Ein Sommer im Orient

Part 4

Chapter 43,385 wordsPublic domain

In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke. Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei, Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene. Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht; aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle, das ~ôte toi que je m’y mette~? Daß es von unseren großstädtischen Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem Werthe der Sache nichts.

9 Uhr Abends.

Der Regen, der uns eingeholt, strömt in Güssen nieder. Wir fahren am Meerbusen von Arta vorbei, aber Nebel decken die Stätte von Actium. Tausend Schiffe standen sich hier in den Nachmittagsstunden des 2. September 31 Jahre v. Chr. gegenüber. Antonius und Augustus, die beiden ehemaligen Freunde, rangen um die Weltherrschaft. Als die Sonne schied und das Meer, das schon blutgetränkt war, mit feuriger Röthe übergoß, schwammen nur noch brennende Wracks, Ertrinkende, Leichname darauf herum, ein allgewaltiger Sieger, und Antonius, der in dem purpursegeligen Schiffe der Cleopatra entfloh. Drei Tage saß er stumm und allein vorne auf dem Schnabel des Bootes; erst am tänarischen Cap, dem heutigen Cap Matapan, wo sie landeten, sprach er wieder. Die Geliebte hatte zuerst das Zeichen zur Flucht gegeben und er war ihr gefolgt, noch ehe die Schlacht verloren war. So sehr hatte dieser Held im Schooße seiner Dalila alle Kraft verloren. Augustus baute später auf dem Vorgebirge, das links den Meerbusen schließt, zur Feier des Sieges die Stadt Nikopolis, und das erzene Bild des Esels, der ihm am Vorabende die glückliche Entscheidung prophezeit hatte, war auf ihrem Marktplatze aufgestellt. Später wurde es nach Constantinopel übertragen, um die Spina des Hippodroms zu schmücken; die Stadt ging in das Eigenthum der Familie der hl. Paula über. Wir treiben schon in voller Nacht, unberührt von jeder Erscheinung der Vergangenheit, über die ereignißvolle Stätte. So spurlos heilt die Zeit die ärgsten Wunden.

1 Uhr nach Mitternacht.

Ich stieg wieder auf’s Verdeck und hielt bis jetzt aus. Meine Gefährten bei dem regnerischen Spaziergange waren zwei Engländer, der junge Mann, der die große Tour macht, und der erste Maschinist des Dampfers. Sie ganz mit Reminiscenzen an Lord Byron und den 2. Gesang des „Childe Harold“ erfüllt, ich nur mit Homer und dem 13. Gesange der Odyssee beschäftigt. Abwechselnd mußte der eine von dem andern die Schicksale der Sappho und die glückliche Heimkehr des Odysseus vordeclamirt hören. Das leukadische Vorgebirge lag schwarz, wie ein Sarg gestaltet, der alle Lieb und Treu begraben hält, hinter uns; Ithaka zur Rechten, hoch und mächtig; Cephalonia zur Linken mehr in flachen gestreckten Linien. Ueberall nur Umrisse, die gleich dunkel ausgefüllt waren, denn der Mond war verborgen und die Nacht zu dicht, um von den Einzelnheiten irgend etwas erkennen zu können. Der Regen rieselte, aber ich harrte aus; was war meine Geduld gegen die des großen Dulders Odysseus! Wach wollte ich ihm und seiner Heimath einen Tribut dankbarer Erinnerung zollen. Um Mitternacht begegneten wir dem Dampfer, der aus Constantinopel kommt. Mit Raketen begrüßten sich die beiden Schiffe. Und hier, kurz darauf, kämpfte sich der Mond durch die Wolken durch. Geisterhaft in seinem bleichen Lichte wie ein wirklich gewordenes Sagenbild stand Ithaka da; Cephalonia blieb in Schatten gehüllt; die Erscheinung kam und ging, schnell wie die eines Traumes, die sich der Geist mit lebhaften Wünschen erzwungen hat.

