Part 7
Ueberrascht von dem Bilde, das sich oben an dem Saume dieses Friedhofes, da man aus den Häusern Pera’s heraustritt, darbietet, hielt ich das Pferd eine Weile an. Gerade nach der zwängenden Enge der Gassen genießt man die Weite, die sich dort ausbreitet, mit doppeltem Vergnügen. Der Friedhof ist durch die Landessitte, die das Leben aus den Gräbern zieht, ein großer Cypressenwald; hohe, dicke, runzelige Stämme von so ehrwürdigem Aussehen, als seien sie schon den ältesten Gräbern zu Denkmälern gesetzt worden, stehen die Berglehne bis zum Arsenale hinab. Das ist auf dieses Ufer des goldenen Hornes gebaut. Der Golf liegt unten und große Linienschiffe schwammen darauf. Auf dem jenseitigen Ufer steigen wieder Höhen empor; gedrängt wie die Köpfe einer Volksmenge die Holzhäuser Stambuls darauf. Kuppeln und Minarete dazwischen, die größeren der drei kaiserlichen Moscheen Selims, Mohammeds und Suleimans wie herrschende Kronen und Scepter zu oberst. Weil Thäler die einzelnen Hügel trennen, sind die Bogen einer Wasserleitung über das ganze Stambul gespannt, als solle eine Brücke Anfang und Ende der ungeheuren Stadt verbinden. Der blaue Himmel blickt vom Marmora-Meere her durch die kühnen Schwingungen dieses luftigen Baues. Der Kaiser Hadrian hat ihn begonnen. Er kann dem alltäglichen Bedürfnisse damit nicht nützlicher gewesen sein, als der Verschönerung der Gegend. Man sieht vom kleinen Campo aus übrigens nur den mittleren Theil von Stambul; die Seraispitze und die Grenze gegen das innere Land zu findet das Auge nicht.
Steile, schlecht gebahnte Wege führen zur zweiten Hafenbrücke hinab. Der ganze Verkehr bewegt sich durch den Friedhof hinauf und hinunter. Andere Reiter, Soldaten und ganze Karavanen von Lastpferden kamen uns entgegen. Die Brücke ist wie auch die erste aus Pontons zusammengefahren. Sie scheint gesünder, als das Brücken bei uns gewöhnlich sind, oder die hiesige Polizei weniger hofmeisternd als die unserige zu sein. Wir ritten und Kanonen fuhren im Trabe darüber.
So eigenthümlich mir in Pera und Galata schon Alles erschienen war, in Stambul fand ich noch mehr zu staunen. Die Stein- und Ziegelhäuser, wie die fränkisch gekleideten Menschen verschwinden dort gänzlich. Die Häuser sind ausnahmslos hölzerne, meistens malerisch nach irgend einer Seite geneigt. Polizeiliche Regeln scheinen sie bei diesen Neigungen nicht zu befolgen, eher etwas anarchisch ihrem eigenen Willen nachzuhängen. So viel Freiheit in dem Vaterlande der Sclaverei muß überraschen. Die Hauptgassen sind auch hier lebendig durch die offenen Werkstätten, aber nicht so menschengefüllt wie drüben in Pera. In den engen Seitengassen sind Thüren und Fenster fest geschlossen. Wir passirten einige, in denen man fragen konnte, ob in den Häusern wirklich alles Leben ausgestorben sei und sie leer und besitzerlos das Ende ihres schon begonnenen Verfalles erwarten.
Mehrere Stunden waren wir so geritten, Hügel auf und ab, auch unter dem malerisch von Schlingpflanzen und vom durchsickernden Wasser triefenden Bogen der hadrianischen Wasserleitung hindurch, als die Länge der Zeit die Vermuthung weckte, der Kawaß, der uns führte, könne den Weg, den er vielleicht nie gewußt, verloren haben. Und so erwies es sich denn auch nach einigem Streite. Nun wurde ein Fragen an allen Ecken, bei jedem Caffegi und Tabakverkäufer nothwendig, und doch führte uns erst die Entdeckung, daß das Marmora-Meer nahe zu unserer Rechten hinter einer Reihe von Häusern sei, auf die rechte Spur. Wir waren im Viertel Condoscale auf einem verwilderten Platze. Regellos stehen breite Platanen darauf und Säulenschäfte ragen aus dem Boden auf, die Zeugen einer unterirdischen Welt. Kadriga-Liman, „Galeerenhafen“, nennt ihn der Türke, und bewahrt auch hier mit dem Namen ein Stück der Vergangenheit seiner Vorgänger. Unter dem Schutte, der stellenweise zu kleinen Hügeln angeschwellt ist, birgt sich der Hafen, den die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justin II., im Jahre 571 gegründet und nach sich benannt hatte. Noch im 16. Jahrhundert sah man dort stehendes Wasser und das Volk glaubte darin die Masten versunkener Galeeren zu erkennen. Seitdem hat die Erde die Schiffe immer tiefer begraben, daß sie heute sogar dem Märchenerzähler verschwunden sind. Die Wurzeln hundertjähriger Bäume ranken sich vielleicht um die Masten, welche sonst nur Segel und Taue zu tragen gewohnt waren.
