Ein Sommer im Orient

Part 30

Chapter 303,325 wordsPublic domain

Wo man auch hier steht und wie fest man den Entschluß mitgenommen, immer wieder vergißt man im blos genießenden Anschauen der Gegenwart den lehrreichen Rückblick auf die Vergangenheit. Meine gestrige Wanderung zu den Säulen des alten Constantinopel hatte mir den Gedanken gegeben, einen übersichtlichen Plan der ehemaligen Stadt zu gewinnen. Ich wollte dazu vor allem die Natur des Ortes reden und den Augenschein entscheiden lassen. Der günstigste Standpunkt, wie eigens zu diesem Zwecke geschaffen, ist der Thurm des Seraiskeriats. Mit seiner Höhe überschaut er die ganze Gegend, läßt ihre natürlichen Bedingungen und Vortheile erkennen, und mit seiner Lage -- beinahe mitten in der Stadt -- gibt er dem Auge ziemlich weithin den Faden durch das Labyrinth der Gassen und Gäßchen. Aber alle mitgebrachten Absichten waren vergessen, als ich erst oben vor der ausgebreiteten Landschaft stand; wie Nebelbilder, weggeblasen von einem einzigen Windstoße, löschte sie der erste Blick aus. Der Himmel war wolkenlos und die Luft so durchsichtig, daß das Auge auch noch unmögliche Entfernungen zu sehen wähnte. Die Felsen der Prinzen-Inseln warfen der scheidenden Sonne rothglühende Lichter zurück, so prachtvoll, daß es klar wurde, warum der liebe Gott sie gerade dort aus der blauen Fluth der Propontis hatte auftauchen lassen: Spiegel, das letzte Sonnenlicht aufzufangen und dem Tage das Leben noch um einige Augenblicke zu verlängern. Segel deckten das Meer so reichlich, daß es aussah, als habe der himmlische Sämann den Samen weißer Lilien in diesen flüssigen Acker gestreut und gingen jetzt seine Blüthen auf, die der Wind mit leiser Bewegung begrüßte. Wo das Auge hinblickte, fand es Beweise der Herrlichkeit dieser Erde, unvergleichliche, wie ich sie wenigstens herrlicher auf keinem anderen Erdenflecke noch gesehen. Ungeheurer als jemals erschien mir der Umfang und die Bedeutung der Stadt, besonders des gegen die Landseite gelegenen Theiles. Im goldenen Sonnendunste verschwanden dort ihre Grenzen. Es dauerte eine gute Stunde, bis ich mich so weit gesammelt hatte, um auf die mitgebrachten Pläne zurückzukommen.

