Ein Sommer im Orient

Part 34

Chapter 343,671 wordsPublic domain

Dieser Wand gegenüber steht der Kabatasch Dag, grün und bewachsen, als sei er einer der schönsten Gärten des Bosporus. Arbutus und Lorbeer sind bis zu Bäumen emporgeschossen. Am üppigsten ist auch hier die Fruchtbarkeit in den Gräben, die das Wasser von oben herab in die Bergwände gezogen hat. An einzelnen Stellen ragen große Kalksteinblöcke aus dem Erdreiche hervor, die das Wasser rein gewaschen hat; sie gleichen jenen Burgenresten, die wie Vogelnester an den Bergen des Rheins und des Neckars kleben. Das Grün hängt in dichten Schleiern über sie und stürzt in breiten Fällen zu Thale. Durch diese Schluchten stieg ich abwärts, die Burgen und die Wasserfälle neben und über mir. Ziemlich unten im Thale ist der Quell, den sie das Kastanienwasser heißen. Versteckt und geborgen durch allerlei dichte Bäume, ist der schönste und der edelste darunter ein mächtiger Kirschlorbeer (~prunus laurocerasus~). Das Blatt ist dick und fest wie Leder, länglich, groß und von einem prächtigen Dunkelgrün, wie es kein anderer Baum hat; der Zweige sind nur wenige, aber diese sind groß und hoch, und auch wie die des gewöhnlichen Lorbeers hilfeflehend nach aufwärts gestreckt. Das Wasser ist milde, so recht wie es der Orientale liebt, aber für meinen rauhen Geschmack zu weich. Ein Türke reichte mir mit artiger Sitte den Kaffee, und ein Gespräch, das sich darauf mit ihm entspann, zeigte mir wieder, wie diesem Volke die Unwissenheit kein Hinderniß zu verständigem Urtheilen ist.

Auf dem Rückwege passirte ich das Dorf Ssaryjeri; es ist das Thor in dieses Thal. Ein Friedhof mit hohen Cypressen liegt schon dahinter und in dem Thalbette. In den Gärten, durch die ich schritt, blüht eben die Myrthe (~myrtus communis~) und ein wunderschöner Acazienbaum (~acacia julibrissin~), was sie hier mit Festhaltung der Wortlaute Gülbersüm übersetzen. Seine Blüthen sind rosenfarbene Staubbüschel, die die Zweige über und über bedecken. Der Baum ist so schön, daß er eigentlich nur dem Paradiesvogel zur Herberge dienen sollte.

Den 14. Juli.

Um fünf Uhr Morgens im Kaïk nach Rumili Kawak. Es ist das Schloß der Türken, welches sie im Anfange des 17. Jahrhunderts unten auf dem europäischen Gestade, dem Schlosse von Asien gegenüber, bauten. Ein Dorf, Casernen und Batterien haben sich seitdem darum gesammelt. Prächtige Platanen keimen dazwischen, beschatten einen kleinen Platz, einen kühlen Brunnen und die Schankstätte eines Kaffeegi. Ich ruhte auf dem Rückwege eine Weile dort, erschöpft und ermüdet von dem weiten Gange, und daß ich ein Glas um das andere von dem köstlichen Wasser begehrte, ließ die Leute noch freundlicher als gewöhnlich sein. Die Mauern und Thürme des Schlosses, obgleich verhältnißmäßig jung, sehen altersgrau und gebleicht aus. Schlechte Bauart scheint das Meiste zu diesem raschen Verfalle gethan zu haben.

Wie auch Ssaryjeri, steht dieser Ort auf der Mündung eines engen Thales an dem Saume des Bosporus. Die übrige Küste ist hier so steil, die Berge fallen so plötzlich in die See ab, daß sich nicht mehr, wie weiter südwärts gegen Constantinopel zu, die Menschen in fortwährender Reihenfolge darauf ansiedeln konnten.

