Ein Sommer im Orient

Part 37

Chapter 373,626 wordsPublic domain

Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte. Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe die Frau, seitdem ich diese ~Letters written during her travels in Europe, Asia and Afrika~ gelesen, auf den Parnaß meines literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben. Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form, daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30. der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat, „daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera, der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.

Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen. Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu legen.

Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen, zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden, dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere Bergformen gibt es anderswo, und das Grün von Brussa z. B. ist ein tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.

Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten. Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst übertroffen.

Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern rechts auf den Höhen nach einem Punkte, der ~quattro stradi~ heißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte, der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt, sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus, Kastanie, ab und zu auch ein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht, der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der Baum sich hochstämmig auswächst.

Dienstag, den 2. August.

Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand, signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen Frage.

Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron, die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir, ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert, wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem türkischen Sultan Amurath III. führte.

Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser einen Wiener König nennen und macht hierzu die folgende Bemerkung: „Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ -- Also die Türken hatten das ~imperium mundi~ bei der Eroberung der Hauptstadt der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche bei +allen+ Türken und wurde +mit Bedacht+ von den Ministern gegenüber den fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken? Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen, treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend; und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen Fingerzeig seiner Geschichte nach den beiden Stationspunkten dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen hat.

VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.

Mittwoch, den 3. August, Abends 9 Uhr, an Bord des Dampfers „Sinai“ im Hafen des goldenen Hornes.

Das Verhängniß selbst scheint mich hier festhalten zu wollen, ein Verbündeter meines der Abreise so sehr abgeneigten Willens. Seit 5 Uhr bin ich an Bord des Schiffes, das der Gesellschaft der Messageries Impériales gehört. Ich sah die Sonne untergehen und nahm in meinem Wahne den letzten Abschied von dem Zauberbilde der drei Städte Constantinopels. Noch einmal glänzte die gläserne Fronte der Caserne Selims in Skutari, wie ich sie so oft gesehen, wenn ich von einem Ritte heimkehrend oben in Pera an meinem Fenster stand und dem Sonnenuntergange zusah. Die Pinien der Seraispitze warfen wie in jener Zaubernacht, da ich geistig betrunken hinaus in das Marmorameer ruderte, schwarze Schatten von dem Vorgebirge Stambuls herab auf den vorüberfluthenden Bosporus, und auf den Höhen von Pera flammten die Cypressen der Friedhöfe in einem rothen verklärenden Feuerscheine. Es war ein wunderbares Abschiedsfest, das meine Phantasien feierten, leuchtender als alle Beleuchtungen des Beiram.

Wir warteten die Post des französischen Botschafters ab. Als sie endlich gekommen war und der große Dampfer rückwärts der Spitze von Asien zu dampfte, um die Wendung zur Ausfahrt außerhalb des Schiffsgedränges zu machen, brach das Steuer; die Anker, die uns nun wieder festhalten sollten, erwiesen sich einer um den andern in ihren Ketten zerrissen. Willenlos trieb der Koloß eine Weile auf den Wellen, von der Strömung auf der Breitseite erfaßt und so in die Quere gestellt, in das Marmorameer hinaus. Dort fuhr er ein Segelboot nieder, das offenbar den Grund unserer sonderbaren Bewegungen nicht errathend, sich auf die größere Manövrirbarkeit des Dampfschiffes verlassen und den Cours nicht rechtzeitig aus unserem unberechenbaren Wege genommen hatte. Die Mannschaft rettete sich an unseren Bord, das Schiff sahen wir umgestürzt in der Nacht verschwinden. Ein Remorqueur, welcher kam uns zurückzuschleppen, erwies sich als zu schwach; aber wenigstens half er durch neue Ankerketten und auch durch Schmiede, die er brachte und die nun mit großem Lärm an der Arbeit sind. Das ist die französische Seetüchtigkeit, die schon im Hafen Schiffbruch leidet. Was morgen mit uns geschehen wird, darüber weigert man die Antwort; als das Wahrscheinlichste höre ich die Umladung auf ein anderes Schiff besprechen.

Donnerstag, den 4. August, an Bord des Dampfers „Sinai“.

