Part 8
Gegenüber ist ein Standplatz für Miethpferde. Es sind kleine aber zierliche und, wenn nur etwas geschont, schöne Pferde. Ohne wenigstens einen Tropfen edlen Blutes scheint kein türkisches Pferd zu sein. Die plumpe Rohheit der unserigen, die nicht einmal immer stark ist, fehlt hier den Thieren wie den Menschen. Diese Reitknechte, die mich gleich umringten, mir -- jeder durch einen andern Kniff -- ihre Pferde aufzuschwätzen, wie ausdrucksvoll sprechen ihre Gesichter, und wie anstandsvoll sind ihre Bewegungen! Und welche Mannigfaltigkeit der Physiognomien! Da war ein Blasser mit dunklem Haar und kleinem Schnurrbarte, die Lüderlichkeit hatte ihn offenbar so romantisch zugerichtet, der klopfte gelassen den neuen Sattel seines jungen Schimmels und lockte nur mit den Augen. Ein Anderer, dem aller Verstand im pfiffigen Schlusse der Lippen saß, führte seinen Braunen langsam vorüber und rühmte mir dessen Vorzüge mit italienischen, sogar mit einigen französischen Brocken an. Und ein Dritter, dem die Schönheit auf der Stirne thronte, warf sich auf seinen Fuchsen und jagte davon, mir dessen Schnelligkeit zu beweisen, aber gleich wieder zurückkehrend, damit den Kameraden nicht die Zeit bliebe mich ihm abzugewinnen. Und so ein Dutzend mehr, und jedem hätte man seine besondere Geschichte erfinden können. Dazu die maßvoll gebildete Gestalt; nicht zu klein und engbrüstig, um verächtlich und kränklich, und nicht zu groß und breitschulterig, um bedrohlich und roh zu erscheinen. Wenn sie gingen oder sich in den Sattel schwangen voll gelenkiger Beweglichkeit, und wenn sie sich an das Roß anlehnten oder rauchend auf dem Boden lagen voll ausgeglichener Ruhe. Ihre Kleidung war ärmlich aber wohlanständig, weil sich jeder darin zu Hause fühlte. Eine weite Hose bis zum Knie, eine Jacke, über dem Bauche durch den Shawl zusammengehalten, ein kleiner Turban um die Mütze geschlungen, Arme und Füße nackt, das ist der ganze Reichthum, den diese Nomaden der Gassen Constantinopels auf dem Leibe tragen. Ihre Herren, was bei uns also Stallmeister wären, oder die Reitknechte, welche in den festen Diensten reicher Privatleute stehen, sind kostbarer angezogen. Sie tragen das montenegrinische oder albanesische Kleid, kirschroth oder dunkelblau, über und über mit verschlungener Goldstickerei geziert. Auch solche trieben sich da herum. Nahebei erwarteten Arabats ihre Kunden. Ein Kaffeehaus, das auf einer Terrasse errichtet ist, hatte die seinigen schon in Menge gefunden. Der Menschenstrom aber wälzte sich weiter, jetzt in’s Freie hinaus, sichtlich immer vergnügter, je mehr die Enge der Stadt und des Handwerks hinter ihm zurückblieb, daß mir hier in der Türkei, „wo die Völker auf einander schlagen,“ der Ostersonntag in Göthe’s „Faust“ einfiel.