Gewöhnlich nimmt man an, daß der Raum, welchen das alte Byzanz bedeckte, genau der des heutigen Serai gewesen sei, und daß dann später auf dieser Stelle der Palast der römischen Kaiser gestanden habe. Das sind für die Stadt, welche auf dem unausweichlichen Stationspunkte einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der hauptsächlichsten Handelsstraßen der damaligen Welt stand und welche beinahe tausend Jahre alt war, als sie Constantin zu seiner Residenz erwählte, zu enge Grenzen. Doch auch die weiteren, welche ihr Hammer zieht, halte ich für irrige. Gleich zu Anfange seines Werkes „Constantinopel und der Bosporus“, wo er den Umfang der Stadt bespricht, behauptet er: daß diese vor der Zeit des Constantin durch eine Mauer von Tschatlady Kapu (dem geborstenen Thore) auf der Seeseite quer über den Rücken der Hügel hinauf, an der verbrannten Säule vorüber, nach der Hauptmauth auf dem Ufer des goldenen Hornes hinab abgesperrt gewesen sei. So heißt es Seite 60 und später wieder S. 166 des ersten Bandes; S. 155 verengt diese Grenze auf den Platz vor dem großen Serai-Thore, Baby Humajum, und S. 174 und 180 vergrößert sie wieder und diesesmal sogar bis zu dem Platze des Seraiskeriates. Das sind also in demselben Buche für dieselbe Stadt drei Grenzen, und das nur, weil die Flüchtigkeit der Arbeit weder den Ort zu sehen, noch die alten Schriftsteller zu lesen verstand. S. 60 nennt den Platz der verbrannten Säule das Forum Constantini; S. 127, wo die Plätze der Stadt aufgezählt werden, trennt dieses Forum von dem des Augusteon bei der Aja Sophia; S. 150 läßt aber beide wieder eins sein. Dadurch kömmt z. B. der goldene Meilenzeiger zugleich auf den Platz bei der Aja Sophia und auf den der verbrannten Säule zu stehen; denn S. 154 erklärt, daß der Meilenzeiger auf dem Augusteon (nach Hammers Ansicht dem Platze vor dem heutigen Serai), S. 155 an der Stelle des ehemaligen Stadtthores gestanden habe. Dieses aber stand nach S. 60 auf dem Forum Constantini an der Stelle der heute verbrannten Säule. Mit solchen Widersprüchen, die zugleich durch die noch heute sichtbare Natur der Dinge, aber auch durch die eigenen Behauptungen des Verfassers widerlegt werden, ist das Buch gefüllt. Wer hier die Dinge anschaut, oder auch nur das Buch vergleichend liest, d. h. eine Seite zurückschauend auf die andere, der muß sie mit Leichtigkeit finden. Unbegreiflich bleibt es mir, wie man so lange dieses Buch leichtgläubig excerpiren und seine Fehler abschreiben konnte. Hammer war ein fleißiger Forscher, aber offenbar ein unordentlicher Haushalter. Die Excerpte seiner Forschung scheint er gegenstandlos untereinander gemengt und ohne Rücksicht auf einen Grundgedanken in den Text seines Werkes aufgenommen zu haben. Es scheint ihm mehr um das Forschen, als um das Beweisen zu thun gewesen zu sein. Dadurch allein ist erklärlich, wie er gegentheilige Behauptungen in demselben Buche aussprechen konnte. Mir sind, ich gestehe es aufrichtig, nach diesen Erfahrungen, die ich an dem einen Werke gemacht, auch die zehn Bände seiner osmanischen Geschichte verdächtig geworden. Noch schwächer denn als Historiker, erscheint er als Topograph. Die wirklichen Dinge zu sehen scheint er sich gar nicht bemüht zu haben. Den ägyptischen Obelisken auf dem At-Meidan läßt er an der Stelle der Schlangensäule stehen, diese dort; die verbrannte Säule läßt er dorischer Ordnung, die des Marcian aus weißem Marmor und die Kyaneeischen Inseln nur eine Klafter hoch sein. Das läßt übrigens das andere Verdienst dieses Mannes unangegriffen, uns den Orient überhaupt erst erschlossen zu haben. Dieses „Sesam, öffne Dich“ hat ihn unter die Heroen der Wissenschaft gestellt.

Vergleiche ich nun den Dio Cassius und die Schilderung, welche dieser uns von der Stadt Byzanz gegeben, mit dem Blicke, den ich heute vom Seraiskeriatsthurme herab auf Land und Meer geworfen habe, so möchte ich die Stadt des Byzaz überhaupt nicht so sehr ~à cheval~ auf dem Terrain der heutigen Seraispitze, als vielmehr von jenem Vorgebirge aus tiefer in das goldene Horn hinein, vom Strande die Hänge der Hügel hinauf gebaut denken, so wie Neapel, Genua und Triest auf ihren Bergen um ihren Golf stehen. Die festen Quadermauern, welche Dio Cassius so sehr bewunderte, werden dann auf den Kämmen der Hügel hinter der Stadt fortlaufend, östlich neben der Aja Sophia, das Terrain des heutigen Serais berührt haben, und dort zu dem Canale des Bosporus hinabgestiegen sein. Dadurch war der Stadt der Rücken gegen die damals in den Begriffen der Menschen noch unwirthliche See gedeckt und doch hatte sie die günstige Lage an einem Meerbusen und auch die andere vorschauende und beherrschende auf dem Vorgebirge, das eine Seestraße sperrt. Die Stadt mag in dieser Stellung bis zu der heutigen zweiten Hafenbrücke gereicht haben. In diesem Plane auch nur finde ich die Möglichkeit, die beiden Häfen anzubringen, von deren Vorhandensein in dem Ufer Dio Cassius berichtet. Das ganze Vorgebirge der Seraispitze, worauf man sich gewöhnlich diese erste Stadtanlage denkt, bietet keinen Punkt, der einmal zu einem Hafen tauglich gewesen wäre. Der Bosporus schoß dort immer mit derselben Strömung wie heute vorüber, und seine Wirkung ist es wohl, die diese Küste so gleichmäßig abgerundet hat.

