Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen
Part 3
Er fügte ehrerbietig hinzu: »Das, was inzwischen passiert ist, stürmt ja auf einen ein.«
Viel mehr wurde nicht gesprochen; er hatte gerade bereit gestanden, auszugehen, und nun kam der Schwager. Er betrachtete ihre Jungen draußen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ihr Klavier, ihre Noten an; dann bat er, wiederkommen zu dürfen. Das Ganze dauerte fünf Minuten.
Aber etwas blieb in ihrer Vorstellung zurück -- etwas wie der zierliche blonde Bart, der auf die Seidenweste herab fiel. Das Zimmer war geheiligt, das Klavier, die Noten, der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, ja, der Teppich, über den er gegangen war; -- sogar in seinem Gang lag Rücksicht für sie. Sie empfand alles, was er gesagt und getan hatte als Mitgefühl für ihr Schicksal.
An diesem Tage konnte sie nichts mehr vornehmen; sie schlief kaum in der Nacht. Aber was in ihr vorging, war auch nichts geringeres, als daß sie etwas, das fünf Jahre -- eigentlich sechs -- zurücklag, in die Sonne hinaustrug -- es hinaustrug, wie man Blumen aus dem Keller holt, wohin sie zum Winterschlaf gestellt worden, und sie wieder hinauf zum Frühling trägt. Dabei machte sie dieselbe Bewegung, gewiß mehr als zwanzigmal: sie legte beide Hände auf die Brust, die eine Handfläche über die andere, wie um die Brust niederzuhalten; es durfte nicht zu laut reden.
Tags darauf ging ihr Gespräch leichter. Die Knaben wurden herein gerufen. Nachdem er sie eine Weile angesehen hatte, sagte er: »Da haben Sie doch etwas Reelles!«
Binnen kurzem waren sie so gute Freunde, er und die Knaben, daß er sich auf alle Viere legte, ihnen als Pferd diente und andere ganz neue Kunststücke machte, die sie furchtbar amüsant fanden. Und dann lud er sie zu einer Schlittenfahrt für den nächsten Tag ein! Nach scharfem Tauwetter war gerade eine ungewöhnliche Menge Schnee gefallen; die Stadt war weiß und die Schlittenbahn wieder vorzüglich. Bevor er ging, mußte Ella bitten, ihn abbürsten zu dürfen; der Teppich sei nicht so sauber gewesen, wie er sein müßte. Er nahm ihr die Bürste ab und tat es selbst; aber leider hatte er auch auf dem Rücken gelegen, und so mußte er sie es tun lassen. Sie bürstete dann sein feines Jackett ab, machte es so nett und leicht, aber es wollte gar nicht gut werden. Auch vorn war es nicht, wie es sein sollte, er mußte die Bürste noch einmal nehmen; sie stand dabei und sah zu. Als er fertig war trug sie die Bürste in die Küche hinaus. »Wie hübsch, daß Sie noch den Zopf haben,« sagte er hinter ihr. Sie blieb ziemlich lange fort und kam von einer anderen Seite wieder herein. Da war er fort; die Knaben sagten, jemand habe ihn geholt.
Am nächsten Vormittag Schlittenfahrt. Erst am Nachmittag kamen sie zurück; sie waren in Baadshaug eingekehrt, ein Badeort mit Hotel und vorzüglicher Restauration, wohin die Leute auch im Winter gern wallfahrteten. Der jüngste Knabe seiner Schwester war mit, und während alle drei das Pferd zu »Andresens an der Ecke« nach Hause brachten, blieb Aarö im Gange stehen. Noch nie hatte Ella ihn so aufgeräumt gesehen; die Augen hatten das Leuchtende wie damals beim Gesang, und dann sprach er von dem Augenblick an, wo er kam, bis er wieder ging. Sprach vom norwegischen Winter, den er nie zuvor gesehen; woher mochte das kommen? Seit vielen Jahren hatte er ein Lied zum Preis des Winters auf seinem Repertoire, das alte Winterlied, das auch sie kannte: »Der Sommer schlief ein in des Winters Arm'« -- freilich sie kenne es, -- und jetzt erst sollte er lernen, wie wahr das Lied war? Der Eindruck vom Winter auf die Menschen mußte doch entscheidend sein. Der Winter war beinahe ihr halbes Leben! Was für Gesundheit und Schönheit -- und Phantasie er geben mußte! Er begann zu schildern, was er heute im Walde gesehen habe; er brauchte nicht viele Worte, aber die Bilder waren klar. Sprach, bis er bewegt wurde und sah sie währenddessen an wie ein Verzückter.