Rechts von der Straße ist eine große Artilleriecaserne und links ihr Exercirplatz; Recruten übten sich dort. Nur wenige der Leute trugen noch die häßlichen Uniformen nach europäischen Mustern, die meisten waren in der Nationaltracht, welche der neue Sultan seinem Heere zurückgegeben hat. Die weiten Hosen und offenen Jacken kleiden sie weit besser, weil ihre Glieder, die in solcher Zwanglosigkeit aufgewachsen sind, darin das Selbstgefühl einer alten Gewohnheit wiederfinden. Wie sehr diese Tracht übrigens den Werth einer schönen Gestalt erhöht, sah ich an einem Manne der Hundert-Garden des Sultans, der mir entgegen kam. Er war ein Araber in hohen glänzenden Stiefeln, feuerrothen Pumphosen, rother Jacke und rothem Burnus, der in breiten Falten über seinem Rücken bis zu den Fersen hinabfiel. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Burschen. Kaum daß ihm ein Flaum auf der Lippe keimte und sein ganzes Wesen drückte doch schon die Ruhe und die Hoheit des Alters aus. Dabei war sein Auge jugendfrisch und lebenslustig und voll Theilnahme für das Treiben der Menge. Wenn ich Verachtung in seinem Blicke, der mich traf, zu erkennen glaubte, so war das wohl nur, weil ich mich solcher Hoheit gegenüber verächtlich fühlte; dem Jünglinge waren Körper und Geist viel zu gesund, um ein so krankhaftes Gefühl hegen zu können. Wie ein Gott der alten Griechen, der Mensch geworden um mit seinen Mitmenschen zu leben und zu genießen, zu sündigen und zu büßen, so schritt er einher mit mächtig ausgreifenden Schritten. Und so staunte ich ihn an. Nicht anders mögen die Indianer die ersten Weißen bewundert haben. Wie ärmlich erscheint mir danach das, was unsere Salons einen schönen Mann nennen, und wie erbarmungswerth solche Genügsamkeit!
Tiefer in’s Land, wohin die Straße führt, wollte ich nicht. Ich suchte das Meer. Ein blauer Streifen rechts über den Hügeln verrieth es mir. Ich bog von dem Wege ab in die staubigen Felder ein. Diese liegen hier alle unbebaut, wüste, ein trostloser Anblick; aber nur wenige beharrliche Schritte durch den gelben Sand weiter, und ich sah Europa und Asien, den Bosporus und Propontos wieder in all’ der Farbenpracht, die mein Auge seit den letzten Tagen so sehr verwöhnt hat. Unten auf dem Hügel, auf dessen Kuppe ich stand, und seine Hänge hinauf und ihnen entlängst sind von Top-Hane in den Bosporus hinein Stadt an Stadt gereiht: Fündykly, Dolma-Bagdsche mit dem neuen Palaste des Sultans, dessen Höfe und Gärten gerade unter mir waren, Beschicktasch, Tschirraghan etc., eine an der anderen, Haus an Haus, Name an Namen. Gegenüber auf dem asiatischen Ufer Skutari, ausgedehnter und volkreicher als es sich nach irgend einer anderen Seite hin zeigt. Bis tief in den Bosporus, um dessen Buchten und Vorgebirge sind seine Häuser gebaut und hoch die Höhen hinauf seine Villen und Gärten gepflanzt, daß die Stadt Meer und Berge zugleich zu umfassen scheint. Die Seraispitze, einige der ihr zunächst liegenden Moscheen Stambuls und die schiffebeladene Mündung des Goldenen Hornes, die der Strom des Bosporus von Asien scheidet, schließen auf der rechten Seite das Bild. Darüber und grenzenlos weit liegt der Horizont des Marmora-Meeres. Das sind die Umrisse, die mir die Farben fest in dem Gedächtnisse halten müssen. Wie sollte auch die schwarze Tinte das Blau des Meeres, das Grün der Gärten, das Roth der Hügel, den Glanz des Himmels und den Duft der Ferne malen können!? Das kann nur der Dichter, der in der Brust jedes Menschen wohnt und dem Künstler wie dem Leser, dem einen beim Schaffen, dem andern beim Genießen, helfen muß, damit die Bilder wieder werden, wie sie wirklich und greifbar nur die allmächtige Kunst der Natur erschaffen kann.