Dazu kam es nicht; die ganze Nacht über arbeiteten sie an dem Steuer mit solchem Lärm, daß Niemand schlafen konnte. Morgens ist es wieder hergestellt und schon um 6 Uhr höre ich, daß wir auf dem Schiffe die Reise fortsetzen werden. Um 7 Uhr ist Alles fertig, aber erst um 8 Uhr setzen wir uns in Bewegung. Fortwährend haftet mein Auge an den Thürmen der geliebten Stadt; der Abschied wird mir schwerer als irgend einer. Als ich vom Frühstück auf das Deck hinauf komme, ist sie verschwunden. Wir sind um halb 11 Uhr auf der Höhe von Bujuk-Tschekmedje. Um 11 Uhr thut sich rechts in dem europäischen Festlande der Busen von Silivri auf, und links sehe ich die schön und mäßig gezogenen Formen der Insel Kalolimni, dahinter den Busen von Mudania und hinter uns die letzten Mahnungen an Constantinopel, die Prinzen-Inseln. Vor uns allein freie, weite See. Ich schaue nach Asien; die Bergformen sind dem Herzen bekannt, denn Brussa lebt in seiner Erinnerung. Daß damals heute wäre!

Die europäischen Ufer sind flach und kahl; sandiges Gelb deckt sie, dem nur ab und zu ein vorüberziehender Wolkenschatten Wechsel der Farbe und scheinbar auch der Gestalt gibt. Um 2 Uhr sind wir auf der Höhe der Halbinsel Cyzikus. Ueberraschend hoch und wild erhebt sich ihr gewaltiger Kapu Dag, der Berg Artace der Alten.

Um 3 Uhr passiren wir die Insel Marmora, die lange wie hindernd vor uns gelegen. Mächtige Felsmassen, leicht röthlich gefärbt wo der Stein vortritt; Bäume fehlen gänzlich, selbst das Zwerggestrüpp ist selten; Spuren von Menschenleben sehe ich nirgends. Links von der Insel Marmora und zwischen ihr und Cyzikus gelegen erscheinen kleiner und niedriger die Inseln Rabby und Liman Pache; rechts von der Marmora tritt später ganz nahe an uns der zerklüftete Felsen Adaces heran, und zwischen ihm und Marmora, aber weiter zurückgeschoben, mit langgezogenen Linien das Eiland Katali. Eingefaßt hält dieses zerstreute Inselvolk die in wundervoll ebenen Contouren abfallenden Berge der asiatischen Küste. In einem weiten Bogen zieht sie sich hier in das Festland zurück.

Immer noch streben meine Blicke rückwärts, als könnten sie wenigstens für einen Augenblick wieder das verlorene Constantinopel zurückbringen. So muß dem Liebenden und so dem Verbannten zu Muthe sein, den das Schicksal fort von dem Heimathsorte seines Glückes stößt. Trost wäre es mir gewesen, die Stadt nicht blos scheinbar, sondern wirklich und für ewig in den Wellen untergehen zu sehen, damit Keiner genieße, was ich entbehren muß.

Um 4 Uhr sind wir auf der Höhe des Cap Karabua; seit 2 Uhr der asiatischen Küste näher als der europäischen, an die sich zuerst das Schiff gehalten. Jetzt aber tritt auch diese wieder zu uns heran und plötzlich mit mächtigen hohen Gebirgsmassen, darunter Kuru Dag, der Mons Sacer der Alten, und später wie sich diese Umtaufe bei geheiligten Bergen gleichlautend so oft vollzog, der des heiligen Elias. Sollte die ursprüngliche Bezeichnung nicht mit dem Grabmale der Helle zusammenhängen, das ja, wie Herodot (7. Buch 58. Cap.) erzählt, hier errichtet worden war? Wo der Gebirgszug die See berührt, sind auch die oberen Linien wie zerhackt und steile Wände, vielfältig eingeschnitten, fallen ab, als habe sie die eben durchgebrochene Fluth ausgewaschen.

Um 5 Uhr begegnete uns der Schnelldampfer des Lloyd. Ich glaubte den „Neptun“ zu erkennen.

Die Sonne sinkt aus einem wolkenlosen Himmel hinter die Landenge des thrakischen Chersoneß in ein anderes Meer, den saronischen Busen. Ihr Licht und ihre Farben läßt sie uns noch lange.

Um 8 Uhr fahren wir beim Leuchtthurme von Gallipoli vorüber. Ihm gegenüber, auf asiatischer Küste, leuchtet ein anderes schützendes und warnendes Feuer, und eine Stunde später, in der Straße der Dardanellen, ein vernichtendes, das weithin Meer und Land erhellt; ein Wald brennt in Asien, und Hügel und Thäler wogen in Flammen. Wie zur Abschiedsfeier mir eigens angezündet erscheint dieser Brand. So muß Rom ausgesehen haben, das Nero in Flammen setzte, und so Moskau, als die Russen die Brandfackel ihrer Freiheit hineingeworfen hatten.

