Ein Sommer im Orient

Part 32

Chapter 323,464 wordsPublic domain

Erst da wir wieder in eine Straße, die zwischen Prinkipo und der Insel Niandro, eingelaufen waren, wurde die Fahrt etwas ruhiger, und so blieb sie es auch, als wir die Südspitze von Prinkipo umschifft hatten und der Insel auf ihrer Ostseite entlang ruderten, wo diese nach dem Innern des nikomedischen Meerbusens zugekehrt ist und ihr die Kaninchen-Insel Antirobidus vorliegt, weil der Sturm aus Süden kam und wir nach dieser Seite gedeckt waren. Gerade dort, wo uns die See am ärgsten angefallen hatte, ist die Insel am felsigsten. Oben auf den Bergen, die beinahe senkrecht zum Meere hinabfallen, steht das St. Georgskloster; unten herum liegen weit in die See hinaus Klippen, die einmal wohl von diesem höheren Stocke abgebrochen sein mögen. Der Stein ist gelb und zerwaschen, kein Lebenszeichen der Menschen weit umher. An der anderen Küste, die in den Busen hinein und der Kaninchen-Insel gegenüber, ist sie wirthlicher, und auch Menschen leben dort. In einer Thalschlucht, wo sie auf das Ufer mündet, liegt das Kloster des heil. Nikolaus. Wir landeten in der Nähe, um selbst etwas zu ruhen und der Mannschaft des Bootes Erholung zu gewähren. Die Mönche des Klosters nahmen uns freundlich auf; ein Tisch ward schnell im Freien gedeckt, uns vor Allem Cliquot servirt, und indeß man Fische und Salat bereitete -- es war heute einer der vielen griechischen Fasttage -- wurden wir in die Kirche geführt, ein häßlicher, außen nackter, innen überladener Bau. Gräberplatten sind um ihn in die Erde eingelassen, und manchen Namen zeigte man uns darauf, den man als einen berühmten der griechischen Kirche rühmte, der sich aber hierher zurückgezogen, um Ruhe und Frieden und zuletzt das Grab zu finden. Hohes, verwildertes Gras wächst darum, und der Wind blies in die langen Halme, daß sie sich wie Wellen darüber legten. Einmal stand hier ein großes Dorf; diese Gräber sind die letzten Spuren davon. Das ganze Thal war finster; der Abend hatte schon begonnen; die Sonne, die hier hinter den Bergen untergeht, kann um diese Tageszeit hierher kein Licht mehr geben und war heute auch noch umwölkt. Die dunkeln Hügelwände mit ihren Pinien und Oelbäumen darauf machten die Landschaft noch düsterer; unsere Stimmung aber war heiter; das Ueberstandene freute uns; der Appetit war groß und daß wir tüchtig zugriffen, erfreute die Wirthe. Nur weil die Nacht schon kam, schieden wir. Wir setzten die Fahrt um die Insel weiter fort, an dem Orte Prinkipo vorüber und landeten gegen 10 Uhr an der Treppe des Hôtel Giacomo. Das Klösterchen von San Nikolo steht mir in der Erinnerung wie die fröhlichen, welche Walter Scott so anschaulich gezeichnet hat.

Die sämmtlichen Prinzen-Inseln werden nur von Griechen bewohnt und sind von den Türken diesen wie zum ausschließlichen Eigenthume überlassen. Es ist kein Gesetz, welches das so regelte, es ist die Gewohnheit, die seit Alters her das so ließ.

Bujuk-Dere, den 4. Juli.

Auf Prinkipo sah ich von meinem Bette die Sonne aufgehen. Wunderbare Ruhe. Weiße Segel zogen durch die blaue Fluth. So müssen die Gottesgedanken über die Welt hingleiten, und so auch sind unsere Erinnerungen, leidenschaftlos und friedlich. Daß einstens Jammer und Gram sie bewegten, merkt man ihnen so wenig an, als jenen Segeln, daß dort Menschen arbeiten, mühsam und qualvoll vielleicht arbeiten, und daß ein Herrenwort sie zu solchem Dienste befiehlt. Die Entfernung ist die eigentliche Schöpferin des Trostes und der Poesie; in der Nähe besehen sind die Dinge reiz- und poesielos und der Schmerz wird unerträglich.

