Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen
Part 2
Der Tanz begann sofort, -- und sie hinein! Hinein, als sei alles ihr zu Ehren, oder als sei sie die einzige! Ihre Kavaliere versuchten einer nach dem andern mit ihr zu plaudern, aber es nützte nichts. Sie lachte, -- lachte ihnen in die Augen, als wären _sie_ verrückt, und sie allein die verständige. Sie tanzte, strahlte, lachte aus den Armen des einen hinüber in die Arme des andern. So daß Hjalmar Olsen, als er seinen Walzer bekam, gleichsam achtzehn frische Bouquets und ein »Hjalmar Olsen soll leben!« entgegennahm. Er fühlte sich mehr als geschmeichelt. Als sie ihren Arm wie harmlos fröhliches Kindergeplauder auf seinen schwarzen Frack legte, fühlte er, daß er eigentlich ebenso unwürdig sei wie Peter Klausson. Er wollte sie wahrlich nicht entweihen; er hielt sie tadellos weit von sich, und als ihm war, als lache sie, und er das Gesicht der kleinen Person irgendwo unten an seiner Weste erspähen wollte und auf dieser Expedition mehr zu sehen bekam, als er sehen durfte (denn er hob ihre Arme so schrecklich hoch hinauf), da schämte Hjalmar Olsen sich und starrte beim Weitertanzen wie ein Nachtwandler geradeaus in den Saal. Tanzte in Selbstgefühl und Entzücken fort über Stock und Stein. Ella versuchte dann und wann den Boden zu berühren; sie wünschte ein mehr sicheres Einhalten des Takts. Unmöglich. Das besorgte er alles selbst, sowohl ihr Tanzen wie sein eigenes, sowohl ihren wie seinen Takt; den Tanzboden erreichte sie nicht anders als zum Besuch; im übrigen war es eine Luftreise. Er hörte sie von unten her lachen; es freute ihn, daß sie sich wohlbefand. Aber er sah sie nicht. Die, mit denen er Zusammenstöße hatte, freuten sich weniger; das war _ihre_ Sache. Er war vollständig verblüfft, als die Musik aufhörte; jetzt wollten sie ja erst allen Ernstes anfangen. Aber er mußte sie an der unfreiwilligen Haltestelle absetzen.
Gleich darauf wieder Gesang. Zuerst vom Verein allein; dann von ihm und Aarö zusammen Griegs »Landkjending«. Schließlich sang Aarö zum Klavier. Diesmal hatte Ella sich hinter die allerletzten verkrochen. Da diese aber beständig vorwärts drängten, blieb sie allein stehen. Dabei befand sie sich wohl; sie sah ihn, aber er sah sie nicht; er blickte auch nicht dorthin, wo sie stand.
Sie kannte das Lied nicht, wußte nicht einmal, daß es existierte, obgleich sie bei den ersten Worten und Tönen hörte, daß andere es kannten. Natürlich wußte sie, daß weder Worte noch Musik von ihm seien; aber gleichwie er das vorige Mal gewählt hatte, was zu jener dringen konnte, für die er singen wollte, zweifelte sie nicht daran, daß er jetzt dasselbe tat. Schon die ersten Worte: »Mein junges Lieb' den Schleier trägt« -- heimliche Liebe kann ja kein wahreres Bild finden! Es war wiederum an sie! Daß der Schleier nur für ihn gehoben wurde, daß er fällt, sobald ein anderer hinsieht, -- war das nicht so, wie es zwischen ihnen werden mußte? Daß das Geheimnis der Liebe einem Heiligtum gleicht, daß es das höchste Glück auf Erden birgt -- sie erbebte beim Wiedererkennen! Die Töne schütteten die Worte wie kalte Wogen über sie; dieses Verständnis bis zum Verrat machte sie zu Eis erstarren. Sie bebte vor Angst und Wonne zugleich. Niemand sah sie, das war ihre Rettung. Sie fürchtete jedes neue Wort, bevor es kam, und jedes brachte neues Erbeben. Die Arme an den Busen gedrückt, den Kopf über die Hände gebeugt, stand sie da und zitterte wie in Wasserfluten. Und als der zweite Vers mit seiner letzten Zeile kam, und besonders als sie wiederholt wurde, wollten die großen Tränen aufsteigen -- wie schon einmal früher im selben Saal. Sie stemmte sich mit aller Kraft dagegen; aber die Erinnerung daran, wie schlecht es damals gegangen, schwächte die Widerstandskraft; sie war nahe daran zu schluchzen, als das Lied auch _dieses_ Wort brachte! Das Zusammentreffen war zu großartig, es schob alle Erregung beiseite, sie hätte jetzt laut auflachen mögen. Nun war sie ganz, ganz sicher! So kam es, daß die letzte Zeile des Liedes in ihrem klaren Sinne, in ihrem jubelnden Zusammenempfinden sie traf -- wie ein Blitzstrahl, wie ein Messerstich bis ans Heft.
