Part 33
Stundenlang ging so meine Wanderung fort, verlängert durch mannigfaltige Verirrungen. Dem Schlosse kam ich auf seiner Rückseite zu über das Plateau, das sich dort sanft ansteigend in das Innere des Landes hineinzieht. Sein verlassener Begräbnißplatz liegt unmittelbar vor dem Thore, von Cypressen und Platanen beschattet, eine Wildniß, die nur noch von der Natur gehütet wird. Ruinen überall; Gräber, die den Menschen beherbergen, und Thürme, die ausgestorben sind, und das hart und unvermittelt neben einander, nur die Natur, die sich versöhnend und fortwährend verjüngt dazwischen und darüber hinschlingt: Epheuranken auf den Mauerthürmen, die sie wie mit Pelzwerk gegen das Unwetter überziehen, und Rosenbüsche auf den Gräbern. Der Wind glättete die Epheublätter, daß sie sich alle wie Haare schmiegsam nach einer Seite hin legten. Rechts und links neben dem Schlosse vorbei sieht man auf die blaue Fluth des Bosporus hinab. Das Schloß steht auf dem Rücken eines Vorgebirges und steigt mit ihm zur See hinab. Gegenüber sind die finstern, beinahe schwarzen Felsen der europäischen Küste und über diesen das Hochland, das sich dort viele Stunden weit wüste und unbebaut hinzieht; das sind Küsten, wie sie dem einstmals ungastlichen (Axinos) Pontus gebühren. Neben mir, gegen das schwarze Meer zu, wo ich lagerte, geht es schauerlich steil in eine Bucht hinab. An den Felsen, die unten zerstreut liegen, brandete die blaue Fluth heftig an und warf weißen Schaum. Schiffe, von Remorqueurs gezogen, trieben dort unter mir so nahe der Küste vorbei, daß ich den Blick auf ihr Verdeck frei hatte, wie ihn sonst nur der Vogel sieht. Fil Burun, das Elephanten-Vorgebirge, schließt für den Blick von hier aus wie diese nächste Bucht, so auch den Bosporus. Europa mit seiner Küste thut dieses -- für diesen Standpunkt wenigstens -- mit Karybsche Burun, denn die bläulichen Cyaneen, diese fabelhaften Eilande, die kamen und dann wieder gingen, und die ich auf meiner Wanderung mehrere Male erblickt hatte, sah ich von hier aus nicht mehr. Die Mündung, die dazwischen beinahe dunkelblau zum scharf contrastirenden goldenen Spiegel des schwarzen Meeres hinausfließt, hieß den Alten die Heilige (Hieron). Das wohl von den vielen Götterbildern, die den Schutz- und Hilfeflehenden zur Darbringung der Bitt- und Dankopfer für glückliche Fahrt auf den beiden Ufern aufgestellt waren. Aus der Rede des Cicero gegen den Verres wissen wir, daß darunter eine der drei berühmtesten Statuen des Jupiter Urios (des Gottes der Winde) war, und der Name, der dem nur von den Franken so genannten Genueser Schlosse im hiesigen Volksmunde geblieben ist, Jaros Kalessi, ist vielleicht ein Beweis, daß der Tempel und das Bild dieses Gottes wirklich auf dieser Stelle gestanden haben.