An Bord des „Stadium“, 17. Mai.

Auf dem Verdecke begrüßt mich frische und doch warme Luft, herrliche blaue See, geklärte Fernsicht, im Osten die Kette der messenischen Berge mit sanften grünen Hängen, die zum flachen Ufer abfallen, das schneegesalbte Haupt des Taygelus über allen; im Westen das freie Meer, wo eine Menge großer Schiffe mit geschwellten Segeln nordwärts streben. Wir sind im Golfe von Arkadien, heilige Namen und heiliges Land überall. Der Morgen voll Salbung, die alle Lebensgeister anregt und das Dasein wieder einmal recht des Lebens werth erscheinen läßt. Der Insel Prodano fahren wir vorüber, später der Klippe Sphakteria, hinter der geborgen der Busen und die Ortschaft Navarin liegen. Auch hier wieder sind es Homer und Byron, die unserem Gedenken begegnen. Die sandige Pylos des Nestor, wo Telemach von Mentor geführt Hilfe und Rath suchte, lag einst auf dem Abhange dieser Berge, und Sphakteria, das lange Seeräuber beherbergte, ist als Schauplatz des Corsaren gedacht. Modon taucht auf. Nach 10 Uhr sind wir ihm so nahe, daß jedes einzelne Gebäude deutlich zu erkennen, Thürme, Mauern, runde Thorbogen aus der Venetianer-Zeit auf einer schmalen weit gegen Süden auslaufenden Halbinsel zu unterscheiden sind. Todt und leer wie eine Gräberstadt sieht es aus, als habe das viele Blut, das hier in alter und neuer Zeit geflossen, alle Lebensfähigkeit weggespült. Es gibt Gegenden, die wie einzelne Geschlechter verurtheilt zu sein scheinen, ewig die schlimmsten Gräuelthaten der Menschheit zu tragen. Diese kleine Spanne der messenischen Küste hat solch’ ein Schicksal. Jedes Jahrhundert spielte hier seinen Verrath, seine Blutthat, vom Siege der Athener über Sparta 425 Jahre v. Chr. bis zum ~untoward event~ am 20. October 1827 n. Chr. Und wie seine Geschichte so ist auch der Ort: verfallen, den Ruinen eines Stammschlosses ähnlich. Nur ab und zu wirft ein vereinsamter Baum, eine trauernde Cypresse oder eine graue Olive lang gezogene Schatten auf den dürren Boden; der strafende Gott scheint Salz in ihn gestreut zu haben, damit das Wachsthum dort ersterbe, wo der Mensch den Tod gesäet hat.

Ganz nahe zu unserer Rechten haben wir die wüsten Felseninseln Sapienza, dann Cabrera. Auch das sind Leichenhügel, von der voraussichtigen Natur dem künftigen Menschenschicksale aufgeworfen. Zwei der blutigsten Seeschlachten wurden in diesen Gewässern geschlagen, zwischen Venetianern und Genuesen, am 3. November 1354, als Doria den berühmten Pisani gefangen nahm, und am 6. October 1403, da der abenteuerliche Carlo Zeno den Genuesen diese Niederlage vergalt. So unstät sind Glück und Wellen.

In der engen Straße zwischen dieser Insel und dem Festlande begegnete uns der Lloyddampfer, der aus Alexandrien kommt; eine gute Weile hinter ihm der der italienischen Gesellschaft, der doch zwei Stunden vor dem Lloydschiffe abgefahren war.