Ich war ermüdet auf einen Stein am Wege gesunken. Soldaten, türkische Weiber mit ihren Kindern, Griechen im übertriebensten Sonntagsputze der letzten Pariser Mode, Armenier in den langen Pelzröcken ihrer alten Nationaltracht, Menschen aller Nationen und Religionen, die an mir vorüber die Straße von Dolma-Bagdsche hinauf oder hinab stiegen, belebten das Land, das um mich war, und Schiffe, die vom Dampfe, dem Segel oder den Rudern in den Bosporus hinein oder heraus getrieben wurden, belebten das Meer, das wellend im warmen Mittagswinde zu meinen Füßen lag. Drei Fregatten und zwei prächtige Dampfjachten des Sultans ruhten an ihren Anker vor den Fenstern seines Palastes. Gegen Pera zu, nicht allzuweit von meiner Rechten, war der Wald des großen Campo’s; seine Cypressen mahnten wie düstere Ahnungen in den heiteren Frohsinn des sonst so hellen Bildes. Da klang ein anderer, auch ein bekannter Ton in meine Stimmung: der Baccio, ein Walzer, den die Artôt und der sie berühmt gemacht. Eine Musikbande spielte ihn lärmend und tactlos in einem nahen Kaffeehausgarten. Auch in dieser verstümmelten Gestalt hörte ich ihn gerne, weil er angenehme Stunden zurückbrachte. Da kam eine Nacht wieder, die mir in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse liebe Freunde vergnügt hatten; ein Abend im Conversationshause zu Baden-Baden, den schöne Frauen, ein Nachmittag im Mathissongraben des Heidelberger Schlosses, welchen die Einsamkeit beglückt hatte. Denn glücklich, wie die heutige Gegenwart, war jene Vergangenheit gewesen, und dieselbe Melodie knüpfte verwandte Eindrücke an die früheren. So hängt zuletzt eine ganze Kette an dem einzigen Tone, und angeschlagen zittert er Glied um Glied erweckend zurück bis in die entlegenste Jugend. Oft schon, wenn ich diese Macht der Musik so erinnerungskräftig erfahren habe, frag ich, ob sie so nicht auch über das Grab hinaus wirken werde?
Wie sie hier unten aber auch quälen kann, das erfuhr ich gleich darauf, als eine türkische Musikbande in der großen Caserne links von mir über dem Palaste von Dolma-Bagdsche ihre Uebungen begann, denn das sollten diese Dissonanzen vorstellen, die dort geblasen wurden. Und so wenig Musiksinn scheint der Orientale zu haben, daß sich gleich eine Menge Volkes unter den offenen Fenstern sammelte. Damit die Katzenmusik vollstimmig werde, fing nun auch zu meiner Rechten im Kaffeegarten das Orchester wieder an diesmal die schwindsüchtige Sterbearie der Traviata zu spielen. Eines allein hätte ich vielleicht um des längeren Anblickes der schönen Gegend willen erduldet, beides zusammen war für Ohren und Nerven zu viel. So interessant es mir gewesen wäre, einen Trupp Soldaten zu beobachten, die eben nach ihrer Caserne zurück marschirten, ich flüchtete mich. Durch Seitengassen Pera’s suchte ich den Rückweg, langsam und mit vielen Verirrungen, aber doch so, daß ich ihn allein fand. Der Plan Dufour’s erwies sich mir dabei als ganz fabelhaft und nutzlos.
Den 22. Mai, Nachts.
Gleich nach dem Essen, um 9 Uhr Abends, zu einer armenischen Hochzeit. Durch ein Labyrinth von Gassen, die Hügel hinauf und hinab, führte man mich zu einer Kirche, von der man mir sagte, daß sie in der Nähe des Feuerthurmes von Galata sei. Auf dem kleinen Platze vor der Kirche war ein lärmendes Durcheinander von Dienern, Fackel- und Sesselträgern, die ihren Herrschaften den Vorrang erkämpfen wollten. Das Innere der Kirche ist häßlich, ein Viereck durch eine Kuppel gedeckt und durch drei gerade Mauern, auf der vierten Seite durch einen Halbkreis geschlossen, in dem zwischen vier plumpen Säulen der Altartisch steht. Zahlreiche Armleuchter hingen von der Decke und an den Wänden herab. Auf den Boden waren dichte Teppiche gebreitet und Stühle in Reihen neben und hinter einander gestellt. In dieser Anordnung und Beleuchtung glich das eher einem Concertsaale, und so auch sah das Publicum aus. Links die Frauen, rechts die Männer waren alle festlich, die Weiber über und über mit Edelsteinen geschmückt; dem diplomatischen Corps hatte man vorne auf beiden Seiten besondere Plätze vorbehalten. Ich sah von dort aus Alles auf’s beste.
