Part 6
Oben in Pera und im Hause angelangt, stellte man mich vor das offene Fenster der Stube, in der ich nun für einige Wochen leben soll. Die Sonne war inzwischen aus den Wolken getreten, der Himmel rein geworden und so mußte mich, was ich sah, gerade ob der Enttäuschung des frühen Morgens, mit gesteigertem Entzücken erfüllen. Ein weites, glänzendes Bild liegt vor mir, und ist mein in jedem Augenblicke, da ich danach begehre. Unmittelbar vor mir und rechts und links hinab bedecken die bunten Häuser Pera’s und Galata’s die Hügel; Baumkronen rauschen ab und zu wie aufschäumender Wogenschwall daraus empor. Unten, wo sich im Wasser die Häuser baden, mündet das goldene Horn in den Bosporus. Dampfer und Segelschiffe liegen dort in großen Flotten. Auf dem andern Ufer des Busens, mir gerade gegenüber, steht die eigentliche Türkenstadt, Stambul, mit Kuppeln und Thürmen, auch wieder Hügel hinauf, die äußerste Spitze mit den Köschken und Gärten des Serai’s geschmückt. Groß wie eine Stadt ist dieses Sultansschloß und wirklich auch von seinen eigenen Mauern und Thürmen umzäunt. Bäume und Blumen sind ihm über den Kopf gewachsen, als sei ihnen von einem Zauber geboten worden, den geheimnißvollen Ort zu verstecken und zu bewahren. An seinen Ufern vorbei braust der Bosporus ins Marmora-Meer. Der Seraispitze gegenüber, zu meiner Linken also, auf anderer Küste liegt Asien und eine dritte Stadt, das alttürkische Scutari. Dort stehen bei den bethürmten Mauern einer großen Caserne ein paar Pinien so wirkungsvoll im Bilde, als habe sie eine künstlerische Hand absichtlich dahin gestellt. Ihre überhängenden Kronen winken mir Grüße zu; ich verstehe, sie locken nach dem heiligen Welttheile. Zwischen Scutari und der Seraispitze durch erscheinen in der weiten Ferne des ruhigen Meeres die malerischen Felsen der Prinzen-Inseln, hinter ihnen die ebenen Linien der nikomedischen und bithinischen Berge und sie alle überragend die schneeige Kuppe des asiatischen Olympes. Das fortwährende Pfeifen der Dampfschiffe, das Schreien der Verkäufer und Bellen der Hunde dringt bis herauf zu meinem einsam hohen Fenster, mich überzeugend, daß das Geschaute wirklich und nicht traumhaft sei, wie ich mir wohl einen Augenblick lang die Herrlichkeit erklären wollte.
Man berieth indeß mich noch reichlicher für die Enttäuschung der Einfahrt zu entschädigen. Ein schneller Entschluß entschied, sie mich noch einmal sehen zu machen. Bei Top-Hane setzten wir uns zu je zweien in die leichtgebauten und schnellrudrigen Kaicks. Zwischen den Dampfern durch trugen sie uns aus dem ruhigen Wasser des Hafens in die bei der Seraispitze immer bewegte Strömung des Bosporus. Auf und nieder über die breiten Rücken der runden Wellen glitt ich und sah die andern Boote gleiten, so hurtig und so leicht, als schwebe der Kiel eben nur über dem Wasser. Keine angenehmere Fahrt als die im Kaick auf bewegter See. Weil das Boot so leicht und seine Wände so dünn sind, glaubt man sich unmittelbar im Wasser selbst, seine Kühle zu fühlen, ohne doch die Mühe des Schwimmens zu haben. Und weil die Schnelligkeit des Schiffes über den Widerstand des Elementes täuscht, gefällt man sich in der Einbildung, seine Unzuverlässigkeit zu beherrschen. Uebrigens prägt die Lage der Fahrenden dieses