Der Tag wird wärmer. Um 12 Uhr passiren wir das wilde felsige Eiland Venetico. Scharf gekantet und prächtig roth gefärbt, so wie sich unsere Phantasie südländische Klippen vorstellt, erscheint es uns. Dahinter liegt, nur durch schmales Wasser von ihm geschieden, das Cap Gallo, Akritas nannten es die Alten und die Insel davor Teganussa. Der messenische Golf, heute der von Koron, thut sich auf, breit und tief in’s Land geschnitten. Aber dem Taygetus und den Bergen, die sich gerade vor uns trennend zwischen dem messenischen und lakonischen Busen aufstellen, verhüllen dichte Wolken die Kuppen. Ich sehe diese berühmten Formen nicht. Was sie drohen, die Gewitter, verwirklicht sich bei dem Cap Matapan; es gießt, aber die See bleibt gefügig. Um 3 Uhr umschiffen wir das Vorgebirge, die südlichste Spitze von Europa, die mittlere von den dreien, in welche die Halbinsel Morea ausläuft. Zwei Golfe ruhen zwischen ihren Wällen; dem von Koron, d. i. dem messenischen, sind wir schon vorüber, der von Lakonien oder Marathonisi öffnet sich eben zu unserer Linken, aber unter Nebel und Regengüssen verborgen. Das dritte Vorgebirge, das maleische, Cap Malea, das einzige unter den dreien, das sich auch im heutigen Volksmunde noch den alten Namen erhalten hat, passiren wir um 6 Uhr und mit ihm die Grenze vom mittelländischen Meere in den Archipel. Man zieht diese von hier aus nach Cap Spada auf Kandia, so daß Cerigo, die letzte der sieben jonischen Inseln, noch außerhalb des Archipel im mittelländischen Meere liegt. Sie ist eben zu unserer Rechten mit steinigem Vorlande, das nach den gleichartigen Abstürzen der Festlandsküste hinübergreift. Wer sie nur von dieser Seite sieht, glaubt ihr nicht, daß 13.000 Menschen behaglich auf ihr leben und in ihrem Süden eine ordentliche Stadt besteht. Noch weniger begreift er, warum sie mit dem Schönsten, was die Welt je besessen, mit der Geburtsstätte Aphroditens geschmückt ward. Aus diesen Wellen stieg die Schaumgeborne und Cythere war ihr Lieblingssitz. Wenn es Sonne und Farbe so wie heute Morgens Venetico vergolden, mag dieser Einfall der Phantasie erklärlicher erscheinen. So wie es jetzt ist, wo Alles grau und nebelig einem Regentage in Ischl gleicht, kann die Tradition das Auge nicht überzeugen.

Malea war das gefürchtetste Cap der Alten; Jeder sollte sein Testament machen, ehe er es umschiffte. Wir fahren sicher und so nahe daran vorbei, daß ich jeden Stein auf den kahlen Wänden und seine gänzliche Vegetationslosigkeit erkenne. Eine rothe Fahne sehe ich und den Fußsteig, den sich der allen Seefahrern des mittelländischen Meeres wohlbekannte Eremit zurecht gemacht hat. Seitdem ihm ein Lloyddampfer den Gruß mit einem überaus artigen Kanonenschusse erwidert hat, wagt er nicht mehr sich selbst zu zeigen. Braucht er Lebensmittel, so begehrt er sie von den Vorübersegelnden, die beilegen und sie ihm in einem Boote senden gegen seinen Segen, den er hoch von der Felsenklippe herab mit dem Kreuzeszeichen dem Schiffe und der Mannschaft gibt. Mich zieht es zu dem Manne hin, der die angeborene Bedürftigkeit unserer Natur durch die noch größere Sehnsucht nach Ruhe überwunden haben muß.

Wir fahren auf aussichtslosem Meere; der Regen, der immer dichter wird, nöthigt mich in die Kajüte hinab.