Ich ging von Rumili Kawak in das Thal hinein, das, wie alle diese Schluchten, ein kleines Bächlein zum Meere leitet. Auf seinem linken Ufer schreitend, hatte ich es bald tief unter mir. Felder ziehen sich die Abhänge hinauf; einzelne Bauern arbeiteten darauf. Dann aber verlor ich den Weg; Arbutus und anderes Gestrüppe, darunter auch dorniges, umgaben mich. Ich wollte auf der kürzesten Linie aufwärts, vergebens; ich sah zwar mein Ziel vor mir, aber der Durchgang war undurchdringlich. Es sind nicht die Riesen, die kleinen Geister stellen sich uns meistens am hinderndsten in den Weg. Tannen hätten mich durchgelassen, diese Zwerge zwangen mich, den ganzen Weg, den ich gekommen, zwei Stunden lang, wieder zurück zu machen. Erst von Rumili Kawak fand ich den richtigen, gleich rechts von dem Dorfe, unmittelbar aufwärts zu dem älteren Schlosse der Byzantiner, welches ich suchte. Duftige Hecken säumen den Steig ein; die Sonne brannte glühend. Oben fand ich gestürzte Mauern und nur drei Gewölbebogen, die der Sturm der Zeit aufrecht ließ. Die Mauern, meistens nur mehr wenige Fuße hoch, sind schön gefügt und so sorgsam gebaut, daß die herabgestürzten Blöcke fest zusammengehalten, nicht als seien sie mit Mörtel von Menschenhand zusammengeleimt, sondern durch die Triebkraft der Natur zusammengewachsen. Weithin über das ganze Plateau und den Berg hinab sind die Ruinen zerstreut. Lorbeer wächst dazwischen und darum in hohen versteckenden Büschen. Einer hat sich in die Wölbung einer herabgestürzten Kuppel eingenistet. Er sitzt darin wie in einem Blumentopfe: der Ruhm, der aus dem Moder der Vergangenheit sein Leben nimmt. Sonderbar immerhin ist dieses wie bedachtsame Schaffen der Natur, das um Ruinen und um Gräber den meisten Lorbeer wachsen läßt. Ich fand keine andere Stelle dieser Küsten reicher mit diesem Strauche gesegnet, als die der alten Byzantiner Schlösser drüben in Asien und hier in Europa. Solche Erscheinungen machen es erklärlich, warum gerade dieser Baum der Liebling des Dichtergottes Apollo ward. Gräber und Ruinen waren es ja zu allen Zeiten, die die Dichter besonders liebten und durch ihre Gesänge ehrten.

Die Akropole dieser Befestigung stand auch einmal, wie drüben in Anatolien, hier oben auf der Höhe der Küste. Von ihr zog sich die Ansiedlung zum Ufer hinab. Die Umfassungsmauer steht heute noch fortlaufend bis zum untersten Rande in ihren emportauchenden Fundamenten. In die Burg flüchteten sich dann die Bewohner der Ortschaft, wenn Ueberfälle von der See aus sie bedrohten. In ähnlicher Weise wird damals der ganze Bosporus bewohnt gewesen sein; freie offene Dörfer, oder gar abgetrennte Villen wie heute können in einer Zeit nicht möglich gewesen sein, als auch der stärkste Arm nicht die Waffe hatte, rohen ungezähmten Völkern, wie sie die Ufer des schwarzen Meeres beherbergten, den Einfall zu wehren. Denn die Kette, die bereit gehalten wurde, von hier aus nach Asien hinüber den Eingang zu sperren, konnte nicht immer so rasch gespannt werden, als es die Ruderschiffe der scythischen Russen waren. Manches Synope der byzantinischen Kräfte ist hier schon erlitten worden. Erst die gewechselte Kriegskunst, die durch immer bereite, rasch abgefeuerte und weittragende Geschosse die Städte und Länder vertheidigt, gestattete auch hier eine freiere Lebens- und Bauweise. Die Batterien, die heute unten auf dem Strande stehen, sprechen freilich noch immer dieselbe Sprache der orientalischen Frage wie die Ruinen oben auf dem Berge, die mir in dichterischen Lauten von einem Ueberfalle des noch unbekehrten Ruriksohnes Igor lispelten, der mit 2000 Booten den purpurgebornen Constantin aus seinen Studien weckte und ihm die Hauptstadt und die Umgebung in Blut taufte.