Gefühl aus. Man sitzt nicht im Kaick, man ruht ausgestreckt auf Teppichen und niederen Kissen darin; die Fährleute sitzen, den Rücken nach der Richtung der Fahrt gekehrt, ein, zwei, drei und auch mehr hinter einander, je nach dem Range und Vermögen des Eigenthümers. In jeder Hand halten sie eines der fein und glatt geschnitzten Ruder. Schon ist es so warm, daß sie nichts als ein leichtes auf der Brust offenes Hemd aus Brussastoff und weite Pumphosen aus weißer Leinwand tragen; die Beine bis zum Knie und die Arme nackt. Wir mußten uns gegen die Sonnenstrahlen mit weißen Schirmen decken. Zu beiden Seiten des Bootes trieben Delphine ihr munteres Spiel; kleine und große schlugen so gewaltige Purzelbäume, daß sie für Augenblicke ganz außer Wasser sich am hellen Sonnenscheine wärmten. Wenn wir sie dann überholten, fielen sie in die Kühle ihres angestammten Elementes zurück, um nach einer Weile wieder weit vor uns aufzutauchen, als wollten sie das Standesgefühl unserer Kaickgis zum Wettkampfe herausfordern. Niemand stellt im Bosporus diesen Thieren nach, und so leben sie hier wie vor tausend Jahren in unzählbaren Schaaren.
Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gewährt haben, als wir an seichtem Ufer anlegten. Es war asiatischer Boden; aber ich vergaß es in der Bewunderung über den Burschen, der dienstfertig mit einem Widerhaken das Boot an der Landungsstelle festhielt. Das Bild eines Benjamin, wie ihn sich keine Phantasie theilnahmswerther vorstellen kann. Helle blaue Augen voll Treue und Gutherzigkeit; ein edles Oval um Farben von zartem Weiß und Wangen von gesunder Röthe gezogen; auf der Lippe und dem Kinn der blonde weiche Flaum des Jünglings, der eben aufgehört Knabe zu sein; den Kopf in einen weißen Turban, den Oberleib in eine bunte Jacke und die Schenkel in weite faltige Hosen aus blauem Zwillich gehüllt; Waden und Füße nackt, so war dieser Jüngling. Alles an ihm, bis auf den persischen Shawl, den er breit und dick um die Hüften gewunden trug, ärmlich und abgenutzt, aber in seiner Haltung und in seinem Ausdrucke ein Anstand und ein Edelmuth, wie in einem zum Könige geborenen Fürstenkinde. Gemein mag beschränkter Geld- oder Wissenshochmuth einen solchen Menschen schelten, weil ihn das Herkommen an niedrigen Beschäftigungen festhält; der unbefangene Forscher wird dort, wo die Natur so sichtbare Auszeichnungen ausgestreut hat, auch eine ausgezeichnete Seele finden. Und wenn das Sclavenkleid den Fürsten, den das Unglück vom Throne gestoßen hat, nicht entadeln kann, warum soll es das über einen andern Unglücklichen vermögen, dessen Leib zwar im Elende und in Lumpen schon geboren, dessen Seele aber von Gott noch vor der Geburtsstunde gekrönt worden ist? Daß man den also verborgenen Keim nicht hervorheben, nicht erheben und retten kann, das ist mit eine der betrübenden Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, an deren Unabänderlichkeit so oft unsere wohlwollendsten Wünsche scheitern. Und doch, vielleicht hat auch das der Schöpfer zum Besten gemeint und eingerichtet. In der Beschränkung seiner gemeinen Arbeit und seines kargen Erwerbes sind dem Armen die Grenzen der Zufriedenheit gesichert, und der Geist bleibt ihm edel auch ohne den Aufputz des Reichthums und der Gelehrsamkeit.