Der Raum oben auf den Hügeln, der Platz vor dem Serai, der der Aja Sophia, der At-Meidan und die Gasse der verbrannten Säule gehörten schon zu dem Lande außerhalb der Thore, das Constantin dann zur Anlage seiner Neustadt benutzen konnte. Ein Thor mag auf der Stelle des heutigen Seraiskeriates, dem ~forum tauri~ der constantinischen Zeit, gestanden haben. Erst die Erweiterung des späteren Bedürfnisses drängte die Stadt auf der anderen Seite der Hügel zum Marmora-Meere hinab. Uebrigens concentrirt sich heute noch auf den Uferwänden des goldenen Hornes das meiste Leben. Nichts im Dio Cassius berechtigt zu der Vermuthung, daß die Stadt schon zu seiner Zeit auch an der Propontis gelegen habe. Er schildert nur, daß der Bosporus, aus dem Pontus Euxinus kommend, sich an einem Vorgebirge breche, mit einem Theile seiner Wasser in den Busen und die Häfen der Stadt einbiege, mit dem größeren Theile aber an der Stadt vorüber in den Propontis hinaus ströme. Also an ihr +vorüber+, aber nichts davon, daß die Stadt auch von den Fluthen der Propontis benetzt werde; im Gegentheile, die ganze Darstellung verweist sie mit ihren Häfen mehr in den Busen des goldenen Hornes, was auch das Naturgemäße, das durch die Forderungen der damaligen Schifffahrt mehr noch als durch die der heutigen Gebotene war. So sehr bin ich von der Naturnothwendigkeit dieser Lage überzeugt, daß ich nicht einmal das zugebe, daß der erste Keim, der Anfang der Stadt auf der Seraispitze gelegen habe. Dort mag zu Vertheidigungszwecken, wie bei allen Städten des Alterthums, auf der Höhe die Akropolis angebracht gewesen sein und unten auf der Landspitze nach griechischer Sitte der Tempel irgend einer Meerfahrt beschützenden Gottheit. Aber die erste Anlage der Häuserstadt war gewiß unten auf dem ebenen Felde bei der heutigen Hauptmauth, wo sie in einem kleinen Seitenhörnchen des großen goldenen Hornes ruhiges Seewasser vor sich und Windstille im Rücken hatte. Heute noch ist auf diesem Flecke die größte Geschäftigkeit gesammelt, als solle ein fortlebender Zeuge beweisen, daß dieses in der That die Altstadt, die City sei. Nach und nach wird sie sich nach rechts und links hinüber ausgebreitet haben, so daß die Stadt, welche Septimus Severus bekriegte, die ganze Seraispitze mit demselben Gedränge enger Gassen erfüllte, welches den Städten des Alterthums mehr noch als unseren Bürgerstädten des Mittelalters eigenthümlich war.