Die Inseln strahlten in allen Farben; roth, blau und goldig schillernd wie Chamäleons. Die See war noch bewegt von dem gestrigen Sturme und die Sonne hatte vom Himmel noch einige Wolken zu vertreiben. Um 8 Uhr fuhren wir fort. Die Luft war frisch, beinahe kühl, der Wind gegen uns; das Boot flog auf und ab. Wir hatten einen Band der Gedichte Lermontoff’s bei uns, die wir uns abwechselnd vorlasen, so daß wir gar bald in eine andere Welt entrückt waren. Die Fahrt bis Top-Hane dauerte vier Stunden, den Bootsleuten viel zu lang, mir vergingen sie wie ein Augenblick. So eingeschifft auf ruhig wogender See sollte das ganze Leben vergehen. Es gibt eine Melodie, die in Weber’s Oberon, wenn Hüon mit seiner Geliebten im Kahne liegend an der Wandeldecoration vorüberziehen, die wie naturgeschaffen dazu erklingen müßte.

Den Nachmittag rasteten wir in Pera und des Abends setzten wir die Fahrt hierher durch den Bosporus fort. Alles schien bewegt uns zu erfreuen, während wir im Boote kaum der eigenen Bewegung gewahr wurden. Die Bucht von Bujuk-Dere erinnert mich an die Schweizer Landseen, am meisten an den von Zürich, nur daß hier die Farben etwas glühender und doch nicht so scharf contrastirend sind. Die Luft ist köstlich frisch, Abends 10 Uhr nach dem Essen im Gegensatze zu der perotischen Hitze so angenehm kühl, daß ich einen Ueberrock umnehmen muß.

VI. Der Bosporus.

Den 5. Juli, Dienstags.

+Bujuk+ = groß, +Dere+ = Thal, Großthal heißt das Dorf, dem der Name von der Gegend her geworden ist. Er ist ein altgebräuchlicher und von den Türken nur übersetzt worden, denn schon die Griechen nannten Dorf und Thal ~megas agros~. Das Thal erstreckt sich weit in das Land hinein, wie eine Fortsetzung der Bucht, die nur emporgehoben aus dem Meere ist. Wiesen liegen darin, Felder hinter diesen und Büsche zwischen sie gemischt. Ein Bach kömmt durch das Thal zur See herab, und vorne, wo er mündet, beschattet ihn die große Platane; die Wasserleitung des Sultans Mahmud sperrt den letzten Hintergrund. Die hohen riesigen Bogen dienen der Wirkung des Bildes, von wo aus man es auch sehen mag, auf das vortheilhafteste. Gestern Abend, da ich sie zum ersten Male sah, verschwanden sie halb in dem glühenden Golddunste der gerade dahinter untergehenden Sonne. Die Bucht vor dem Thale ist nächst der des Goldenen Hornes die größte des Bosporus. Da sie nahe seiner Mündung in das schwarze Meer ist, dient sie immer einer Menge von Schiffen als Hafen, die hier vor dem Auslaufen in die See die letzte Rast oder nach dem Einlaufen die erste erquickliche Erholung suchen. Besonders Abends finde ich sie voll gefüllt; gestern und heute zählte ich nicht weniger als 90 Segelschiffe, die hier vor unsern Fenstern die Anker geworfen hatten. Da die See gleich am Strande eine bedeutende Tiefe erreicht, so liegen die Schiffe bis nahe an das Land; das gibt besonders Nachts, wenn die Körper sich gespenstig ausdehnen, die leeren Maste sich hin- und herwiegen, ein schwerer Ruderschlag in’s Wasser fällt und der Schiffshund dem abstoßenden Boote nachbellt, poetische Effecte. Die größten Seedampfer können, wenn sie im weiten Bogen in die Bucht eingefahren kommen, um die Posten der Gesandtschaften mitzunehmen, hart vor den Botschaftspalästen anlegen. Das Dorf liegt nicht, wie man es erwarten sollte, im Schooße dieser Bucht; es hat sich den engsten, aber wenn man erst einen Tag hier gewesen begreift man das, trotzdem den bequemsten Platz der Bucht ausgesucht. Vom schwarzen Meere fallen fortwährende Nordwinde in den Bosporus herein; die hat das Dorf von Bujuk-Dere in seinen Rücken genommen und diesen deckt ihm der Kabatasch Dag, ein steiler Berg von 770 Fuß Höhe, der höchste auf den Ufern des Bosporus. Gar oft sieht man von Bujuk-Dere aus die Wasser des Bosporus in wilder Bewegung und wie die gegenüberliegenden Hügel vom Sturme förmlich abgekehrt werden, während man bei sich daheim und in dem Meere unmittelbar davor auch nicht einen Luftzug empfindet. Dabei entbehrt man doch nicht der Kühle, die dadurch in die Luft gebracht wird. Heute Abends z. B. mußte ich nach dem Essen, das war um 10 Uhr, den Ueberrock umnehmen; in Pera auf der Terrasse würden wir nur nach Luft, mehr Luft geschnappt haben. So hat das Dorf von Bujuk-Dere alle Vortheile des Bosporus, ohne einen seiner Nachtheile zu haben. Nur eines fehlt ihm, der Blick auf’s freie Meer, auf die Oeffnung in den Pontus Euxinus, der Therapia und Kiredsch Burun so reizend macht.