Aus ältester Zeit hat man hier kürzlich ein Basrelief von edler und entschieden griechischer Arbeit gefunden, das durch seine Inschrift von diesem Götterdienste und dem Alter der Niederlassung Kunde gibt: „Die Schiffer, die Jupiter Urios um eine glückliche Fahrt durch die steilen Cyaneen und in die ägäische See bitten, die gefüllt ist mit einer ausgestreuten Schaar von Riffen, werden sie haben, wenn sie vorher dem Gotte, dessen Standbild Philo Antipater hier aufgestellt hat, damit es den Schiffern Hilfe und gutes Vorzeichen gebe, ein Opfer darbrachten.“
Uebrigens ist selbst das Schloß, dessen Ruinen heute noch stehen, älter als es sein Name glaublich macht. Es sind überhaupt viele Irrthümer, die dieser Name großgezogen hat, der nur die letzten christlichen Besitzer nennt. Das waren allerdings die Genuesen, aber durchaus nicht von so alter Zeit her, als man gewöhnlich annimmt. Bis tief in das vierzehnte Jahrhundert gehörte es, so gut wie das gegenüberliegende europäische Schloß, den byzantinischen Griechen, die das eine wie das andere auch gebaut hatten. Wenn es nichts bewiese, so zeugte dafür das byzantinische Wappen, das Kreuz in dem Halbmonde, das groß auf zwei Steinen dargestellt in beiden runden Thorthürmen eingemauert ist. In den vier Ecken der beiden Steine sind je zwei Buchstaben ausgemeißelt. Hätte ich mehr archäologisches Talent, so würde ich aus diesen ~donnés~ eine vollständige Schloßgeschichte herauslesen. Uebrigens auch das Gemäuer verräth unzweifelhaft byzantinische Zeit: Quadersteine, die mit wohlgeschichteten Ziegellagen bandförmig abwechseln. So auch die Thürpfosten und Thürbalken in byzantinisch antikisirenden Formen, nur fehlt die Neigung der Pfosten nach Innen, oben pyramidal. Ueber der Thüre sind zwei kleine Rundbogen zugemauert. In dem Gemäuer saß eine Eule; ich hielt sie für todt, so regungslos war sie, und griff nach ihr; das nahm sie übel; die Augen gingen weit auf und schoßen zwei giftige Blicke auf mich, mit sträubendem Gefieder verkroch sie sich tiefer in die Steine hinein. Es war dies der einzige Bewohner dieser Stätten, den ich gewahr wurde. „Eulen nach Athen tragen“ ist übrigens ein Sprichwort, das auch am Bosporus das Ueberflüssige bezeichnen könnte; die ganze Gegend hier scheint voll von diesen Vögeln. In Bujuk-Dere höre ich jeden Abend den krächzenden Ruf eines derselben; mir der unangenehmste Laut, den die ganze Natur hat.
Durch ein Seitenthor ließ man mich in das Innere des Schlosses. Es ist ein Unsinn, den ganzen ungeheuren Raum, der von den hohen Ringmauern eingezäunt ist und von der Höhe des Vorgebirges terrassenförmig zum Meere hinabfällt, so zu nennen. Schloß war nur das Oberste, das, was mit den hohen Thorthürmen zum Theile noch erhalten steht; das Uebrige war mit der Stadt angefüllt, die zuerst und darum wohl am dichtesten sich unten auf dem Ufer angesiedelt haben mochte, und von dort aus, als ihre Bevölkerung an diesem wichtigen Verkehrspunkte wuchs, die Ufer hinauf gestiegen sein wird, wo sie von der Akropole gedeckt ward. Deshalb dort die festen Pylone, vielleicht schon um Ueberfälle der Gothen, später der Perser, der Saracenen und Türken abzuwehren. Unten auf dem Ufer mag auch jener Tempel des Jupiter Urios gestanden haben, wie denn heute die Ortschaft sich wieder hart am Meere angesiedelt hat. Viele tausend Einwohner können in dem abgegrenzten, beschützten Raume gewohnt haben und es war eine volkreiche Bergstadt, die lebhaften Handel trieb, die die Durchfuhrzölle des Bosporus für die Griechen des Alterthums, des Mittelalters und später für die eindringlichen Genuesen in Empfang nahm; ein Ort in seiner Lage, Form und Bedeutung Syra ähnlich, wie wir es heute im ägäischen Meere sehen. Heute lebt eine Wildniß von Bäumen und Sträuchern auf der ausgestorbenen Stätte, viele Feigenbäume und ab und zu auch eine Cypresse. Der Boden scheint sehr fruchtbar zu sein; ich habe nie die Artischoke größer und prächtiger violett blühen sehen als auf dem Schutt und Moder der alten und neuen Griechen. Man findet mehrere Cisternen, Säulenschäfte, Kapitäle und Basen vielfältig