Part 29
Es ist ein Irrthum den Sultan für geistig unbedeutend zu halten. Abdul Aziz hat vielleicht gerade durch seine Liebhabereien dem türkischen Volke mehr genützt als irgend ein heute regierender Fürst dem seinigen. Er will die Umkehr zu dem Alten, wenigstens zu dessen Ausgangs- und Zielpunkte: dem Koran und dem Glauben, ohne deswegen zur Fahrbarmachung des zwischenliegenden Weges die neuen Mittel der Civilisation zu verschmähen. In diesem Sinne hat er den türkischen Soldaten ein Nationalkleid wiedergegeben; und hat er den Muth, ihnen in dem Augenblicke der Gefahr auch den alttürkischen Glauben wieder frei zu lassen, dann wird es mit der Eroberung Constantinopels durch moskowitische Ränke doch etwas länger dauern, als die europäische Journalistik prophezeit. In seinem Volke muß er den besten Theil seiner Kraft suchen, und wird sie finden, wenn er dem Volke nur wieder erlaubt das zu sein, wozu es erschaffen ist. Wer seine Anfänge verleugnet, geht zu Grunde, denn jeder Baum lebt nur durch seine eigenen Wurzeln; und wirklich glitten seine Vorgänger abwärts, seitdem sie die Stütze der europäischen Großmächte annahmen. Darum finde ich es ein hoffnunggebendes Zeichen, daß Abdul Aziz den fremden Botschaftern unzugänglicher geworden ist als es Abdul Medschid war.
Den Schluß des Tages verherrlichte Ali Pascha mit einem Balle, den er in seinem Landhause zu Bebek am Bosporus gab. Schon um 8 Uhr führten Dampfer in seinem Dienste die Gäste von der Hafenbrücke aus dorthin. Ich wollte auch die Fahrt in ihrem ganzen Werthe bei völlig herabgesunkener Nacht genießen, langsam und ungestört; darum setzte ich mich um 9 Uhr bei Top-Hane ins Kaïk und ließ mich gemächlich aus dem goldenen Horne in den Bosporus rudern. Und so herrlich das Fest, diese Fahrt war der schönere Theil der Nacht. Die Hügel von Stambul, von Skutari, von Galata und Pera, und bis zum schwarzen Meere hinaus die Ufer des Bosporus waren beleuchtet. Die Moscheen trugen Lampenkränze; die Thürme waren von oben bis unten mit Lichtern überzogen, am schönsten der Leanderthurm, weil er abgetrennt von allen übrigen auf seiner Insel, wie feurig aus dem Meere geboren, vereinsamt schwamm. Um die Quais von Top-Hane waren lichte Bogengänge gewunden, an sie schlossen sich die Paläste an, welche hart am Meere stehen, alle mit Lichtern in mannigfaltigen Formen bedeckt. Ueber ihnen standen beherrschend die großen Linien der Kasernen. Auf dem Wasser schwammen Flöße, von denen Feuerwerke in die Luft stiegen, in weiterer Entfernung leuchteten elektrische Sonnen und das so hell, daß für Augenblicke die entlegenste Ferne näher und deutlicher als selbst in dem Tageslichte erschien. Musik klang von den Ufern aus den Harems der Paschas heraus; über mich weg donnerten die Breitseiten eines Linienschiffes, an dem ich eben vorbei fuhr; dann, als wieder Ruhe und Dunkel sich um mich gelagert hatten, kamen mir die weichen Molltöne eines türkischen Liedes begleitet von den rauhen Schlägen der Tarabuca entgegen. So war Freude und Lust überall, ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes, von den unserigen aber merkwürdig dadurch unterschieden, daß sich eine Million Menschen und diese sogar Türken, Griechen, Armenier, Juden, alles untereinander, längs dem Gestade bewegte oder in tausenden von Booten den Bosporus befuhr, ohne die leiseste Unordnung, ohne ein unfreundliches Wort, ohne Haß, Zank und Streit. Kein Besoffener war zu sehen, keine Frau, kein Mädchen hatte Unanständiges zu gewärtigen; nirgends Soldatenrohheit, nirgends Polizei -- aber überall angeborene Sitte, und darin liegt es.
In der Nähe des Landhauses wurde die Fahrt weniger bequem, durch die vielen ab- und zugehenden Dampfer sogar gefährlich. Masten und Taue trugen sie zwar mit Lichtern umwunden, aber das Licht selbst hinderte durch die Blendung am Sehen. Wohl eine halbe Stunde brauchte es, bis wir uns durch die Menge der vorliegenden Boote den Weg zu der Landungsbrücke durchgebohrt hatten; zuletzt gelang es uns nur durch die commandirende Beihilfe eines türkischen Officiers.
