Part 9
Der Morgen verging in Vorbereitungen zur Abreise nach Brussa. Ich soll nach Asien ehe die Sommerhitze einfällt. Nachmittags setzten wir uns bei Top-Hane in’s Kaik, um durch das Goldene Horn nach Ejub, einer Vorstadt und Begräbnißstätte Stambuls, zu fahren. -- Das Goldene Horn! Wie schön der Name klingt, und wenn man diese Bucht mit werthvollen Schiffen gefüllt und von volkreichen Städten umschlossen sieht, erkennt man ihn auch als berechtigt und durch die Natur der Dinge gegeben. Ueber seinen Ursprung und sein Alter finde ich nirgends eine Nachricht aufgezeichnet; über seine Bedeutung schon bei den alten Schriftstellern die mannigfaltigsten Auslegungen. Dem Einen hieß die Bucht Chrysokeras, weil sie wie ein Füllhorn des Ueberflusses sei; dem Anderen, wie dem Strabo zum Beispiel, weil sie einem Hirschgeweihe gleiche. Dem Füllhorn ist sie, mit einiger Phantasie gesehen, auch heute noch ähnlich; dem Hirschgeweihe nicht mehr, weil die kleinen Buchten, die Aeste, in die sie sich sonst getheilt haben soll und die unter den Kaisern zu den vielen kleinen Hafenanlagen gedient haben mögen, von denen in den byzantinischen Geschichtschreibern die Rede ist, ihr heute fehlen. Die verschiedenen Eroberungen und Zerstörungen der Stadt werden diese Zweige verschüttet und dem Ufer gleich gemacht haben. Ich habe übrigens zu den Vermuthungen und Auslegungen über die Entstehung und die Bedeutung des Chrysokeras meine eigenen selbst erfundenen hinzuzufügen. Seit den ältesten Fabelzeiten war an diesen Küsten der Dienst der Hekate der besonders gefeierte. Das Zeichen dieser Göttin, der Halbmond mit den Sternen, wurde das Wappenbild der Stadt, die Byzaz hier gegründet, und mit ihr das der Römer und der Türken. Liegt es nicht nahe, daß dieser Halbmond, der den Alten so gut als uns Neuen Κέρας, Horn, hieß, nicht auch der ihm so ähnlich geformten Bucht den Namen gegeben und sich wie das Wappen von diesem uralten allen gemeinsamen Ursprunge her durch die ganze Folge der Landeigenthümer bis auf den heutigen vererbt habe? Dieser Vermuthung über die Entstehung des Κέρας steht nun freilich meine sprachliche Auslegung des Wortes entgegen. Indeß da mich nichts zu einer Wahl zwingt, so mögen immerhin beide Deutungen neben einander stehen. Ich finde nämlich, daß das Wort Κέρας den Griechen nicht blos Horn oder Geweih, sondern jede Krümmung überhaupt und so auch ganz einfach den Arm eines Flusses bedeutet habe; dann hätten sie mit Κρυσοκέρας nichts sagen wollen, als der goldene Arm des flußähnlichen Bosporus. Und so ist dieses Stück See und seine Bucht wirklich gestaltet. Wer zu seinen Füßen sich das schwarze Meer denkt und den rechten Arm ausstreckt, der stellt mit seinem Körper ungefähr den Bosporus und das goldene Horn vor. Denn keine der andern Buchten des Bosporus tritt im Vergleiche zu der des goldenen Horns merklich tief aus der Hauptrichtung des Bettes in die Ufer hinein, und das goldene Horn ist im Verhältniß zum Bosporus ziemlich gleich schmal und lang, wie der Arm zum Körper. Auf eine Länge von 4000 Klafter oder 2 Stunden kömmt eine Breite von nur 500 Klafter oder ¼ Stunde, die an einzelnen Stellen noch mehr zusammenschrumpft. Das bildet eine sonderbare Gestaltung, die auch auf der Landkarte gleich als solche auffällt. Ich weiß ihr in allen fünf Welttheilen kein Gegenstück zu finden. Aber nicht blos um seiner Sonderbarkeit, auch um seiner Schönheit und Bequemlichkeit willen ist dieser Golf ohne seines Gleichen in der Welt. Größer und zugleich sicherer ist kein anderer Hafen. Die tiefstgehenden Kriegsschiffe können an den Häusermauern ihre Anker werfen, und der Strom, der aus dem schwarzen Meere kömmt, fegt ihn, indem er seine Ufer im Bogen umkreist, rein von all’ dem unvermeidlichen Unrathe einer großen Stadt. Nie war eine Säuberung, eine Ausbaggerung nothwendig; die Natur und die Menschen helfen zusammen, das Horn zu einem wahrhaft goldenen zu machen.