in die Mauern eingefügt, und wenn man nur weiter suchen und graben dürfte und könnte, würde man gewiß noch Manches entdecken, was unwiderleglich meine Behauptung von der Existenz einer ehemaligen Stadt bewiese. Wie ich oben auf dem linken Thorthurme stand, baute sich mir die ehemalige Stadt wie von selbst wieder auf. Man sieht die Terrassen, die angelegt wurden, um die einzelnen Stadttheile aufzunehmen. Wozu auch ein Schloß, eine Festung von diesem Umfange? Es hätte der Vertheidigung nur Schwierigkeiten geboten. Ich möchte auch behaupten, daß die Thore, welche an anderen Stellen aus diesen Mauern führten, Beweise für die Stadt sind. So prächtig und hoch, so mit der sichtbaren Absicht des Gefallens baute man kaum für eine Festung. Ziemlich nahe dem Strande, auf einem der letzten Absätze des Berges, gleich hinter der heutigen Ortschaft, wo man steil den Berg hinauf zu steigen beginnt, hängt noch die Hälfte einer Thurmkuppel zwischen den hohen Pfeilern; die andere Hälfte liegt gleich einem Felsblocke auf dem Abhange; Bäume und Sträucher nisten in der gestürzten Muschel. So fest ist der Stein mit dem Kalke verschmolzen, daß ich keinen davon losschlagen konnte; daher hielt das Mauerstück auch so unverletzt den hohen Fall aus. Die Kuppel war nur klein; die Pfeiler sind unverhältnißmäßig hoch; das Ganze gleicht unverkennbar dem goldenen Thore in dem Schlosse der sieben Thürme zu Constantinopel, das ich mir nun nach diesem hier auch geöffnet deutlich vorstellen kann. Vielleicht war auch bei diesem des Genueser Schlosses einmal die Innenfläche der Kuppel vergoldet; ich wenigstens kann mir, sei es nun, daß mir das Gesehene die Einbildung verstellt hat, oder daß es wirklich zur Natur dieser Kunst gehört, keine byzantinische Kuppel mehr anders als mit goldener Mosaik ausgeschmückt denken.
Nirgends sah ich den Lorbeer in größeren, in schöneren und in duftenderen Büschen grünen als hier um diese Ruinen. Es ist als fühle er sich der Aufgabe bewußt, die Erinnerung einer ganzen Stadt zu bewahren. In dichten Hecken, in Laubgängen zieht er sich, daß man gedeckt und beschattet von ihm weite Strecken des Berges hinauf steigt; die Luft ist von dem balsamischen Wohlgeruche seines Blattes erfüllt. Die dichterische Bedeutung dieses Strauches hält man hoch, aber seine äußere Gestalt schätzt man nicht nach Gebühr. Mir ist er, was die Pinie unter den Bäumen, der liebste unter den Sträuchern. Mit seinen aufwärts gekehrten Zweigen, denen wiederum jedes einzelne Blatt insbesondere nachstrebt, hat er etwas Hilfeflehendes, etwas Bittendes, versinnbildlicht den Moment seiner Erschaffung und erinnert mich an das Bild einer mythologischen Gallerie, das meiner Jugendzeit vorgelegen hatte. Es war nur ein schlechtes Kupferwerk, und jeder einzelne Stich entstellt durch Zeichenfehler und durch jene Geschmackslosigkeit der Unwahrheit, welche zu Anfange dieses Jahrhunderts bei der Auffassung der Antike üblich war. Aber die spröde Daphne, welche, ermüdet von der langen Flucht, dem Himmel die Arme entgegenstreckt, flehend, daß er sie erlöse von dem zudringlichen Liebhaber oder ihre schöne Gestalt vernichte, und deren Finger Zweige wurden und Blätter zu treiben begannen, indessen die Füße wurzelten in dem Boden neben dem Flusse, aus dessen Wasser das Haupt des Vaters Penäus auftauchte: dieses Bild hatte so vieles von dem unverwüstlichen Grundelemente der Sage behalten, daß die Phantasie des Kindes dadurch für die ganze Lebenszeit bestochen wurde. Das Bild steht wie in meinem zehnten Jahre vor mir, und wie man mir nun auch künftig die Geschichte der Daphne erzählen mag, für mich wird sie immer in der Weise geschehen sein, wie ich sie in meiner Jugend gesehen, und der Lorbeer bekränzt mir, wie er es soll, die Vergangenheit. Wunder nimmt es mich übrigens, daß nicht auch der Meißel die Darstellung der Fabel versucht hat. Die hilfeflehende, ganz nach Aufwärts gerichtete Daphne: Blick, Hände und Mund den Gott suchend, wäre eine herrliche Aufgabe für den Bildhauer, und der Baum selbst hat schon etwas Statuarisches, das die Wege hätte weisen können.