Alles in einem einzigen Augenblick; er hatte ja seinen Reiseanzug an. Aber als er gegangen war, schien es ihr, als hätte sie ihn nie zuvor zu Gesicht bekommen. Ein Schwärmer also, -- ein Schwärmer bis in die tiefste Tiefe, der sich für gewöhnlich nie verriet? Von dieser Schwärmerei war das Lied der Bote? Deshalb nahm seine Stimme alle mit in ein anderes Reich hinüber? Sein schwermütiger Vater -- wenn der trinken wollte, schloß er sich mit seiner Violine ein, spielte und spielte, bis er da lag. Hatte auch der Sohn diese Scheu vor den Menschen gehabt, diese Verzückung in seiner eigenen Schwärmerei?
Gott sei Dank, Axel Aarö war gerettet! Gerade aus seiner Schwärmerei heraus hatte er sie so angeblickt --! Jetzt erst drang es ein, sie war zu sehr mit dem Neuen an ihm selbst beschäftigt gewesen. Jetzt erst drang es ein, -- drang mit großer Wärme ein mit überwältigender Furcht und Wonne, ein Freudenbote, der noch bebte vor Zweifel. Sollte die Bestimmung ihres Lebens nahe sein --! Sie fühlte, daß sie rot wurde, sie konnte nicht mehr ruhig bleiben, sie ging ans Fenster, um ihn dort wieder zu suchen, dann umher, um zu suchen, was sie selbst glauben solle. Jedes Wort von ihm zu ihr, jede Miene und Bewegung vom ersten Mal an, da er hier gewesen, wurden gegenwärtig; aber sie schienen alle so vorsichtig, fast spärlich. Gerade das war ihr Reiz. Seine Augen hatten sie jetzt gedeutet, und diese Augen hüllten Ella ein, sie gab sich ihnen ganz und gar hin.
Das Mädchen reichte einen Brief herein; es war eine Weihnachtskarte in einem Kuvert ohne Aufschrift von Axel Aarö. Eine von den gebräuchlichen Weihnachtskarten, die eine jugendliche Schar auf Schneeschuhen darstellte; darunter stand gedruckt:
»Der weiße Winter Hat rote Rosen.«
Auf der andern in zierlicher, runder Schrift: »Im Walde heute muß ich an Sie denken. A. A.« Das war alles.
Aber so ist er. Er sagt nicht mehr. Wenn er an einem Fenster vorbeikommt, in dem eine solche Karte liegt, so denkt er doch an mich. Und er denkt nicht allein an mich, sondern er schickt mir einen Gedanken. Oder irrte sie? Ella war bescheiden; dies ihr gegenüber konnte doch nicht mißdeutet werden? Die Weihnachtskarte, .... war sie nicht ein Vorbote? Die beiden jungen Paare darauf, und die Worte, .... er meinte doch wohl etwas damit?
Sie sah seine entzückten Augen wieder; sie hüllten sie nicht allein ein, sie liebkosten sie. Sie dachte nicht zurück, sie dachte nicht vorwärts, sie atmete nur weit auf, lebte. Noch in der mondhellen Nacht lag sie auf ihrem Bette -- nicht nur ganz wach, sondern durchstrahlt. Jetzt, jetzt, jetzt, flüsterte es. Hätte sie am Traum ihres Lebens festgehalten, auch als die Wirklichkeit so grausam schien, sie hätte bestanden; weil sie unsicher darin geworden, war alles unsicher geworden. Aber je größer das Leiden gewesen, je größer würde vielleicht die Seligkeit werden! Sie schlief in etwas Kreideweißem ein, das sie mit hinein in ihre Träume nahm; sie erwachte leichten, hellen Wolken entgegen, die sich zerstreuten vor den zusammenströmenden Gedanken an das, was ihrer heute harrte. In der Nacht war das Ganze fertig geworden; sie erwachte mit der vollsten Sicherheit. Heute würde es geschehen. Er hatte nicht _ein_ Wort gesagt; diese seine Schüchternheit liebte sie von allem am meisten an ihm. Gerade das war das sichere Pfand. Heute geschah es.