Die zwei Schiffbrücken, die heute darüber liegen, haben es in drei Häfen abgetheilt. Der erste, eigentlich die Mündung des goldenen Hornes in den Bosporus, ist beinahe ausschließlich mit Dampfbooten gefüllt; der zweite, zwischen den beiden Brücken, gehört den Segelschiffen des Handels, die an beiden Ufern in Reihen vor einander ankern, und der dritte, bis nach Ejub und den süßen Wässern, ist der kaiserlichen Kriegsmarine vorbehalten. Nach dem Gedränge in den beiden andern erscheint er stille und leer, denn größere Schiffe liegen nur vor dem Arsenale auf der Seite von Pera. In jedem besorgen besondere Dampfer den Verkehr die Ufer entlang und von einem zum andern hinüber. Nur dem zweiten und dritten Hafen dienen einzelne Dampfer gemeinschaftlich; die legen dann unter der zweiten Hafenbrücke den Rauchfang um. Das Abstoßen, Landen und das Fahren selbst geht weit schneller und behender, als das auf unseren Flüssen und Landseen gewagt wird. Und doch wird dabei so große Vorsicht beobachtet, daß ich Dampfschiffe den kleinen Kaiks ausweichen, plötzlich stille stehen, den Lauf verdoppeln sah, um sie vorüber zu lassen oder zu überholen. Es war, als habe das dampfende Ungethüm nur einer gelenkigen Hand und nicht einer umständlichen Maschine zu folgen. Der Verkehr ist ein ungeheurer und stellt den Volksreichthum dieser großen Stadt recht eindringlich vor die Augen. An den Durchlaß-Oeffnungen der Brücken drängt er sich am auffälligsten zusammen. Jede Brücke hat deren zwei, die eine näher dem Ufer Stambuls für die Fahrt in das goldene Horn, die andere näher dem Ufer Pera’s für die Fahrt aus demselben.
Die Sonne war warm, die Wasserfläche glänzend wie Silber und mein Sinn heiter wie der blaue Himmel. Im leichten Kahn zwischen zwei lachenden Ufern auf glattem Wasser dahin zu fliegen, wahrlich es ist ein Bild der Sorgenlosigkeit und gibt sie zuletzt selbst dem Gemüthe. Ich ließ mir wieder die Namen der größeren Moscheen nennen. Es sind die ihrer Erbauer, wie bei unseren Kirchen gewöhnlich die ihrer Schutzpatrone; das waren die Sultane von den großen, die wie Hügel auf den sieben Hügeln Stambuls sich erheben. So haben Mohammed der Eroberer, Bajasid II., Selim I., Soleiman der Große und Achmed I. sich die Unsterblichkeit auch durch die Steine festzuhalten gesucht. Diese größern, die von Kuppeln gedeckt, von Minareten bewacht und von wohlthätigen Anstalten umrungen sind, nennen die Türken ~Djami~, d. i. Versammlungsort; die kleinen, die häufig sogar von Holz, aber nie ohne wenigstens ein Minaret sind, ~Medjid~, Bethaus. Aus dem letzteren mag sich der Europäer das sonst ganz unerklärliche und dem Türken unverständliche Wort Moschee gebildet haben. Indeß was liegt an dem Laute, wenn er nur den Gedanken verdolmetscht.