Unter hochragenden Cypressen und breiten Platanen führte man mich dem Ufer entlang. Die Fluth hatte weiße Muscheln darauf gespült. Auf der äußersten Spitze der Landzunge ließen wir uns nieder; die Stelle ist darnach, Hütten darauf zu bauen. Blau und glatt lag das Meer vor und um uns, nur wo eine leichte Brise seine Fläche streichelte, zogen silberne Streifen darüber. Links begrenzen es die Küsten des nikomedischen Golfes, rechts die Gärten des Serai’s und die Hügel von Stambul. Aus seinem Schooße vor uns tauchen die Prinzen-Inseln auf, kleine weit auseinandergestreute kahle Felsen und größere näher zusammengeschobene Berge; das Grün von Oliven- und Pinienwäldern und die blinkenden Mauern kleiner Ortschaften bedecken diese. Alle in den schönsten Formen, die Felsen wild und zerbrochen, die Berge zart und ebenmäßig geschnitten und Farben darauf vom sonnigsten Roth bis zum schattigsten Blau. Friede und Heiterkeit waren auf der See, so fühlbar wie sie nur die Luft des Südens ausathmet. Jede Stimmung der Natur theilt sich dem ihr so innig verbundenen Geiste mit. Mir wurde ruhig und zufrieden, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. Ausgeglichen waren alle Wünsche und die Leidenschaften ebbten; dem Gemüthe blieb nichts als das Genießen eines seligen Augenblicks. Wenn die Anmuth, der Frohsinn und die Heiterkeit wirklich einmal als die besonderen Reize der Aphrodite geglaubt wurden, dann mußten dieser Göttin die dankbaren Menschen diesen Ort, den sie so vorzüglich mit ihren Gaben geschmückt hat, zu besonderer Verehrung weihen. Und in der That auf Akritos, wie die Alten dieses Vorgebirge nannten, stand ein Tempel und ein Altar der Aphrodite, vielleicht auf derselben Stelle, wo heute die Ruinen des türkischen Bethauses stehen. Ich sehe ihn noch, wenn ich das Gedächtniß nur etwas anstrenge, den kleinen mäßigen Bau mit der gastlichen Vorhalle, durch Säulen zugleich geöffnet und geschlossen und drinnen in der Cella ein liebliches Marmorbild der holdlächelnden Cypris, das Haar über der niederen Stirn gewellt und am Genicke in einen Knoten geflochten, und Priesterinnen, die in weißen Gewändern den heiligen Dienst verrichten und im heiligen Haine auf und nieder wandeln. Nirgends hat der Mensch durch Namen oder Denkmäler eine Gegend passender gekennzeichnet, als da er hierher der meergebornen Göttin ein Haus stellte. Die spätere Zeit zerstörte es, aber die Schönheit und die Weihe blieben dem Orte. Fener Bagdsche (Garten des Leuchtthurms) heißt er heute, und immer noch brennt eine heilige Flamme dort.
Ein Türke brachte uns Orangen und in kleinen Schalen schwarzen Kaffee. Andere lagerten in der Nähe gleich uns auf dem grünen Boden unter den alten Bäumen, den kühlen Schatten über, das sonnige Meer vor sich. An ihnen und an uns vorbei zog ein Trupp sonderbarer Musikanten. Sie bliesen aus kurzen Flöten einen scharfen Pfiff und strichen kleine Geigen, die sie senkrecht vor die Brust hielten. Melodie und Zusammenhang war keiner in den Tönen, aber sie klangen sonderbar und stimmten in den Frieden des Ortes. Das übten sie zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Feier ihres Sonntages, der den Türken auf den Leidenstag unseres Kalenders, den Freitag, fällt. Für die Musik eine Belohnung anzubieten, würde als eine Beleidigung zurückgewiesen worden sein. Die Menschen und ihre Belustigungen erschienen so harmlos gegen das scharfe Gewürz unserer sonntäglichen Vergnügungen, daß mich das mehr als alles Uebrige in eine andere Welt versetzte.