V
Ihr Baden nahm viel Zeit in Anspruch, die Pflege ihres Haars fast sogar noch mehr. Aus ihrer Kommode, dieselbe auf demselben Platz, die sie von Kind auf benützt hatte, -- aus dem untersten Schubfach nahm sie das allerfeinste Unterzeug hervor, das sie getragen hatte. Getragen nur ein einziges Mal, nämlich an ihrem Hochzeitstage -- _vor_ der Entweihung. Nachher nie wieder. Aber heute -- jetzt, jetzt, jetzt! Jedes Stück, daß sie außerdem noch anzog, war etwas, das kein anderer berührt hatte. Sie wollte sein wie die, die sie in ihren Träumen gewesen.
Sie ging zu den Knaben hinein, die wach, aber noch nicht angezogen waren: »Wißt Ihr was, Kinder, heute soll Tea Euch zur Großmutter bringen!« Große Zustimmung -- auch von Tea, denn das bedeutete einen freien Tag. »Mama, Mama!« hörte sie hinter sich her rufen, als sie in die Küche hinunter lief, um eine Tasse Kaffee zu trinken, und dann fort. Zuerst wollte sie Blumen holen, dann wollte sie ihre Stunden absagen. Denn jetzt, jetzt, jetzt --!
Auf der Straße fiel ihr ein, daß es zu früh sei, um jemand aufzusuchen. Darum machte sie einen Spaziergang vor die Stadt, den frischesten, fröhlichsten, den sie je gemacht. Sie kam gerade zurück, als Frau Holme aufmachte. Als Ella eintrat, hielt die »Blumenfrau« ein kostbares Bouquet in der Hand, das gerade fortgeschickt werden sollte. »Das will ich haben!« rief Ella, sie schloß die Thür hinter sich. »Sie?« entgegnete Frau Holme, etwas mißtrauisch; das Bouquet war sehr teuer. »Ja, ich! Ich muß es durchaus haben!« Ella's kleine grüne Börse war schon heraus. Das Bouquet war vom reichsten Hause der Stadt bestellt, und Frau Holme sagte das. »Das macht nichts!« antwortete Ella. So viel ehrliche Anbetung für ein Bouquet hatte die andere nie gesehen -- und Ella bekam es.
Von da zu Andresens an der Ecke; einer von den Kommis nahm bei Ella Unterricht in Handelsrechnung; sie wollte ihm absagen und ihn ersuchen, dem ganzen großen Kreis Bescheid zu sagen. Sie bat ihn darum mit zündenden Augen, und er versprach es mit Feuer. Das appetitlichste rote Tuch hing gerade vor ihr. Das mußte sie heute um den Kopf binden, wenn sie ausfuhr, denn daß sie heute ausfahren würde, daran war kein Zweifel! Andresen selbst kam dazu, als sie gerade nach dem Preis des Tuches fragte; er sah ein Paar Blumen aus der Papierhülle hervorkommen; »das sind ja herrliche Rosen,« sagte er. Sofort brach sie eine ab und gab sie ihm. Von der Rose sah er zu ihr hin; sie lachte und fragte, ob er ein wenig von dem Tuche ablassen würde; sie habe nicht ganz soviel Geld bei sich. »Wieviel haben Sie?« fragte er. »Genau eine halbe Krone zu wenig.« Er selbst packte ihr das Tuch ein. -- Auf der Straße traf sie Cäcilie Monrad; Ella gab einer ihrer Schwestern Klavierunterricht und sparte es sich nun, bis ans andere Ende der Stadt zu traben. Heute glückt mir alles. »Haben Sie von den beiden gelesen; die sich in Kopenhagen zusammen umgebracht haben?« fragte Cäcilie. Ja, Ella hatte es gelesen; Fräulein Monrad fand es grauenhaft. »Weshalb?« -- Der Mann war ja verheiratet. -- »Allerdings,« erwiderte Ella, »aber nun liebten sie sich!