Es ist eine irrige Meinung, welche behauptet, Septimus Severus habe die Stadt, die er erobert, zerstört; er behandelte sie nur wie ein Dorf, d. h. er nahm ihr die städtischen Rechte und Privilegien. Seine Soldaten mögen bei der Plünderung manchen Bau und manches Denkmal verwüstet, viele Bürger niedergemetzelt haben; aber daß sie oder ein späterer Befehl des Kaisers die Stadt, wie das im Alterthume öfters geschah, dem Erdboden gleich gemacht und die Einwohner gefangen weggeführt hätten, um eine andere Stelle des Reiches zu bevölkern, steht nirgends geschrieben. Im Gegentheile der Kaiser selbst stellte die Stadt wieder her und muß dabei sogar die Absicht gehabt haben, sie noch zu verschönern, denn vor ihren Mauern kaufte er ein freies Feld und begann ihr dort eine Rennbahn zu bauen, groß und fest, wie sie nur Rom besaß. So fand Constantin die Stadt und ihre Umgebung, als er den Entschluß faßte, hierher seine Residenz zu verlegen. Aber auch wenn Septimus Severus weniger großmüthig gehandelt hätte, so mußten doch die 129 Jahre, die vom Jahre 196 bis zum Jahre 325 nach Chr. vergingen, die Wunden der Eroberung wieder geheilt haben. Auch ohne jedes besondere menschliche Zuthun, die blos natürlichen Verhältnisse des Ortes, die Gunst seiner Lage und die Fruchtbarkeit des Bodens mußten das zustande bringen. Es gibt Erdenflecke, die nicht steril zu legen sind. Constantin fand eine ansehnliche und volkreiche Stadt schon vorhanden und -- mag nun die Anschauung recht haben, die sie auf den ersten Hügel, den Umfang des heutigen Serais, beschränkt, oder die meinige, die sie von diesem Vorgebirge weg dem goldenen Horne entlang nur auf der einen Seite der Hügel gebaut denkt -- in jedem Falle auch von ihr die Stätte des heutigen Serais besetzt. Dort stand die Akropolis und um sie wahrscheinlich ein Stadttheil, der gedrängt und bevölkert, alt und eben darum werth in der Erinnerung der Eingeborenen war. Daß Constantin alle diese Gefühle, daß er alt angesiedelte Existenzen wegrasirt haben sollte, um an ihre Stelle auf das Vorgebirge des Serais seinen Palast zu bauen, wie Hammer behauptet, das ist bei aller Rücksichtslosigkeit, welche den damaligen Machthabern zugeschrieben wird, doch nicht anzunehmen. Er kam, um eine Stadt zu vergrößern, nicht um eine zu zerstören. Der Eindruck des heute Bestehenden hat da in einen Irrthum verführt, der durch nichts sonst zu rechtfertigen ist; denn auch die späteren Pläne und Beschreibungen der Stadt zeigen uns auf dieser Landspitze nichts, welches dem kaiserlichen Palaste ähnlich befunden werden könnte. Es sind Bad- und Kirchenanlagen, und immer wieder die Akropolis, welche dort erscheinen. Und mehr noch, ich möchte sagen, die Gegenwart selbst zeugt gegen diese Vermuthung. Was sollte die schöne korinthische Säule, welche in den Gärten des Serais steht, in den Räumen des alten Palastes, dessen sonst doch so eingehende Beschreibungen ihrer nicht erwähnen? Es scheint mir das ein gewichtiger Grund, den Hammer übersah, und den auch La Barte zu Gunsten seiner Behauptung, daß der Palast neben dem Hippodrom, dort, wo heute die Achmedjie, den Hügel hinab bis zum Meere gelegen habe, nicht verwerthete.