Der Ort zerfällt in zwei Hälften, in das eigentliche Dorf, das wohl auch der erste und älteste Theil desselben ist, und in die Häuserreihe der Fremden und Reichen. Das Dorf steht näher dem Mittelpuncte der Bucht, ist klein und winklicht, ärmlich und schmutzig, voller Hunde und schreiender Verkäufer, die Gassen von offenen Verkaufsbuden eingefaßt, von Leinwandfetzen überspannt; Reben, die sich wild emporschlingen, und die ruhigeren Häuser, zwei und auch drei Stockwerke hoch, um die Aussicht zu gewinnen, hinter diesem Gedränge schon den steilen Berg hinauf. Nur wenige Villen der Vornehmen liegen in diesem Ortstheile, und diese alle so, daß die Hausthüre unmittelbar auf die See hinaus geht, darunter die, welche der österreichische Internuntius gewöhnlich bewohnt. Die anderen Landhäuser der Reichen stehen in weiterer Fortsetzung von dem Dorfe auf dem Quai, der sich der Bucht entlang bis zu ihrem Vorgebirge hinzieht, wo sich Bujuk-Dere an Ssaryjeri, eine andere Ortschaft des Bosporus, anschließt. Diese Landhäuser haben ein freundliches, wenn auch für unsere Begriffe kein prächtiges Aussehen, denn auch sie sind aus Holz gebaut, die meisten weiß angestrichen. Das Schöne daran sind die Gärten; die ziehen sich hinter den Villen mit Cypressen- und Pinien-Alleen, mit Lorbeer- und Rosenhecken, mit Terrassen und Fontainen hoch den Kabatasch Dag hinauf. Eines der schönsten Landhäuser gehört der russischen Regierung; außer ihr und Oesterreich wohnt keine europäische Großmacht in Bujuk-Dere. England und Frankreich sind in dem gegenüberliegenden Therapia angesiedelt und Preußen wohnt dort zur Miethe in den wenigen Stuben eines Gasthofes.

Von dem Quai aus hat man die Aussicht auf den anderen Arm der Bucht, wo die Hügel von Kiredsch Burun und das Vorgebirge von Therapia sich erheben, auf das Ufer von Asien mit seinem Riesenberge und dem Vorgebirge von Chunkiar Iskelessi, wo das verlassene Schloß einer ägyptischen Prinzessin immer am längsten mit seinen Fensterscheiben das rothglühende Licht der untergegangenen Sonne festhält, und auf den Bosporus, der dazwischen liegt, an keiner Stelle breiter als hier, und dessen Wasser an diesem Punkte selten anders als in wogender Bewegung sind. Stündlich gehen und kommen Dampfer nach und von Constantinopel. Abends, wenn die Leute ihre Geschäfte in der Stadt abgethan haben, ist dieser Verkehr besonders lebhaft; dann kommt jede Viertelstunde ein Dampfer und auch wohl auf einmal zwei und drei Schiffe, die letzten tragen beleuchtete Lampen auf ihren Masten und gewöhnlich auch ein paar Musikanten, das wirkt dann -- laue linde Luft, Licht und Musik um uns -- südländisch poetisch.

Den 6. Juli.