« Ihre Augen waren ein Glutmeer; Cäcilie schlug die ihren nieder und wurde rot. Da nahm Ella ihre Hand und drückte sie. -- Da bin ich in eine Liebesgeschichte hineingekommen, dachte sie und flog mehr als sie ging durchs Villenviertel; der größte Teil ihrer Eleven wohnte dort oben. Auf einem Dache sah sie zwei Staare, die ersten vom Jahr; das Tauwetter vor einigen Tagen hatte sie wohl verlockt. Aber nicht, daß die Staare etwa verzagt gewesen wären; keineswegs, sie liebten! »Mama, Mama!« hörte sie im selben Augenblick. Das waren doch deutlich ihre Jungen! Sie hatte wohl an sie gedacht, als sie die Staare sah. So sehr hatte es sie in Anspruch genommen, daß sie zu weit an den Straßenrand kam; dabei trat sie auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wäre beinahe gefallen. Aber unter dem Brett war es Frühling! Von der Tauwetterzeit übrig geblieben stand da -- ja freilich war es Löwenzahn! So langweilig wie er weiter in den Sommer hinein wird -- als erster Mann ist er willkommen! Sie beugte sich nieder und nahm die Blumen. Sie steckte sie zwischen die Rosen; der Löwenzahn nahm sich dort dürftig aus; aber der erste im Jahr, und heute gefunden!
Hiernach war sie ganz ausgelassen. Hüpfte die Anhöhen hinunter, als sie fertig war; grüßte gleichmäßig Bekannte und Halbbekannte, und als sie dann Cäcilie wiedersah, legte sie die Blumen aus der Hand, machte einen Schneeball und warf ihr den in den Rücken.
Zu Hause angekommen, ließ sie die Knaben zusammen mit Tea in den Schlitten packen. »Mama, Mama!« riefen sie und zeigten nach dem Hotel hinauf; Axel Aarö stand dort und grüßte.
Gleich darauf kam er herüber. »Sie sind wohl ganz allein?« er trat zu ihr. -- »Ja;« -- sie machte sich mit den Blumen zu schaffen und blickte nicht auf, denn sie zitterte. »Ist heute Geburtstag im Hause?« -- »Sie meinen wegen der Blumen --?« -- »Ja. Das sind ja herrliche Rosen! Und die da im Glase? Löwenzahn!« -- -- »Die ersten im Jahr.« Er sah sie nicht an. Er stand so unentschlossen da, als überlege er etwas. »Darf ich Ihnen etwas vorsingen?« sagte er endlich. -- »Ja, bester --!« sie ließ die Blumen, um das Klavier zu öffnen und den Stuhl herunter zu schrauben -- und zog sich dann bescheiden zurück. Nach einem längeren, gedämpften Vorspiel, begann er Ole Olsen's »Sonnenuntergang« ganz ruhig, ja, so wie er gesprochen und gewesen war, seit er bei ihr eingetreten. Nie hatte er schöner gesungen; seine Gesangskunst war so viel größer geworden. Aber in der Stimme lag derselbe, nein, ein noch trostloserer Schmerz als der, den sie das erste Mal vernommen. »Trauer, Trauer, -- ach, ich bin verloren!« -- sie hörte es wieder so deutlich. Als er den ersten Vers zu Ende gesungen hatte, saß sie vorübergebeugt und weinte; sie hatte nicht einmal versucht, sich Zwang aufzulegen. Er hörte es und drehte sich um; gleich darauf fühlte sie daß er ihren Zopf berührte, ja, ihr war, als küsse er ihn; jedenfalls hatte er sich ganz über sie niedergebeugt, denn sie fühlte seinen Atemzug. Aber sie hob den Kopf nicht, sie hatte nicht den Mut.
Er ging durchs Zimmer. Kam zurück, ging wieder. Da wurde es still in ihr, sie saß unbeweglich und wartete.
