Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen

Chapter 15

Chapter 153,965 wordsPublic domain

Sie geht auf den Spielmann zu und sagt ihm ohne Umschweife:

-- »Willst du mir eins spielen, so will ich dir eins tanzen.«

-- »Ja, freilich,« sagt der Spielmann, der bei guter Laune ist, weil er seine Angst abgeschüttelt hat, »das will ich wohl. Hab doch noch nie einem schönen Mädchen, das tanzen wollte, Nein gesagt.«

Er setzt sich auf einen Stein neben dem Mühldamm, lehnt die Fiedel ans Kinn und hebt an zu spielen.

Das Mädchen macht ein paar Schritte im Takt zu seinem Spiel, aber dann bleibt es stehen.

-- »Was ist denn das für eine Polka, die du da spielst?« sagt sie. »Da liegt ja keine Kraft darin.«

Der Spielmann ändert die Melodie, er versucht es mit einer, in der mehr Schwung ist. Die Dirne bleibt mißmutig stehen.

-- »Nach einer solchen Schleppolka kann ich nicht tanzen,« sagt sie.

Da stimmt der Spielmann die wildeste Weise an, die er kennt.

-- »Bist du mit der nicht zufrieden,« sagt er, »dann mußt du einen Spielmann rufen, der es besser kann als ich.«

Wie er das sagt, fühlt er, daß eine Hand seinen Arm gerade am Ellenbogen packt und den Bogen zu führen und den Takt zu befeuern anfängt.

Da entströmt der Geige eine Weise, wie er ihresgleichen niemals zuvor gehört hat. Es ist ein so hurtiger Takt darin, daß es ihn bedünken will, ein rollendes Rad könnte ihr nicht folgen.

-- »Ja, das nenn ich eine Polka,« sagt die Dirne und beginnt sich im Kreise zu drehen.

Aber der Spielmann sieht sie nicht an. Er ist so erstaunt über die Weise, die er spielt, daß er die Augen schließt, um besser zu hören.

Als er sie nach einer Weile wieder aufschlägt, ist das Mädchen verschwunden, aber er denkt nicht weiter daran.

Er spielt weiter und immer weiter, denn nie zuvor hat er ein solches Geigenspiel gehört.

-- »Aber nun mag es wohl Zeit sein, aufzuhören«, denkt er schließlich und will den Bogen niederlegen.

* * * * *

Aber der Bogen regt sich weiter. Er kann ihn nicht zum Stehen bringen. Er gleitet auf und nieder über die Saiten und reißt die Hand und den Arm mit. Und die Hand, die den Geigenhals umfaßt und auf den Saiten fingert, die kann auch nicht loskommen.

Der kalte Schweiß tritt dem Spielmann auf die Stirn, und er erschrickt nun wirklich.

-- »Wie soll dies enden? Soll ich bis zum jüngsten Tage hier sitzen und spielen?« fragt er sich in Verzweiflung.

Der Bogen jagt dahin und zaubert eine Weise nach der andern hervor; stets ist es etwas Neues und so schön, daß der Arme denken muß:

-- »Der auf meiner Geige spielt, der versteht die Kunst. Aber ich bin all mein Lebtag ein elender Stümper gewesen. Jetzt erst lerne ich, wie Musik klingen soll.«

Für ein paar Augenblicke kann ihn die Musik so hinreißen, daß er sein unglückseliges Schicksal vergißt. Aber dann fühlt er seine Arme vor Müdigkeit schmerzen, und er wird aufs neue von Verzweiflung erfaßt.

-- »Diese Geige darf ich nicht von mir legen, bis ich mich zu Tode gespielt habe. Ich merke, daß der Neck sich nicht früher zufrieden gibt.«

Er fängt an, über sich selbst zu weinen, während er immer weiter spielt.