Ich ließ mir dann die Namen der Berge und Ufer, die um uns waren, nennen, und theilte ihnen ihre früheren Bezeichnungen und Sagen zu. Das ist in jeder mir neuen Gegend mein Erstes. Es ist wie mit den Menschen, die wir uns erst bekannt glauben, wenn wir ihre Namen und Geschichten gehört haben. Mit dem Opernglase suchte ich das Entferntere zu finden, so auch die Grenzen der türkischen Hauptstadt. Erstaunt folgte ich ihren Mauern, die in sichelförmiger Ausbuchtung um das Marmora-Meer gebaut sind bis in eine Weite, daß sie im Dunste der Sonne verschwanden. „Ist das noch immer Constantinopel, und das bei jener Kuppel, bei jenem Thurme auch noch? Aber wo ist denn sein Ende?“ Erst als die Sonne tiefer gesunken und die Luft durchsichtiger geworden war, fand ich es bei dem Schlosse der sieben Thürme, aber so undeutlich, daß ich mehr nur von der Beschreibung meiner Freunde als von dem selbst Gesehenen berichten kann. Noch weiter auf dem Halbmonde der europäischen Küste bezeichnet ein hoher Schornstein die Lage von Barut-Hane, der Pulverstampfe, und ein Leuchtthurm die von St. Stefano, einem betriebsamen Fabriksorte mit Landhäusern der Griechen und Armenier.
Stunde um Stunde war so im Schauen und Genießen vergangen; der Abend drängte zur Rückkehr. Näher dem asiatischen Ufer hielt sich dieses Mal die Fahrt; dort öffnet sich zuerst der Busen von Moda, ziemlich enge, aber tief ins Land geschnitten. Fener Burun und Moda Burun schließen ihn; Burun bedeutet so viel als Nase, Vorgebirge. In alten Tagen war darin der Hafen des Eutropius, und auf Moda Burun, wo heute das ländliche Kadi-Köi (Richterdorf) steht, das glänzende Chalcedon, die Stadt der Blinden, wie das Orakel ihre Gründer schalt, weil sie nicht die Vortheile der Lage des gegenüber liegenden goldenen Hornes gesehen hatten. Die Mauern von Chalcedon sind verschwunden, um den Namen aber hat die Geschichte das Immergrün großer Kriegs- und Leidensthaten geschlungen. Eine der rührendsten, ein wahres Denkmal des Unglücks und der Grausamkeit, das Ende des Kaisers Mauricius durch den Usurpator Phokas, hat dort in dem Hafen gespielt. Sie ist wenig gekannt, und verdient es mehr als manche, die der Volksmund verewigt. Am 14. August 582 war Kaiser Mauricius seinem Schwiegervater, dem wohlwollenden Kaiser Tiberius II., in der Herrschaft über das römische Reich gefolgt. Mauricius war der dritte Regent seit dem Tode des berühmten Justinian. Er war edel denkend, besorgt die Lasten seines Volkes zu erleichtern und das Ueberkommene durch Reformen zu bessern, sparsam in seinem Haushalte, liebevoll für seine Kinder, als Herrscher und als Mensch der Ludwig XVI. der byzantinischen Geschichte; aber leider auch wie dieser zu schwach und wankelmüthig, und sein Volk und seine Zeit verdorben und verkommen wie das französische und das achtzehnte Jahrhundert. Sein Robespierre, der Empörer Phokas, rückte im Jahre 602 gegen Constantinopel; der unzufriedene Pöbel der ungeheuren Stadt öffnete dem gemeinen Soldaten die Thore und half ihm sich auf-, den Mauricius vom Throne abzusetzen. Es waren nicht wie sonst in der byzantinischen Geschichte die aristokratischen Parteien der Rennbahn die das thaten, es war der Demos, das rothe Gespenst, das auch