Auf dem Ufer von Stambul, hart am Saume des Wassers, erregte ein Haus mein Erstaunen, das, aus Holz gebaut, mit Latten verschlagen, vier Fenster breit, sich vor den andern ohnedem nicht überaus lothrechten, durch eine solche Neigung nach links auszeichnet, daß seine Querlinien beinahe in die ursprünglich senkrechten gerückt sind. Nicht eine Stunde würde unsere Bauordnung diese Uebertretung ihrer Vorschriften ungestraft und das Haus bewohnt lassen. Hier leben und, wie die Vorhänge verriethen, ganz wohlhabende Leute darinnen, und leben, was das allerärgste ist, seit 25 Jahren unbehelligt und vielleicht sicherer als in einem bauordnungsmäßig construirten Hause. Es erfüllt seinen Zweck und erscheint darum dem Eigenthümer und der Polizei vorwurfsfrei. Bei uns verliert man den gerne in der Sorge um das Nebensächliche, und insbesondere sind es unsere Gesetze, die, um den Beamten Futter zu geben, ganz ähnlich der Martha des Evangeliums, sich viele Sorge und Mühe um das Ueberflüssige machen, und darüber das Eine, was uns Noth that, vergessen. Im Staatswesen könnte eben auch die heil. Schrift öfter zu Rathe gezogen werden, als das der Unglaube unserer Zeit erlaubt.
Der Landungsplatz von Ejub war menschenleer, und leer und stille war die eigenthümliche Straße, die sich vor uns aufthat. Der Boden ist mit saubern Steinen gepflastert, und zu beiden Seiten stehen hohe Mauern aus weißem Marmor, die durch Halbsäulen und Rundbogen architektonisch gegliedert, und an den Enden, und ab und zu in der Fronte durch vorspringende Mausoleen unterbrochen sind. In die Rundbogen, die alle offen sind, und in die Fenster der Mausoleen sind vergoldete Gitter eingesetzt; dahinter liegt dichtes, beinahe undurchdringlich verwachsenes Rosengebüsch und darüber das Gewölbe uralter Platanen, Ahorne und Maulbeerbäume. Das ist eine Stadt der Todten, aber ohne jeden Schrecken des Todes, ein Zaubergarten des Schlafes, der in Ruhe und Vergessenheit die Müden beherbergt, bis die Posaunen der Auferstehung sie zu einem neuen aber besseren und endlosen Leben erwecken. In den Grabkapellen, die im Türkischen ~Türbe~ heißen, sah ich hohe Sarggerüste aufgebahrt, kostbare Shawls darüber gehängt, den Boden mit persischen Teppichen belegt und zu Häupten des Gerüstes einen Turban so um einen Pflock geschlungen, wie ihn der Begrabene zu Lebzeiten getragen. Der Leichnam ist in die Erde versenkt, darüber aus Stein oder Ziegelplatten eine Art Sargdeckel gemauert und erst darauf das hohe Holzgerüste gestellt. Um und neben ihm liegen unter kleineren Sarkophagen seine Frau und Kinder. Aber nur die Mächtigsten und Reichsten können sich solche Türbes bauen; die Anderen, und auch unter diesen sind hier Viele, die in der Geschichte dieses Volkes genannt werden, liegen im Freien unter Marmorplatten und Rosensträuchern, manche auch noch durch vergoldete Gitter von ihren Nachbarn getrennt; dann haben sich die Rosen und Blumen daran noch höher geschlungen und die Todten darunter noch tiefer begraben. Wie wenn ich selbst schon in eine andere Welt entrückt wäre, so abgekehrt von allem Gewöhnlichen wurden meine Gedanken, als ich durch diese sonderbare, stille, geheimnißvolle Gasse schritt. Der Duft der Blüthen hatte mich betäubt und ihr blasser Farbenschmelz mich entzückt. Schöner und duftiger als hier habe ich die Rosen nirgends gefunden; der Name Rosenthal, der so oft mißbraucht wird, sollte dem Thale von Ejub ausschließlich gehören.
Wir stiegen nun den Berg und dann von rückwärts seine Höhe hinauf. Dort sind dem Laubholze auch Cypressen beigemischt. Wildes Schlinggewächse hat sie unterschiedlos Ast an Ast, Baum an Baum gebunden, und Gräber schlafen auch da unter ihren Schatten. Der Nachmittag war uns heiß geworden, und der Weg steil und beschwerlich. Aber jedes Unbehagen schwand, als das spähende Auge den ersten Ausblick zwischen den Cypressenstämmen über die Gräber hin auf die große Ferne fand. Wie vom Blitze getroffen stand ich da, denn großartiger und freundlicher zugleich hatte ich die Welt nirgends gesehen. Vor mir lag das goldene Horn in seiner ganzen Länge bis zum Bosporus mit Schiffen, mit dem reichen Verkehre dieser Weltstadt bedeckt; auf seinen beiden Seiten die Höhenzüge von Stambul und Pera weit wie zu einer Umarmung hinausgestreckt, und Farben auf Land und Meer so lebensvoll, wie das Roth auf den Wangen rosiger Jugend. Es war das glänzendste, das prächtigste Bild des Lebens voll Luft und Rührigkeit, und um mich, damit ich es ungestört betrachte, die Lautlosigkeit der Gräber. Es ist ein friedebringendes Gefühl, überall Leben zu sehen und keines mehr zu hören; das läßt uns dieser Welt und löst uns doch los von dem Gewichte ihrer Ketten. Wir stehen in aber über ihr, und Zufriedenheit zieht in die Seele ein, wie sie sie sonst nur von dem versprochenen Jenseits hofft. Ob so nicht auch von dort herab der Blick auf unsere Erde fällt? Das wäre ein Mitleben der theuern Abgeschiedenen, ohne ein Mitleiden zu sein.