-- »Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich daheim in dem kleinen Hüttchen bei Mutter geblieben wäre. Was ist aller Ruhm wert, wenn dies das Ende sein soll!«

Da sitzt er nun Stunde um Stunde. Es wird Morgen, die Sonne geht auf, und die Vögel singen rings um ihn her. Aber er spielt, er spielt ohne Unterlaß.

Da es ein Sonntag ist, der anbricht, bleibt er ganz allein an der alten Mühle sitzen. Kein Mensch wandert in den Wald. Sie gehen alle zur Kirche unten im Tal, und in die Dörfer, die die große Landstraße einsäumen.

Es wird Vormittag, die Sonne steigt immer höher. Die Vögel verstummen, aber es beginnt in den langen Nadeln der Tannen zu rauschen.

Er läßt sich von der Hitze des Sommertages nicht aufhalten. Er spielt, er spielt. Es wird endlich Abend, die Sonne sinkt zur Ruh, aber sein Bogen braucht keine Ruhe, und sein Arm fährt fort sich zu regen.

-- »Es ist ganz gewiß, daß dies mein Tod ist,« sagt er. »Und es ist eine gerechte Strafe für meinen Übermut.«

In tiefer Nacht kommt der erste Mensch, den er den ganzen Tag lang gesehen hat, durch den Wald gewandert. Es ist ein altes armes Mütterchen mit gebeugtem Rücken und grauem Haar und einem Gesichte, das von vielen Sorgen vergrämt ist.

-- »Das ist seltsam,« denkt der Spielmann. »Es ist mir, als wenn ich das alte Weiblein kennen müßte. Kann es möglich sein, daß das Mutter ist? Kann es möglich sein, daß Mutter so alt und grau geworden ist?«

Er ruft sie laut und bittet sie.

-- »Mutter, Mutter, komm her zu mir!« sagt er. Sie bleibt wie unwillig stehen.

-- »Ich höre, daß du der beste Spielmann in Värmland bist,« sagt sie. »Was hast du mit einem armen alten Weibe wie mir zu schaffen?«

-- »Mutter, Mutter, geh nicht an mir vorbei,« ruft der Spielmann, »komm her und sieh mich an!«

Da kommt sie näher und sieht, wie er da sitzt und spielt. Das Gesicht ist bleich wie bei einem Toten, das Haar trieft von Schweiß, und das Blut perlt unter seinen Nagelwurzeln hervor.

-- »Mutter,« sagt der Spielmann, »nun habe ich mich bald zu Tode gespielt, aber sage mir vorher noch, ob du mir verzeihen kannst, daß ich dich in deinem Alter einsam und arm hausen ließ?«

-- »Ja, gewiß, in Gottes, des Erlösers, Namen verzeih ich dir,« sagt die Mutter.

Aber wie sie dies sagt, bleibt der Bogen stehen, die Fiedel fällt aus den erstarrten Fingern zu Boden, und der Spielmann steht erlöst und gerettet auf. Denn der Zauber ist gebrochen, weil seine alte Mutter zu ihm gekommen ist und Gottes Namen über ihn ausgesprochen hat.

Noch ein Stück Lebensgeschichte

(Geschrieben zu meinem fünfzigsten Geburtstag)

Die erste Prophezeiung

Es läßt sich denken, daß es auf dem alten Herrenhof Morbacka am zwanzigsten November des Jahres 1858 recht unruhig zugegangen ist. Ein Kind ist an diesem Tage zu ziemlich später Abendstunde geboren worden, und so etwas bringt ja immer Verwirrung und Aufregung mit sich, selbst an einem Ort, wo man die Gewohnheit hat, das Leben ruhig zu nehmen und nicht mehr Wesens von einer Sache zu machen, als sie wirklich verdient.

Am dunkeln Abend, so gegen neun Uhr, kommt die Pastorin, die im Nachbarhause wohnt, und steckt den Kopf zur Küchentür herein. Es ist eine kleine, alte Frau, eine Verwandte und gute Freundin, die von allen Menschen Tante Wennervik genannt wird. Sie hat es zu Hause nicht aushalten können, sondern hat einen Schal über den Kopf geworfen, eine Laterne in die Hand genommen und sich auf dem schmalen Abkürzungsweg, der hinter dem Garten läuft, herübergetappt, um zu hören, wie es stehe.