Nahe dem Schlosse fand ich einen riesigen Quarzblock mit eingesprengtem Eisen zu Tage liegen; das Eisen so geschmolzen, daß es wie Schlacken einer Fabrik aussah. Das können nur Ueberbleibsel einer verhältnißmäßig jungen vulkanischen Thätigkeit sein. Auch Jaspis, Schwefel, die ich später fand, machen dieses Phänomen wahrscheinlich. Das Land ringsherum ist öde und unbewachsen; es liegt 600 Fuße hoch über dem Meere, eine nur leicht gewellte Ebene. Wege nach Kilia, nach Fanaraki (dem Leuchtthurm von Europa) und ein näherer nach Karybsche Kalessi, einer Batterie auf dem letzten Vorgebirge, ehe sich der Bosporus in das Meer weitet, führen darüber.

Ich ging weiter zu einem Thurme, der schon drüben von Asien her meine Neugierde erregt hatte, und der auch heute das eigentliche Ziel meines Planes war. Hammer nennt ihn ~Turris Timaea~ und behauptet, daß es derselbe sei, welchen Dionysius beschreibt. Die Byzantiner hätten ihn als Leuchte benützt, und von dort aus mit Fackeln den Schiffern Leitung und Warnung gegeben. Hammer muß auch ihn nicht in der Nähe gesehen haben. Der Thurm ist rund, hat 87 Fuße im Umfange, ein niederes Holzdach deckt ihn; sein Mauerwerk ist ein elendes, sogar die Byzantiner können das nicht gebaut haben. Es muß später und wohl türkisches Handwerk sein. Mehr als eine Warte, ein „Lug ins Meer“ wird der Thurm wohl auch nie gewesen sein. Der Stall einer Heerde ist nebenbei; Hirte und Schafe waren nirgends zu sehen, alles herum leer und verlassen.

Hundert Schritte weiter von dem Thurme sah ich die ganze Fläche des schwarzen Meeres zu meinen Füßen ausgebreitet; ein riesiges Bild, wie ich kein Meer je größer gesehen habe, und zugleich der weiteste Blick in den Osten. Das Festland und die Berge ziehen sich gleich Anfangs beim Austritte des Bosporus in die See auf beiden Seiten in gerade Linien zurück, nicht busenförmig, wie sonst die Ufer dem Meere geöffnet sind. Himmel und Meer sind daher gleich das Einzige, was das Auge sieht, und seine Grenze der langgezogene Horizont, wo sich beide vereinigen. Die Sonne hatte viel Dünste auf das Wasser gelagert, es blendete, und der Ueberfluß an Licht löschte die Farben. Alles war goldig und glänzend, seltener Weise nirgends ein Schiff, auch nicht einmal ein Remorqueur, die allenfalls ankommenden zu erwarten. Neben und hinter mir sah ich hinab auf die Windungen und Buchten des Bosporus und über die Berge weg bis nach Stambul.

Ich habe an keiner Stelle mehr als an dieser das Nahen und Sichaufthun einer neuen Welt empfunden, keine hat aber auch eine kleinere und unmerklichere Pforte als diese des Bosporus, und eben darum ist der Blick auf das große Feld des schwarzen Meeres so überraschend, so eindrucksvoll. Man sieht auf den Karten den Pontus Euxinus so eingerahmt, so umschlossen, daß man sich nun diese unbändige Endlosigkeit gar nicht in seine Vorstellungen einpassen kann. Noch immer kostet es mir Mühe, mir zu erklären, daß diese schmale Spalte, die sich das Wasser zwischen Asien und Europa gegraben, wirklich den Eingang zu einem anderen Meere bilde und daß dieses groß und mächtig sei. So steht der Mensch verwirrt und betäubt vor neuen Wahrheiten, so die ganze Menschheit ungläubig vor neuen Lehren, und so der hinübergegangene Geist wohl auch einmal vor den Geheimnissen der Ewigkeit. Es hat eben jede Vorstellung ihr Amerika, das erst entdeckt sein will.