Von Kadriga-Liman steigen ostwärts steile Gassen hinan. Wir hatten bald hohe Quadermauern vor uns. Anfangs zweifelhaft über ihren Zweck, ist es mir jetzt gewiß, daß sie der Rennbahn die zu kurze Oberfläche des Hügels verlängern und ausgleichen mußten. Wenige Schritte unserer Pferde neben diesen Mauern aufwärts brachten uns auf den At-Meidan. Das Gedächtniß gefüllt mit all’ den prachtvollen Bildern von Marmorstufen, von Palästen und Statuen, den herrlichsten, welche die griechischen und römischen Künstler producirt und die byzantinischen Räuber hier aufgestellt hatten; gefüllt mit den Erzählungen der Groß- und Blutthaten, der Siegeszüge und Niederlagen, welche hier das Schicksal der Welt entschieden hatten, muß Jeden das, was er jetzt auf dieser Stätte findet, verstimmen und betrüben. Wie stolz wird sonst das Auge von den Laubgängen, die hoch oben um die lange Rundung liefen, zugleich weit hinaus auf die Stadt, das Marmora-Meer und die grünen Berge des Bosporus, und vor sich hinab auf die menschengefüllten Sitzesreihen, auf die Obelisken, Säulen und Standbilder, auf die Tribünen des Kaisers und auf den ehrgeizigen Kampf der Pferde- und Wagenlenker geblickt haben! Und heute?! Ich sah nur alte morsche Holzhäuser, Trümmer, welche die Verwüstung in gestaltloses Gerölle zerstoßen hat, und als letzte Zeugen der gewesenen Pracht die drei Denksäulen, die zwar auch verstümmelt, aber doch aufrecht geblieben sind. Der Platz war öde und leer, nur Kinder drängten sich zu, für ein Almosen die Pferde zu halten. Auch die Luft kündete mit warmem mittäglichem Schweigen den Verfall und die Abgestorbenheit. Selten hat sich mir eine historische Stelle gleich mit dem ersten Eindrucke so ähnlich ihrer Geschichte vorgestellt als diese; Ehrgeiz und Eitelkeit, Verrath und Mord, die hier mehr als auf jeder anderen gerungen und gestritten, verdienen den Schutt, den die Zeit so hoch darauf gehäuft, um sicher vor jeder Auferstehung begraben zu bleiben.