Eben 11 Uhr Nachts scheitert der Versuch eines Spazierganges. Ein jämmerlicher Anblick das Verdeck mit den hunderten obdachloser Menschen. Man hat drei große Segel als niedere Zelte darüber ausgespannt; darunter bergen sie sich, Albanesen, Montenegriner, Griechen, Türken, Neger, auf dem Mittel- Und Vorderdeck so dicht zusammengedrängt, daß dort jeder Durchgang versperrt ist. Schon den Tag über rührte mich die Sorgfalt der türkischen Männer für ihre Frauen und Kinder, und das unterschiedslos, ob es Sclavinnen oder die Herrin war, so daß mir erst später die einzelnen Standesunterschiede kenntlich wurden. Allen gemeinsam breiteten sie um den Glaspavillon, der wenigstens einigen Schirm bot, Teppiche und Kissen zu Lagerstätten aus, deckten die Weiber zu, kamen wieder, sprachen ihnen Muth und Trost ein, straften die Kinder, wenn diese mit ihren muntern Spielen die Passagiere des ersten Platzes zu geniren drohten. Die Kinder sind meine Freude, besonders ein Mädchen und ein Bube, der beim Laufen immer die weiten groß geblümten Cattunhosen verliert. Als der Guß gar zu arg wurde und sich auch die Kinder unter die Decken verkriechen mußten, sehen wir, wie sie ihre zarten feinen Gesichtchen fest an die Glasscheiben der Verdeckstrommel drücken, um hinab zu uns in den Damensalon zu schauen. Die Ordnung des Schiffes verbot es, sie herunter zu holen, so blieb unserer Theilnahme nichts, als ihnen Obst und Zuckerwerk hinauf zu senden. Mit Kußhänden, die sie uns zuwarfen, dankten sie, und dann statt zu essen boten sie die Geschenke zuerst den Frauen, den älteren Schwestern, den Müttern und Sclavinnen an. Diese haben den Tag über, so lang’ es ihnen das Wetter erlaubte, an dem Zusammenflicken alter Lumpen gearbeitet, Fetzen, die auch die sparsamste deutsche Hausfrau weggeworfen haben würde. Eine Negerin insbesondere war unerschöpflich in der Geduld um die Ausbesserung eines alten Schleiers zu Stande zu bringen. Alle hatten das Gesicht verhüllt. Schön scheint nur ein Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Männer sind Officiere und gemeine Soldaten, aber auch diese unterschiedslos durcheinander gemischt. Das Alles dementirt in gar Manchem die Vorstellungen von türkischer Art, die ich mitbringe.

An Bord des „Stadium“, 18. Mai.

Um 5 Uhr weckte mich das Herablassen des Ankers. Er fiel in den Hafen von Syra. Durch die Luke neben meinem Bette sah ich Meer und Himmel noch immer grau und auf dem Verdecke hörte ich den Regen wie gestern trommeln. So schlief ich noch eine Stunde länger und fand später auf dem Verdecke dasselbe Wetter wieder. Schmutz und Lärm halfen ihm den Aufenthalt dort oben recht unbehaglich zu machen. Man lud Kohlen ein; dazwischen drängten sich die Verkäufer der Südfrüchte, um unsere Deckpassagiere zu verköstigen. Zu beiden Seiten des Dampfers lagen große Boote mit offenen Säcken voll von Nüssen, Mispeln, Kirschen, Citronen, gedörrten Feigen, Mandeln, Paradiesäpfeln und Artischocken; andere die mit Zwiebeln, Knoblauch, Salat und wieder andere die mit Fischen, frischen und geräucherten, beladen waren. Käufer und Verkäufer suchten sich um den größern Vortheil durch das lauteste Geschrei zu betrügen, die Meisten verstanden sich nur durch Geberden. Ich habe nirgends das Auge schneller fassen sehen was das Ohr nicht begreift, als bei diesen Griechen. Indeß die Männer handelten, lamentirten die Frauen, rangen sie das Wasser aus den getränkten Decken, um sie endlich doch wieder gegen den noch immer strömenden Regen auszuspannen. Nur die Kinder waren sorglos und gleichgiltig für das geschäftige Treiben um sie.

