Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen
Chapter 13
Die ganze Zeit über hatten die Vögel Abt Johannes Haupt umschwärmt, und er hatte sie zwischen seine Hände nehmen können. Aber vor dem Laienbruder hatten sich die Tiere gefürchtet: kein Vogel hatte sich auf seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu seinen Füßen. Nun war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, daß die Engel nahe waren, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die Schulter und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, daß der Zauber ihm nun völlig auf den Leib rücke, ihn in Versuchung zu führen und zu verderben. Er schlug mit der Hand nach der Waldtaube und rief mit lauter Stimme, so daß es durch den Wald hallte:
»Zeuch du zur Hölle, von wannen du kommen bist!«
Gerade da waren die Engel so nahe, daß Abt Johannes den Hauch ihrer mächtigen Fittiche fühlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu grüßen. Aber als die Worte des Laienbruders ertönten, da verstummte urplötzlich ihr Gesang, und die heiligen Gäste wendeten sich zur Flucht. Und ebenso floh das Licht und die milde Wärme in unsäglichem Schreck vor der Kälte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank auf die Erde hinab wie eine Decke, die Kälte kam, die Pflanzen auf dem Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der Wasserfälle verstummte, das Laub fiel von den Bäumen, prasselnd wie Regen.
Abt Johannes fühlte, wie sein Herz, das eben vor Seligkeit gezittert hatte, sich jetzt in unsäglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann ich dies überleben, dachte er, daß die Engel des Himmels mir so nahe waren und vertrieben wurden, daß sie mir Weihnachtslieder singen wollten und in die Flucht gejagt wurden.
In demselben Augenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde und tastete unter dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick etwas zu finden. Aber er fühlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weiße Schnee über den Boden geglitten kam.
Da ward sein Herzeleid noch größer. Er konnte sich nicht erheben, sondern mußte auf dem Boden liegen bleiben.
Aber als die Räubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen Dunkelheit zur Räuberhöhle zurückgetappt hatten, da vermißten sie Abt Johannes. Sie nahmen glühende Scheite aus dem Feuer und zogen aus, ihn zu suchen, und sie fanden ihn tot auf der Schneedecke liegen.
Und der Laienbruder hub an zu weinen und zu klagen, denn er erkannte, daß er es war, der Abt Johannes getötet hatte, weil er ihm den Freudenbecher entrissen, nach dem er gelechzt hatte.
* * * * *
Aber als Abt Johannes nach Öved hinuntergebracht worden war, sahen die, die sich des Toten annahmen, daß er seine rechte Hand hart um etwas geschlossen hielt, was er in seiner Todesstunde umklammert haben mußte. Und als sie die Hand endlich öffnen konnten, fanden sie, daß, was er mit solcher Stärke festhielt, ein paar weiße Wurzelknollen waren, die er aus Moos und Laub hervorgerissen hatte. Und als der Laienbruder, der Abt Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie in des Abtes Garten in die Erde.
Er pflegte sie und wartete das ganze Jahr, daß eine Blume daraus erblühe, doch er wartete vergebens den ganzen Frühling und Sommer und Herbst. Als endlich der Winter anbrach und alle Blätter und Blumen tot waren, hörte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da überkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mächtig, daß er in den Lustgarten hinausging, seiner zu gedenken. Und siehe, wie er nun an der Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknollen eingepflanzt hatte, da sah er, daß üppige grüne Stengel daraus emporgesproßt waren, die schöne Blumen mit silberweißen Blättern trugen.
Da rief er alle Mönche von Öved zusammen; und als sie sahen, daß diese Pflanze am Weihnachtsabend blühte, wo alle andern Blumen tot waren, da erkannten sie, daß sie wirklich von Abt Johannes aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Wald gepflückt war.
Aber der Laienbruder sagte den Mönchen, da nun ein so großes Wunder geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon schicken.
Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hintrat, reichte er ihm die Blumen und sagte: »Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blumen, die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Walde zu pflücken versprochen hat.«
Und als Bischof Absalon die Blumen sah, die in dunkler Winternacht der Erde entsprossen waren, und als er die Worte hörte, wurde er so bleich, als wäre er einem Toten begegnet. Eine Weile saß er schweigend da, dann sagte er: »Abt Johannes hat sein Wort gut gehalten; so will auch ich das meine halten.« Und er ließ einen Freibrief für den wilden Räuber ausstellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte.