Um 10 Uhr ankern wir bei den Dardanellenschlössern und um 11 Uhr fahren wir weiter.

Freitag, den 5. August, an Bord des „Sinai“.

Morgens 8 Uhr. Uns zur Linken liegt Chios, vor uns Ipsara, und weit hinter uns, mehr zu ahnen als noch zu sehen, Mytilene, eine langgestreckte niedere Linie. Aber Chios steigt hoch auf zu zackigen Massen, Ipsara mehr klotzig in eine nur stumpf zulaufende Spitze. Der Cours des Schiffes ist auf den Paß zwischen Andros und Euböa gerichtet; der Himmel ist wolkenlos, die See tiefblau aber nicht ohne Bewegung; die gestrige Ruhe fehlt ihr. Mir sind Luftstimmungen mächtige Wecker der Erinnerung. Ein schöner duftquellender Frühlingstag ruft mir Eindrücke meiner Studienzeit zurück, die eben dadurch ausgezeichnet war; und ein kalter schneegedeckter Wintertag, an dem aber die Sonne scheint, solche, die zu den traurigsten meines Lebens gehören. Vielleicht wirkt diese selbe Macht der Wiederanklänge auch noch in Perioden, die länger als unser Leben dauern, und besonders empfängliche Gemüther werden dann von einem Tone der Erinnerung berührt, der ihnen -- ohne daß sie die Ursache bemerken -- Bilder, Eindrücke, Stimmungen weckt, die verwandt sind mit Ereignissen einer weit hinter ihnen liegenden Vergangenheit. So erkläre ich mir, daß mir manche historische Momente, die mir sonst unbegreifliche gewesen waren, an dem Orte ihrer Geburt ganz greifbar gegenständlich geworden sind, und daß ich heute fühle, als sei ich mit demselben jugendkräftigen Windzuge in Gesellschaft der Homeriden schon einmal über dieses bewegte Meer unter dem wolkenlos reinen tiefblauen Himmel einhergefahren.

Um 2 Uhr passiren wir Capo d’oro und treten in den Canal, den Euböa mit Andros bildet; rechts und links die Küsten wüst und steinig, ohne Spur, daß die Natur oder Menschen dort schaffen. Euböa lag schon seit 11 Uhr mit ungeheuren Bergen vor uns, die obersten Gipfel hoch, scheinbar wie die Alpen, zerklüftet und eingesägt. Der höchste gegen Nordost ist wohl der Delphi-Berg. Der Nordwind hat die See höher erregt; die Wellen treffen die rechte Seite des Schiffes und machen es gewaltig rollen; allmälig steigen sie bis zum Verdecke hinauf, und jetzt kehrt eine um die andere es ab. Zu dem Dampfe haben wir auch noch alle Segel vorgespannt und so geht die Fahrt ungewöhnlich rasch.

Vor 3 Uhr umfahren wir die Insel Inglese (Myrtos der Alten); ein ganz nackt gewaschener Felsen, der sich in zwei Spitzen hebt. Hinter ihm steigt die Küste Euböa’s zum hohen Gipfel des Elias-Berges auf. Der Hafen Karysto öffnet sich im schönen, leicht geschwungenen Bogen, geschlossen durch das Cap Karysto. In weiter, unbestimmter Ferne liegt Isola Macronisi und dahinter hoch und mächtig attisches Festland. Links hinüber im weiten Halbkreise scheint Alles vor uns geschlossen. Zea wohl unter dem Inselvolke.

Um 6 Uhr passiren wir Cap Sunium, unter den Tempelsäulen so nahe herfahrend, wie nur auf dem Rheine unter den Burgruinen. Wie sonst die Berühmtheit, geben sie heute dem Vorgebirge den Namen: Cap Colonne. Gelblich weiß stehen zuvorderst neun nebeneinander, einige andere in zweiter Linie, alle dorischer Ordnung und von jener wunderbaren Farbe angehaucht, die Prokesch so treffend „Zeitgelb“ genannt hat. Sie glänzen im Sonnenlichte und mir klingt’s wie Sprache aus einer andern Welt, daß mich Rührung erfaßt, wie sie mich inniger vor keinem anderen Denkmale der Vergangenheit befallen hat. Vielleicht aber auch steht keines so einsam, so schön und so großartig zugleich wie diese Ruine des Tempels der Athene Pronoia, den der Schiffer zuerst sah, wenn er heimkehrte nach attischem Festlande. Unten sind die Felsen der Küste nackt ausgewaschen, weißer Schaum peitscht weit hinauf. Schon ist die See wundervoll rosig, die Berge, die kahl sind, flammen in rothem Lichte, daß sie durch den Schnitt der Linien und die Färbung ein Bild der höchsten Schönheit darstellen.