Das Lied lautete:
Mein junges Lieb den Schleier trägt, Für mich nur hebt sie ihn empor, Das Auge, das kein and'rer ahnet, Das strahlet, schmelzet, lieblich mahnet Soll niemand schaun -- den Schleier vor!
Min unge Elskov baerer Slör. For mig hun löfter den og ler af Öjne, ingen anden aner, de straaler, smelter, svaerger, maner; -- men Slöret for, straks nogen ser.
Wo Zwei vereint das Gute tun, Wird's zwiefach auch gesegnet sein. Wenn gleiches Sehnen, gleich Empfinden In zweien Seelen sich verbinden, Das größte Glück ist da allein.
Alt godt, som to er ene om, har tvefold Ynde, Hellighed. At Livets lange Laengsler mödes i to, som Sjael i Sjael genfödes, er störste Lykke, Jorden ved.
Doch weshalb sie den Schleier trägt Und schluchzet in ihm ohne Laut, Als bebte Jammer ihr im Herzen? Weil er gewebt aus Gram und Schmerzen, All uns're Lieb' auf Qual erbaut.
Men hvorfor baerer hun saa Slör og hulker i det uden Lyd, som skulde briste hendes Hjerte? Fordi det vaevet er af Smerte, -- i Savn og Angst er al vor Fryd.
Ein erschreckender, ohrenbetäubender Beifall. Sie wollten, sie mußten das Lied noch einmal haben; diesmal sollte Aarös vornehmer Widerstand sich für besiegt erklären.
Aber er leistete nicht Folge, und endlich gaben einige es auf, andere fuhren eigensinnig fort. In der Zwischenzeit trennten einige Damen sich von dem Haufen; sie kamen an Ella vorüber. »Hast du Frau Holmbo gesehen, wie sie sich versteckt und geweint hat?« -- »Ja. Aber hast du sie während des ersten Liedes gesehen? Oben auf der Bank? _Ihr_ hat er die ganze Zeit zugesungen.«
Kurz darauf -- es mochte zwei Uhr nachts sein -- schoß eine kleine, dicht verhüllte Dame pfeilschnell durch die Straßen. An der Kopfbedeckung und anderm sahen die Wächter, daß es eine von den Balldamen sein müsse. Sonst pflegten sie begleitet zu werden; aber der Ball war noch nicht zu Ende; da war gewiß irgend etwas nicht in Ordnung, sie ging auch so schnell.
Es war Ella. Sie eilte gerade an dem verlassenen Rathause vorüber, aus dem jetzt ein Speicher gemacht war. Die äußeren Mauern waren stehen geblieben, aber innen das schöne Holzwerk war verkauft und forttransportiert worden.
Das ist gerade wie mit mir, dachte Ella; sie eilte, so sehr sie konnte, Nächten ohne Schlaf und Tagen ohne Freude entgegen.
Gegen Morgen wurde Axel Aarö sinnlos betrunken von Kameraden nach Hause gebracht. Einige sagten, er habe ein Bierglas voll Whisky hinunter gegossen in dem Glauben, daß es Bier sei; andere sagten, er sei »Quartalssäufer« geworden, sei es lange gewesen, habe es jedoch verheimlicht. »Quartalssäufer« heißen Leute, die in längeren Zwischenräumen trinken müssen. Sein Vater war es vor ihm gewesen.