damals schon die sogenannten Gutgesinnten wohl erschrecken, aber nicht zu thatvoller Abwehr ermuthigen konnte. Mauricius, von Allen verlassen, floh aus seinem Palaste in einem Kahne nach einem Kloster auf der asiatischen Küste. Er hätte weiter fliehen können, die Zeit fehlte ihm nicht, aber Krankheit hielt ihn und der Wahn, durch seine Abdankung alle Parteien und auch den neuen Herrscher versöhnt zu haben. Der aber ließ ihn vom heiligen Asyle, aus der Kirche und vom Altare wegreißen und seine fünf Söhne vor ihm, ihn zuletzt hinrichten. Der unglückliche Vater hatte nur Anerkennung für die Weisheit der göttlichen Gerechtigkeit und bei dem letzten Streiche, als die Amme dem Henker ihr eigenes Kind statt des jüngsten Prinzen unterschieben wollte, die Selbstverleugnung, den Betrug zu entdecken; für seine Schuld sollte kein unschuldiges Blut fließen. Seine Frau, die Kaiserin Constantia, mußte ihn mit ihren drei Töchtern überleben, um später mit diesen auf derselben Stelle, den Marmorstufen des eutropischen Hafens, hingerichtet zu werden. Früher noch war der älteste Sohn, der Prinz Theodosius, der zu den Persern wollte, in Nicäa erwischt und enthauptet worden. Nur die Schwester des Kaisers blieb am Leben, um der unglücklichen Familie das Grab in dem Kloster des heil. Mamas, das im Hintergrunde des goldenen Hornes auf dem immer heiligen Boden des heutigen Ejub stand, zu errichten.
Kadi-Köi war immer ein Ort der Unglücklichen und Verbannten. Heute lebt in Abgeschiedenheit und freiwilliger Aermlichkeit der ehemalige Kriegsminister Riza Pascha dort, der bei dem Tode des letzten Sultans nichts Geringeres als die Thronfolge zu ändern und sich selbst zum Nachfolger des allgewaltigen Reschid Pascha einzusetzen beabsichtigte. Mit den Franzosen, die überall die Freunde solcher abenteuerlichen Pläne sind und in diesem Falle vielleicht auch hofften, durch den ihnen ganz ergebenen Mann an die Stelle des überaus mächtigen englischen Einflusses zu kommen, hatte er noch vor dem Tode des letzten Sultans verabredet, den ältesten Sohn desselben statt des Bruders, wie es die gesetzliche Thronfolgeordnung will, auf den Thron zu erheben. Das Heer war in seinen Händen und alles zur Ausführung des Planes vorbereitet, aber die Energie und Entschlossenheit des Großveziers und Aali Pascha’s gegen ihn. Kaum war Abdul Medschid todt und die Augen ihm geschlossen, so kehrte sich Aali Pascha, der den Verräther unter den Ministern wußte, zu ihnen mit dem Rufe: „Nun gehen wir dem neuen Sultan zu huldigen!“ Und durch die Gärten von Dolma Bagdsche führte er sie zu dem Hause Abdul Azis’. Die Thüre war verschlossen, so daß sie heftig daran pochen mußten. Statt ihrer öffnete sich oben ein Fenster, an dem die Mutter des Thronfolgers erschien. Auch sie wußte von der Gefahr. „Keinen von Euch lasse ich ein,“ rief die muthvolle Frau, „so lange ich den Verräther unter Euch sehe!