Part 35
Heute Nachmittags 4 Uhr schiffte ich hinaus in das schwarze Meer, um auch die bläulichen Eilande der Fabel -- wie ich die rothen der Propontis schon gesehen hatte -- in der Nähe zu besehen. Nach 1½stündiger Fahrt legte das Kaïk an ihren Felsen an; das europäische Ufer, dem wir uns besonders nahe hielten, hat schon lange vorher solche wilde basaltische Formen. Einzelne Felsen ragen daraus hervor, spitz und thurmartig, als sollten sie Denksäulen vorstellen, welche der Fahrt und den Sagen der Argonauten errichtet worden sind. Die Steine liegen schichtenweise übereinander, sichtbar gehoben, dunkelblauer Basalt und rothes Eisen wie in geschmolzenen Massen, graugrüne Ockererde als verbindender Mörtel dazwischen. An einer Stelle sieht es aus, als rinne die flüssige Lava eben erst aus dem Felsen über den Strand in die Fluth. Allerlei Vögel, mit denen der Bosporus reichlich bevölkert ist, nisten in den Höhlen. Es ist ein absonderlicher, mit nichts zu vergleichender Anblick dieser Küsten, den man so bald gewiß nicht vergessen wird.
Die Cyaneen sind weit höher als ich sie mir vorgestellt. Hammer behauptet sie nur eine Klafter über dem Meere erhaben. Das zeigt, daß er sie nicht einmal von den umliegenden Höhen gesehen, viel weniger an Ort und Stelle gemessen haben kann. Sie sind wenigstens 150 Fuß hoch.
Ich sehe nur zwei, nicht fünf inselartige Felsen, wie sie Andere beschreiben. Was sonst herumgestreut liegt, erscheint mir als nicht zu zählender Abfall von den beiden Hauptstämmen, und diese wieder halte ich nur für Ueberbleibsel der ehemaligen Küste. Einmal trat diese mit einem Vorgebirge bis hierher und vielleicht auch noch weiter in den Pontus vor. Seitdem hat dessen ewig stürmende Wellenmasse sich zwischen ihnen und dem Festlande, und sodann auch wieder zwischen den einzelnen Felsen selbst durchgewaschen. Man muß, selbst an ruhigen Tagen, gesehen haben, welchen Sturm und Drang das Wasser hier fortwährend übt, und welche Mühe es macht, an diesen Ufern zu landen, um an solche Zerstörung glauben zu können.
Die beiden Felsen sind immer noch, wie sehr auch das Unwetter daran genagt, ziemlich gleich hoch mit der Küste des Festlandes. Das Wasser löst und bröckelt an den großen wie an den kleinen, die herumgestreut liegen; das Erdreich kömmt ihm hierbei außerordentlich zu statten. Es sind, wie ich schon vorher bei der Vorüberfahrt an der Küste bemerkt, schwarzblaue Basalte von metallischem Glanze, zusammengeknetet durch lehmige Erde; nirgends ein größerer Block von widerstandsfähiger Kraft.
Ich stieg auf den obersten Gipfel; die Hände müssen den Füßen helfen, aber schwierig, wie sie in vielen Reisebeschreibungen geschildert, finde ich die Besteigung doch nicht. Oben steht ein Altar aus weißem Marmor; Kränze, die von Stierköpfen gehalten werden, sind der Schmuck, der darum gemeißelt. Oben auf der Fläche sind vier faustgroße Löcher eingehauen, offenbar um die Füße des metallenen Opfergefäßes festzuhalten. Unter dem Altar ist der Boden ungleich, so daß ich mit der Hand darunter durchgreifen kann. Ueberhaupt ist er wenig mit dem Boden verwachsen; das gibt mir doch Zweifel an dem Alter der Aufstellung, das behauptet wird. Der Fels ist mit rothgelbem verbrannten Moose überzogen; einiges Schilf, ~Arundo donax~, wurzelt in den Spalten.
Der Blick umfaßt weithin Meer und Land. Gerade gegenüber, auf der europäischen Küste, steht der Leuchtthurm und eine ansehnliche Ortschaft. Die asiatische Küste tritt gleich hinter ihrem Vorgebirge in eine Bucht zurück; der Leuchtthurm dort, die Batterien und Häuser von Poiras sind das letzte, was man sieht. Der Bosporus erscheint diesem Standpunkte wie geschlossen. Wer seinen Eingang nicht kennt, kann zweifeln, daß er überhaupt vorhanden, so schieben sich, wie sie ehemals zusammengeheftet waren, das europäische und asiatische Ufer ineinander.