Den Hippodrom fand Constantin begonnen; der machtvolle Quaderunterbau, der die Fläche der Hügel verlängert, war vollendet, ein Theil der Sitzreihen und das nördliche Kopfende standen, er hatte nur den südlichen Halbkreis abzuschließen, die Stufen fertig zu bauen und die innere Einrichtung herzustellen. Was konnte ihm bequemer sein, als neben das Theater, das damals schon wie ein Haupterforderniß so auch der hauptsächlichste Schauplatz des römischen Lebens war, sein Haus hinzubauen? So kam der neue Wohnsitz der römischen Kaiser auf den Hügelabhang östlich vom At-Meidan mit der Aussicht auf den Propontis zu stehen. Wenn jene Zeit Städte gründete, einen Palast und ein Theater baute, dann baute sie auch eine Kirche, und besonders Constantin mußte das, der ja des Glaubens wegen hierher übersiedelte. Wie obdachlos wären die heutigen Gläubigen, wenn nicht die Vorfahren unseren religiösen Bedürfnissen vorgesorgt hätten. Die Basilika der h. Weisheit, ein Langbau mit dem üblichen hölzernen Dache, entstand in der unmittelbaren Nähe des kaiserlichen Palastes und der Rennbahn. Der Platz, der zwischen diesen Neubauten frei blieb, bildete sich von selbst als Forum, das wie die zu Rom von Säulenhallen umfaßt war. Man hat immer besondere Schwierigkeiten, sich diese ~fora~ vorzustellen, und doch existirt eines und ist heute noch in praktischem Gebrauche, das sie in genauer Nachahmung fortsetzt. Der Marcusplatz ist offenbar wie das Meiste des altvenetianischen Lebens nur eine Copie des zu Constantinopel Gesehenen. Von den vielen ~foris~ und von den Gassen, die mit Hallen eingefaßt, diese Plätze untereinander verbunden haben, mögen die Säulen herrühren, die zu Scheiterhaufen geschichtet in den Stadtmauern liegen. Die ganze Gebäudegruppe, der Palast, der Hippodrom und die Basilika der h. Weisheit, womit Constantin seine Stadtgründung begann, lag also unmittelbar vor den Mauern der Altstadt, theilweise vielleicht sogar auf dem Grunde dieser Mauern selbst, da sie gewiß niedergerissen worden waren. Es war das die beste Lage, die gewählt werden konnte, denn sie gab zugleich den Neubauten beliebigen Raum zu ihrer Ausbreitung und stellte sie doch in den Mittelpunkt des Verkehrs, weil sofort die Neustadt sich ringsherum fortpflanzte. Wer diese Lage des römischen Kaiserpalastes bezweifelt, weil sie ihm weniger vortheilhaft und weniger schön als die des heutigen Serais erscheint, dem antworte ich, daß sie immer noch schöner und vortheilhafter, als die jedes anderen Fürstenschlosses ist. Er steige nur auf einen der Minarete der Achmedjie, und sehe vor sich, und rechts und links hinüber unten das Marmora-Meer, die Prinzen-Inseln, die Küsten von Europa und Asien wie zur Umarmung ausgebreitet, und im Hintergrunde die röthlichen Gebirge von Nikomedien und Bithinien, den schneebedeckten Olymp zu oberst, aufsteigen: ein Bild, so prachtvoll, daß er gewiß in der Betrachtung das Verlangen nach einem prächtigern verliert. Ueberdies ist es mir wahrscheinlich, daß der Grund und Boden des heutigen Serai, damals verstellt durch enge und schmutzige Gäßchen, Niemanden die entzückende Aussicht ahnen ließ, die er heute bietet.

Anfangs stand der kaiserliche Palast gewiß ausschließlich oben auf der Höhe, etwas tiefer zwar als der Hippodrom, denn eine Stiege führte von jenem zu diesem hinauf, aber doch immer auf der obersten Stufe des Hügels. Der Grund davor, bis zum Meere hinab, wird dem kaiserlichen Eigenthume vorbehalten geblieben sein. Gärten werden sich den Hügel hinab gezogen haben, und unten vielleicht damals schon der ~portus palatii~ (Palasthafen) angelegt worden sein. Erst die späteren Kaiser füllten diesen weiten Raum mit immer neuen Gebäuden. Der Palast selbst zerfiel dann, als er einmal so angewachsen war, in drei Hauptabtheilungen. Die beiden, welche Chalke und Daphne genannt wurden, hatte schon Constantin erbauen und Justinian nach dem Brande beim Aufstande der Nike wieder herstellen lassen. Die dritte Abtheilung, der heilige Palast, das spätere eigentliche Wohnhaus der Kaiser, verdankt sein Werden zumeist Justinian II., dem prachtliebenden Theophilus und Basilius dem Macedonier. An diese Hauptkörper setzten sich eine Menge Nebenbaulichkeiten an, Kirchen, Gallerien, Säulengänge, Arkaden, auch eine Privat-Rennbahn. Zuletzt baute noch Kaiser Theodosius II. unten auf den Strand einen vierten Palast, den sogenannten Bukoleon, welchen Nicephorus Phocas im 10. Jahrhundert in eine befestigte Burg verwandelte. Nicht als ein massiges zusammenhängendes Ganze muß man sich diesen Wohnsitz der römischen Kaiser vorstellen. Er war kein Louvre und keine Tuilerien, er war ein versteinertes Zeltlager, so recht in jener Art des Orients gebaut, die der Boden und das Klima hervorgebracht haben und die alle Völker unter diesem Himmelsstriche wiederholen. Und wie der Grundriß, so war auch die Ausschmückung des Baues getreu dem orientalischen Geschmacke, kostbares Gold, Mosaikgebilde, Marmortäfelung und Metallbekleidung. Musivische Bilder bedeckten die Kuppeln und die Wände bis zu wenigen Fußen über dem Boden. Unsere Gobelins sind nur eine ärmliche Nachahmung dieser Mode. Dem oströmischen Kaiserhofe galten Teppiche auch noch für den Boden zu schlecht; in den kaiserlichen Gemächern wurde dieser mit Goldsand bestreut, den ein regelmäßig eingeführter Schiffsdienst aus Afrika brachte. Vielleicht ist dieser byzantinische Hof das einzige Beispiel, welches all’ die Vorstellungen von orientalischer Pracht verwirklichte, die unsere Kinderphantasie so sehr beschäftigen.