“ Erst als Aali Pascha neuerdings im Namen des neuen Sultans den Einlaß begehrte, ließ man sie vor diesen. Schon mit allen Kleidern der neuen Würde angethan, fanden sie ihn, und auf der Stelle leisteten sie alle ihm den Eid der Treue und des Gehorsams, der Großvezier voraus und der Kriegsminister mit den Anderen. Riza hatte gesehen, daß der große Platz zwischen dem ersten Thore von Dolma Bagdsche und dem neuen Privattheater des Sultans, wo seine Soldaten stehen sollten, frei und menschenleer war, und hatte gehört, wie der Kapudan Pascha dem Großvezier sagte, daß die Linienschiffe, welche auf dem Bosporus hart an dem Ufer lagen, den Befehl hätten, ihre Breitseiten loszufeuern auf den ersten Soldaten, der sich auf jenem Platze zeigen würde. Den Ministern voran ging dann Abdul Azis über eben jenen Platz nach dem Schlosse von Dolma Bagdsche und von dort in der großen Staatsbarke hinüber nach dem Serai und der Pforte, wo seine Installation stattfand. Aengstlich und vorsorglich folgte ihm die Mutter, unerkannt in einem kleinen bescheidenen Kaik und dann in einer Tragbahre. Er und seine Minister zeigten so viel Wille und so viel Kraft des Handelns, daß den Verschwörern nach dem Fehlschlagen ihrer ersten Bemühungen der Muth zu neuen verloren ging. Riza Pascha wurde verhaftet, und ein großer Theil des Harems, der mit in den Plan verwickelt war, zur Nachtzeit aus dem Serai nach einem der kaiserlichen Paläste tief im Busen des goldenen Horns in sicheren Gewahrsam gebracht. Der Proceß, welcher dem ehemaligen Kriegsminister gemacht wurde, war in vollem Gange, als die vielen gravirenden Scandale, welche er zu Tage förderte, den französischen Botschafter zu dem demüthigenden Schritte bestimmten, den Sultan im Namen des Kaisers Napoleon um dessen Niederschlagung und um die Begnadigung des Schuldigen zu bitten. Mit ächt orientalischer Großmuth gewährte Abdul Azis beides, auch Vergessenheit für die großen Geldsummen, welche der französische Drogmann angenommen hatte. Riza Pascha wanderte zuerst in’s Exil nach einer der Inseln des Archipels, dann ward er begnadigt auf Kadi-Köi im fortwährenden Anblicke Constantinopels, das er hatte beherrschen wollen, zu leben. Das thut er in schlechten Kleidern und in einem elenden Hause, weil ihm ein Gefühl, das gewiß das richtige ist, eine andere Lebensweise unverträglich mit seinem gedemüthigten Zustande erscheinen läßt.
Kadi-Köi zeigt von all’ diesen traurigen Erinnerungen nichts in seinem äußeren Anblicke; es ist freundlich mit Gärten und Landhäusern und stattlichen Gasthöfen geschmückt. Gleich bei dem Orte biegt sich eine neue Bucht ein. Ihren Hintergrund füllt die weite Ebene von Haider Pascha und der ungeheure Cypressen-Friedhof von Skutari. Ihr anderes Ende springt hoch und zerklüftet wieder in das Meer heraus. Einige Bäume stehen darauf, der Obelisk, welcher den in der Krim verwundeten und in Constantinopel gestorbenen Soldaten der Engländer und Franzosen errichtet worden ist, dahinter die großen Mauern der Caserne Selims und in ihrem Hofe die Pinien, die so freundlich zu meinem Fenster winken. Die alten Megarenser weihten das Vorgebirge mit einem Tempel der Hera und nannten es Heraeon. Erhaben wie das Diadem auf dem Junoischen Haupte muß der Bau von seiner hohen Stelle in das weite Meer gesehen haben. Es beweist zugleich die Liebe zu dem feuchten Elemente und das Gefühl für die Schönheit der Natur, daß die Griechen nahe der See alle diese weitausblickenden Punkte mit Heiligthümern auszeichneten. Justinian setzte statt dessen einen Sommerpalast dahin.