Zunächst der Seite, wo wir auf den Platz gestiegen waren, und das war ehemals die der kaiserlichen Loge entgegengesetzte, steht der Obelisk aus Mauersteinen. Heute das verkommenste der drei übrig gebliebenen Denkmäler, hieß er doch einmal der goldene. Bronzetafeln verkleideten ihm den steinernen Leib; seitdem sie herabgerissen sind, bröckelt ein Glied um das andere aus seinem Körper heraus und neigt er sich drohend zum Sturze. Um ihn allein ist die Erde nicht weggegraben, daß man wie auf einen Hügel zu ihm emporklettert. Näher gegen die Mitte des Platzes ist die gewundene Schlangensäule aus grünem Erze. Griechen stifteten sie im 5. Jahrhunderte nach Delphi in den Tempel des Apollo für Siege, die sie über die Meder erfochten hatten. Ist es nicht verhängnißvoll, daß dieses alte Zeichen der früheren Kämpfe zwischen dem Morgen- und dem Abendlande hierher nach dem heutigen Knotenpunkte der orientalischen Frage versetzt worden, mit ihr vom griechischen Strande nach dem des Bosporus übersiedelt ist? Denn die orientalische Frage hat die Neigung, entgegen dem sonstigen Gange der Geschichte, vom Westen nach dem Osten zurückzuwandern. Und als hätte er eine Ahnung von der ursprünglichen Bedeutung dieses Denkmals gehabt, schlug ihm einer der Sultane eines der drei aufbäumenden Schlangenhäupter ab, rächend die Niederlage, die Europa seinen asiatischen Vorfahren zugefügt hatte. So merkt sich an einem todten Denkmale derselbe Gedanke Jahrtausende und Millionen von Menschen überlebend an. Daß auf den drei Köpfen ein Dreifuß gestanden, ist wahrscheinlich. Auch des Lysikrates Denkmal zu Athen beweist, daß es bei den alten Griechen Sitte gewesen, den opferbringenden Dreifuß möglichst hoch und erhaben aufzustellen; vielleicht aus demselben Grunde, aus welchem wir unsere Wallfahrtscapellen auf die obersten Berggipfel bauen, damit die Opfergabe dem empfangenden Gotte näher stehe. Daß aber dieser Dreifuß der der Pythia gewesen sei, ist eine Unmöglichkeit, obwohl es Herr +v. Hammer+ drucken ließ. Die Fabel ward wohl wie so manche ihrer Schwestern von gewinnsüchtigen Fremdenführern erfunden, um unaufmerksame Reisende theilnahmsvoller zu stimmen. Von den drei Schlangenköpfen, welche fehlen, bewahrt man einen Unterkiefer in dem Museum, welches in der Irenenkirche eingerichtet ist. Auch Gypsabgüsse sah ich davon; danach muß der Rachen weit aufgerissen gewesen sein. Gerade in der Mitte des At-Meidan, wie auch ehemals des Hippodroms, steht der granitene Obelisk, das besterhaltene der Denkmäler. Er ist weit und viel gewandert. Seine erste Heimath und Geburtsstätte war Aegypten; bei Syena wurde er gegraben, dann war er in Athen. In Constantinopel stellte ihn Theodosius der Große sechzig Jahre nach Einweihung der Stadt, also im Jahre 390, auf das Postament, das ihn noch heute trägt. Die Spitze scheint ihm bei seinen Uebersiedelungsreisen beschädigt worden zu sein; sie ist stumpfer zugeschliffen. Seine Seitenflächen sind mit Hieroglyphen beschrieben, die des Fußgestelles mit erhabenen Bildern verziert, von so roher Arbeit, daß auch nicht einmal mehr die edlere Abstammung der Kunst zu erkennen ist. Es sind Werke eines schon vollzogenen Verfalles.
Der Lärm und die Mühe um eines der Pferde, das sich seinem kleinen Hüter losgerissen hatte und in freien Sprüngen über den Platz setzte, weckte mich aus meinen alterthümlichen Betrachtungen. Was die spätere Zeit auf die Trümmer gebaut hat, das fing ich erst jetzt an zu sehen. Drei Seiten des Platzes sind von unscheinbaren Gebäuden umsäumt, die vierte aber, die Ostseite, schlossen die Türken mit einem Prachtbaue, der Moschee Achmed I. Hinter einer niederen Marmormauer liegt sie, getrennt von dem gemeinen Lärm der Gasse, in der vornehmen Abgeschiedenheit eines heiligen Haines. So hoch hat das Alter die Platanen, Terebinthen und Cypressen gezogen, daß ihre Kronen und Wipfel die Kuppeln und Minarete zu überragen drohen; dabei sind die Bäume nicht greisenhaft abgelebt, sondern gesund in voller Manneskraft. Späht man genauer durch die vergoldeten Gitter, welche in die Umfassungsmauer eingesetzt sind, so findet man nur ahnungsvolle Stille und frommen Frieden unter dem kühlen Schatten, wie er Gott und dem Orte gebührt. Wo der Türke schmücken will, da genügt ihm nicht die Kunst des Menschen, er nimmt das freie Schaffen der Natur zu Hilfe. Um seine Gräber schlingt er Rosen und seine Tempel verbirgt er unter Bäumen. Wir thun das wohl auch an unseren Festtagen, wenn fromme Beter und andächtige Weihrauchwolken durch die Gassen wallen und grüne Zweige an den Häusern lehnen; der Türke aber hält jeden Tag solch’ festlichen Schmuckes würdig.