Syra, eine ansehnliche Stadt, liegt auf den Abhängen der Felsenberge, die den Hafen ziemlich enge einschließen; die Häuser steil über einander und oben in eine Spitze zusammenlaufend, daß die ganze Stadt einem großen riesigen Thurme ähnlich sieht. Der Verkehr des Hafens ist ein reger; französische, griechische, russische und österreichische Dampfer bemerke ich darin, und zwei Lloydschiffe sind eben aus Smyrna und Athen angekommen, zwei andere rüsten sich zur Abreise dorthin. Das unserige nimmt eine Menge Passagiere auf; das ist aber auch Alles, was mir in den fünf Stunden unserer Rast auffällt. Im freien Meere sieht man sonst die schönen Formen berühmter Inseln, heute ist jede Aussicht durch den Regen verschlossen.

Erst um 10 Uhr fährt das Schiff und wenige Minuten vor dem unserigen das, welches rechts hinüber, wo wir herkamen, nach dem Piräus steuert. Kaum ist jenes außer dem Hafen, so verrathen seine Schwankungen das, was auch unseren Passagieren bevorsteht. Ein starker Wind, der sich inzwischen erhoben, erregt die bis zum Morgen so ruhige See. Wir fahren nach dem Canale, der zwischen Tynos und Mykone aus dem Inselmeere des Archipel in das freiere ägäische führt, aber Regen und Nebel dunkeln so die Luft, daß wir selbst von diesen doch so nahen Küsten nichts sehen. Das Wetter wird gleich nach der Ausfahrt das schlechteste. Die See geht hoch, der Wind bläst stark und schon um 4 Uhr mißhandelt uns ein förmlicher Sturm. Beim Essen erscheinen außer dem Capitän und Arzte nur ich und ein junger Grieche, die Anderen liegen krank und in sich gezogen in ihren Cabinen, oder die, welche Linderung von der frischen Luft erwarten, oben auf dem Verdeck in Plaids und Mäntel gewickelt. Der Regen läßt nach, aber das Wüthen des Windes und der Wellen wächst von Stunde zu Stunde. Zuerst waren es regelmäßige, gleichgemessene Schwingungen, die das Schiff von hinten nach vorne emporhoben, als wolle es zu den Mastspitzen hinauf und dann von solcher Höhe wieder hinab sich auf den Meeresgrund versenken. Man konnte den Wellen entgegenkommen und ihnen mit der Erwartung gewissermaßen ausweichen. Jetzt aber ist auch dieser letzte Rest gezähmter Lebensart verloren gegangen und sinnlos wirft der Sturm das Schiff nach allen Seiten, bald rechts und schleudert uns in dieser schiefen Lage vorwärts, oder links und wir fliegen zurück in ein tiefes Wellenthal. Zerschellt die Gewalt des Wassers an dem Körper des Schiffes, dann schlägt es die Wände hinauf und kehrt mit salzigem Sturzbade das Verdeck ab; der Vordertheil desselben steht fortwährend unter Wasser. Seekrank, gepeinigt von der Angst und doch Alle lautlos liegen dort die hunderte von Männern, Frauen, Kindern aneinander und an den Boden geklammert. Es ist als ob die Größe des Elementes ihnen Schweigen aufzwänge. Und so wie gebannt ist das ganze Schiff. Eine einzige, schwankende Lampe brennt unheimlich unten in der großen Kajüte; alles Uebrige ist leer, still, wie ausgestorben, als treibe das Schiff schon eine jener gespenstigen Geistererscheinungen auf der tobenden See, womit die Phantasie der Seeleute ihr grausiges Element bevölkert hat. Lange stand ich hinten neben dem Steuerruder. In dem Auf- und Abtauchen in die Wogen, in dem Heulen des Windes, in dem Herumfliegen der Schaumballen schrumpfte mir der Dampfer, der mir gestern noch so stattlich erschienen war, zu einer Nußschale zusammen; klein, wie wenn ich ihn mit ein paar Schritten durchmessen könnte, däuchte er mir in dem Unmäßigen, das um ihn ist.