Er übergab dem Laienbruder den Brief, und dieser zog damit von dannen, hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Räuberhöhle. Als er am Weihnachtstage dort eintrat, da eilte ihm der Räuber mit erhobner Axt entgegen. -- »Ich will euch Mönche niederschlagen, so viele euer auch sind!« rief er. »Sicherlich hat sich um euretwillen der Göinger Wald in dieser Nacht nicht in sein Weihnachtskleid gehüllt.«
»Es ist einzig und allein meine Schuld,« sagte der Laienbruder, »und ich will gerne dafür sterben. Aber zuerst muß ich dir eine Botschaft von Abt Johannes bringen.« Und er zog den Brief des Bischofs heraus und verkündete ihm, daß er nicht mehr vogelfrei sei, und zeigte ihm das Siegel Absalons, das an dem Pergamente hing. -- »Fortab sollst du mit deinen Kindern im Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest unter den Menschen feiern, wie es der Wunsch des Abtes Johannes war,« sagte er.
Da blieb der Räubervater stumm und bleich stehen, aber die Räubermutter sagte in seinem Namen: »Abt Johannes hat sein Wort getreulich gehalten, so wird auch der Räubervater das seine halten.«
Doch als der Räubervater und die Räubermutter aus der Räuberhöhle fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort einsam im Walde unter unablässigem Gebet, daß sein hartes Herz ihm verziehen werde.
Und niemand darf ein strenges Wort über einen sagen, der bereut und sich bekehrt hat, wohl aber kann man wünschen, daß seine bösen Worte ungesagt geblieben wären, denn nie mehr hat der Göinger Wald die Geburtsstunde des Heilands gefeiert, und von seiner ganzen Herrlichkeit lebt nur noch die Pflanze, die Abt Johannes dereinst gepflückt hat. Man hat sie Christrose genannt, und jedes Jahr läßt sie ihre weißen Blüten und ihre grünen Stengel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als könnte sie nie und nimmer vergessen, daß sie einmal in dem großen Weihnachtslustgarten erwachsen ist.
Der Wechselbalg
Die Trollin kam durch den Wald geschlichen, ihr Junges hatte sie in einer Rindenbutte, die sie auf dem Rücken trug. Es war groß und häßlich, mit Haaren wie Borsten, nadelscharfen Zähnen und einer Kralle am kleinen Finger; aber die Trollin glaubte natürlich, daß es gar kein schöneres Kind geben könne.
Wie die Trollin so einherging, kam sie zu einer Stelle, wo der Wald sich ein wenig lichtete. Ein Weg lief hier durch, holperig und schlüpfrig von Baumwurzeln, die sich darüber schlangen wie ein geknüpftes Netz. Und über den Weg kamen ein Bauer und sein Weib geritten.
Zuerst wollte die Trollin wieder in den Wald fliehen, damit niemand sie zu Gesicht bekomme, aber plötzlich bemerkte sie, daß die Bäuerin ein Kind auf dem Arme trug, und da wurde sie andern Sinnes. Sie schlich sich näher zum Weg heran und versteckte sich hinter einem Haselstrauch. »Ich will doch sehen, ob das Menschenkind ebenso schön sein kann wie meines,« dachte die Trollin.
Aber in ihrem Eifer streckte sie sich zu weit aus dem Busch vor, und als die Reitenden sich näherten, erblickten die Pferde den großen schwarzen Trollkopf. Sie erschraken, stellten sich auf die Hinterbeine, scheuten und gingen durch. Fast wären der Bauer und sein Weib abgeworfen worden. Sie stießen einen Schrei aus, beugten sich vor, um die Zügel anzureißen, und waren im nächsten Augenblick verschwunden.
Die Trollin grinste vor Wut. Jetzt hatte sie das Menschenkind kaum zu Gesicht bekommen. Aber plötzlich wurde sie wieder seelenvergnügt, denn da lag ja das Kind gerade vor ihr auf der Erde. Es war der Bäuerin aus dem Arm gefallen, als die Pferde durchgingen.
Das Kind lag auf einem Haufen dürrer Blätter und war ganz unversehrt. Es schrie laut vor Schrecken über den Fall; aber als die Trollin sich darüber beugte, schien es so belustigt über den erstaunlichen Anblick, daß es verstummte und lächelte und das Händchen ausstreckte, um sie an ihrem schwarzen Bart zu zupfen.
Aber die Trollin stand ganz verblüfft da und betrachtete das Menschenkind. Sie sah die kleinen Händchen an mit den rosenroten Nägeln, die klaren blauen Äuglein und das kleine Mündchen. Sie befühlte das weiche Haar, strich über die Wangen und wußte sich vor Staunen gar nicht zu fassen, daß ein Kind so rosig und weich und fein sein könnte.
