mit diesem Zornbesen lagen sie ganz besonders in Fehde, d. h. _sie_ wußten, wem sie ihren Schabernack spielten; aber die Alte wußte nicht, gegen wen sie Wachen ausstellte, den Hund hetzte, in die dunkeln Herbstabende hinaus schalt und drohte. So lange trieben sie das, bis sie fanden, es sei nötig, noch mehr zu tun. Der Vorschlag des Anführers, daß sie sich eines Abends in den geschlossenen Laden schleichen und ihre Kleingeldkasse (sie wußten, in welcher Schiebelade sie stand) entwenden wollten, fand allgemeine Zustimmung. Das war ein »Hauptulk«; ihr Zorn würde gradezu in »Besessenheit« ausarten! Der Jüngste und Behendste wurde durchs Kellerfenster hineinkommandiert, die Andern standen Wache.
Aber wie es nun zuging, -- der Jüngste und Behendste wurde entdeckt. Und mit einem Mal erhielt die Sache ein Aussehen, wie es keiner der Spaßmacher sich gedacht hatte.
An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Das Ende war, daß er, der den Streich auf Befehl ausgeführt, die Kasse abgeliefert und keinen Vorteil davon gehabt hatte, -- der Einzige war, der gefaßt, angeklagt und verurteilt wurde. Die andern waren »guter Leute Kinder«. Es waren auch verschiedene Konfirmierte unter ihnen, für die die Strafe allzu ernst geworden wäre; denn die Gesetze jener Zeit waren streng.
So drangen denn die andern Knaben und deren Eltern mit Bitten und Versprechungen auf ihn ein; der Gefängniswärter gab freien Zutritt. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, ihn zu bitten, alles auf sich zu nehmen; er hätte gern sein Leben für die Kameraden gegeben. Besonders für den Großen mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar. Es war eine Freude für ihn, als schließlich auch der kam und sagte: »Du sollst es nicht bereuen,« -- und ihm dazu übers Haar strich.
Wohl tat es weh, als Vater und Mutter kamen und ihn gar nicht verstehen konnten. »Er, der immer so lieb und gut gewesen war, -- er sollte nun ihre Schande werden!« Der Knabe weinte bitterlich mit ihnen; aber schwieg.
Und dabei bliebs auch an dem schweren Tag, als er in seinem hübschen blauen Anzug an Bord des Dampfschiffes mußte; er sollte in das Trontheimer Zuchthaus überführt werden, um dort »konfirmiert« zu werden. Er durfte an der Reeling stehen und nach der Stadt hinüberblicken; er wollte gern aufpassen, ob keiner von denen, für die er die Reise tat, in einem der Boote drunten war. Er durfte an der Reeling stehen, bis das Dampfboot abfuhr. Aber er sah keinen von ihnen.
Im Zuchthaus wurde er vom ersten Tag an aller Liebling. Sie hatten Mitleid mit dem schönen, lieben Jungen; sie wetteiferten darin, etwas für ihn zu tun, damit er vorwärts käme, wenn er einst entlassen würde.
Hier, im Trontheimer Zuchthaus, wurde er auch konfirmiert. Hier las, rechnete und schrieb er, und noch eh er heraus kam, war ihm eine Stelle als Laufbursche bei einer der ersten Familien der Stadt gesichert. An dem neuen Platz wiederholte sich dasselbe, -- alle nahmen sich seiner an. Sein Unterricht wurde fortgesetzt, er bekam hübsche Kleider; es machte ihnen Spaß, ihn zierlich gekleidet zu sehen, so schön, wie er war. Ja, er erhielt eine Guitarre geschenkt und lernte darauf spielen, denn er hatte Stimme und begleitete sich nun selbst. Die guten Feen, die in dieser Weise Rosen auf seinen Weg streuten, waren natürlich hauptsächlich Damen; auch ein Liebesverhältnis spielte dabei mit.
Und bald mehrere.
Er erlebte in dieser Richtung die wunderlichsten Dinge, von denen ich je gehört habe. Ich bin wohl der Einzige, zu dem er davon gesprochen hat; aber auch da fast nur in Andeutungen. Näheres darüber zu erzählen, habe ich nicht das Recht. Ich glaube, daß diese seine Gabe, zu schweigen, eben weil sie aus rücksichtsvoller Güte geboren war, die Frauen zu ihm hinzog, -- mehr noch als seine Schönheit; mehr noch als andre erotische Eigenschaften, die wie ein Geheimnis unter ihnen umgingen. Über derartiges können Frauen ja nicht schweigen.
Nach außen hin war dies sicherlich seine glücklichste Zeit. Aber wenn ich später darüber nachgedacht habe, ist mir mehr und mehr der Glaube gekommen, daß er da einen Knax fürs Leben bekommen hat.
Man darf ja wohl annehmen, daß die Knabenträume, die er mir erzählte, aus Kräften in ihm entsprangen, aus einer Energie, die später nicht zur Reife gedieh. Ich gebe jedoch zu, daß ich sein Geschlecht nicht kenne und es deshalb so genau nicht wissen kann. Nicht alle Träume sind eine Selbstprophezeihung von Kräften; sie können auch nur als Erinnerungen aus der Vergangenheit des Geschlechts mittreiben.
Später, als ich ihn traf, war er ohne starken Lebensdrang, ohne sonderliche Unternehmungslust; und unter all der Liebe, in deren Mitte er lebte, war keine, die seinen Sinn ganz erfüllte. Seine Schwärmerei war damals, mit einem oder dem andern seiner Freunde unter den Kapitänen hinauszukommen. Eine Reise nach Hamburg, Bremen, Kopenhagen, Schweden machen, oder andre Städte in Norwegen besuchen zu können. Ich erwähne dies besonders, weil es besonders charakteristisch ist.
Die Sache war nämlich die: er wußte nicht, oder wollte nicht wissen, wohin.
Es war, als müßte ein andrer kommen und bestimmen. Er verließ Trontheim und kam nach Christiania, wo man den hübschen Menschen in einem Laden sehen konnte. Rasch hatte er einen neuen Kreis von Freunden und Freundinnen; aber immer dieselbe Unentschlossenheit.
Da liest er in der Zeitung, daß seine Bewunderung aus den Kindertagen, der Mann mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar, im ersten Hotel der Stadt wohnt!