Ein paar Tage darauf ging Axel Aarö in aller Stille nach Amerika.
III
Noch einer von jenem Balle dampfte gleichzeitig über den Atlantischen Ozean; das war Hjalmar Olsen. Das Schiff wurde von einem ewigen Nordweststurm verfolgt, und wenn es allzu arg wurde, trank er Grog dazu. Aber jedesmal wenn er es tat, wunderte er sich, daß er einer Erinnerung vom Balle von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand; der kleinen Rosenroten, »der mit dem Zopf«. Hjalmar Olsen meinte, er habe sich ihr gegenüber ziemlich gentlemanlike benommen.
Anfangs dachte er nicht weiter darüber nach. Zweimal war er verlobt gewesen, und beide Male war es auseinander gegangen; sollte er zum dritten Male daran gehen, so mußte er auch gleich heiraten. Diese Erwägungen stellte er wohl an, ja, hatte sie schon öfter angestellt, aber er achtete nicht genauer auf seine eigenen Gedanken. Ein Dampfer brauchte nicht viele Tage und Nächte zwischen den Häfen, und jedesmal fand sich Unterhaltung genug. Er ging nach New-York, von dort nach New-Orleans, er fuhr hinunter nach Brasilien und von da wieder herauf. Dann wieder hinunter und endlich von dort direkt nach England und Norwegen. Aber oft unterwegs, wenn er allein war, und meistens beim Glase Grog, traf er »die mit dem Zopf«. Merkwürdig, wie sie ihn angesehen hatte. Er wurde innerlich gut, wenn er daran dachte. Vom Briefschreiben hielt er nicht viel, sonst hätte er es diesmal vielleicht getan. Als er aber nach Christiania kam und von einem Manne aus der Stadt dort unten hörte, daß ihre Mutter im Sterben liege, da dachte er gleich: ich will mich wirklich nach ihr umsehen. Vielleicht findet sie es hübsch von mir, wenn ich es gerade jetzt tue.
Zwei Tage später saß er vor ihr in dem kleinen Wohnzimmer, das auf den Markt und nach dem Hotel hinaus ging. Seine starken Hände, dunkel von der Sonne und von Haaren, strichen über die Knie, während er sich lächelnd vorbeugte und fragte, ob sie ihn haben wolle.
Sie saß niedriger als er; ihr voller Busen und die festen Arme waren von einem braunen Kleide umspannt, auf das er niederblickte, wenn er ihr nicht ins Gesicht sah, das so bleich und zart war. Sie fühlte das Wandern seiner Augen; sie kam aus dem Nebenzimmer und von Todesgedanken; sie hörte oben eine kleine Uhr melden, daß es sieben Uhr sei; es melden wie ein Kuckuck, und diese kleine Erinnerung an alles, was hier jetzt vorüber war ... eins mit dem andern machte, daß sie sich mit Tränen in den Augen von ihm abwandte: »Ich kann jetzt unmöglich an dergleichen denken.« Sie stand auf und trat zu ihren Blumen im Fenster.
Da mußte auch er aufstehen. Vielleicht antwortet sie mir später, dachte er, und diese Gedanken gaben ihm Worte, ein wenig unbeholfen wohl, aber deutlich. Sie schüttelte den Kopf und blickte nicht auf.
Er ging. Draußen nahm er den verkehrten Weg, und als er umkehrte und das Haus wiedersah, das kleine Puppenhaus, da verspürte er Lust, alles ins Wasser zu werfen.
Die Nacht hindurch wartete er auf das Dampfschiff aus Christiania; Peter Klausson und ein paar andere Kameraden halfen ihm dabei, und es dauerte nicht lange, so hatten sie ausfindig gemacht, in welcher Angelegenheit er gekommen, und wie es ihm ergangen war. Sie wußten auch, wie es ihm früher schon zweimal gegangen war. Hjalmar Olsen trank entsetzlich zu dem, was er litt. Tags darauf erwachte er in den größten Qualen auf dem Dampfschiff.