Auf dem Rückwege legte ich mich unter einem Feigenbaume nieder. Meine Wanderung hatte Stunden, beinahe den ganzen Tag gedauert. Ich war müde und schlief ein. Als ich erwachte, fand ich neben mir unter anderen Büschen zwei Soldaten der türkischen Marine gelagert. Man hatte mich in letzter Zeit gewarnt, meine Spaziergänge nicht allein, und wenn ich das durchaus nicht anders wolle, wenigstens nicht unbewaffnet zu machen. Gerade diese Burschen der Flotte hatte man mir als die gefährlichsten, als die raub- und mordlustigsten geschildert. Natürlich fielen mir bei dem Anblicke meiner Lagergenossen diese Warnungen ein; ich entdeckte auch gleich in ihren Blicken und in ihren Gesten einiges Verdächtige, das sich sichtlich mit mir beschäftigte. Mein Schicksal hielt ich für entschieden; die wenigen Piaster in meiner Tasche, die Uhr und die goldene Kette, vielleicht mein Leben selbst für verloren. Schon machte ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mehr an Geldeswerth zu mir gesteckt, das Leben mir damit zu erkaufen, als der eine aufstand, in die Büsche hinter mir ging und dort verschwand. Ha! dachte ich, der Plan ist vorsichtig, ich soll in dem Rücken gefaßt und mir zugleich die Flucht abgeschnitten werden. Den Widerstand hielt ich für nutzlos; einer gegen zwei, und die einzige Waffe dieses Hilflosen, ein weißer Sonnenschirm, mußten erliegen. Die Kerle hatten weiße Leinwandhosen an, die roth eingefaßt waren, und eben solche Jacken; auf dem Kopfe trugen sie das Fezz.

Da kam der eine der Mörder, der, welcher aufgestanden und in die Büsche verschwunden war, von rechts herüber und auf mich zu. Er ging vorsichtig und langsam, in den Händen trug er etwas, das er mir darreichte; es war ein Lederbecher, gefüllt mit Wasser. Meinem Gesichte hatten sie die Ermattung angesehen, und da sie von früheren Wanderungen eine versteckte Quelle kannten, was im Oriente immer als der besondere Schatz einer Gegend gilt, so dachten sie, damit mich aufzurichten. Das war das einzige Attentat, das sie auf mich machten, und als ich das Wasser getrunken und es mit einem Trinkgelde vergelten wollte, wiesen sie die Münze mit dem Bedeuten zurück, daß man des Herrgottes freie Gaben sich nicht bezahlen lassen dürfe. Um etwas Anderes baten sie: daß ich ihnen erlaube, mein Skizzenbuch anzuschauen.

Und so sind alle Erfahrungen, die ich hier mache: eine um die andere entgegen den Behauptungen, welche gewöhnlich erzählt werden.

Bujuk-Dere, 17. Juli.

Ein Engländer, der die ganze Erde bereist hatte, nannte, da er vom schwarzen Meere gegen Constantinopel kam, den Bosporus die schönste Straße der Welt und siedelte, weil er behauptete, der nähere Augenschein müsse diesen aus der Ferne geschöpften Eindruck zerstören, von einem auf den andern Dampfer über, um auf- und abgehend Constantinopel zu sehen.

Der Mann hatte Unrecht. Wer nur die Schönheit in etwas anderem versteht, als in seinen vorgefaßten Meinungen, der wird auch hier in der Nähe noch manches Reizende sehen. So ist neben der Natur, die verschwenderisch ihre Gaben ausgeschüttet, auch die Kunst nicht unthätig geblieben. In den Gartenanlagen hat sie Wunderwerke geschaffen, die von keinen andern auf irgend einem Ufer übertroffen werden. Beinahe ununterbrochen von Constantinopel bis zu den rauhen Vorgebirgen des schwarzen Meeres ziehen sie sich zu beiden Seiten des Bosporus. Landhäuser, Köschke sind dazwischen gepflanzt, zuweilen einzeln, meistens aber in dichten Gruppen gesammelt, so daß sie ein ganzes Dorf (Köi) bilden. Es ist, als ob sich die Stadt ins Endlose fortsetze.