Um 7 Uhr Morgens landen wir in dem Hafen von Skutari, um von dort aus den Bulgurlu-Berg zu besteigen. Meine Absicht geht dahin, wie ich das sonst bei Städten von einem Thurme aus thue, bevor ich in Detailzügen den Bosporus durchforsche, von einem überschauenden Standpunkte die Geographie seines Laufes zu studiren. Wir ritten; der Weg, der außer der Stadt eine breite, neu angelegte Straße ist, ward schattenlos. Die Aussicht links hinunter ist immer frei nach der Enge des Bosporus, und, wenn man sich umwendet, nach den weit ausgedehnten Feldern von Constantinopel. Das Marmora-Meer und die Prinzen-Inseln sieht man erst von Dschamlidscha aus, einem reizenden Oertchen, das schon nahe dem Bergesgipfel unter hochsäuligen Pinien liegt, die ihm auch ihren Namen (Pinienwäldchen) gegeben haben. Seitab von den Häusern entdeckte ich den Punkt, wo man gerade unter dem kuppeligen Schatten einer der größten Pinien den Blick frei hat zugleich auf die buntbelebten Ufer und den Strom des Bosporus, auf dem eben mehrere große Dampfer hinter einander dem schwarzen Meere zu steuerten; auf Pera, Galata, Skutari und das dazwischen liegende, schiffegefüllte Goldene Horn; auf das weite Feld der ehemaligen Goldstadt Skutari, wo am 10. September 323 der große Constantin dem mitregierenden, christenverfolgenden Licinius die Alleinherrschaft über die römische Welt abgewann; auf das blaue Meer in endloser Ferne sich verlierend, und auf die rothen Inseln, die wie Juwelen daraus hervorleuchteten. Näher aber noch, unmittelbar zu meinen Füßen, sah ich ein stilles grünes Thal zwischen den abschließenden Höhen eingesargt; Pinien, Cypressen, Feigen-, auch blühende Granatbäume ragen daraus empor, und auf den Feldern arbeiteten die Bauersleute. So liegen der Norden, Westen und Süden entfaltet, nur der Osten ist durch die höhere Kuppe des Bulgurlu-Berges verdeckt. Von jener Höhe herab ist darum der Ausblick noch reicher; Asien wird dort eigentlich erst recht gesehen. Aber es fehlt der Vordergrund, das freundliche Thal und auch die Bäume, die sich unmittelbar über dem Beschauer wölben. Der Ausblick vom Bulgurlu ist belehrender, aber der aus dem Pinienwäldchen von Dschamlidscha malerischer. Daher bauten sich denn auch nach dem letzteren die byzantinischen Kaiser ihre Lustschlösser und Jagdhäuser. In der ganzen Zeit ihrer Herrschaft, so lange dieser Boden der ihrige war, pflegten sie hier einen Palast zu erhalten. Kaiser Arkadius übernachtete gewöhnlich in demselben, wenn er seine Reise zum Sommeraufenthalte nach den Bergen von Ancyra machte. Und die heutigen Herren der Gegend folgen diesem alten Beispiele. Die ganze Umgebung, auch die Hohlwege weit in das Gebirge hinein sind mit Landhäusern besetzt. Eines der sorgsamst gepflegten, das mir eben dadurch auffiel, besitzt im Augenblicke Omer Pascha.

Wohl eine Stunde lagerten wir unter +meiner+ Pinie, +mein+, weil ich ihre Verdienste entdeckt zu haben behauptete. Wie die Sonne ihren Schatten wandern machte, wechselten auch wir den Platz, aber immer blieben wir unter ihr. Das Bild wollte uns gar nicht mehr loslassen; mit syrenischen Reizen hielt es uns, die uns nur um so besser gefielen, je länger wir sie genossen; und was mich dabei am meisten entzückte, ja wie gewöhnlich förmlich von der übrigen Welt entrückte, das war der Eindruck der völligen Ruhe, die Lautlosigkeit alles menschlich Geborenen -- nur das Leben der Natur, der Vögel, der ziehenden Wolken, des Lichtes und der leise schwankenden Bäume. Und diese Stille trotz des Blickes auf die ungeheure, beinahe grenzenlose Weite! Der Blick, den ich hinabwarf, gab mir einen Begriff von der Anschauungsweise, die Gott für unsere Welt haben muß. Klein und unbedeutend muß sie ihm erscheinen, und nichtig und gleichgiltig das einzelne Menschenleben. Der Mensch kann sich nur so lange für werthvoll und bedeutend halten, als er mitten unter Seinesgleichen steht; erhoben über sie, muß er sich gedemüthigt fühlen.