Verlassen ward der Palast und vertauscht gegen den Wohnsitz im Stadtviertel der Blachernen erst im 12. Jahrhundert. Ich glaube, daß dieses, wie auch die Uebersiedelung der Sultane von dem Serai nach Dolma-Bagdsche mit einem Wechsel des Regierungssystemes zusammenhing. Das oströmische Kaiserthum ging von einer constitutionellen, wenigstens scheinbar noch immer durch den Senat gebundenen Form zu der einer unbeschränkten Monarchie über; die heuchlerische Maske, nur der erste Beamte des Senates zu sein, welche Augustus angenommen hatte und die seine Nachfolger fortwährend festhielten, ward offen abgelegt und der Kaiser zeigte sich nun auch aufrichtig in der Form als der Alleinberechtigte, als der Alleinwillige und der Alleinentscheidende, als der Allherrscher, wie er es in der That schon längst war. Es war das Herüberwirken des Occidentes, das diesen Wechsel verursachte; nach und nach war auch der Orient in feudale Formen gekleidet worden. Dazu aber brauchte der Kaiser noch mehr persönliche Sicherheit als bisher und die Vertheidigung mehr gegen die innere Stadt zu gekehrt als gegen außen, weil er gegen den inneren Feind allein stand, gegen den äußeren aber doch gewöhnlich die Hilfe seiner Mitbürger hatte. Aus diesem Grunde mag schon Nicephorus den alten Palast befestigt und die Uferburg des Bukoleon erbaut haben, und deshalb übersiedelte dann Manuel der Komnene ganz in den festen Palast der Blachernen. Der constantinische Palast war schon seines Umfangs wegen nicht zu vertheidigen, und hatte er früher manchen Aufständen widerstanden, so waren jetzt die Angriffswaffen andere geworden. Einmal verlassen, erlagen seine Mauern schnell dem Einflusse der Zeit. Sie waren gewiß wie alles Byzantinische zumeist Ziegel, der sich in Staub auflöst, und was daran Stein gewesen, mag der Rohheit der späteren Zeit geradezu als Steinbrüche gedient haben. Christof Bondelmonti, der 30 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch Mohammed II. hier gewesen, sah nicht einmal mehr Ruinen; man kann also diese Zerstörung nicht den Türken Schuld geben.

La Barte (~le Palais imperial de Constantinople, Paris 1861~) hat die vollständige Restauration dieses Palastes auf dem Papiere versucht. Sein erster Gedanke trifft gewiß das Richtige, in der weiteren Ausführung geht er, wie alle Entdecker, zu weit; er baut Einzelnes auf, das jeder Architekt als unmöglich verwerfen wird und das in dieser Regelmäßigkeit auch dem Geiste des Zeitalters und der Bauweise dieser Himmelsstriche zuwider ist. Der Obelisk des Theodosius, der heute noch auf dem At-Meidan steht, und von dem man weiß, daß er auf der Mitte der Spina stand, ist der Ausgangspunkt seiner Arbeit. Zwischen dem Kaiserpalaste und der Aja Sophia denkt er sich das Forum Augusteon. Auf diesem stand unter anderen das große Reiterstandbild des Justinian, und zwar, wie der Augenzeuge Gilles angibt, an der westlichen Ecke der Sophienkirche. Ist der Brunnen, den man mir als den Sockel dieser Statue zeigte, richtig, dann müßte die Lage dieses Platzes in Uebereinstimmung mit diesen historischen Angaben als unwidersprechlich bewiesen gelten. Daß Hammer, der das Augusteon zwischen die Aja Sophia und die heutige Serai-Mauer, also östlich von der Kirche verlegt, auf diesem Forum aber das Reiterstandbild des Justinian und diesen westlich gelegenen Brunnen als den Sockel desselben behauptet, ist ein anderer Beweis von seiner wenig sorgfältigen Darstellung.