»Darf ich Sie heute spazieren fahren?« vernahm sie. Den ganzen Tag wußte sie schon, daß sie zusammen ausfahren würden, sie wunderte sich daher nicht. Gleichwie _dies_ nun in Erfüllung gegangen war, würde das andere kommen. Alles. Sie blickte durch Tränen auf und lächelte. Er lächelte ebenfalls! »Ich gehe und bestelle das Pferd.« Und als sie nicht antwortete, tat er's.
Wieder zu den Blumen. Sie hatte sie ihm also nicht geben dürfen. Die paar Blüten Löwenzahn wollte sie fortwerfen.
Als sie sie aus dem Glase nahm, fielen ihr die Worte ein: »Da haben Sie doch etwas Reelles.« Die Worte waren allerdings nicht vom Löwenzahn gesagt: aber sie waren ihr oft wieder eingefallen; es war nicht wunderlich, daß sie ihr jetzt einfielen. Sie ließ den Löwenzahn stehen.
Aarö blieb lange fort, länger als eine Stunde. Als er aber kam, war er außerordentlich munter. Er saß hinten auf einem flotten Damenschlitten in dem eleganten Pelz von gestern, dem kostbarsten, den sie je gesehen; grüßte mit der Peitsche hinein und sprach und lachte mit den Kindern sowohl wie mit den Erwachsenen, die sich um ihn sammelten, während sie sich ankleidete. Das war bald geschehen; sie hatte nicht viel anzuziehen, brauchte es auch nicht.
Er stand sofort auf, grüßte, packte sie ein, und fort ging es im Trabe. Unterwegs beugte er sich zu ihr und flüsterte: »Wie gütig von Ihnen, daß Sie mitkommen!« Seine Stimme war so warm, aber sein Atemhauch war anders als vorhin. Sobald der prächtige Hengst im Laufe nachließ, beugte er sich wieder vor: »Ich habe per Telephon ein Lunch in Baadshaug bestellt. Es ist bereit, wenn wir kommen. Sie haben doch wohl nichts dagegen?« Sie drehte sich um damit sie ihm den Kopf zuwenden konnte; sie stießen beinahe zusammen: »Ich habe vergessen, Ihnen für die Karte von gestern zu danken.« -- Er wurde rot: »Ich habe es nachher bereut,« sagte er; »aber in dem Augenblick, wo ich die Karte sah, mußte ich an Sie denken. Wie Sie hier heraus passen!« Jetzt wurde _sie_ rot und zog sich zurück. Da hörte sie dicht neben sich: »Sie dürfen nicht böse werden. Es pflegt so zu gehen; wenn man eine Dummheit wieder gutmachen will, so macht man eine zweite.« Gern hätte sie seine Augen gesehen während er das sagte; aber sie wagte es nicht. Jedenfalls war es mehr, als was er bis jetzt gesagt hatte. Die Worte fielen weich wie Flaum! Bis heute hatte sie seine Zurückhaltung beinahe mißdeutet, -- aber wie schön sie doch alles machte; sie betete sie an. »In einer Weile sind wir im Walde; dort werden wir anhalten und uns umsehen,« sagte er. _Dort_ dachte sie! Er fuhr im raschen Trabe dahin; sie freute sich, freute sich. Die Sonne funkelte auf dem Schnee, die Luft war warm, sie mußte das Kopftuch lösen, und dabei half er ihr. Wieder fühlte sie seinen Atem; es war etwas -- nicht wie Tabak, feiner, angenehmer, aber was war es? Es entsprach ihm selbst gleichsam. Ihr war so wohl, mit solchem Überfluß von Glück in der Landschaft, durch die sie nun fuhren, und die beständig schöner wurde. Auf der einen Seite des Weges die Berge, die weißen Berge, denen die Sonne einen rötlichen Glanz gab! vor den Bergen Anhöhen, zum Teil mit Wald bewachsen, und zwischen den Anhöhen lagen Höfe. Auf der anderen Seite des Weges hatten sie die ganze Zeit das Meer; aber zwischen ihnen und dem Meer flache Strecken, vielleicht Moore. Das Meer selbst grauschwarz gegen die Schneegrenze; das sprach herein von anderen Seiten des Lebens. Von ewiger Unruhe, salzigem Ernst, nur Protest auf Protest gegen das Schnee-Idyll.