Bei dem Eintritte in dieses Meer, von seinen immer bewegten Wellen lange hin- und hergeworfen, hielten die Argonauten diese Felsen für die Bewegten, indeß sie selbst es waren. Für den nahe der Küste Schiffenden, wie es die damalige Unerfahrenheit wohl mußte, scheinen diese Klippen wie abwehrende Wächter entgegengestellt zu sein. Oder sollte das ganze Märchen von den zusammenschlagenden Inseln nur ein Restchen jener Tradition sein, welche von der vulcanischen Veränderlichkeit jener Küsten erzählt, wie Deukalion von der großen Fluth?
Auf der Rückfahrt ward der Himmel plötzlich ganz verändert; eben noch blau und sonnenklar, lagerten sich hinter uns auf dem Pontus und vor uns auf dem Bosporus dichte verdunkelnde Wolkenschleier; der Süd hatte sie zusammengetrieben. Vor der Stunde ward der Tag nächtig, und der Mond, der wie eine blaßrothe Scheibe in Blut getaucht hinter dem Riesenberge heraufstieg, gab ein beinahe schon nothwendiges Licht. Groß wie heute habe ich ihn nur in Venedig gesehen, und darum begrüßte ich ihn auch wie einen lange entbehrten Freund.
Bujuk-Dere, den 20. Juli.
Es gibt Orte, die wie aus einer Naturnothwendigkeit ihre Namen führen, und die wie miterschaffen ihnen anhaften. Solch’ ein bezeichnungsvoll genannter Winkel ist hier „das Paradies“, eine Thalschlucht, die hinter Bujuk-Dere den Kabatasch Dag hinaufsteigt. Alles, was der Mohammedaner sich von jenem seligen Aufenthaltsorte verspricht, erfüllt sie. Kühle Wasser, die von der Höhe darin zum Meere fließen, schattiges Dunkel und blumige Gärten; die Hänge sind mit zahmen Kastanien, mit Feigen, mit Gülbersümen (~Acacia julibrissin~) bedeckt. Mächtige Lorbeerbüsche streben dazwischen auf, blaue Hortensien bekränzen das Plateau vor der dürftigen Holzhütte des Kaffeegi, und nur aus der Entfernung von einem der benachbarten Hügel herüber mahnen Cypressen an den traurigen Ernst des Lebens. Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Ein Gewitter war dem anderen gefolgt, und Morgens noch ließ ich, in jenem Paradiese geborgen, eines der schlimmsten über mein Haupt und über die See, die antwortlos für solche empörte Sprache ruhig in dem Busen des Festlandes lag, dahinziehen. Es ist etwas unendlich Förderndes, sich solcher beschaulicher Trägheit des Orientalen hinzugeben. Bei der Eile unserer Länder ist sie vielleicht nur auf der Höhe unserer Berge möglich, wo man entrückt dem civilisirten Leben ist. Angeregter und begabter als bei uns nach tagelangen Studien stehe ich hier von solchen Stunden der Faulheit auf. Von meiner heutigen Ruhe aus stieg ich den Berg hinauf, die weitere Aussicht auf die beiden Meere, das schwarze und das von Marmora, zu gewinnen. In einem Hohlwege begegnete mir ein Esel, und in welchem Aufputze das verrufene Bild der Dummheit! Lorbeerzweige zu den beiden Seiten seines Kopfes in das Saumzeug gesteckt, und der Führer einen dritten in der Hand, womit er sich und dem Thiere barmherzig die Fliegen abwehrte. So spielt der Zufall mit den Bedeutsamkeiten des Lebens; es war der passendste Gegenstand für einen Genremaler, der die Contraste nahe bei einander haben will.
Die Gewitter währten den ganzen Tag. Abends, nach dem Essen, da wir auf die Terrasse heraustraten, sahen wir die See immer noch in geisterhafter, beinahe beängstigender Ruhe liegen. Oben am Himmel jagten schwere schwarze Wolken; erst der Mond scheuchte sie und gab der See und den Schiffen, die zahlreich in der Bucht geborgen liegen, das Licht wieder. Mondlandschaften gleichen den Bildern unserer Erinnerung; beide mahnen mehr die Einbildungskraft zum Selbstschaffen, als daß sie Erschaffenes geben.
21. Juli.
In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane, von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscher üben. Das Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.
Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon: die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.
Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind, ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben, das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner, die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt und fertig in seiner Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen, welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind, was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an, daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien, Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nur ein mikroskopisches Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang erfolgt sein soll.
Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen, Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann, und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind. Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind, und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden, vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.
Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.
Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe, welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen, den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben. ~Timeo Danaos dona ferentes~, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.
Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.
Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine wirkungsvolle Staffage für ein Bild.
Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern, bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die große Landstraße befuhren.
Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.
Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes, Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte, sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch „Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen „Sonntag Morgens am Rheine“ -- das Lied „Ein Feiertagsabend am Bosporus“ nennen.
Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, -- da befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.
Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.
Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und -Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage. Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist, trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle -- obwohl noch immer fortlebend -- von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?
Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne ermüdet ist.
Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger, als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen, in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.
Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.