Diese Gärten sind nach zwei Arten angelegt; entweder unten am Saume des Meeres nur als eine schmale Terrasse, oder in weiterer Ausdehnung parkartig die Hügel hinauf; immer aber steht das Landhaus (Jalli) hart am Wasser, die ganze Ausschau den Bosporus hinauf und hinunter und den ersten Anprall der Kühle zu genießen. Der Werth solcher Besitzungen, besonders der der letzteren Art, welche so viel Terrain einschließen, steigt bis auf einige Millionen Piaster. Ali Pascha hat z. B. die seinige bei Bebek, wo er kürzlich das prächtige Sultansfest gab, zu diesem ungeheueren Preise angekauft.

Ich besuchte heute zwei Gärten, je einen nach diesen verschiedenen Anlagearten; das Landhaus eines griechischen Großen, des Logotheten Aristarchi in Jeni Köi, und das Jalli des türkischen Großveziers Fuad Pascha in Kandlische. An beiden Orten wurde ich mit außerordentlicher Artigkeit empfangen. Bei dem Griechen waren nur Frauen zu Hause; sie geleiteten mich durch den Garten, der zu beiden Seiten des Hauses mit blühenden Büschen, mit Blumen und seltenen Bäumen gefüllt ist. Das Schönste darin sind riesige Magnolienbäume mit Blumen bedeckt. Bei uns erhebt sich diese Pflanze, die Villa Carlotta am Comersee ausgenommen, nicht über die Höhe eines Strauches, und blüht im Frühjahre, wenn die Zweige noch kahl sind; hier schimmern jetzt schon und von haushohen Stämmen die großen weißen Tulpen aus dem Dickicht der großen lederartigen Blätter hervor, und ihre langen gelben Staubfäden verbreiten einen Duft bis weit auf das Meer hinaus. Das ist das Verdienstliche der Vegetation des Bosporus, daß sie immer noch das uns Bekannte, aber vergrößert in’s Zwei- und Dreifache sehen läßt. Mit Leitern mußten hier die Blumensträuße gebrochen werden, die mir die Frauen zum Abschiede gaben.

Gegenüber, auf der Küste von Asien, liegt das Jalli des Großveziers. Das hat eine der Gartenanlagen, die sich in weiter Ausdehnung den Berg, der dahinter liegt, hinaufzieht. Das Haus ist prächtig eingerichtet und geräumig. In dem Garten fiel mir das Bemühen auf, Pflanzen zu erziehen, die im Grunde diesen Klimaten fremd sind; die Fichte ist neben die Palme und die Tanne neben die Cypresse gestellt. Sie wollen auch hier also wieder, was sie nicht haben und weiter schweifen in die Ferne. Ueberhaupt hat die ganze Gartenanlage viel Europäisches. Verschlungene Wege, Rasenplätze, die trotz allen Begießens nicht gedeihen, versteckte Seen und andere Liebhabereien der englischen Parkanlagen. Was sie Eigenthümliches hat und was jene englischen Phantasien mit allem Nachahmen der Natur nicht erschaffen, das ist dieser Blick in die reizendste Ferne der Welt. Wo man auch steht, auf welcher Terrasse oder in welchem Dickicht, überall fällt das Auge, gezogen durch den glitzernden Sonnenschein, auf den blauen Spiegel des Bosporus, auf die bunten Berge und die breite Bucht von Bejkos.