Die Pastorin wird gleich in die Kammer neben der Küche geführt. Dort wohnt die alte Frau Lagerlöf, die Witwe des Regimentsschreibers Lagerlöf, noch heute, so wie sie ihr ganzes Leben lang da gewohnt hat, als junges Mädchen und als verheiratete Frau. Sie sitzt, siebzigjährig und weißhaarig, in ihrer Sofaecke und strickt den Enkelkindern Strümpfe, ganz wie immer. Drinnen bei ihr ist alles ruhig, und sie selbst ist ruhig, denn der Sohn, Leutnant Lagerlöf, der nach seines Vaters Tode das Gut übernommen hat, ist eben hier gewesen und hat ihr gesagt, daß das Ärgste überstanden und das Kind zur Welt gekommen sei.

So spät am Tage es auch ist, die Haushälterin stellt doch gleich die Kaffeemaschine aufs Feuer, und bald kommt sie mit einem wohlbesetzten Kaffeebrett in die Kammer. Nun sitzen Tante Wennervik und die alte Frau Lagerlöf da und trinken ganz allein Kaffee. Tante Wennervik erfährt, daß das jüngste Enkelkind ihrer alten Freundin ein Mädchen sei, und die beiden Alten, die die Grenze des Lebens erreicht haben, sitzen da und sprechen davon, wie es der Neugeborenen, die ihr Leben gerade begonnen hat, einst ergehen werde.

»Es wird ihr so ergehen, wie sie es verdient, weder besser, noch schlechter,« sagt die alte Frau Lagerlöf.

»Es kommt auch aufs Glück an, will ich dir sagen, Schwester,« meint Tante Wennervik.

Während die Pastorin diese Bemerkung macht, beugt sich die alte Frau Lagerlöf vor und fühlt das große Ridikül an, das Tante Wennervik immer am Arm trägt. Es sind tausend Dinge darin, denn Tante Wennervik ist eine, die für alles Rat weiß und darum beständig zu Hilfe gerufen wird. Sie hat sich erst auf ihre alten Tage mit dem alten Pastor Wennervik verheiratet, der Frau Lagerlöfs Bruder ist; und früher, ehe sie sich verheiratete, ist sie Wirtschafterin auf vielen großen Gütern gewesen. Darum versteht sie sich auf alles, nicht nur darauf, die feinsten Gewebe aufzuziehen und die größten Hochzeitsschmäuse auszurichten, sondern auch darauf, Kranke zu heilen und junge Bauernmädchen zu tüchtigen Hausmüttern zu erziehen.

Als die alte Frau Lagerlöf das Ridikül befühlt, merkt sie bald, daß außer den Augengläsern und dem Nähzeug und der Medikamentenflasche und dem Riechsalz und dem Webebuch und den Brustpastillen und dem Schlüsselbund noch ein harter, viereckiger Gegenstand darin liegt.

»Ich merke, daß du die Karten mithast, Schwester,« sagte sie.

Tante Wennerviks welke Wangen werden ein wenig rot. Sie kann prophezeien, und sie schlägt nie die Karten auf, ohne daß alles, was sie voraussagt, eintritt. Es ist ihre kleine Schwäche, sich zu freuen, wenn man ihre Kunst in Anspruch nimmt; aber das will sie nie zugestehen. Sie beteuert, nicht die geringste Ahnung gehabt zu haben, daß sie die Karten mit hat. Sie könne gar nicht begreifen, wie sie in das Ridikül gekommen seien.

»Aber wenn sie nun einmal da sind, kannst du sie doch für das arme Ding, das heute abend geboren worden ist, aufschlagen,« sagt die alte Frau Lagerlöf.