Mit senkrechten Wänden verlängert sich die Küste bis zu einem dritten Vorgebirge, das, wo die in eine Kuh verwandelte Io auf der Flucht vor der eifersüchtigen Juno gelandet haben soll; daher der Name Bosporus, Ochsenfurt. Ein weißer Thurm steht weit im Meere auf einer Klippe davor. Die Franken knüpfen irriger Weise die Leandersage daran; aber auch das Märchen, welches die Türken dort spielen lassen, hat die Liebe zu seiner Seele. Der Ort ist romantisch und malerisch genug, daß ihm die Phantasie nichts Anderes anheften kann; Möven und fortwährend empörte Wellen umschwärmen und hüten ihn. Der kleinen Bosporus-Dampfer wurden nun so viele, daß wir für sie allein die Augen aufhalten mußten, um eine unberufene Taufe zu verhindern. In den Abendstunden ist der Verkehr am regsten. Von der Stadt und von den Geschäften will dann Alles nach Hause und aufs Land.
Das war der erste Tag in Constantinopel und Abends hörte ich den ersten Ruf des Muezzin. Nun, da die Nacht da ist, soll ich schlafen, aber was träumen, da ja schon der ganze Tag ein Traum aus Tausend und einer Nacht war?
Constantinopel, den 21. Mai.
Die Neugierde wie die Liebe folgen regellosen Trieben. Ohne Grund und Ursache heften sie ihre Neigungen an irgend einen Gegenstand, und bleiben ihm treu bis zum Augenblicke des Besitzes. So werden die meisten Menschen in ihrer Kindheit das Gelüste nach irgend einer Merkwürdigkeit empfunden haben, die sie unersättlich durch alles Uebrige das ganze Leben hindurch zu sehen begehren. Es ist das nicht immer das Größte, Schönste und Bedeutendste, oft nur eine kleine Statue, ein bescheidenes Bild oder ein einziges Haus, aber das Verlangen danach führt uns zu dem Größeren und Bedeutenderen, nach einem neuen Lande, zu einer glänzenden Stadt. So ist es mir mit dem Hippodrom des alten Constantinopel gewesen und mit der Reise nach dem Oriente geworden. Ich weiß nicht, warum ich gerade nach dem constantinopolitanischen Circus so sehr begehrte. In der Geschichte, wie sie gewöhnlich deutschen Kindern tradirt wird, spielen die Byzantiner nur eine geringe Rolle, und ein Aufsatz im Raumer’schen Taschenbuche des Jahres 1830, den ich als Knabe gelesen, schildert die Parteikämpfe der Rennbahn nicht mit solcher Lebhaftigkeit, daß er mir diese Begierde geweckt haben könnte.
Ich erbat mir, daß die erste unserer Wanderungen nach dem At-Meidan gehe, „Pferdeplatz“ zu deutsch, so heißt heute noch die Stätte. Die Fluthen einer Völkerwanderung konnten das Andenken an die Ereignisse, die darauf gespielt, nicht davon wegspülen. Man wählte einen Umweg, um mir vor dem Ziele noch einen Theil Pera’s und Stambuls zu zeigen. Durch den Garten der französischen Botschaft, an dem großartigen Palaste der englischen und der bescheidenen Behausung des preußischen Gesandten vorüber, ritten wir nach dem sogenannten kleinen Campo; das ist ein Friedhof, welchen die darum sich ansammelnde Bevölkerung allmälig mitten in die Stadt gestellt hat. Daß er einmal davor gelegen, beweisen die Mauern Galata’s, welche aus alter Genueser Zeit erhalten an seiner linken Seite zum Meere hinablaufen. Kassim-Pascha, die Stadt auf der andern, der rechten Seite, ist dann erst später, nachdem das dazwischen liegende Feld schon lange dem ehrwürdigen Zwecke gedient hatte, daran gebaut worden; denn daß die Byzantiner hier schon ihre Todten begruben, sieht man bei jedem Grabe, das jetzt einem Türken hier gegraben wird. Gemauerte Grüfte, Gerippe und Münzen werden da gefunden und auf letzteren die Bildnisse byzantinischer Kaiser, die wenigstens annäherungsweise den Zeitpunkt des Begräbnisses feststellen.