Es war eine Doppelheirat, die eingesegnet wurde. Auf jeder Seite standen Bruder und Schwester. Die Brautleute, die Eltern und die nächsten Anverwandten füllten den Halbkreis vor uns. Die Geistlichen ordneten sie und reihten sich dann dienend um den Altar. Es waren ihrer achte, Alle in hellgrünen, reich mit Silber gestickten Talaren, die in breiten langen Falten, durch keinen Gürtel unterbrochen, vom Halse auf den Boden fielen; ein goldenes Band, eine Art Stola, hing jedem auf der rechten Schulter, und eine gefältete Krause, die beim Halsausschnitte hervorstand, rahmte die dunkeln Köpfe aufs wirkungsvollste ein. In diesem Kleide glich einer der Priester so sehr einem der schönsten Porträte Paolo Veronese’s, daß mich die Aehnlichkeit während der ganzen Feier mehr als alles übrige beschäftigte. Wie er da sorgend herumging, bald artig die Brautleute belehrte, wie sie sich bei den Ceremonien zu benehmen hätten, bald herrisch den Dienern winkte, die silbernen Teller mit den Kränzen zu bringen, war es, als sei aus dem großen Bilde: „Christus im Hause des Levi,“ welches die Akademie der schönen Künste zu Venedig bewahrt, der stolze Venetianer mit dem schwarzen Barte im grünen Wamse, der aus dem Vordergrunde seine Befehle in die hohe Säulenhalle zurückruft, herausgetreten, um das Amt, worin ihn der Künstler so glücklich abgebildet, wiederum auszuüben.
Die Ceremonien dauerten lange und blieben mir zum Theile unerklärt. Auffallend war der sonderbare Schmuck der Bräute. Zu beiden Seiten des Gesichts fielen statt der Schleier, worin man sie bei uns verhüllt hätte, lange Locken der Einen aus rauschendem Gold-, der Anderen aus Silberpapier herab, und das so lange, daß sie beinahe den Boden berührten, und so dicht, daß sie die Mädchen fortwährend aus dem Gesichte streichen mußten. Der Blassen stand dieser goldene Lockenwuchs sehr gut; sie sah verzaubert wie die Prinzessin in einem Kindermärchen aus. Die beiden Männer schienen jünger als ihre künftigen Frauen zu sein, nicht älter als 20 Jahre. Sie trugen lange schwarze Gehröcke mit aufstehenden Kragen und das Fezz auf dem Kopfe. Das ist für alle Unterthanen des Sultans, für Griechen, Armenier, auch für jene Türken, die sich fränkisch tragen, das Hofkleid statt unseres Frackes und Cylinders. Besondere Eitelkeit scheint für die Füße sorgsam zu sein. Sie sind aber auch meist klein und wohlgebildet und eines gutgemachten Schuhes würdig.
Als wichtig in dem Acte der Vermählung bezeichnete man mir das Wechseln der Kränze, denn auch dem Bräutigam wurden Myrthen und Orangen auf’s Haupt gelegt. Nachdem er sie eine Weile getragen, vertauschte sie der Oberpriester mit denen der Braut. So gekrönt blieben beide bis zum Ende der Ceremonie. Diese Kränze sollen sorgsam als Talisman des ehelichen Glückes aufgehoben werden.