Schon Anfangs Juni, bei einem früheren Besuche des Bulgurlu, hatten wir die Cistusrose (~cistus salvifolium~) in Blüthe gefunden; jetzt trafen wir mit der bescheiden schönen Blume, deren blaßviolette Rose mit dem gelben Staubbüschel darinnen, wenn einmal gebrochen, nur mehr Minuten sich frisch und aufrecht erhält, den ganzen Boden, besonders die Kuppe des Berges bedeckt. Dazwischen blühte der Sternklee (~trifolium stellatum~), auch der einblumige (~trifolium uniflorum~) und in höheren Sträuchern ragt die stachlige Steineiche (~quercus ilex~), daß zu Fuße an einzelnen Stellen kaum durchzudringen war; tiefer, wo einzelne Bäume stehen, ist es der wilde Oelbaum (~oleaster~), auch Mandelbäume (~phyllirea~) und in den Hecken mancher Lorbeerbusch. Die ganze Vegetation des Bulgurlu und seiner Umgebung ist eine vollkommen südliche, und das mit der der Prinzen-Inseln in weit vorgeschrittnerem Grade, als auf irgend einem anderen Puncte dieser Ufer. Ich möchte die Gelehrten fragen, ob dieser Unterschied nicht auch neben der Begünstigung der gedeckten Lage dem Gehalte des Bodens zuzuschreiben sei?

Hinunter ritten wir gegen Kadi-Köi zu, bald durch eine Fülle von Gärten und Landhäusern, dann in den Cypressenwald von Skutari hinein. Was sind alle Wunder der Baukunst gegen diesen Waldfriedhof! Doch hat auch an ihm die Kunst mitgearbeitet, denn die erste Anlage gab ihm die Hand des Menschen, die Natur pflanzte dann später ihre Setzlinge dazu, wie sie auf die Ebene Sand streut und daraus einen Hügel formt. Nur den Pyramiden ist diese Grabstätte zu vergleichen, die eine wie die andere ein Tempel der Ruhe und des Friedens, und die Ebene von Haider Pascha darum ausgebreitet, nackt und sandig, wie in Aegypten die Wüste um jene Fragezeichen der Geschichte.

Bei einer Quelle unter Bäumen in der Bucht von Kadi-Köi stiegen wir von den Pferden und ruhten. In jener Gegend muß das prächtige Landhaus des Rufin, des ersten Ministers des Arkadius, gestanden haben, das die Vorstadt der Eiche von Chalcedon so einschloß, daß sie gemeinhin nur Rufinopolis hieß. Mit porphyrnen Säulengängen und ihrem goldenen Dache beherrschte sie weithinstrahlend die Meerenge, und galt bis zu dem tragischen Tode ihres Besitzers, der drüben auf dem Marsfelde vor dem Hebdomon fiel, als das Wunder des Jahrhunderts.

Gedanken an diese untergegangene Größe begleiteten mich auf der Rückfahrt, die durch den Bosporus bis Bujuk-Dere ging. Wir hatten die untergehende Sonne zu unserer Linken, Asien allein war noch von ihrem freundlich vergoldendem Lichte erleuchtet. Dort glänzten die Fenster wie Diamanten, hier regten sich schon einige Lichter, die man zur Abendmahlzeit auf die Tafel stellte.

Bujuk-Dere, den 7. Juli.

Schon vor 5 Uhr Morgens stieg ich in das Boot, heute vom Riesenberge aus auch das nördliche Ende des Bosporus zu überblicken. Es ist ein Irrthum, den Berg, wie das oft geschieht, ob seines Namens für den höchsten unter seinen hiesigen Kameraden zu halten. Er ist nur 540 Fuß hoch und der auf europäischem Lande ihm gegenüberliegende Kabatasch Dag 770 Fuß. Den Namen gab ihm eine andere Ursache, das Grab, welches oben auf seinem Plateau erhalten wird. Dieses soll nach dem altgriechischen und so auch wieder nach dem heutigen türkischen Volksglauben einen Riesen beherbergen, wie Hammer behauptet den jüdischen Josua, der auch damit den türkischen Namen des Berges, Juscha Dag, erklärt. Die Griechen ließen in dem ungewöhnlich großen Grabe den Herakles begraben sein. Das Wahrscheinliche ist, daß es mit der Geschichte des Berbycer Königs Amycus zusammenhängt, der in dem benachbarten Bejkos ansässig war und als ein riesiger Faustkämpfer der Urzeit von der Sage gefeiert wurde.

Der Riesenberg springt mit einem weiten Vorsprunge aus dem asiatischen Uferlande dem europäischen entgegen, so daß es aussieht, als wolle er diesem die große Bucht von Bujuk-Dere ausfüllen. Auch bin ich überzeugt, daß beide Ufer gerade an dieser Stelle ehemals vereinigt und der heutige asiatische Juscha Dag damals nur ein Ausläufer des europäischen Kabatasch Dag gewesen ist. Erst der spätere Ausbruch des Pontus Euxinus mag sie, wie er denn auch die beiden Welttheile hier schied, getrennt haben.