Um 7 Uhr fahren wir an Aegina vorüber. Auch dort ein Monte Elia, aus breitem Fuße zu scharfer Spitze hoch aufsteigend über die sonst lang und flach gestreckte Insel. Die Berge des Peloponnes, Korinth’s, Megara’s, alle in den reinsten und schönsten Linien dahinter. Und Farben auf Meer und Land, die die untergehende Sonne malt: glühendes Gelbroth und dunkelndes Purpurblau. Aegina zur Linken, Salamis vor mir, rechts den Hymettus und goldschimmernd die Akropolis, und was ich sonst sehe, Namen und Bilder, die Jahrtausende vor mir gehört und gesehen haben. Wer fühlte nicht sein Nichts vor solcher Vergangenheit! Ich stehe auf dem äußersten Bug des Schiffes an ein Tau gelehnt, das ich umschlungen halte; Matrosen kauern neben mir auf dem Verdecke und singen französische Volkslieder, ein junger Tenor darunter mit zartem Ton, der sich wie zugehörig der weichen Luft verschmilzt. Aller Wind ist erstorben, die Segel hängen schlaff, die See liegt ruhig und der Kiel muß sich beinahe mühsam wie durch dichtes Oel durcharbeiten; in schweren Tropfen fällt das Wasser, das er aufgewühlt, in den glatten Spiegel zurück; der Salzgehalt scheint vermehrt, man schmeckt ihn auf den Lippen und fühlt ihn in den Haaren. Die Wärme des Südens ist in der Luft, den Farben, der ganzen Stimmung der Natur, und die Poesie des Augenblicks faßt mich wie mit Blitzesschlag. Verloren wie in dieser Stunde, aber im Genusse verloren, habe ich mich noch nie gefühlt.

Ein Grieche trat zu mir, mit dem ich schon manches Wort während der Fahrt gewechselt. Er gehört seinem ganzen Aussehen und Gebahren nach der gebildeten Classe der Gesellschaft an. „~N’est-ce pas que la soirée est belle?~“ redete er mich an. „~Vraiment,~“ antwortete ich ihm, „~je n’en ai pas éprouvée une plus délicieuse; l’air est balsamique et quand on pense que c’est là, où nous sommes, que l’Asie et l’Europe se sont livrés leur plus grande bataille et qu’ici une des premières scènes de cette longue question de l’Orient avait été décidé par la défaite de l’Asie, alors aussi un sentiment de respect s’unit à celui du délice et de la jouissance corporelle.~“ -- „~Mais comment donc,~“ unterbrach er mich, „~ici l’Asie et l’Europe se sont combattus? mais quand donc? racontez le moi.~“ -- Und ich mußte dem Manne von Xerxes, von Themistokles und von der Schlacht bei Salamis erzählen, und er hörte mir aufmerksam wie ein Schulbube zu. Dabei hatte derselbe Mensch in früheren Stunden mir die griechische Geschichte des Mittelalters, die ganze Liste der byzantinischen Kaiser in einer bis in die verstecktesten Details dringenden Genauigkeit erzählt.

Damit gebe ich den europäischen Politikern den innersten Kern der griechischen Frage und zugleich den Baiern, die von Hellas vertrieben worden sind, den Grund der Abneigung, der ihnen überall zum Lohne für ihre Aufopferung wurde. Der moderne Grieche versteht nicht das Bestreben, das ihn wieder anknüpfen will an die Helden seines grauen Alterthumes; für ihn gibt es nur ein Interesse, und das ist die Wiederherstellung des byzantinischen Reiches, dort leben seine Erinnerungen und dorthin streben seine Hoffnungen. Wer an die einen nicht denkt und an die anderen nicht glaubt, der ist nicht sein Mann und kann zurückgehen zu den Studirstuben deutscher Alterthumskunde.