Kurz darauf erhielt Ella einen gut geschriebenen Entschuldigungsbrief, in dem er erklärte, daß er es gut gemeint habe, als er gerade jetzt kam; aber erst als er vor ihr gesessen, habe er gefühlt, wie verkehrt es gewesen. Sie möge ihm darum nicht zürnen.
Nach Verlauf eines Monats bekam sie wieder einen Brief; er hoffe, sie habe ihm vergeben. Er seinerseits könne sie nicht vergessen. Mehr stand nicht drin. Ella nahm beide Briefe gut auf, es war Form darin, auch Beständigkeit. Aber nicht einen Augenblick fiel es ihr ein, seinen indirekten Antrag jetzt anders aufzufassen als damals. Sie war nach Christiania gegangen, um sich im Klavier auszubilden -- und in der Handelsrechnung. Letzteres nahm sie mit, weil Rechnen ihr stets leicht geworden, und weil sie unsicher geworden war. Ihre Mutter war gestorben; sie besaß das Haus und ein kleines Vermögen; sie wollte versuchen, sich selbständig zu machen. Sie verkehrte mit niemand in der fremden Stadt; sie war es gewöhnt, ohne eine Vertraute zu träumen und Pläne zu machen.
Von Axel Aarö kam eine wunderliche Nachricht. Nachdem er in New-York vor einer größeren Gesellschaft gesungen, hatte ein alter, reicher Mann ihn zu sich eingeladen, und seitdem lebten die beiden wie Vater und Sohn zusammen. So erzählte man sich in der Stadt lange, bevor ein Brief von Axel selbst kam; dieser aber bestärkte das Gerücht in allen Teilen.
Darauf erhielt Ella einen dritten Brief von Hjalmar Olsen; er fragte in ehrerbietiger Form an, ob sie es schlecht aufnehmen würde, wenn er ihr bei einer Heimkunft einen Besuch abstattete. Er wußte, wo sie wohnte.
Bevor sie noch mit sich im reinen darüber war, ob sie überhaupt antworten solle, las man in allen norwegischen Zeitungen, die es aus amerikanischen abgedruckt hatten, Hjalmar Olsen, habe mit ungewöhnlicher Tüchtigkeit und mit Gefahr für Schiff und Mannschaft in einem Orkan die Passagiere und Besatzung eines Ozeandampfers gerettet, dem dicht vor der amerikanischen Küste die Schraube gebrochen war. Zwei Dampfer waren vorüber gekommen, ohne den Versuch zu wagen, so entsetzlich war das Wetter. Er hatte sich einen ganzen Tag bei dem Dampfer aufgehalten.
Es war eine seltene Tat, die er da vollbracht hatte. In New-York und später, als er nach Liverpool kam, wurde er in den Seemannsklubs gefeiert, bekam Ehrenzeichen und Adressen.
Als er von dort nach Christiania kam, bekam er der Auszeichnungen mannigfache. Groß und ansehnlich wie er war, wurde ihm die Huldigung des Volkes gar leicht zu teil. Sie wurde ihm jetzt im großen Stil dargebracht.
Mitten drin suchte er Ella auf. Sie hatte sich gut versteckt; sie dachte seit ihrer Niederlage so gering von sich. Im voraus war sein Bild ein wenig zu übernatürlicher Größe herangewachsen, und als er nun selbst kam und sie heraus holte, war es, als ob sie aus der Stubenluft wieder in Wind und Sonnenschein hinauskäme. Ja, sie empfand etwas von dem alten Selbstvertrauen. Seine Gefühle für sie waren dieselben; das merkte sie bald, als sie ihn studierte. Gesellschaftliche Formen hatte er, und voll Würde nahm er Huldigungen und Aufmerksamkeiten entgegen; hielt keine unzeitigen Reden. Sie hatte gehört, daß er gerne ein Glas zuviel trank, aber sie sah davon nichts. Ein schöner Mann, ja, ein Mann wie wenige, -- vielleicht ein wenig abgearbeitet, aber das waren ja die meisten Seeleute. Vor etwas Unbestimmtem in den Augen hatte sie Angst, ebenso vor seiner Gier, wenn er bei Tische saß. Zuweilen erschrak sie auch vor dem Gewaltsamen in seinen Ansichten. Wäre sie zu Hause gewesen und hätte sich erkundigen können! Aber er wollte sofort wieder abreisen und hatte im Scherz geäußert, wenn er jetzt freite, so wolle er sich zugleich verloben und verheiraten. Diese Einfachheit und Hast gefielen ihr. Auch die Kraft und auch die Eigenmächtigkeit, obgleich sie sie fürchtete. Fürchtete und sich außerordentlich wohl dabei befand, daß soviel Kraft und Eigenmächtigkeit sich gerade vor ihr beugten, und das jetzt, wo alle um ihn warben.