Tante Wennervik ziert sich ein wenig, aber sie ist nicht sehr schwer zu erweichen; und nun wird das Kaffeebrett beiseite gerückt, und die alte Pastorin beginnt, die Karten zu legen. Sie hantiert mit großer Übung und Fertigkeit, und wie die alte Frau Lagerlöf dasitzt und sie ansieht, kann sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre alte Schwägerin wie eine richtige Wahrsagerin aussehe. Sie hat einen dunkeln Teint und spielende schwarze Augen und eine lange Hakennase. Auf dem Kopfe trägt sie eine große schwarze Mütze, die mit einer scharfen Schnebbe in die Stirne fällt, und an jeder Schläfe liegen drei Korkzieherlocken. Sie hat kein einziges graues Haar und nicht ein Fleckchen in ihrem Gesicht, das noch nicht von Runzeln übersponnen wäre.

Tante Wennervik legt die Karten in vier Reihen: neun Karten in jeder Reihe; und als dies geschehen ist, legt sie den Zeigefinger auf die erste Karte und beginnt zu zählen: eins, zwei, drei, vier -- bis sechzehn. Sie zählt hinauf und hinunter, von rechts und von links, und bewegt den Finger, während sie zählt, von einer Karte zur andern. Endlich bleibt sie sitzen und murmelt in sich hinein, als wäre sie nicht recht zufrieden.

»Nun, was siehst du, Schwester?« fragte die alte Frau Lagerlöf.

»Kränklichkeit folgt ihr,« antwortete Tante Wennervik. »Damit muß sie sich all ihr Lebtag abplagen.«

»Ein jeder muß sein Kreuz tragen,« sagt die alte Frau Lagerlöf, »sonst wird nichts Rechtes aus einem. Da wird es wohl ein stilles Leben führen, dieses Kind, wenn es kränklich sein wird; und das ist ja ohnehin das Beste für den Menschen.«

Tante Wennervik legt den Zeigefinger wieder auf die Karten und beginnt von neuem zu zählen. »Es liegen viele und lange Reisen vor diesem Mädchen,« sagt sie. »Und viele Male muß sie übersiedeln und ihren Wohnort wechseln.«

»Ein rollender Stein deckt sich nicht mit Moos,« sagt die alte Frau Lagerlöf. Sie ist nicht recht zufrieden damit, daß die Sohnestochter so eine werden soll, die in Land und Reich herumzieht. »Ich verstehe: wenn sie kränklich ist, dann wird sie auch arm sein und zu den Verwandten herumgeschickt werden,« fährt sie fort. »Der hat es schlimm, der nicht arbeiten und sich nützlich machen kann.«

»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« sagt Tante Wennervik nach einer neuen Rechnung. »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Schwester.«

»Ja so, dann kommt es wohl so, daß sie ihr Brot bei Fremden verdienen und oftmals die Herrschaft wechseln muß,« sagt die alte Frau Lagerlöf und seufzt; denn es scheint ihr, die ihr ganzes Leben lang auf dem eignen Hof gesessen hat, daß ein Leben bei Fremden das Allerärgste sein müsse. Aber da sie es von jeher gewohnt ist, alles zum Besten zu wenden, erhellt sich ihr Gesicht bald. »Es hat dir ja auch nur Segen gebracht, Schwester, bei Fremden zu sein,« sagt sie. »Wenn sie ein ebenso tüchtiger Mensch werden kann, dann hat es keine Not.«

»Sie wird in ihrem ganzen Leben kein Gewebe aufziehen,« sagt Tante Wennervik, die Nase in den Karten und so davon ausgefüllt, die Zukunft zu erforschen, daß sie sich kaum klarmacht, was sie prophezeit. »Sie wird viel mit Büchern und Papieren zu tun haben.«

Die alte Frau Lagerlöf beugt sich über die Karten, wie um einen Leitfaden in all dieser Wirrnis zu finden. »Sie wird viel mit Büchern zu tun haben? Du meinst vielleicht, Schwester, daß sie einen armen Geistlichen heiraten wird, der von einem Kirchspiel ins andre ziehen muß und nie zur Ruhe kommt,« warf sie hin. »Aber wenn es nur ein ordentlicher Mann ist, der sie gut behandelt ...«

Tante Wennervik erhebt den Zeigefinger gerade in die Luft und unterbricht sie. »Willst du, Schwester, daß ich dir sage, wie es ist?« fragt sie.