Plötzlich riß die Trollin ihre Rindenbutte vom Rücken, holte ihr eignes Junges heraus und setzte es neben das Menschenkind. Und, als sie nun sah, welcher Unterschied zwischen den beiden war, konnte sie es nicht lassen, vor Wut laut aufzuheulen.
Unterdessen hatten der Bauer und sein Weib ihre Pferde wieder gebändigt, und sie kamen nun zurück, um ihr Kind zu suchen. Als die Trollin sie herankommen hörte, kamen ihr fast die Tränen, denn sie hatte sich noch lange nicht an dem Menschenkind satt gesehen. Sie blieb sitzen, bis die Reitenden fast in Sehweite waren, da faßte sie einen raschen Entschluß. Sie ließ ihr Junges am Wegesrand liegen, aber das Menschenkind steckte sie in ihre Rindenbutte und lief damit in den Wald.
* * * * *
Kaum war die Trollin in den Wald verschwunden, als der Bauer und seine Frau zum Vorschein kamen.
Es waren prächtige Bauersleute, reich und geachtet und mit einem schönen Hof am Fuße des Waldhügels. Sie waren schon viele Jahre verheiratet, aber sie hatten nur dieses einzige Kindchen. Man kann sich also denken, wie sehr ihnen am Herzen lag, es wieder zu finden.
Die Frau war dem Manne um ein paar Pferdelängen voraus und erblickte zuerst das Kind, das am Wegesrand lag. Es schrie aus Leibeskräften, um die Trollin zurückzurufen, und die Bäuerin hätte schon an dem Geheul merken können, was für ein Kind das war. Aber sie hatte solche Angst ausgestanden, daß der Kleine sich im Fallen erschlagen haben könnte, daß sie bei dem Geschrei nur dachte: Gott sei Dank, daß er am Leben ist. »Da liegt das Kind,« rief sie dem Manne zu und glitt aus dem Sattel und lief auf das Trolljunge zu.
Als der Bauer zur Stelle kam, saß die Frau am Wegesrand und drehte das Kind hin und her und sah aus wie jemand, der seinen Sinnen nicht trauen kann. »Mein Kind hatte doch nicht Zähne wie die Stacheln,« sagte sie, und ihre Stimme drückte immer größeren und größeren Schrecken aus; »mein Kind hatte doch nicht Haare wie Schweinsborsten, mein Kind hatte doch keine Kralle am kleinen Finger.«
Der Bauer konnte nichts andres glauben, als daß sein Weib verrückt geworden sei, und sprang nun auch vom Pferde. »Sieh das Kind an und sag, ob du begreifen kannst, wie es sich so verändert hat,« sagte die Frau und reichte es ihm. Er nahm es aus ihren Händen, aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er dreimal ausspuckte und es von sich schleuderte. »Das ist doch ein Trolljunges,« rief er. »Das ist nicht unser Kind.« Die Frau saß noch immer am Wegesrand. Sie war nicht rasch von Gedanken und konnte nicht erraten, was sich begeben hätte. »Aber was tust du denn mit dem Kinde?« fragte sie. »Ja, merkst du denn nicht, daß das ein Wechselbalg ist?« sagte der Mann. »Die Trolle haben die Gelegenheit benutzt, als unsere Pferde durchgingen. Sie haben unser Kind gestohlen und eines von ihren eignen dafür hingelegt.« -- »Aber wo ist denn dann jetzt mein Kind?« fragte die Frau. -- »Das ist eben bei den Trollen,« antwortete der Mann.
Nun begriff die Frau endlich das ganze Unglück. Sie erbleichte, und der Mann glaubte, daß sie auf der Stelle ihren Geist aufgeben würde.
»Unser Kind kann ja nicht weit fort sein,« sagte der Mann und versuchte sie zu beschwichtigen, obgleich er selbst nicht viel Hoffnung hatte. »Wir wollen in den Wald gehen und es suchen.« Damit band er die Pferde an einen Baum und begab sich in das Dickicht. Die Frau stand auch auf, um ihm zu folgen, als sie bemerkte, daß das Trolljunge auf dem Boden lag und jeden Augenblick von den Pferden totgetrampelt werden könnte, die über seine Gegenwart unruhig schienen und einmal ums andre wild nach hinten ausschlugen. Sie schauderte bei dem Gedanken, den Wechselbalg anrühren zu müssen, aber sie schob ihn doch so, daß die Pferde ihn nicht zertreten konnten.