Auf der linken Seite des Presbyteriums hatten sich bald nach Beginn des kirchlichen Aktes in denselben kostbaren Gewändern, wie sie die Priester trugen, Chorknaben aufgestellt, um die ganze Feier mit einem Gesange zu begleiten, der werthvoll wie die Blechmusik des Morgens war. Ein Junge aber, der darunter war, ersetzte mit seinen kunstbegeisterten Gesichtern den Augen, was die Ohren leiden mußten. Je höher der Ton stieg, desto mehr neigte er den Kopf auf die linke Schulter und desto krampfhafter schüttelte er den ganzen Körper; die Augen schloß er dabei immer fester, den Mund öffnete er immer weiter, und doch ließ er keinen Ton auf einem andern Wege als auf dem Umwege durch die Nase hinaus. Es gab ein Geheul und das mit so viel Aufwand von Pathos, daß es einem Liebhaber des Sonderbaren zuletzt als etwas Unübertreffliches bewundernswerth werden mußte.
Nachdem in der Kirche die Festlichkeit vorüber war, geleitete man uns nach dem nahen Hause der einen Familie, wo ein Ball sie fortsetzen sollte. Schon an der Hausthüre erwarteten uns die beiden neuen Ehemänner; der eine nahm meinen Arm und führte mich die Treppe in das zweite Stockwerk hinauf; die Musikanten, die im Stiegenhause versteckt aufgestellt waren, empfingen uns mit einem Marsche und die Hausleute, obwohl ich ihnen fremd und uneingeladen kam, mit den zuvorkommensten Bemühungen, mir die Gesellschaft bald bekannt zu machen. Sie war zahlreich, so daß die Räume zu klein wurden. Diese sind, sowie ich das aus den italienischen Häusern her kenne, durch die Sala, die mitten durch das Haus geht, in zwei Hälften getheilt; die zur Linken schien hier den Männern, die zur Rechten den Frauen zu gehören. Ich fand wenigstens in den Zimmern der letzteren meistens nur Frauen, die nach der Landessitte mit hinaufgezogenen Füßen auf den breiten Divanen lagen. Es waren schön geschnittene Gesichter darunter, mehr aber noch fielen sie mir durch den Ausdruck ihrer Augen auf, die sind schwarz wie die Kohle und die Blicke leuchten wie der Funke, der vor dem Verglimmen noch einmal in seiner allerhellsten Kraft auflodert, nur daß keiner dieser Blicke der letzte und daß jeder wie der erste ist. Selbst Weiber, die beinahe häßlich sind, werden durch das Feuer dieser Sprache fesselnd.
Die Gäste benahmen sich frei und ungezwungen, die Männer gegen die Frauen sogar vertraulicher als das bei uns erlaubt ist; aber alle in den Formen des schicklichsten Anstandes, weil das dem Gefühle eines jeden angeboren ist. Der größere Theil der Männer trug das Fezz auf dem Kopfe, das waren Eingeborene des Landes, die vielen Anderen, welche den Hut in der Hand hielten, Herren des diplomatischen Corps. Dem französischen Botschafter, Marquis du Moustier, wurde ich gleich beim Eintritte vorgestellt. Er ist ein großer, schöner und durch Haltung und Formen noch jugendlicher Mann und danach sind auch seine Ansprüche an das Leben bemessen. Der englische Botschafter, Sir Henry Bulwer, kam erst nach Mitternacht. Ich lernte ihn in einem kleinen Nebenzimmer kennen, wo die Stille den Raum zu einem längeren Gespräche gab.