Das nördliche Ende des At-Meidan verunstaltet dermalen der geschmacklose Holzbau der türkischen Industrie-Ausstellung. Auf der Westseite des Platzes hatte man mir ein bescheidenes einstöckiges Haus mit dem unverdienten Titel: Palast des Finanzministeriums, Defter-Hane, genauer übersetzt Oberrechnungshof, gewiesen; jetzt zeigte man mir in der Seitengasse, in welche wir einbogen, zu unserer Rechten ein noch verfalleneres Gebäude als den Palast des Handelsministeriums. Das große Hofthor daran ist dienstesunfähig; die Thüren der Kanzleistuben münden unmittelbar auf die Bogengänge, welche den Hof umfassen; von orientalischer Pracht, wie sie unsere Vorurtheile erwarten, keine Spur. Die hohe Pforte, zu der wir durch steile Gassen hinabkommen, entspricht unseren Erwartungen und ihrem erhabenen Beiworte nicht viel mehr. Es ist eine lange, einförmige, gelb angestrichene Fronte, einen Stock hoch, mit vorspringender Säulenhalle und krönendem Giebelfelde, in dem abscheulichen Style englischer und amerikanischer Antike. Schön ist nur die Aussicht von der breiten Terrasse, die dem ganzen Baue vorliegt. Die Hügel von Pera und von Galata, die Berge von Asien und zwischen ihnen weit hinauf den Strom und die Ufer des Bosporus sah ich von dort aus in ganz neuer Ansicht und in den Gluthen der untergehenden Sonne.
Ueber die erste Hafenbrücke kehrten wir nach dem andern Ufer zurück. Das Leben, das sich auf der Brücke und auf den beiden Plätzen ihrer Mündungen, und weiter dann in der Galatagasse entfaltet, verwirrte und beschäftigte mich dergestalt, daß mich nur die Aufmerksamkeit meiner Führer vor unangenehmen Zusammenstößen bewahrte. Ich wußte nicht, wie ich Alles auf einmal oder was ich zuerst sehen sollte, die neuen Menschen oder die Dampfer, die pfeifend und schnaubend zu beiden Seiten der Brücke anlegten, gewiß immer ein Dutzend, das eben in Bewegung war. Auf dieser Brücke zu stehen verdient allein schon eine weite Reise; es ist als ließe man die Völker einer ganzen Welt die Revue passiren.
Pera, den 22. Mai.
Was bei uns eine Reise vorstellt, ist hier erst ein Spazierritt hinüber nach Stambul. Vom gestrigen, der den ganzen Tag gedauert hatte, waren wir so ermüdet, daß uns heute Ruhe nothwendig schien. Ich wollte sie mir am Schreibtische gewähren, um Briefe für die morgige Post vorzubereiten. Aber wie sollen sich die Gedanken sammeln, wie die Feder arbeiten, wenn rechts und links vom Schreibtische durch zwei offene Fenster der blaue Himmel und die helle Sonne hinaus nach dem Meere und nach den Hügeln dieses schönen Landes locken. Da half kein Widerstreben der entschlossensten Vorsätze. Ich schlich mich fort voll Vertrauen in meinen oft erprobten Ortssinn, mich allein in dem Häusergewirre zu versuchen. Das gibt den Reiz eines Wagnisses.