Da kam sie auf etwas, was sie außerordentlich verständig dünkte; für den Fall wollte sie zwei Bedingungen stellen: Verwaltung des eigenen Vermögens und niemals mit ihm reisen. Wenn seine Kraft und Eigenmächtigkeit etwa zügellos werden sollten, so wurde dadurch eine Grenze gesetzt, und sie konnte ihm von Anfang an zu verstehen geben, daß, wie klein sie auch sei, sie sich und das Ihre zu schützen gedächte.
Als der Antrag kam -- es war in einer Theaterloge -- fehlte es ihr jedoch an Mut, es zu sagen. Sie bat um Bedenkzeit. Der Ausdruck, den sein Gesicht annahm, flößte ihr Furcht ein -- zum erstenmal.
Später dachte sie oft daran. Anstatt diesem unmittelbaren Eindruck nachzugeben, fing sie an zu sinnen, was wohl geschehen würde, wenn sie jetzt wieder nein sagte! Sie hatte ja seine Freundlichkeit angenommen, obgleich sie wußte, was kommen würde. Die Bedingungen, die Bedingungen -- mögen sie entscheiden! Nahm er sie an, so sollte es sein, und dann hatte es auch wohl keine besondere Gefahr. So schrieb sie und nannte die Bedingungen.
Er kam am nächsten Tage und bat um die notwendigen Papiere, dann würde er selbst alles ordnen, sowohl das mit dem Ausschluß der Gütergemeinschaft wie mit dem Kontrakt; er faßte es also als Geschäft auf und schien wohl zufrieden.
Drei Tage darauf wurden sie getraut. Große Feierlichkeit und großer Zulauf; die Zeitungen hatten nämlich darauf aufmerksam gemacht. Huldigung und Ehrenbezeugungen hinterher, Prunk und Reden untermischt mit Witzen über seine Größe und ihre Kleinheit -- es dauerte von fünf Uhr nachmittags bis zwölf, ein Uhr nachts in ziemlich gemischter Gesellschaft. Als es spät wurde und der Champagner gar kein Ende nahm, wurden viele lärmend und tüchtig zudringlich. Darunter auch der junge Ehemann.
Am nächsten Morgen sieben Uhr saß Ella angekleidet und ganz allein in einem Zimmer neben der Schlafstube, deren Tür offen stand; sie hörte ihren Mann dort schnarchen.
Leichenblaß und still saß sie, gelähmt durch die Schrecken der Nacht, ohne Tränen, ohne Empfindung. Sie teilte die Ereignisse der Nacht in zwei Teile: in das, was geschehen war, und das was gesagt worden -- sie wußte nicht, was am schlimmsten gewesen.
Die Begierde dieses Mannes war von tödlichem Haß entflammt! Als sie das erste Mal nein gesagt, hatte er es zum Ziel seines Lebens gemacht, sie dahin zu bringen, daß sie ja sagte; das erzählte er. Erzählte, daß _sie_ für den Verruf büßen solle, in den er gekommen, -- nahe daran, zum drittenmal bloßgestellt zu werden. Sie solle für alle büßen, sie, die es gewagt hatte, kränkende Bedingungen zu stellen! Wie ein Ding, wie eine Dirne würde er sie behandeln!
Ihrer Berechnung werde er das Genick brechen, wie einer Garneele, -- sie solle sich nur unterstehen, nicht mit an Bord gehen oder irgend etwas selbst verwalten zu wollen!
Dann das, was geschehen war --! Die Schale einer Fliege in einem Spinngewebe, zerfressen und leergeschlürft, das war's woran sie dachte.