Durch Granatbäume, Feigen und Cypressen an einem Friedhofe vorüber, durch ein äußerst malerisches Dickicht stieg ich nach Anatoli Kawak, der heutigen Ortschaft, hinab. Im kühlen Schatten riesiger Platanen sind Hütten und allerlei Verkäufer geborgen. Sie haben sich hier um und zu dem Zwecke der Verköstigung der militärischen Besetzung gesammelt, welche die Batterien und die Befestigungen zu bedienen hat. Die ganze „heilige“ Mündung des Bosporus ist mit diesen Göttern des neunzehnten Jahrhunderts besetzt. Ich habe kein Urtheil, um zu behaupten, ob sie so, wie sie sind, im Stande sein werden, das Einlaufen ungebetenen Gästen zu wehren.
Mit dem Boote, das ich mir hierher bestellt hatte, fuhr ich nach Bujuk-Dere zurück.
Bujuk-Dere, den 8. Juli, Freitag.
Von 5 Uhr bis 8 Uhr Abends ging ich auf den Felsen der europäischen Küste neben dem Bosporus dem schwarzen Meere entgegen. Wo das Meer, dort ist auch das Ziel meiner Sehnsucht. Ihm zu wandere ich leichter und frischer, und das nicht nur, wenn es weite Reisen gilt, auch bei jedem Spaziergange. Wolken umzogen den Himmel und trübten zugleich auch den Spiegel der hier am engsten eingeengten See. Den Pfad deckten mir schon die Schatten der Nacht; so war die Beleuchtung. Von unten herauf scholl das gleichmäßige, mir so verständliche Sprechen des Meeres. So wurde durch Licht und Töne meine Einbildungskraft mit Vorstellungen der Schaurigkeit und Düsterniß gefüllt. Nur in weiter Ferne spiegelte die Fluth einen Sonnenblick, und das war der einzige Lichtblick in meinen Phantasien voll Mord und Gewaltthaten. Es lag übrigens nicht blos in der Beleuchtung, der Ort an und für sich ist wie geschaffen zu Gräuelthaten, und wenn ich jemals einen Roman schriebe, der in diesen Gegenden spielte, auf diesem Küstenwege nach dem schwarzen Meere zu müßte die blutige Katastrophe geschehen.
Ich kam an eine Stelle, weiter als die Ruinen des europäischen Schlosses der Byzantiner, das hier von der Höhe herab mit den Resten einer Mauer mündet, wo prächtige Cypressen stehen, eine darunter eine weibliche. In der sonst völligen Nacktheit der Gegend keimen sie wie Gottessegen einigen Gräbern zum Denkmale, die verfallen mit umgestürzten Grabsteinen darunter liegen. Ein paar türkische Frauen saßen darauf wort- und beinahe regungslos, auf ihre besondere Weise den türkischen Sonntag zu feiern. Ich setzte mich etwas seitab, um auch von hier aus meine gestrige Vermuthung an dem gegenüber liegenden Genueser Schlosse zu prüfen. Es ist klar, daß dort eine Stadt zu Grunde gegangen ist, und daß die weitgezogenen Mauern, die heute noch stehen, einmal viele tausende von Bürgern einschlossen.