In Tschibukly, einem lauschigen Dickicht der Ufer dieser Bucht, brachte ich den Rest des Abends zu. Aus den grünen Wäldern des Alem Dag kömmt dort ein süßes Wasser dem Bosporus zu. Wie gewöhnlich decken seine Mündung große schattige Bäume, riesige Platanen darunter. Unter ihnen sammelt sich das Wasser in einem viereckigen, in Steinen gefaßten Becken. Griechen, Türken, Armenier saßen darum und, was dem Bilde am meisten Farbe gab, eine Menge türkischer Frauen mit ihren Kindern; die bunten Trachten leuchteten in dem Dunkel der Bäume gar auffällig. Obst-Zuckerwerkverkäufer boten auf ihren dreifüßigen Tischen ihre süßen Waaren aus; Andere trugen Wasser, Malebi, Gefrorenes herum; ein Kaffeegi war auch dort, und eine armenische Musikbande im Dienste eines Vornehmen erheiterte ihren Herrn und die Menge. Ganz anders war die Art, wie diese ihr Vergnügen kund gab, still und zuhorchend, nicht schreiend, lärmend und streitend, wie es bei uns geschieht, wenn die Fiedel streicht. Die Instrumente waren zwei einsaitige Geigen, eine Flöte, die Tarabuka und als wichtigste Klangwirkung ein ganz eigenthümlich gestaltetes ziemlich großes Hackbret. Die Melodie, die sie spielten, erinnerte mich wieder an die Weisen der Ungarn, und ich behaupte, daß Musik und Poesie mehr als alles Andere den Zusammenhang der Völker verrathen.

Unter die Kinder vertheilte ich Zuckerwerk. Zuerst erstaunt und verlegen, holten sie sich erst die Erlaubniß ihrer Mütter, es anzunehmen. Als diese mit zuwinkenden Blicken ihnen ward, drängten sie sich zu, und die freundlichen, dicken, runden Gesichter waren nun die Vertraulichkeit selbst. Es gibt nichts lieblicheres, als türkische Kindergesichter; wie die Modelle der musicirenden Engelsknaben auf den heiligen Conversationen des Bellini sehen alle aus.

Zwischen all’ dem fiel das Auge immer wieder auf die glitzernde Fläche des Bosporus, wo ein Segel um das andere leise vorbeizog und große und kleine Dampfer rauschend das Wasser aufwühlten. Zuletzt ging die Sonne unter und ließ die weißen Felsen von Chunkiar Iskelessi und das Schloß der ägyptischen Prinzessin, das dort steht, wie in einem Brande auflodern.

So erquicklich und so friedlich vergeht hier ein Sonntag; nichts von Berauschten, von Wein und Bier, und von Rohheit wie daheim in der gebildeten Heimath.

Bujuk-Dere, den 19. Juli.

Niemand wird auf dem Bosporus fahren, ohne zu fragen, wie dieser Strom entstanden, was im Laufe der Zeit die Verbindung zwischen dem schwarzen Meere, dem von Marmora und dem Mittelländischen hergestellt habe. So sonderbar ist diese Bildung, daß diese Frage beinahe eine unausweichliche genannt werden kann. Auch das Auge des ungeübtesten Laien in der Geologie sieht, daß hier etwas Ungewöhnliches zu Tage liegt, und begreift, daß es so nicht von allem Uranfange an gewesen sein könne. Zu vergleichen ist es nur den Erscheinungen, die in den Alpen vorkommen, wenn sich ein tüchtiges Bächlein oder ein schon Fluß gewordenes Wasser in zwei, drei Thalniederungen plötzlich für einige Zeit heimisch niederläßt; wie z. B. die Aar in dem Brienzer- und Thunersee, die Traun in den drei Grundelseen, dem von Hallstadt und später dem von Gmunden. Die drei Meere liegen hier ähnlich nebeneinander und ähnlich wie dort durch Flußbetten verbunden. Und wer heute die Bildung eines Flußbettes beobachtet, der wird im Werden dieselben Formationen sehen, die hier gehärtet und gealtert in festen Formen vor ihm stehen. Wenn an einem Meere mit weithin ausgestreckten sandigen Ufern die Fluth schwillt und das Wasser von einer Sandgrube zur andern strömt, oder wenn Kinder an einem Bächlein mit reißendem Gefälle ein Loch in die Ufer bohren, um das Wasser in irgend eine neben liegende Pfütze zu leiten, dann sehen wir es dahin nicht auf gradem Wege, sondern im Zickzack mit den sonderbarsten Biegungen und Willkürlichkeiten schweifen; wie in dem Thun des Menschen wird das kleinste Hinderniß die Ursache für das Abweichen von dem erstgemeinten Ziele. Eine solche Bahn der Willkür hat auch das schwarze Meer bei seinem Ausbruche in die Tiefenthäler des weißen verfolgt. Die Erfahrung hat auch ihm gelehrt, daß es besser sei, ausweichend an den Vorgebirgen vorüber und in die ruhigen Buchten hinein zu gleiten, als auf den geraden Wegen der Schulmeisterweisheit den Kopf an dem allzuharten Gestein sich zu zerstoßen.