Aber ungefähr Ähnliches hatte sie schon einmal empfunden! O Gott, die Nacht nach dem Balle! Eine unbestimmte Empfindung, daß sie in jener Nacht für diese letzte bestimmt wurde ..... aber sie konnte es sich nicht klar machen. Hingegen fragte sie sich, ob das, was uns _nicht_ glückt, tiefer über uns bestimmt als das, was glückt?
Drei, vier Stunden später saß Hjalmar Olsen am Frühstückstisch, schwerfällig und schweigend; aber er beobachtete höfliche Formen, als ob nichts vorgefallen sei. Vielleicht war er zu betrunken gewesen, um ganz verantwortlich gemacht werden zu können; oder vielleicht war die Höflichkeit Berechnung, um sie für einen Besuch an Bord zu gewinnen. Er bat nämlich darum, als er vom Tische aufstand.
Aber weder durch Drohungen noch durch Lockungen, weder zum Aufenthalt noch zum Besuch bekam er sie mit an Bord. Die Furcht rettete sie.
Einige Monate später saß sie in ihrer Vaterstadt im eigenen kleinen Hause. Die Zeitungen machten bekannt, daß sie Schülerinnen für Klavierspiel und Handelsrechnung suche.
Sie war schwanger.
Ein Jugendfreund Axel Aarö's besuchte sie. Er solle sie vielmals von Aarö grüßen und ihr Glück zu ihrer Heirat wünschen. Sie zwang die aufquellende Bewegung nieder und fragte sanft, wie es Axel Aarö gehe. O, ganz ausgezeichnet; er sei immer noch bei demselben alten Manne, der nach und nach alles für ihn geworden sei. Dies sei so recht etwas für Aarö; es paßte ihm daß einer alles für ihn geworden. Und dann habe er eine Kur gegen sein ererbtes Übel durchgemacht; er selbst glaube, daß er geheilt sei. Wie es Frau Holmbo gehe, fragte Ella. Sie erschrak, als sie es ausgesprochen hatte; aber es war eine unwillkürliche Bitterkeit, die hervorbrach. Sie hatte Frau Holmbo so mager und bleich gesehen; Frau Holmbo vermißte ihn wohl, und das war zuviel.
Der Freund lächelte: »O, Sie haben das dumme Gerücht gehört? Nein, Axel Aarö war nur der Vermittler zwischen ihr und dem, den sie heimlich liebte. Die beiden Freunde hatten im Auslande zusammen gewohnt. Vor einigen Monaten war der Betreffende auf einer Geschäftsreise in Kopenhagen, und Frau Holmbo war auch hinunter gereist. Aber es war gewiß schon lange irgend etwas zwischen ihnen nicht mehr in Ordnung.«
An diesem Abend weinte Ella noch lange, bevor sie einschlief. Sie lag und streichelte ihren Zopf, den sie über die Brust gezogen hatte. Oft hatte sie daran gedacht, ihn abzuschneiden; aber er war noch da.
IV
Im ersten Jahre bekam sie einen Knaben und noch einen im nächsten. So oft sie allein war, teilte sie ihre Zeit zwischen ihnen und den Unterrichtsstunden. Der Mann steuerte so gut wie nichts zum Haushalt bei, mit Ausnahme der kurzen Zeiten, wenn er zu Hause war. Dann wurde das Geld mit Kameraden in flottem Leben verschwendet. »Die Jungen« wurden so lange zur Tante geschickt; »man konnte ja nicht vier Schritte in dem Lumpenhause machen, ohne durch die Wand zu gehen.« Solange sagte sie auch ihre Stunden ab; sie konnte nicht mehr leisten, als daß sie ihm aufwartete.
Daß sie nicht glücklich sein könne, begriffen alle; aber daß sie ein Leben in Angst lebte, davon hatte niemand eine Ahnung. In Angst vor dem Telegramm, das sein Kommen meldete, wenn auch nur für einige Tage, in Angst vor dem, was dann geschehen würde. Wenn er kam, wagte sie nicht den leisesten Widerspruch und zeigte ihm und allen die unbefangenen Augen, dieselbe rasche, ein wenig gedämpfte Art, die machte, daß sie ging und kam, ohne daß man sie bemerkte. Wenn er dann abgereist war, wurde sie mit einem Male so übermüde nach der Spannung der Tage und Nächte, daß sie zu Bette mußte.