Während des Tauwetters waren Zweige, Stämme, Zäune feucht gewesen; der erste Schnee der dann kam, war ebenfalls feucht an sich und klebte gut fest. Als dies dann zusammenfror, und das Schneegestöber immer gleichmäßig überwältigend blieb, da bildeten sich Figuren über den ersten erstarrten Formen, wie man selten etwas Ähnliches sieht. Die Schwere des ersten feuchten Schnees machte, daß er hinabsickerte, an irgend einer Unebenheit haften blieb und sich dort sammelte; oder unter die Zweige hinabglitt oder zu beiden Seiten der Zaunpfähle. Als dies sich nun in Ruhe fügte und vermehrte, kamen die schnurrigsten Tiere zum Vorschein, -- weiße Katzen, weiße Hasen, die mit krummem Rücken und gestrecktem Vorderleib an den Baumstämmen in die Höhe kletterten, oder unter den Zweigen manövrierten, oder oben auf den Hürdenstangen einen Buckel machten. Zottige, weiße Tiere, oft so groß wie der Marder, aber sogar auch groß wie der Luchs, ja, wie der Tiger. Demnächst allerhand kleines Getier, weiße Mäuse, Hermeline, oben und unten und drüben. Und alle möglichen Raritäten, Kobolde, die an den Beinen hingen, Pierrots, Gnomen auf den äußersten Spitzen der Hürdenpfähle, Heinzelmännchen mit Rucksäcken; oder eine hingeworfene Kappe, eine Nachtmütze, ein Tier ohne Kopf, ein anderes mit einem Schweif von ungeheurer Länge, ein großer Fausthandschuh, eine umgestülpte Wasserkanne. An einigen Stellen bloßes, schwarzes Laubwerk als Verzierung an der weißen Wand, an andern große Schneelasten in den Nadelbäumen mit Grün drüber und drunter, mächtige Farbenmengen gegeneinander.
Aarö hielt an; sie stiegen beide ab.
Da stürmte eine Reihe ganz anderer Eindrücke hervor. Dicht neben ihnen lag ein alter Bursche von einem Stamm, halb umgestürzt im Spiel des Lebens. Aber träumte er nicht jetzt im Winter den schönsten Traum, nämlich daß er jung sei? Beim ausgelassenen Aufbauen schneeweißer Herrlichkeit hatte er alle Schmerzen und Hinfälligkeit vergessen; versteckt war das Moos auf seiner Haut, die Fäulnis der Wurzel war zugedeckt, die Narben von den verlorenen Zweigen unsichtbar. Eine gebrechliche Pforte war ausgehängt und an den Zaun gelehnt, sie war zerbrochen und unbrauchbar. Auch sie hatte des Winters Künstlerhand aufgesucht und erneuert; jetzt war sie ein architektonisches Meisterwerk. Die schiefstehenden, dunklen Zaunpfähle waren junge Stutzer mit schiefem Hut und munteren Mienen. Die alten, schmutziggrauen, moosbewachsenen Hürdenstangen -- man kann sich das Paradies hinter keiner schöneren Einfriedung träumen! Ihre Schwäche war bei der Auferstehung ihre Stärke geworden, Sprünge und Äste im Holz der vorzüglichste Baugrund für den Schnee, jedes Loch mit einem Wisch himmlischer Krystalle zugestopft; entstellende Unebenheiten schon seit der Zeit, wo sie gespalten worden, waren nun zugedeckt und geküßt, beruhigt und geschmückt, alle Fehler mit aufgenommen in die weiße Gemeinschaft.
Eine verfallene Tenne unterhalb des Weges, ein wohlausgedienter Mutterarm für Laub und Torf, -- ebenfalls aufgesucht und verschwenderischer übergossen, als die reichste Braut der Welt. Aus des Himmels reichstem Schoß mit solchem Überfluß beschüttet, daß der Schnee in weißen Fahnen einen halben Meter weit über das Dach hing, an einigen Stellen mit hoher Kunst wieder aufgefaltet. Die grauschwarze Wand unter den Fahnen sah dadurch aus wie ein altes persisches Gewebe; die ganze Tenne hätte fertig in einem Shakespeareschen Drama auf die Bühne gestellt werden können. Hinten die Berge, vorn die Höhen, alles glänzte in der Sonne wie einst im Hosianna der Juden.