Durch enge steile Gassen und über Treppen stieg ich noch höher den Hügel hinauf. Nicht breiter als in den Calles Venedigs stehen die Häuser auseinander und so wie dort bleiben auch hier die Gassen keine zehn Schritte in derselben Richtung; rechts oder links, nach einer Seite biegen sie aus, daß sie ein fortwährendes Zickzack bilden. Ueberhaupt, wo ich hinsehe, finde ich den Anknüpfungspunkt wieder zu dem Faden, welchen der Handel im Mittelalter zwischen Constantinopel und der Lagunenstadt gesponnen hatte. Daß noch so viel davon fortbesteht, trotz des Wechsels der Zeit und der Menschen, beweist, wie angemessen dem angebornen Charakter beider Städte diese Verbindung war. Pera und Galata sind zwar nicht mehr eigenberechtigte Städte der Venetianer und Genuesen, aber immer noch beinahe ausschließlich von Italienern, Maltesern, Dalmatinern, Croaten, Franzosen, überhaupt von dem, was man mit dem Gesammtnamen „Franken“ zu bezeichnen pflegt, bewohnt. Die buntfarbigen Häusergruppen der Türken liegen nur wie einsame Inseln dazwischen. Auf den Stufen der Gassen saßen Bettlerinnen; sie hoben die Augen und die Hände auf und declamirten ihre Noth und ihre Gebete mit denselben dunklen Blicken und demselben Pathos, wie die struppigen Weiber auf den Brücken der Calle lunga und der Riva degli Schiavoni: „~Grazia Signore, una povera vecchia!~“
Alle die Treppen und Gäßchen münden in die große Perastraße, die vom kleinen bis zum großen Campo, den zwei Friedhöfen dieser Stadttheile, in einer ziemlich geraden Linie über den Kämmen der Hügel liegt. ~La grande rue de Pera~, wie man hier alle Augenblicke in der Conversation hört, denn sie ist den Peroten, was den Wienern ihr „Graben“ und den Berlinern ihre „Linden“ sind, -- hatte ich mir, ich gestehe es, etwas großartiger vorgestellt. Groß kann sie überhaupt wohl nur wegen ihrer Länge genannt werden, denn ihre Breite ist schmal wie die der andern Gassen, daß sich eben zwei Wagen darin ausweichen können, und Reiter und Fußgänger in ein fortwährend sich mißhandelndes Gedränge zusammengequetscht sind. Die Höhe der Häuser vermehrt noch diesen Eindruck der Enge. Die ersten Gasthöfe: Hôtel d’Angleterre, Hôtel de Byzance etc. stehen darinnen. Die Kaufläden waren offen und geschlossen, je nachdem der Glaube dem Eigenthümer die Heiligung unseres Sonntages freigibt oder gebietet; Polizeiverordnung verfügt hierüber nichts. Die Auslagen sind sehr primitiv, Spiegelscheiben nur an einigen Modehandlungen, sonst kleine Aushängekästchen, wie wir sie nur in unserer Kinderzeit oder heute noch in unseren Landstädten sahen. Ein Friseur verkauft auch Halsbinden und Handschuhe, ein Schuster Strohhüte, und beinahe alle Zuckerbäcker Kinderspielwaaren. Das repräsentirt eine Nationalökonomie, wie sie bei uns nur noch die Dörfer und böhmischen Badeorte betreiben. Indessen sie befriedigt ein Bedürfniß und die Verhältnisse sind andere, und so mag ich sie, blos darum weil sie anders als das Gewohnte ist, nicht tadeln.
Das Pflaster wäre eine Wohlthat, wenn es gar nicht wäre; so wie es ist, scheint es nur zu sein, um das Fahren zu hindern; in Berücksichtigung der Enge der Gassen und des Menschengedränges allerdings eine wohlthätige Vorsorge. Trotzdem begegneten mir einige Wagen. Es waren modische Broughams, Ein- und Zweispänner, die Pferde lose eingespannt, die Kutscher im albanesischen Kleide oder doch wie die meisten Einheimischen, wenn sie auch sonst ganz fränkisch gekleidet sind, durch das Fezz unterschieden. Mehr aber überraschte mich ein anderes Fuhrwerk, dem seinem Aussehen gemäß in allen Sprachen der türkische Name Arabat, was eigentlich nur Wagen sagen will, gelassen wird. Der Kasten ist mit Blumen bemalt und übermäßig vergoldet, ringsum möglichst offen mit Glasfenstern, oben mit einem gewölbten Dache geschlossen. In hohe Federn gehängt wackelt er nach allen Seiten, herüber und hinüber, vor- und rückwärts zugleich; das Ganze wie ein Ueberbleibsel des vorigen Jahrhunderts, aber von einem Dorf-Wagnermeister statt von einem Hoflieferanten Ludwig XV. gefertigt. Meistens ist nur ein Pferd davor gespannt; der Kutscher, Türke auch durch sein Kleid, geht oder läuft daneben, wenn ein kleiner Trab draußen im Freien möglich wird, denn in der Stadt kann jedes Fuhrwerk nur im Schritte fahren. In dem ersten Arabat, den ich sah, saßen Türkinnen; ich hielt das daher für ein speciell türkisches Beförderungsmittel, bis mich in einem späteren vier barmherzige Schwestern überraschten. Ich fand dann auf einem Platze solche Arabats in Menge dem Publicum wie unsere Fiaker aufgestellt. Uebrigens werden in der Stadt Wagen nur selten benutzt, in Stambul beinahe gar nicht. Die weiten Entfernungen und die schlechten Straßen zu überwinden lassen sich die Frauen tragen und reiten die Männer; darum die vielen Pferde mitten im Gedränge der Fußgänger. An den Straßenecken, bei den zierlichen Brunnenhäusern werden sie dem Bedürfnisse bereit gehalten; man setzt sich darauf, läßt den Pferdeknecht, Surugi, hintennach laufen, und zahlt ihn und sein Thier nach dem Ritte für die Stunde, wie in Berlin den Droschkenkutscher. 10 Piaster, ungefähr 1 Gulden, werden, wenn der pfiffige Surugi nicht den unwissenden Fremden herausgewittert hat, als die standesgemäße Bezahlung von einer Anstandsperson dankbar angenommen.