»Hier liegt die Schelle, die unser Kind in der Hand hatte, als du es fallen ließest,« rief der Bauer aus dem Wald. »Jetzt weiß ich, daß ich auf der rechten Spur bin.« Die Frau eilte ihm nach, und sie gingen in den Wald und suchten lange und eifrig. Aber sie fanden weder Kind noch Troll; und als die Dämmrung einbrach, mußten sie zu ihren Pferden zurückkehren.
Die Frau weinte und rang die Hände. Der Mann ging mit aufeinandergepreßten Lippen und sagte nicht ein Wort, um sie zu trösten. Er war aus altem gutem Stamm, der erloschen wäre, wenn er nicht einen Sohn bekommen hätte. Er ging jetzt einher und zürnte der Frau, weil sie das Kind hatte zu Boden fallen lassen. Sie hätte es doch vor allem andern festhalten müssen. Aber als er sah, wie betrübt sie war, brachte er es nicht übers Herz, sie zu tadeln.
Der Bauer hatte der Frau in den Sattel geholfen, als ihr der Wechselbalg einfiel. »Was sollen wir aber mit dem Trolljungen anfangen?« rief sie. -- »Ja, wo ist denn das hingekommen?« sagte der Mann. -- »Es liegt dort unter dem Busch.« -- »Da liegt es ja ganz gut,« sagte der Mann und lächelte bitter. -- »Wir müssen es aber doch mitnehmen. Wir können es doch nicht hier in der Wildnis lassen.« -- »Doch, das können wir sehr gut,« sagte der Bauer und setzte den Fuß in den Steigbügel.
Die Frau fand, daß der Mann eigentlich ganz recht hätte. Sie brauchten sich doch nicht des Trollkindes anzunehmen. So ließ sie das Pferd ein paar Schritte machen. Aber sie war von weicher und warmherziger Gemütsart, und plötzlich war es ihr ganz unmöglich, weiterzureiten. »Nein, es ist ja doch ein Kind,« sagte sie. »Ich kann es nicht hier lassen, den Wölfen zum Fraße. Du mußt mir den Jungen reichen.« -- »Das tu ich nicht,« sagte der Mann. »Er liegt ganz gut, wo er liegt.« -- »Wenn du ihn mir nicht jetzt bringst, so muß ich heute abend wieder herkommen und ihn holen,« sagte die Frau. -- »Mir scheint, es ist nicht genug, daß die Trolle mir meinen Knaben gestohlen haben,« sagte er, »sie haben auch noch meinem Weibe den Kopf verdreht.« Aber dabei hob er doch das Kind auf und reichte es der Frau, denn er hatte eine große Liebe zu ihr und war es gewohnt, ihr in allem zu Willen zu sein.
Am nächsten Tage war das Unglück im ganzen Kirchspiel bekannt, und alle, die alt und klug waren, eilten in die Hütte des Bauern, um gute Ratschläge zu geben. »Wer einen Wechselbalg im Hause hat, muß ihm jeden Tag mit einem derben Stecken Schläge geben,« sagte eine der Alten. »Warum soll man denn so übel mit ihm umgehen?« fragte die Bäuerin. »Freilich ist er häßlich, aber er hat doch nichts Böses getan.« -- »Ja, wenn man das Junge schlägt, bis das Blut fließt, dann kommt schließlich die Trollin herangesaust, wirft einem das eigne Kind zu und nimmt ihres mit. Ich weiß viele, die es so gemacht haben, um ihr Kind wieder zu bekommen.« -- »Aber diese Kinder sind dann nicht lange am Leben geblieben,« sagte eine der alten Frauen; und die Bäuerin dachte bei sich selbst, daß sie dieses Mittel nicht anwenden könnte. Das wäre ihr unmöglich gewesen.
Gegen Abend, als die Bäuerin mit dem Wechselbalg allein in der Stube war, begann sie sich auf einmal so heftig nach ihrem eignen Kinde zu sehnen, daß sie gar nicht wußte, wo aus noch ein. »Vielleicht sollte ich doch das versuchen, was sie mir geraten haben,« dachte sie, aber sie konnte sich doch nicht entschließen.