Auch in Ssaryjeri und Jeni Mahalla, den beiden nächsten Orten neben Bujuk-Dere, feierten die Leute den Abend. Vor ihren Häusern, auf den Gassen und Plätzen saßen sie rauchend und Kaffee trinkend, den Blick auf den Bosporus gewendet. Die beiden Dörfer sind beinahe ausschließlich von Armeniern bewohnt. Noch aus älterer Zeit der Eroberung sondert sich hier alles nach Nationalitäten ab, recht im Geiste des neuen Kampfprincipes der Gegenwart.
Bujuk-Dere, 9. Juli.
Der liebste Punkt aber zum Blicke auf den Bosporus ist mir Kiredsch Burun, das schwarze Vorgebirge, gegenüber von Bujuk-Dere. Es sperrt die Bucht, und um seine Ecke herum beginnt das Gebiet von Therapia. „Schlüssel des Pontus“ hieß ehemals diese Stelle, und dieser Name war schicklicher als ihr heutiger, denn es ist ihr hervorragendster Vorzug, daß, wer von Constantinopel gegen das schwarze Meer zu schifft, von hier aus zum ersten Male die freie See erblickt. Immer, zu welcher Tageszeit man auch komme, am meisten aber Abends, liegen Schiffe in der Mündung; gewöhnlich auch der Rauch einiger Dampfer, der in gewundenen Säulen aufwärts steigt. Rechts und links sperren die Felsen des Bosporus den Strom; wie Coulissen treten sie einer hinter dem andern vor. Rechts, auf der asiatischen Seite, zu vorderst und Kiredsch Burun gerade gegenüber, der Riesenberg mit seinen lichthältigen Kalksteinbrüchen; auf der europäischen Seite die grüne Wand des Kabatasch Dag, Bujuk-Dere mit seinen Villen in einer langen Zeile an dessen Fuße. Das Ganze gleicht einem Theater; die Bucht von Bujuk-Dere stellt die Bühne dar; Riesenberg, Genueser Schloß, Bujuk-Dere selbst und die übrigen Ausläufer der Ufer die Coulissen; das offene Meer die hinterste Courtine und die eilenden Wolken die Souffiten. Für den Beschauer von Kiredsch Burun aus scheint das asiatische Ufer des Bosporus mit dem Vorgebirge des Genueser Schlosses zu endigen. Was weiter draußen liegt von anderen Buchten und Vorgebirgen zieht sich hinter dieses mehr vorgestreckte zurück; dem Bilde, von diesem Standpunkte aus gesehen, erweist es damit einen Dienst. Es läßt sich kein schönerer Abschluß des Bosporus denken, als dieses Cap von Anatoli Kawak. Zu oberst das Schloß mit seinen zwei gewaltigen Thürmen, dann fällt der Hügel in einen Sattel ab, hebt sich zu einem neuen nur niedrigeren Höcker, und steigt von diesem gewellt, zuletzt steil hinab zur See; die Felsen, die überall aus ihm hervorspringen, sehen wie Ruinen aus und sind in dieser Entfernung von den wahrhaftigen nicht zu unterscheiden.
Beinahe den ganzen Tag über erfreute ich mich an diesem Bilde. Links von Kiredsch Burun, in der Bucht, ist ein geheiligter Quell; große, riesige Bäume darüber, Platanen, Terebinthen und Ahorne. Ein Kaffeegi hat seine Wirthschaft dabei aufgeschlagen; dort setzte ich mich nieder, ein Werk Fallmerayer’s mit mir. Neben mir lagerte auf Teppichen und Matrazen, die sie mitgebracht, eine Gesellschaft vornehmer Türken; das Boot, welches sie hergeführt, lag unten auf den schaukelnden Wellen; Rauchen, Kaffeetrinken und Schauen in die freie Natur hinaus war die Vergnügung ihres ganzen Tages. So bereitet man sich hier, was wir einen guten Tag nennen. Nur ab und zu störte die allgemeine Schweigsamkeit ein Reiter, der zu Pferde oder Esel den Landweg von Therapia nach Bujuk-Dere ritt.