Unter allen Vermuthungen, die über die Bildung des Bosporus aufgestellt worden sind, erscheint mir als die wahrscheinlichste diejenige, welche ehemals das schwarze Meer an dieser Stelle durch einen Vulkan geschlossen und diesen Vulkan durch eine Eruption zertrümmert, das Meer dadurch geöffnet sein läßt. Noch zeigt das ganze Dreieck der europäischen Küste, das Vorgebirge von Ssaryjeri bis nach Kilia hin die Spuren feuriger Thätigkeit; die Erdoberfläche ist dürr und nackt, kaum von niederem Gestrüpp und Grase überwachsen; meistens liegen Basalte, Eisensteine und Schlacken von so junger Bildung offen zu Tage, daß man an ehemalige Fabriken glauben könnte. Jung nenne ich diese Producte im Verhältnisse zu dem großen Maßstabe der Natur, denn unser Alter ist ja weniger als eine Secunde in dem Leben der Welt.

Will man diese Hypothese mit dem Allzuwenig der Spuren widerlegen, die von jenem ehemaligen Thorschlusse des schwarzen Meeres nur noch übrig sind, so verweise ich auf die außerordentliche Demolirungskunst der Natur. Nicht nur das Erschaffen, auch das Zerstören ist ihre berufsmäßige Aufgabe; aus dem Einen geht das Andere hervor, und so nicht blos bei den Wesen die wir lebendige nennen, bei den Thieren und bei den Menschen, auch bei den unbelebten Pflanzen und noch mehr vielleicht, nur weniger beobachtet und verstanden, bei den Steinen und Felsen, bei den Bergen und bei der ganzen morschen Erdkruste. Die ganze Natur ist in einem fortwährenden Zerstörungsprocesse begriffen; die Berge kommen zu Thale und die Ebene baut sich wieder zu Bergen auf. Wer daran zweifelt, der soll sich im Thale von Chamouny davon überzeugen; die Aiguilles, die Nadeln, die den Hauptreiz jener Gegend ausmachen, sind nichts als zertrümmerte Montblancs. Ursprünglich waren sie Dome, wie der des Gouté und der des Hauptstockes heute noch; zuerst schmolz ihnen der Gletscher ab und dann zerbröckelte sie der Zahn der Zeit, der Regen und das Unwetter. Aehnliche Gebilde, nur nicht so himmelstürmerisch wie jene der Alpen, zeigen hier die Küsten des Bosporus bei seinen Mündungen in die beiden größeren vorliegenden Meere: die Prinzen-Inseln und die Cyaneen, die beiden Inselgruppen, die wie durch bedachtes Schaffen der Natur symmetrisch vor die Eingänge dieses Länder und Meere verbindenden Stromes gesetzt sind; die einen, die Prinzen-Inseln, mehr zur Rechten vor das Vorgebirge von Asien, die anderen, die Cyaneen, mehr links vor das Ufer von Europa geschoben. Man kann die einzelnen Felsengipfel, wie sie dem Wanderer auf der weiten Fläche des Meeres als Vorläufer des Festlandes erscheinen, den Obelisken vergleichen, die die Aegyptier als stimmungsvoll vorbereitende Herolde vor die Pylonen ihrer Tempel stellten.