»Gewiß will ich das,« antwortet die alte Frau Lagerlöf.

»Sie wird nie heiraten.«

»So, so, sie wird nie heiraten ... Na ja, dann bleiben ihr vielleicht viele Sorgen erspart. Aber weißt du, das ist gerade keine gute Prophezeiung, die du mich heute abend hören läßt, Schwester. Aber du kannst mir doch wenigstens sagen, ob sie ein braver, guter Mensch wird?«

»Gut und freundlich wird sie sein,« sagte Tante Wennervik und guckt wieder in die Karten, um nachzusehen, was sie ihr noch weiter zu sagen haben. Aber die alte Frau Lagerlöf unterbricht sie etwas trocken:

»Ich glaube, Schwester, du legst die Karten jetzt zusammen. Ich bin froh, daß ich wenigstens weiß, daß ein ordentlicher Mensch aus ihr wird. Das ist eigentlich das einzige, was man zu wissen braucht.«

Oceola

Es gibt ein Buch, das Oceola heißt. Obgleich es möglich sein kann, das ich mich nicht recht erinnre, und daß es irgendeinen andern prächtigen exotischen Namen führt. Es ist ein Indianerbuch, wie man heutzutage sagt, aber es ist wohl ursprünglich nicht für Kinder geschrieben, sondern war bestimmt, von großen Leuten gelesen zu werden. Ich weiß nicht, wer es verfaßt hat, ich weiß auch nicht, wann es geschrieben wurde, aber es ist wohl recht alt, da es mehr als vierzig Jahre her ist, seit ich es zum ersten Male gesehen habe.

Ich kann auch nicht sagen, wie es kommt, daß das Buch seinen Weg in mein Heim dort oben in Värmland fand. Es gehörte nicht zu dem Bücherschatz des Hauses, der hauptsächlich aus Versdichtungen bestand und nur ganz wenige Romane umfaßte. Vielleicht hatte es ein Besucher mitgebracht, oder auch hatte es sich meine Tante, die eine große Romanvertilgerin war, von irgendeinem der Nachbarn ausgeliehen. Aber wie dem auch sein mag, -- eines ist sicher, daß es an einem schönen Tage, als ich etwa sieben, acht Jahre alt bin, daheim auf einem Tische liegt, und daß meine Augen darauf fallen.

Ich lese gerne. Ich pflege jeden Tag auf einem Schemelchen neben Mutter zu sitzen, wenn sie an ihrer Näherei arbeitet, und ihr aus Nösselts »Weltgeschichte für Frauenzimmer« vorzulesen. Wir sind durch alle sieben Teile gekommen, aber am besten verstehe ich den ersten Teil mit den vielen Sagen. Ich kann nie aufhören, mich zu freuen, wenn Odysseus heimkehrt und die Freier totschießt; aber Hektors und Andromaches Abschied übergehe ich am liebsten, weil ich ihn nicht lesen kann, ohne zu weinen.