Den Sonnenuntergang wollte ich von übersichtlicherem Standpunkte aus schauen, und so stieg ich Abends die Höhe hinter diesen Bäumen auf den Gipfel des „schwarzen Vorgebirges“ hinauf. Das Bild von dort aus gesehen gewinnt noch an Werth. Die Bucht erscheint größer, wie mit offenen Armen der Strömung des schwarzen Meeres aufgeschlossen; die rothen Felsen sind wie Bänder um die blaue Fluth gewunden, und das Meer, das noch die Sonne völlig festhielt, erschien wie ein Spiegel, der all’ dieser Schönheit zum Selbstgefallen vorgehalten wird. Geschwellte Segel, die der Nordwind schon draußen auf der offenen See weiter trieb, fuhren darüber. Kein Meer hat eine malerischere Pforte; wild und zerklüftet ist sie so recht ein Thor des Nordwindes, der hier ewig hereinfällt. Es hat etwas Geheimnißvolles dieses Thor eines so ungeheuren abgeschlossenen Meeres. Immer muß ich meine Phantasie ganz besonders anstrengen, um mir begreiflich zu machen, daß dieser schmale Einschnitt wirklich der Eingang dazu ist.
Kiredsch Burun und die Hügel rings herum sind wie abgekehrt vom Nordwinde; nur langes Gras und vereinzelte Sträucher wachsen darauf. Fuad Pascha versuchte den Punkt zu civilisiren. Er wollte ein Dorf dort anlegen und ein paar Häuser sind noch übrig. Umsonst aber der Versuch; Niemand hielt die Unbilden des Nordwindes aus, der an warmen Tagen sehr angenehm, an aber nur etwas rauhen hier gleich den Charakter des verzehrenden Sturmes annimmt.
12. Juli.
Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.
Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von 250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.
Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.
Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche von Steineiche (~quercus ilex~); viel Arbutus; an Blumen auch hier das Johanniskraut (~Hypercium calycinum~) in überreichlicher und in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter, ~Stachys lanala~, eine wollige Gattung Roßmünze, ~centaureum calcitrapa~, Tausendguldenkraut und ~filago arvensis~. Alles andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß, niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt, wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten, nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten Ziele nicht mehr benutzt werden kann.
13. Juli.
Die andere Seite des Kabatasch Dag, die Bujuk-Dere entgegengesetzte, dem schwarzen Meere zu liegende, fällt in das Thal von Kastanjesu (Kastanienquelle) ab. Durch die Gärten des russischen Palais und des Baron Hübsch stieg ich von Bujuk-Dere die Höhe des Berges hinauf und auf der anderen Seite von oben in das Thal hinab, so daß ich es zuerst in seiner ganzen Ausdehnung übersah. Schlucht müßte man es nennen, wenn man es mit Worten deutlich zeichnen wollte, so nahe stehen sich seine Wände und so schmal ist sein Bett. Ein paar Bauern bestellten unten das Feld. Die rothe Erde war von dem Lichte des Sonnenunterganges noch blutiger gefärbt. Die einzelnen Aecker sind durch Hecken von Feigen- und Granatbäumen geschieden. Was aber das charakteristische Zeichen und wohl auch der Hauptreiz dieses Thales ist, das ist der Contrast seiner Wände, die auf der einen Seite, wo der Kabatasch Dag sich hinabsenkt, überaus bewachsen; auf der anderen so kahl und dürre sind, daß dort nicht einmal Moos die Farbe der Steine verkleidet. Es sind das die Kupferbergwerke von Ssaryjeri, die einstmals stark ausgebeutet, heute kaum mehr benutzt werden. Die Hügel sind auch von außen von dem Schwefel gelb, von dem Eisen roth, und von dem Kupfer jenes wunderschönen Himmelblau’s gefärbt, das den Türkis so sehr auszeichnet. Das Ganze gleicht einer jener sonderbaren Landschaften, die aus Email geformt, in Schmuckcabineten gezeigt werden. Sonderbar wie die Farbe ist auch die Formation des Bodens, es sind lauter Blasen, die neben einander aufgestiegen sind, dazwischen fließt ein langer gelblicher Streifen Erde hinab, die aus dem Bergwerke herausgeschafft wurde.