In demselben Augenblick kam der Mann mit einem Stock in der Hand in die Stube und fragte nach dem Wechselbalg. Da sah die Frau, daß der Mann den Rat der klugen Frauen befolgen und das Trollkind prügeln wollte, um sein eignes zurückzubekommen. »Es ist gut, daß er es tut,« dachte sie. »Ich bin zu dumm. Ich könnte nie ein unschuldiges Kind schlagen.«
Aber kaum hatte der Mann dem Trollkind einen Hieb versetzt, als die Frau herbeistürzte und ihn am Arm packte. »Nein, schlag nicht, schlag nicht!« bat sie. -- »Du willst wohl dein eignes Kind nicht wieder haben?« sagte der Mann und versuchte sich loszumachen. -- »Freilich will ich es wieder haben, aber nicht auf diese Art,« sagte die Frau. Der Mann erhob den Arm zu einem neuen Schlag, aber ehe er fiel, hatte sich die Frau auf das Kind geworfen, so daß der Hieb ihren Rücken traf. »Gott schütze mich,« sagte der Mann, »jetzt sehe ich, du willst dich so anstellen, daß unser Kind all sein Lebtag bei den Trollen bleiben muß.« Er blieb stehen und wartete, aber die Frau blieb vor ihm liegen und schützte das Kind. Da warf der Mann den Stock fort und ging unmutig aus der Stube. Er wunderte sich später, daß er seinen Vorsatz nicht seinem Weibe zum Trotz durchgeführt hatte, aber wenn sie da war, bezwang ihn irgend etwas: er konnte ihr nicht zuwiderhandeln.
Ein paar Tage vergingen in Schmerz und Trauer. Was die Bäuerin am meisten quälte und ihren Kummer verdoppelte, war, daß sie für dieses Trollkind zu sorgen hatte. Um seinetwillen hatte sie so bitter zu leiden, daß es ihr fast die Kraft nahm, ihr eignes Kind zu betrauern.
»Ich weiß rein nicht, was ich dem Wechselbalg zu essen geben soll,« sagte sie eines Morgens zu ihrem Mann. »Er will nichts kosten, was ich ihm vorsetze.« -- »Das ist nicht zu verwundern,« sagte der Mann. »Du wirst doch schon gehört haben, daß die Trolle nichts anderes essen als Frösche und Mäuse.« -- »Aber du kannst doch nicht verlangen, daß ich zum Froschsumpf gehe und ihm dort das Essen hole,« sagte die Frau. -- »Nein, ich verlange nichts dergleichen,« antwortete der Bauer. »Ich finde, es wäre am besten, wenn er verhungern würde.«
Die ganze Woche verging, ohne daß die Bäuerin imstande war, das Trolljunge zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen. Es schrie nur, wie es da in seiner Wiege lag, und wurde so elend und mager, daß kaum noch etwas von ihm übrig blieb. Rings um ihn stellte die Bäuerin alles mögliche gute Essen auf, das sie nur bereiten konnte; aber der Wechselbalg fauchte und spuckte nur, wenn sie ihn überreden wollte, etwas von den Leckerbissen zu kosten.
Eines Abends, als das Trollkind so aussah, als sollte es Hungers sterben, kam die Katze mit einer Maus zwischen den Zähnen in die Stube gelaufen. Da riß die Bäuerin der Katze die Maus aus dem Rachen, warf sie dem Kind hin und verließ hastig die Stube, um nicht sehen zu müssen, wie das Trolljunge aß.
Aber als der Bauer merkte, daß die Frau wirklich anfing, Frösche und Spinnen für den Wechselbalg zu sammeln, da begann er einen solchen Abscheu vor ihr zu empfinden, daß er ihn kaum verbergen konnte. Er konnte sich nicht überwinden, ihr ein freundliches Wort zu sagen; und wäre nicht jene wunderliche Macht gewesen, die sie über ihn besaß, so hätte er sie sogleich verlassen.
Auch die Dienstleute begannen der Bäuerin Ungehorsam und Unehrerbietigkeit zu zeigen, ohne daß der Bauer sich darum kümmerte.
Die Frau merkte bald: wenn sie fortführe, den Wechselbalg in Schutz zu nehmen, würde sie es mit ihrem Manne, dem Gesinde und den Nachbarn sehr schwer haben; aber sie war nun einmal so: wenn es jemand gab, den alle andern haßten, mußte sie ihre äußerste Kraft aufbieten, um einen solchen armen Wicht zu schützen. Und je mehr sie um des Wechselbalgs willen litt und sich quälte, desto getreulicher wachte sie darüber, daß ihm nichts Böses widerfahre.
