Part 36
Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa nach der Stadt geführt.
Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.
Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere. Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte sie schon öfters bei der Fahrt nach dem schwarzen Meere bemerkt und mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung, durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.
Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen. Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten; daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden, und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.
In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt mit Phantasiebildern der Vergangenheit.
Dienstag, den 26. Juli.
Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein. Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes, bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos, wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann. ~Ames damnées~, arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten, der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert, lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet, es taucht immer derselbe wieder auf.
Bujuk-Dere, den 27 Juli.
Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging, um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten. Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin, den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen, die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes Erdreich zu der ~Allée des roses~, einer herrlichen Terrasse, die schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren gegangen ist.
Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer, Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer russischer fuhr hart unter mir her.
Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten, der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht geworden war, daß ich dann mühsam und vielfältig verirrt zwischen gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen mußte.
Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.
In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches Feld (~axenos~) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis. Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason verkleidet sehen.
Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie, die sich nun einmal von ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.
Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete. Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die Glorification in der Sage.
Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.
Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden. Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ (~Sige~) die Eule von Athen und -- was die Verbindung nach der anderen Seite hin notirt -- daneben den Halbmond, auf der Rückseite den Kopf der kolchischen Artemis zeigt.
Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch- und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei ihre besten Gewinne herauszuschlagen.
Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren Asiens kommend, nordwärts ausläuft.
Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen Entdeckungsfahrten heim.
Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthin war er wohl mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert. Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, der ~Diana phosphora~, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt. Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap, das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.
Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.
Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein, sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr gewesen sein?
Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worin liegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst, auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will, mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe, ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten; sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt es nur im Norden.
Bujuk-Dere, den 28. Juli.
Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style des ~le Notre~ steigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen müssen. -- Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.
Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.
Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte, als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr, kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge, Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut, ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht -- ein prächtiges Bild -- aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner Vorgänger der heutige König der Belgier.
Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatte ein zahlreiches Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe, Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber, Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an; einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete hier wie dort.
Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen. Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede Pore des Körpers in die Seele drang.
Bujuk-Dere, den 31. Juli.
Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen. Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da, plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf; in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.
Das ist der ~Quai de Bujuk-Dere~, der in der Schätzung der Levantiner nicht weniger gilt als die ~Grande rue de Pera~, und so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus in die See zu fahren.
Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.