Jedesmal, wenn er zu Hause war, wurde er weniger achtsam auf sich selbst, unverschämter gegen andere; wenn sie aber begriffen hätte, wie Männer mit seiner Verausgabung von Kraft in der Regel um die vierziger Jahre herum fertig sind (und deren sind gar viele in den Küstenstädten), dann hätte sie auch schon begriffen, daß gerade dies die Zeichen des Niederganges waren; er war weit vorgeschritten. Ihr erschien er nur immer widerlicher.
Er war wenig zu Hause, das half ihr. Sie hatte sich vorgenommen, daß sie und die Knaben ausgezeichnet miteinander leben würden; das half ihr auch, meist aber ihre rastlose Arbeit und die Achtung aller. Nach fünfjähriger Ehe schien sie ebenso niedlich, wie damals, schien auch ebenso unbefangen und munter; sie war so daran gewöhnt, sich zu verstellen.
Nun waren ihre Jungen der eine vier, der andere drei Jahre alt, und selten fand man sie anderswo, als auf dem Marktplatz -- in den Schneehaufen im Winter, in den Sandhaufen im Sommer. Oder auf dem Lande bei der Tante, ihrer »Großmutter«.
Nächst der Beschäftigung mit den Knaben war die mit den Blumen ihr die liebste. Sie hatte deren eine Menge, die das Haus kleiner machten, als es eigentlich war. Mit den Knaben konnte sie spielen, aber mit den Blumen konnte sie denken. Wenn sie den Blumen Wasser gab, empfand sie am stärksten, wie gequält sie selbst war. Wenn sie ihre Blätter abwischte, sehnte sie sich nach guten Worten, freundlichen Augen. Wenn sie trockne Zweige entfernte, überflüssige Schüsse, wenn sie ihnen andere Erde gab, weinte es oft in ihr vor Sehnen, wallte das in ihr auf, was nichts bekam.
Fünf Jahre waren also vergangen, -- als eines Tages das Gerücht durch die Stadt ging, daß Axel Aarö ein reicher Mann geworden sei; sein alter Freund war gestorben und hatte ihm eine große Leibrente hinterlassen! Gleich darauf wurde auch erzählt, daß Axel Aarö zum zweitenmal die Kur gegen die Trunksucht durchgemacht habe; die erste sei nicht von Erfolg gewesen; jetzt aber sei er geheilt. Man konnte sehen, wie beliebt Axel Aarö war; denn es gab kaum einen, den es nicht freute.
Am Mittwoch den 16. März 1892, um vier Uhr nachmittags, saß sie mit einer Arbeit zwischen ihren Blumen, als sie nach dem Hotel hinüber sehen mußte. Im Eckfenster der zweiten Etage stand der, an den sie dachte; er sah auf sie nieder.
Sie stand auf, und er grüßte zweimal. Sie stand noch da, als er über die Straße kam, in dunkler Pelzmütze, schwarzer Seidenweste, auf die der lange, blonde Bart herab fiel, das Gesicht ziemlich bleich, aber die Augen klarer im Ausdruck. Er klopfte an; sie konnte kein Wort hervorbringen, sich nicht rühren. Als er aber die Tür öffnete und im Zimmer stand, sank sie auf einen Stuhl nieder und weinte.
Er kam langsam auf sie zu, nahm einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber. »Sie dürfen nicht erschrecken, weil ich so geradezu komme. Es freut mich zu sehr, Sie wiederzusehen.« Nein, wie das in diesem Hause klang, diese wenigen gedämpften Worte, so rücksichtsvoll, vertraulich. Der Tonfall war fremd geworden, aber die Stimme, die Stimme! Und daß er ihre Schwäche nicht mißdeutete, sondern ihr darüber forthalf! Nach und nach wurde sie wieder dieselbe, wie in alter Zeit, zuversichtlich, fröhlich, verschämt. »Es war so seltsam unerwartet,« sagte sie.