Die Frithjofsage und Andersens Märchen und Fähnrich Ståls Erzählungen sind auch meine guten Freunde, aber einen Roman habe ich noch nie zu lesen versucht. Ich beabsichtige auch garnicht, mich durch dieses dicke Buch durchzuarbeiten. Es kommt mir vor, als müßte man mehrere Jahre brauchen, um es zu Ende zu lesen; ich will nur hineingucken. Aber das Glück will es, daß ich es gerade an der Stelle aufschlage, wo die Heldin des Buches, die junge, schöne Tochter eines Plantagenbesitzers, beim Bade von einem Alligator überrascht wird. Ich lese, wie sie entflieht und verfolgt wird und in Todesgefahr schwebt. Nie zuvor hat mich ein Buch in solche Spannung versetzt. Ich stehe atemlos und lese, bis der junge heldenmütige Indianer zu ihrer Rettung herbeieilt und nach einem furchtbaren Kampf mit dem Alligator diesem sein Messer in das Herz stößt.

Nun lese ich Seite um Seite, solange man mich in Frieden läßt. Und sowie ich wieder frei bin (denn ich bin ja viele Stunden des Tages damit beschäftigt, bei einer Lehrerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen), kehre ich zu dem Tisch zurück, wo der Roman noch immer liegt, und lese darin.

Ich bin ganz benommen, ganz bezaubert. Tag und Nacht denke ich nur an das Buch. Es ist eine neue Welt, die sich mir ganz plötzlich eröffnet hat. Der ganze Reichtum des Lebens strömt mir zu. Da sind Liebe, Heldenmut, schöne, edle Menschen, niedrige Schurken, Gefahren und Freuden, Glück und Schmerz. Da sind kunstvoll verschlungne Ereignisse, die mich in Spannung und Schrecken versetzen. Da ist alles mögliche, wovon ein kleines, siebenjähriges Kind, das auf einem stillen Herrenhof in Värmland aufgewachsen ist, nie zuvor hat reden hören. Man versetze einen der erwachsenen Bewohner der Erde auf einen Stern im Weltenraume. Ich glaube kaum, daß er diese neue Welt mit glühenderem Eifer untersuchen könnte, mit größerem Interesse, mit einem stärkeren Gefühl, wie wunderbar glücklich er sei, weil er all dies Ungeahnte kennen lernen dürfe.

Fortab lese ich alle Romane, die mir in die Hände fallen. Es läßt sich schwer sagen, wieviel ich von ihnen verstand, aber ein unerhörtes Vergnügen bereiteten sie mir. Jetzt sind sie meiner Erinnerung entschwunden, die allermeisten wenigstens.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, wundert es mich wohl, daß man mich alles lesen ließ, was ich nur fand. Aber ich begreife, daß es Vater und Mutter schwer fiel, mir etwas abzuschlagen. Jene Kränklichkeit, die Tante Wennervik mir prophezeit hatte, war schon eingetreten. Das eine Bein war schwach, und lange Zeit hindurch konnte ich gar nicht gehen. Man fand es nicht zuträglich für mich, daß ich mich mit körperlichen Übungen und Spielen belustigte wie andre Kinder; sondern die Eltern sahen es am liebsten, wenn ich mich still verhielt. Und da sie nun merkten, daß ich mich glücklich fühlte, wenn ich nur ein Buch in der Hand hatte, waren sie froh, daß ich mich auf diese Weise zerstreuen konnte.

Aber für mich wurde die Bekanntschaft mit diesem Indianerbuche Oceola entscheidend für das ganze Leben. Es erweckte in mir die tiefe, starke Sehnsucht, einmal etwas ebenso Herrliches schaffen zu können. Dieses Buch bewirkte, daß ich von den frühesten Kindheitsjahren an wußte, daß, was ich in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben war.

Ich hatte wohl durch Geschwister und Dienstleute gehört, was die alte Tante Wennervik mir an dem Abend, an dem ich geboren wurde, über meine Zukunft prophezeit hatte. Niemand wurde der Weissagung froh; nur ich selbst, -- ich war zufrieden, weil sie mir versprach, daß ich viel mit Büchern und Schreiben zu tun haben würde. Nach etwas anderm fragte ich damals nicht. -- -- --