An dem Fuße des Riesenberges liegen jetzt schöne Kalksteinbrüche zu Tage; da sie mit Eisenkrystallen durchzogen sind, so wirkt das Roth auf dem Weiß, wenn nur ein irgendwie günstiger Sonnenschimmer darauf fällt, auf das prächtigste; am schönsten im Abendlichte, wenn der Purpur mit dem noch tieferen Blau des Bosporus contrastirt. In der Bucht neben dem Riesenberge südwärts gegen Constantinopel zu leben die Bewohner des kleinen Ortes Ümürjeri von dem Brennen dieser Kalksteine.

Ich landete an einsam abgelegener Stelle unter ein paar großen Terebinthen, einen wenig gebrauchten Weg kerzengerade den Berg hinauf zu steigen. Die Aussicht ist eigentlich bei diesem Aufsteigen schöner als oben angelangt dort selbst. Man hat bei dem Hinaufsteigen eine fortwährende Entwicklung der besonders hier recht deutlichen Windungen des Bosporus, ohne dann von oben hinab, wie man es erwartet, das ganze Bild zu sehen.

Das Grab des Josua maß ich 50 Fuße lang und 7 Fuße breit, also jedenfalls ein Riese, wer auch darinnen ruhen mag. Es ist sorgsam gepflegt, Buchsbaum, Cypressen und Rosen keimen aus seinem Hügel; eine grün angestrichene Mauer faßt es ein; zu Füßen steht die Säule, am Kopfende der Marmorstein mit der Inschrift, wie sie der Türke auf jedes Grab setzt. Und so auch seinem Gebrauche getreu liegt davor eine kleine Moschee. In den drei Häusern, die dabei stehen, leben die Derwische, denen die Hut des Grabes anvertraut ist. Um den Hügel hingen an den Staketen kleine Fetzchen abgerissener Kleiderstücke, die der Aberglaube hierher gestiftet hat, um den Körper von einer Krankheit, von irgend einem Uebel zu befreien; das sind die wächsernen Füße und die kranken Herzen, die die fromme Einfalt nach Kevlaar am Rheine trägt, und die Kerzleins, die früher das griechische und römische Heidenthum auch hilfesuchend auf den Altären seiner Götter ansteckte.

Nun gehe ich vom Riesenberge auf gut Glück ungebahnte und ungekannte Wege hinüber nach dem Genueser Schlosse. Wo ich oben auf der Höhe bin, da erschließt sich der Blick immer freier und schöner; das schwarze Meer tritt immer größer in den Gesichtskreis und einmal auch, was man mir im Voraus abgestritten hatte, das Marmora-Meer, Kadi-Köi, die Nikomedischen Berge, die Kuppen der Prinzen-Inseln und von dort bis zu dem andern Endpunkte das blaue Band des Bosporus zwischen den grünen und rothen Hügeln von Europa und Asien. Es war der schönste Moment meiner heutigen Wanderung, weil er überraschend kam, vielleicht auch, weil er etwas Schmeichlerisches hatte, wie der jeder Entdeckung. Eine Wildniß von Blumen bedeckt den Boden, am auffälligsten darunter die gelbe fünfblätterige Blüthe des Johanniskrautes (~hypericum calycinum~). Ich pflückte die Blume, die mir gleich ganz außerordentlich gefiel und trug sie in großen Büschen mit mir. Um und unter ihren hochschossigen Sträuchern keimte und blühte eine große Menge der Lavendel (~lavendula stoechas~), des Tausendguldenkraut (~Erythraea centaurum~), und eine kleinblätterige Gattung der Narde (~micropus erectus~). Bäume, meistens Granat- und Feigenbäume, und größere Büsche, Arbutus insbesondere, fand ich nur in den Schluchten, wo gewöhnlich ein kleines Bächlein abwärts rinnt. Dort aber hat sich dann auch um dieses spärliche Wasser ein festes Dickicht urwäldlichen Wachsthums zusammen gesponnen. Es ist dort kühl, sumpfig, oft beinahe fieberig schattig, daß ich jeden Augenblick eine geheimnißvolle Schlange oder sonst irgend ein giftiges Ungethüm aus den Büschen heraus auf mich zuschießen zu sehen erwartete.