Ich warf mich um zu ruhen auf den grünen Boden nieder. Im Thale unter mir, zurückgezogen in eine Einbuchtung der Hügel, stand die Moschee von Ejub. Nur ihre Kuppel und ihre Minarete langten aus den Baumwipfeln nach dem Lichte und dem Lärmen des Tages hervor. Sie verstecken das Grab eines Heiligen. Denn Ejub, der bei der dritten Belagerung Constantinopels durch die Araber die Fahne des Propheten vertheidigend fiel, soll dort eingescharrt worden sein. Als dann bei der zehnten und letzten Belagerung der Stadt durch die Mohammedaner der Muth der Angreifer eben nachlassen wollte, stärkte sie die rechtzeitige Wiederauffindung seiner Gebeine, und die Erinnerung an den Helden half mit die Stadt erobern. Dem Wunder und dem Helfer zum Gedächtnisse baute Mohammed II. die Moschee dahin. In ihr beginnt jeder Sultan mit der Umgürtung des Schwertes seine Regierung; denn nicht der Schein der Macht, Krone und Scepter, das Schwert, das wirklich trifft und tödtet, ist das Herrscherzeichen der heutigen Kaiser des Ostens. Ringsherum ist Berg und Thal dem Osmanen geweihter Grund, darin zu ruhen der sehnsüchtige Wunsch seines Lebens. Wer die Mittel zusammenbringt, baut sich selbst in Ejub sein Grab. Besonders sind es viele Gelehrte, Gesetzgeber, Männer von der Feder, die das erreicht haben. Von Kriegsleuten, die auch Europa kennt und gefürchtet hat, liegen Sokolli Mohammed Pascha, der Eroberer von Szigeth, und Kara Mustapha, der Eroberer von Cypern, hier. Uebrigens setzen auch in Ejub die Mohammedaner nur eine Tradition fort, die lange vor ihnen begonnen hatte. Immer war sein Boden ein heiliger; unter den Christen dem heiligen Mamas, der Kirche, Kloster, Palast und Rennspiele darauf hatte, und unter den Heiden dem Vater Zeus. Und immer wird er es bleiben, weil das Thal eine jener gottgezeichneten Gegenden ist, die sich der Schöpfer selbst zu seiner Wohnstätte geschaffen zu haben scheint.
Zurück gingen wir durch den Ort; lauter niedere Holzhäuser, nicht anders als unsere schlechtesten Dorfhütten; sie sind unten offen, rührige Menschen bei ausdauernder Arbeit darin. Kein träges Zusammenlegen der Hände und neugieriges Aufschauen der Augen, um die Fremden anzustaunen. Wirklich, so hörte ich später, zeichnet sich diese Vorstadt durch besonders fleißige Bürger aus. Auch um ihrer Hunde willen könnte sie berühmt sein; es gibt dieser Wildlinge dort noch mehr, als in andern Theilen Constantinopels.
III. Brussa und der Olymp.
Reise nach Brussa.
Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.
Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner Ausbreitung.
Mudania, Nachmittags 2 Uhr.
Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe ankerten, stiegen wir auf das des unserigen. Der Kawaß und die Diener, die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren, Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte, ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag erst that sich vor uns der Golf von Mudania auf, zur Rechten die malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde. Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.
Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte. Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien, der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte. Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein. Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht der Dampfer noch zwei weitere Stunden.
Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen. Die Teppiche, die Decken und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte, der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt. Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung, wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches, keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese sind die schönsten.
Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist -- da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat -- so plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten, auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.