Schon um 7 Uhr ist es vollkommen Nacht. Ich harre aus auf dem Verdecke. Das Unmögliche wird möglich, das Unwetter steigert sich noch, und scheint selbst da seine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Mir ist auch das nicht unangenehm. Etwas wie stolzes Selbstbewußtsein erhebt mich, daß der Mensch das Alles ertragen, daß der Geist, das Göttliche in ihm, diese Elemente bemeistern kann. Im Sturme, im wilden Drange der Gefahr, erkennt erst der Mensch seine Kräfte; die Windstille erschlafft, und der Soldat wie der Seemann handelt erst, wenn der Tod ihm vor den Augen steht. Und wie der Mensch, so die ganze Natur; ihre größten Thaten, die Alpen und die Wüsten, hat sie durch Revolutionen erzeugt; Gletscher und Helden wollen riesige Geburtswehen haben, zu Grunde geht dabei nur, was schon angefressen von der Fäulniß ist. Daher dann die sonderbare Erscheinung, daß oft körperlich starke und gesunde Menschen unter dem ersten Angriffe zusammenbrechen, während scheinbar gebrechliche und was man nervöse Naturen nennt, widerstehen und siegen. Die Einen haben in der Gewohnheit der Unthätigkeit den Willen und die Fähigkeit verloren, während die Anderen in der Aufregung ihres inneren Lebens den Geist, der endlich doch das Entscheidende ist, nicht blos erhalten sondern sogar gestärkt haben.

Ein Element aber, das man liebt, wie ich das Meer liebe, kann einem nichts zu Leide thun. Die Natur ist nicht wie die Menschen, die unsere edelsten Gefühle mit Undank vergelten.

An Bord des „Stadium“, 19. Mai.

Trotz des höllischen Lärmens, denn die Balken und das Getäfel krachten um und über meinem Bette auf das jämmerlichste, muß ich gestern Abend bald und fest eingeschlafen sein, denn was die Nacht über geschehen, mußte ich mir heute Morgens auf dem Verdecke erzählen lassen. Erst um 9 Uhr war ich erwacht, und das nur, weil ich plötzlich das Stillestehen der Maschine fühlte. Ich vermuthete uns vor den Dardanellenschlössern, wo irgend eine gesetzliche Förmlichkeit den Capitän zum Beilegen zwinge; doch rief ich dem Diener und frug nach der Ursache. Es sei nichts, man sehe nach der Maschine. Oben aber fand ich, statt der nachbarlichen Küsten der Dardanellen, links unbegrenztes Meer, rechts, und das auch dort nur in weiter Ferne, niederes Festland und tief drinnen einen hohen, dunklen, einsam aufragenden Gebirgszug; vor uns eine Insel; die Luft kalt und farblos. Wo fuhren wir? War das schon die Propontis, dieses Eiland die steinerne Marmora? Man lachte meine Frage aus; die Fahrt eines ganzen Tages liege noch zwischen uns und jenen Zielen; das rechts sei allerdings Asien, aber die Stätte von Troja, und die Insel vor uns Tenedos. So haben uns der Sturm und die Wellen, die gegen uns waren, aufgehalten. Ihre Gewalt war gewachsen über das Widerwärtigste hinaus, was sie sonst nur im Winter vermögen, bis sie dem Dampfer das rechte Schaufelrad zertrümmerten. Die Maschine mühte sich danach vergebens ab. Sie mußte stille und das Schiff mit Hilfe der Segel so gestellt werden, daß das Rad nothdürftig ausgebessert werden konnte. Das Schiff lag auf seiner linken Seite und soll von den empfindlichsten Stößen gepeitscht worden sein. Alle waren wach, auf und quälten sich und die Officiere der Bemannung mit ihren Besorgnissen. Nur ich schlief. Auch jetzt noch kommen wir nur langsam vorwärts, die See ist noch immer gegen uns.

Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten, niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist, kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.