Sir Henry Bulwer folgte dem Lord Stratford Redcliffe, der auf diesem Posten alt und berühmt geworden war. Das Amt, das für England immer eines der wichtigsten ist, war nach der Bedeutung, die es durch die Persönlichkeit des Lord Redcliffe erlangt hatte, ein noch schwerer zu besetzendes geworden; daß unter solchen Umständen Sir Henry Bulwer dafür gewählt wurde, beweist, welche Meinung die vorsichtigen Staatsmänner seiner Heimath von seinen Fähigkeiten haben. Seine äußere Erscheinung zeigt alle Sonderbarkeiten, aber auch die ganze Vornehmheit des englischen Aristokraten. Wo man ihm auch begegnen mag, nirgends wird man ihn übersehen können. Seine Gestalt ist nicht groß, hager und in der Brust so eingefallen, daß die leise, oft beinahe nur gehauchte Stimme nicht überrascht. Er trägt einen Vollbart, der sonderbar in zwei Zwickel getheilt ist. Hände und Füße sind beinahe unnatürlich klein; den einen Fuß sah ich ihn, wie das hier Sitte ist, auf den Divan heraufziehen. Das Französische, die übliche Sprache der hiesigen Salons, spricht er fließend, wenn schon mit dem englischen Accente, der die Worte dehnt. Er liebt es, seine Reden mit kleinen Witzworten und Sentenzen zu spicken, und erinnert dadurch an die Schreibweise seines Bruders, des Romandichters, die um solcher Aperçüs willen philosophisch genannt worden ist. Ein Gespräch weiß er, da sein Geist thätig und gewandt ist, leicht ohne das verlegene Angeln nach einem Gegenstande flüssig zu machen. Mit einer zuvorkommenden Frage setzt er den Fremden auf dessen Steckenpferd und weil doch jeder lieber sich als den Andern reiten sieht, in Entzücken über die Klugheit und Artigkeit dieses großen Herrn. Von mir verlangte er meine ersten Ideen über den Orient zu hören. Sichtlich erfreut durch die Antwort, weil auch ihm dieses Land gefällt, meinte er, ich werde es nächstens nicht blos mehr mit Vergnügen, sondern auch mit nutzbarer Anwendung auf die Zustände meiner Heimath sehen. Das brachte uns auf Oesterreich. Er ließ mich länger darüber sprechen, nur ab und zu einfallend, um Einzelnes noch mehr ausgeführt zu erhalten, und als ich zur ungarischen Frage sagte, daß mir jeder gemeine Hußar eine genügende Widerlegung der Germanisirungshoffnungen sei, zu bemerken: gerade rücksichtlich dieser Streitfrage werde mir hier klar werden, daß es auch andere Wege, als die der europäischen Gewohnheit gebe, die Völker zu ihrem Wohlsein zu führen.
Vergleiche ich nun seine gescheidten Bemerkungen mit den albernen Schilderungen, die unsere Zeitungen von diesem Manne brachten, so bestätigt mir das von Neuem die Erfahrung, die ich zumeist nach dem Jahre 1859 in Italien gesammelt, daß, um richtig zu urtheilen, man vor allem den Zeitungen mißtrauen und die Dinge mit eigenen Augen gesehen haben müsse, an dem so gebildeten Urtheile aber mit der Arroganz des unverschämtesten Selbstvertrauens festhalten dürfe.
Die Fürstin von Samos hatte dieses Gespräch, das wohl eine Stunde gedauert, unterbrochen. Sie wollte mir an dem offenen Fenster die Mondnacht zeigen. Die Fürstin hat mich übrigens neben Sir Henry Bulwer auf diesem Balle am meisten beschäftigt. Sie ist noch jung und muß einmal sehr schön gewesen sein. Sorgen haben den Jahren vorgegriffen. Sie ist bleich, aber das Auge noch jugendlich feurig. Mit dem ersten Eindrucke erschien sie mir nicht bedeutend. Ihr Wesen ist und gibt sich so einfach, daß ich begreife, daß man sie lange übersehen kann; wer dann aber einmal ihren ganzen Reiz empfunden, den hält sie unlösbar gefangen. Es ist mit ihr, wie mit manchen Blumen, die ihren feinen Duft nur an auserwählte Günstlinge geben. Und wie ihre äußere Art, so ist auch ihr Verstand. Manche unserer Frauen könnten ihn ungebildet schelten, denn ihr Wissen ist lückenhaft; aber eben darum ist er unbefangener und natürlicher, urtheilsfähiger und ergiebiger, und von einer Kraft, daß er die Eitelkeit, von der doch sonst alles Menschliche bemeistert wird, so sehr bezwingen konnte, daß sie, der sich hier Jeder zu empfehlen sucht, immer bestrebt ist, jede Bedeutung, auch die einer ~femme politique~ -- sonst das höchste Ziel weiblichen Ehrgeizes -- abzuleugnen. Sie mußte wissen, daß mir ihre einflußreiche Stellung auf dem hiesigen Platze bekannt sei, und übte doch auch gegen mich dieselbe Bescheidenheit. Was sie ist, gilt ihr nur insoferne es als Vortheil, nicht als es Glanz bringt; eine Klugheit, die bei uns zu Hause keine weitverbreitete ist.