So guckte ich eines um das andere dem Straßenleben ab. Bild schob sich an Bild, und meine Gedanken, die thätig wie die Augen waren, suchten zu erklären, was die Blicke nicht gleich verstanden. Da drang ein neuer Laut, ein neues Bild in meine Betrachtungen. ~Jangin war! Jangin war!~ (Feuer ist!) riefen kreischende Stimmen aus weiter Entfernung. Aber kaum gehört, sah ich auch schon die Rufer. Alle nackt bis auf die Lenden, um die sie weiße Tücher geschlungen hatten, liefen sie vorüber, lauter schöne kräftige Bursche, die zur Feuerwehr gehören. Mitten im Laufe, ohne daß der auch nur einen Augenblick hielt oder in der gleichmäßigen Bewegung schwankte, wechselten sie mit ihren Kameraden im Tragen der wassergefüllten Spritzen. Was ihnen im Wege blieb, wurde rücksichtslos niedergeworfen und übersprungen. Schon gestern Abend, als eine große Feuerröthe über Stambul flammte, hatte man mich auf diese wilde Jagd vorbereitet. Ich war daher gleich bei dem ersten Rufe in eine Ladenthüre getreten und beobachtete aus diesem Schilderhause, wie sich die Menge gelassen, ohne auch nur die Miene dem sonderbaren Zuge zuzukehren, vor ihm theilte und hinter ihm wieder im alten Strome zusammenschloß. Diese stürmende Erscheinung ist ihr so alltäglich, daß die Gewohnheit dafür keine Aufmerksamkeit mehr hat. Ich aber brauchte eine Weile, um wieder im früheren Gleichgewichte weiter schreiten zu können.
Wo die Perastraße breiter wird und sich theilt, um einen Zweig nach dem großen Campo und einen anderen in’s Freie über die kahlen Hügel zu senden, steht ein verfallener aber immer noch mit Marmor bekleideter Brunnen. Platanen, Terebinthen, eine geborstene Cypresse, die hinter ihm wachsen, beschatteten einige Sakas, Wasserverkäufer, die vor ihm ihre Tische und ihre Krüge aufgestellt hatten. Bretter hatten sie von einem Fuße zum andern ihrer wackeligen Waarengerüste nageln und binden müssen, um ihnen Halt zu geben. So abgenützt und zerbrochen diese Trümmer waren, der Schönheitssinn des Südländers hatte sie immer noch einer Ausschmückung werth gefunden. Lilien und Nelken hatte er in hohen Büscheln an die Tischecken gebunden und in breiten Kränzen um die blechernen Schöpfeimer gewunden. Einer der Verkäufer war ein Neger. Seine kurze Hose, sein zerrissenes Hemd, der Mangel anderer Kleidungsstücke und sein confiscirtes Spitzbubengesicht bewiesen, daß die Gewerbe, welche er sonst betrieben haben mag, vielleicht weniger unschuldig, aber gewiß nicht einbringlicher als sein heutiges gewesen waren. Er war noch thätiger als seine Genossen im Rühmen seiner Waare. Endlos wuschen sie die Gläser, hielten sie den Vorübergehenden zur Prüfung der Reinlichkeit entgegen, priesen die Sauberkeit des Glases und die Frische des Wassers, und gossen wie zur Lockung mit hochgeschwungenem Arme aus den Schöpfkrügen einen langen Strahl in die Gläser, die sie dann mit der linken Hand präsentirten, ihr „Sacka!“ so lange und so aufdringlich schreiend, bis einer der Spaziergänger nach dem Glase langte und seinen Para dafür auf den Tisch warf.