Ich will auch erzählen, daß es sich vor einigen Jahren, als ich schon ein paar Bücher geschrieben hatte, zutrug, daß ich in dem Bücherstand einer Eisenbahnstation ein kleines, dickes Büchlein erblickte, das »Oceola« hieß. Es war schlecht gedruckt, auf häßlichem grauem Zeitungspapier und in einen schäbigen braunen Umschlag geheftet; es wurde für einen geringen Preis feilgeboten. Ich kaufte es, und als ich im Zuge saß, begann ich darin zu lesen, um zu sehen, ob es wirklich das Wunderbuch meiner Kindheit wäre, das ich hier wiedergefunden hatte. Ich entdeckte auch die Szene mit den Alligator, -- es mußte also dasselbe Buch sein.

Aber es war es doch nicht. Dies war ein armseliges, langweiliges, schlecht übersetztes, veraltetes Buch. Es war etwa so, wie wenn man den Geliebten seiner Jugend als hinfälligen Kranken wiedersieht. Ich hatte Angst davor, Angst, daß es das Bild der rechten, der strahlenden Oceola verdunkeln könnte. Ich hatte die größte Lust, es zum Kupeefenster hinauszuwerfen.

Aber das konnte ich doch nicht tun. Es ging nicht an, dieses Buch zum Fenster hinauszuwerfen. Genau bedacht, war etwas Rührendes darin, daß mir ein solches Buch damals soviel Freude hatte schenken können.

Es durfte mit nach Hause kommen, aber dann steckte ich es ganz tief unten in den Bücherschrank, und ich wage es nie mehr anzusehen.

Meine Rose im Walde

Als ich neun Jahre alt bin, geht eine andre von den bösen Prophezeiungen der Pastorin Wennervik in Erfüllung. Da mache ich eine lange Reise. Ich werde nach Stockholm geschickt, um Heilung für mein krankes Bein zu suchen, und es wird mir verordnet, eine Kur im gymnastischen Institut durchzumachen. Ich bleibe einen ganzen Winter in Stockholm, und die Behandlung tut mir sehr gut. Als ich im Frühling heimkomme, bin ich ebenso gesund wie andre Kinder, und man merkt es beinahe gar nicht, daß ich hinke.

Ich wohne bei nahen Verwandten, die sehr gut gegen mich sind, aber das kann nicht hindern, daß ich mich ein wenig nach Hause sehne. Es fällt mir schwer, mich an das Stadtleben zu gewöhnen. Es ist mir eine Last, daß ich jedesmal, wenn ich ausgehe, Hut und Mantel anziehen muß. Ich mag diese Welt von Steinstraßen nicht, wo die Kinder ebenso ordentlich und still wie die Erwachsenen ihrer Wege gehen müssen. Ich verstehe mich auch nicht auf die Spiele der stockholmer Kinder. Ich kann nicht in ihren kleinen Schlitten fahren, und ich mache mir nichts daraus, mit Puppen zu spielen. Ich fühle mich dumm und ungeschickt in Gesellschaft dieser niedlichen und lebhaften Kinder, und ich habe große Angst, ausgelacht zu werden, weil ich mit värmländischem Akzent spreche.

Aber es gibt Dinge in der Hauptstadt, die über alle Beschreibung herrlich sind und für alle Unannehmlichkeiten Ersatz bieten. So zum Beispiel hat mein Onkel alle Romane von Walter Scott in seinem Bücherschrank, und er leiht sie mir, so daß ich im Laufe des Winters die ganze Sammlung durchlesen kann. Und dann das Theater!

Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein in einem schönen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und häkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, daß ihr die Zeit zu einförmig werden könnte, und steckt ihr nicht selten eine Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure Vergnügen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein wenig ängstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche kosten überdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz, sondern muß vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater vergeht die Zeit so rasch, daß ich gar nicht müde werde, ehe alles schon vorbei ist.

Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen und die schmalen Gänge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich ihn spüre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfüllt. Es kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentür stünde und darauf wartete, daß der Diener komme und aufschließe.

Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie. Wir gehen übrigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.