Ein paar Jahre später an einem Vormittag saß die Bäuerin allein in der Stube und nähte Flicken um Flicken auf ein kleines Kinderkleid. »Ach ja,« dachte sie, während sie so nähte, »der hat keine guten Tage, der für ein fremdes Kind sorgen muß.«
Sie nähte und nähte, aber die Löcher waren so groß und so zahlreich, daß ihr die Tränen in die Augen kamen, wenn sie sie ansah. »Aber so viel weiß ich,« dachte sie, »wenn ich meines eignen Sohnes Kittelchen flickte, da wollte ich die Löcher nicht zählen.«
»Ich habe es doch gar zu schwer mit dem Wechselbalg,« dachte die Bäuerin, als sie ein neues Loch entdeckte. »Das Beste wäre schon, wenn ich ihn tief in den Wald führte, so tief, daß er nicht mehr heimfinden könnte, und ihn dort zurückließe.«
»Obgleich ich mir gar nicht so viele Mühe zu geben brauchte, um ihn los zu werden,« fuhr sie nach einem Weilchen fort. »Ich brauchte ihn nur einen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen, dann würde er schon im Brunnen ertrinken oder im Herde verbrennen oder vom Hunde gebissen oder von den Pferden gestoßen oder von den Knechten erschlagen werden. Ja, es wäre ein Leichtes, ihn los zu werden, denn ausgelassen und schlimm ist er, und es gibt keinen, der ihn nicht haßte. Ich glaube, wenn ich ihn nicht beständig um mich hätte, würde gleich jemand die Gelegenheit benützen und ihn umbringen.«
Sie ging hin und sah das Kind an, das in einer Ecke der Stube lag und schlief. Es war sehr gewachsen und sah nun noch viel häßlicher aus, als da sie es zum ersten Male erblickt hatte. Es hatte große, wulstige Lippen, die Augenbrauen waren wie zwei steife Bürsten, und die Haut war ganz braun.
»Deine Kleider flicken und über dich wachen, ginge wohl noch an,« dachte sie. »Wenn ich deinetwegen nicht schlimmere Sorgen hätte. Es ist ja fast, als hätte ich den Verstand verloren, daß ich so viel um dich leide, wo du doch nichts andres bist als ein widerwärtiger Troll. Mein Mann verabscheut mich, die Knechte verachten mich, die Mägde höhnen mich, die Katze faucht mich an, der Hund knurrt, wenn er mir begegnet; und an dem allen bist du nur schuld.«
»Aber daß Tiere und Menschen mich hassen, ist noch nicht das Schlimmste,« fuhr sie nachdenklich fort. »Das Schlimmste ist, daß ich mich jedesmal, wenn ich dich ansehe, um so mehr nach meinem eignen Sohn sehne. O, mein liebes Kind, mein allerliebstes Goldkind, wo bist du jetzt? Schläfst du jetzt bei der Trollin auf Moos und Reisig?«
Da ging die Tür auf, und die Frau begab sich wieder zum Tisch und setzte sich zu ihrer Näherei. Es war ihr Mann, der eintrat. Er hatte ein lächelndes Gesicht und sprach mit freundlicherer Stimme als seit langer Zeit.
»Heute ist im Nachbardorf Jahrmarkt,« sagte er. »Wie wär es, wenn wir hingingen?«
»Ach, das wollte ich gar so gerne,« sagte die Frau und wurde sehr froh.
»Nun, dann mach dich rasch fertig,« sagte der Mann. »Wir müssen zu Fuß gehen, denn die Pferde sind bei der Arbeit. Aber wir kommen noch zurecht, wenn wir den Weg über den Hügel nehmen.«
Ein kleines Weilchen später stand die Frau in Feiertagskleidern auf der Schwelle. Das war das Freudigste, was ihr nun schon seit Jahren begegnet war, und sie hatte das Trollkind völlig vergessen. »Aber,« dachte sie ganz plötzlich, »vielleicht will mein Mann mich nur fortlocken, damit einer der Knechte das Trollkind erschlagen kann, während ich nicht daheim bin.« Sogleich ging sie in die Stube und kam mit dem großen Trolljungen auf dem Arm zurück.
»Kannst du den Wechselbalg nicht daheim lassen?« fragte der Mann, aber er lachte dabei und war ganz sanft. -- »Nein, ich traue mich nicht, von ihm fortzugehen,« sagte sie. »Ja, das ist deine Sache,« sagte der Bauer, »aber es wird dir schwer werden, solch' einen Bengel den Hügel hinaufzuschleppen.«
Sie begannen nun ihre Wanderung, aber es ging steil aufwärts, man mußte einen hohen Gebirgsgrat erklimmen, ehe man in das benachbarte Dörfchen kam.