Ella vernahm aus der Ferne fortwährend zwei zarte Stimmen »Mama, Mama!« die in dies alles hineinklangen. Als sie sich nach ihrem Begleiter umsehen wollte, saß er tiefergriffen auf dem Schlitten, während die Tränen ihm über die Backen liefen.
Bald fuhren sie weiter, aber langsam. »Ich erinnere mich dieses schmutzigen Weges,« sagte er; die Stimme klang so wehmütig, »die Bäume gaben so viel Schatten, so daß er selten trocken wurde; aber jetzt ist er doch sehr fein!« Da drehte sie sich um und hob den Kopf empor: »Ach, singen Sie etwas!« -- Er antwortete nicht gleich; sie bereute, daß sie darum gebeten hatte; dann aber sagte er: »Ich wollte schon, aber da kam eine solche Erregung über mich. -- Sprechen Sie jetzt eine Weile nichts, dann kann ich's vielleicht. Das alte Winterlied nämlich.« -- Sie sah ein, daß er nicht eher singen konnte, als bis es für ihn selbst so recht zur Wahrheit wurde. Solche stillen Schwärmer dachte sie, sind wählerischer in Bezug auf das, was echt ist. Das meiste ist ihnen nicht echt genug. Deshalb berauschten sie sich auch so gern, sie wollten hinaus, mußten eine Welt für sich allein schaffen. Ja, nun sang er:
Müde schlummert der Sommer ein, Winter decket ihn sorglich zu. »Bächlein,« sagt er, »geht nun zur Ruh, Wogen, lasset das Plätschern sein!« Weste schweigen die kosenden, Stürme heulen, die tosenden.
Somren sovned i Vintrens Favn, Vintren rejste sig, daekked til, »rolig« sa han til Elvens Spil, »rolig« sa han til Gaard og Havn. Tause blev de saa, Skogerne. Hjemme hörtes kun Slogerne.
All den Duft, den der Sommer gab, Fein verwahrt er fürs nächste Blüh'n, Ruhen durft er für all sein Müh'n. Bäume senken das Laub herab, All, die Blumen, die prächtigen, Bergen sich vor dem Mächtigen.
Al den Ting, som var Somren kjaer, fint forvartes til naeste Gang; Hvile fick det for al sin Trang, Markens Spirer og Vand og Traer. Gjemtes som Kjaernen i Nödderne, Mulden smuldred am Rödderne.
Was der Sommer an Krankheit bracht, Pestkeim, den seine Glut erzeugt, Winterkälte hat ihn verscheucht, Hoch auf Bergeshöh er erwacht, Atmet die Lüfte, die tauenden, Grüßet die Gipfel die blauenden.
Alt, hvad Somren af Sygdom led, Pestfrö over dens Liv og Frugt, Vintren draebte i Frost og Flugt -- vaagne skal hun i fjaeldblaa Freed, toet af Sneen og Vindene, hilset af Sundhed i Sindene.
Über des schlafenden Sommers Stirn Streut der Winter gar holden Traum, Sternenhoch trug er im Weltenraum Ihn zu der Nordlicht umstrahlten Firn, Durch die Zeit, die nie säumende Fort -- bis erwacht der Träumende.
Over den sovendes höstgraa Bryn Vintren strödde saa fager Dröm, stjaernehöj, hvid-hvid i Nordlys-Ström bar den hende fra Syn til Syn gjennem de lange Dögnene frem, til hun opslog Öjnene.
Er, den grausam und bös' sie schmähn, Schaffet, was er doch nie darf seh'n; Er, der Räuber und Mörder genannt, Schirmet und wachet all Jahr im Land, -- Weiter eilt dann der Flüchtige, Harrt auf die Zeit, die richtige.
Han, som skjaeldtes for vond og vred, lever for det, han ej faar se; han, som skjaeldtes for Morder, han skjaermer og tor hvert Aar vort Land, -- gjemmer sig saa i Fjaeldene, til det blir kaldt am Kvaeldene.