Sie rief mich an das Fenster, weil ich ihr früher mein Gefallen an Constantinopel ausgesprochen hatte. Wir setzten uns in zwei Sessel, deren hohe Lehnen uns von dem übrigen Zimmer isolirten. „~Voyez et respirez!~“ sagte sie mir. Der Mond stand voll in einem wolkenlosen Himmel, und sein Spiegelbild ruhte vergrößert auf der regungslosen Fluth des goldenen Horns; das lag tief unter unseren Fenstern, kleine Terrassen und flache Dächer hinab; Stambul, wie eine hohe schwarze Mauer uns gegenüber, und links hinaus in weiter Ferne sogar noch ein silbernes Glimmern des Bosporus. Die liebenswürdige Frau neben mir, dieses Bild vor mir, die verhallende Musik des Tanzsaales hinter mir und die Luft, die ich athmete, das waren Genüsse, wie ich sie schon lange nicht mehr genossen habe. Lichter und Menschen sind mir, wie oft ich mir selbst das auch abzuleugnen versuche, im Grunde unentbehrlich; mischt sich aber wie hier und in Venedig dem Salon noch die Poesie bei, dann bin ich sein doppelt williger Gast.
Während ich stumm schaute und nur mit einzelnen Ausrufen mein Entzücken ausdrückte, schilderte mir die Fürstin beredt und lebendig die Reize ihres Heimathlandes, das sie glühend liebt. Sie nannte mir Orte dieser Stadt, die ob ihrer landschaftlichen Schönheit besonders sehenswerth seien; sie sprach von den Sommerabenden auf dem Bosporus, von den Mondscheinnächten auf dem Quai von Bujuk-dere, von den Sonnenuntergängen auf den Prinzen-Inseln und von ihrem Landhause auf Prinkipo, wo ich sie besuchen müsse. „Ja, Sie haben,“ so schloß sie ihre Rede, „Sie haben den rechten Zeitpunkt getroffen; Constantinopel und den Bosporus muß man im Sommer sehen, wenn seine Gärten blühen und seine Hügel grünen, wenn seine Fluthen eben und mit den leichten Booten seiner Bewohner gefüllt sind, die im Abendsonnenscheine von Europa nach den noch schöneren Ufern Asiens hinüber rudern. Ich halte es überhaupt für einen Irrthum, in den die Bequemlichkeit den Nordländer verführt, die Länder des Südens, Italien und den Orient, in den kalten Jahreszeiten zu besuchen; da erstirbt hier so gut als im Norden das Leben, wenn auch nicht in gleichem Grade, so doch verhältnißmäßig. Was der Fremde sieht, ist todt, soweit die Sonne des Südens das Sterben überhaupt zuläßt. Es ist ein Unrecht, das dann mit dem Frühling des Nordens zu vergleichen und zu richten, als sei es das letzte Wort, welches diese Landschaften aussprechen können. Neapel gefiel mir erst, als ich es im Sommer sah, wenn es Alle fliehen; wer den Preis haben will, darf den Schweiß nicht scheuen und muß etwas Hitze aushalten können.“
Es war 2 Uhr nach Mitternacht, als ich nach Hause kam und jetzt, da ich die Feder weglegen will, regt sich der Morgen. Sehen kann ich ihn nicht, denn die Sonne geht hinter dem Hause auf, aber Vögel und die anderen ersten Laute einer großen Stadt künden ihn. Das Fenster neben meinem Schreibtische stand die ganze Zeit über offen; glückliches Land, wo das beste Gut, die frische Luft, immer frei zu uns ein darf.
Pera, den 23. Mai.