Das Haus und die dahinter liegenden Hügel glänzten mit tausenden von Lichtern. Das Innere, Vorplätze, Treppen und Salons, klein und einfach eingerichtet, war nur die Folie zu dem Eindrucke, welchen der Garten machte, wenn man auf die Brücke trat, die vom ersten Stocke zu ihm hinüber reicht. Ausgebreitet lag ein weites Parterre von Lampen, die bunt in allen Farben zur Nachahmung von Blumen in Beeten gesammelt und geordnet waren. Aus dieser Fläche stieg Terrasse über Terrasse die Höhe hinauf, bis zum höchsten Punkte reichlich beleuchtet. Auf Gerüsten zu architektonischen Verzierungen vereinigt, in den Cypressen und Pinien, Lorbeer- und Granatbüschen vertheilt hingen die Lichter, Dunkel und Helle auf das glücklichste wechselnd; dazwischen in Transparentschrift der Namenszug des Sultans und das übliche: „Er lebe tausend Jahre!“ -- Auf der zweiten Terrasse empfing ein prächtiges Zelt die Gäste. Zwölf Säulen, aus Gold gewunden, trugen die Decke aus blauem Atlas mit Edelsteinen und Gold gestickt; in breiten Falten fiel sie auf drei Seiten herab. Suleiman der Große soll schon vor Szigeth unter diesem Juwelendache gehaust und getafelt haben. Ueber das Zelt herab neigte sich von der oberen Terrasse eine Reihe machtvoller Pinien. Das grelle Licht, das von unten hinauf in ihre Kuppeln stieg, ließ sie wie in rosige Schleier gehüllt erscheinen. Diese Pinien zogen mich am meisten an; bei ihnen war Ruhe und Einsamkeit und doch zugleich auch der Anblick der ganzen Herrlichkeit. Von Asien herüber leuchteten die Landhäuser, und rechts und links auf europäischem Boden die beiden Arme der Bucht entlang bis nach Rumili Hißar und dem anderen Vorgebirge, und in ihrem Becken selbst war Alles licht und glänzend. Nur der Bosporus weiter draußen blieb dunkel und nächtig; seine Breite bezwang kein Licht. Ab und zu trat aus dem Schatten der Laubgänge eine der prachtvollen Gestalten der hundert Garden in weiße Brussa-Stoffe oder rothe Sammt-Mäntel gehüllt; langsam, abgemessenen Schrittes und ohne mich zu beachten, gingen sie vorüber. Einmal so auch der Sultan, vermummt in die Kapuze seines Militär-Mantels mit einem einzigen Begleiter. Man hatte mir früher gesagt, daß er so anwesend sei, um das Fest seines Ministers mitzugenießen, weil ihm die Etiquette den öffentlichen Besuch eines Hauses seiner Unterthanen verbietet. Ich habe nie eine Situation erfahren, die mehr als diese gestimmt zu einem Abenteuer gewesen wäre, und so sehr ging ich selbst in dieser Stimmung auf, daß ich mit jeder schwindenden Minute nur um so fester an dessen Kommen glaubte. Aber das, was dazu nothwendig ist, schöne Frauen, die fehlten beinahe gänzlich. Es war von der Gesellschaft Pera’s nur ein geringer Theil erschienen, die meisten waren Fremde und diese nicht eben des jugendlichsten Alters. In jedem anderen Punkte übertraf dieses Fest unendlich das, was Europa bei solchen Gelegenheiten bietet. Manches Widerspruchsvolle lief freilich mit unter. So standen die Diener, welche in dem gold- und juwelengestickten Zelte Suleiman des Großen das Gefrorene servirten, ganz gemächlich in den Hemdärmeln, die Aermel sogar hinaufgerollt, daß der bloße Arm zum Vorschein kam und mit weißen vorgebundenen Schürzen da. Hier störte dieses Niemanden; Jeder fand dieses Costüme wohl dem Geschäfte angemessen, mich aber -- ich will es nur gestehen -- verletzte es, und das Gefrorene wollte mir nicht schmecken, welches von diesen entkleideten Lakaien dargeboten wurde. So bringen wir es eben gerade in Kleinigkeiten nicht über unsere Gewohnheiten hinaus.
Einen ähnlichen Gegensatz zu dem Gewohnten bot die Rückfahrt, die ich auf einem Dampfer wählte, um schneller heimzukommen. Die Damen kamen auf das Schiff, die Röcke hoch hinaufgehoben, einige die sie über die Schultern gezogen hatten, andere sogar über den Kopf, weil sie in der Garderobe ihre Mäntel und ihre Kapuzen nicht gefunden hatten; die Herren saßen in den goldgestickten Uniformen, die Cigarren im Munde, hart an sie angedrängt, ungenirt schlafend, den Kopf auf die Schulter ihres Nachbarn gelehnt, bis ein unfreundlicher Stoß, oder der Fuß des Caffegi, der sich, schwarzen Kaffee anbietend, durchdrängte, sie aufweckte. Wer diesen ~retour d’un bal~ nicht mitgemacht, der kann sich keinen Begriff von der Groteskheit, der Buntheit und der Ungenirtheit dieser Bilder machen.
Im Harem Ali Pascha’s hatte Lady Bulwer vorgetanzt. Sie konnte mir nicht genug die Grazie und den Anstand rühmen, womit die Frauen die Lanciers tanzten. Der Eingang zum Harem war neben dem Rauchzimmer auf dem Gange, nur durch ein paar spanische Wände und Eunuchen verstellt, so daß die europäischen Damen immer frei ab- und zugehen konnten. Im Herrenhause machte die Fürstin von Samos die Honneurs.
Ali Pascha ist ein kleiner, langsam und bescheiden sich vorbei schiebender Mann, die unansehnlichste Figur seines ganzen Festes, in Allem das gerade Gegentheil seines Collegen und Vorgesetzten im Amte, Fuad Pascha’s. Der Großvezier ist eine hohe, breitschulterige, beinahe athletische Gestalt, heftig im Gange und in der Bewegung, und so auch im Worte, in seiner Denk- und Handlungsweise. Ali Pascha ist milde und versöhnlich, ein verkörperter Gedanke des Korans; Beide ergänzen sich und ihr Wirken. Der Orientale hat eine Selbstverläugnung der Eitelkeit, deren ich kein europäisches Volk fähig glaube; ihm ist mehr um das Wesen, als um den Schein zu thun. Man sehe sein Haus an, außen verfallene, ungehobelte Dielen, drinnen -- wenigstens im Frauengemache, das kein Fremder betritt -- kostbare Divane und Teppiche, und nun vergleiche man das mit unseren anmaßungsvollen Bauten! Das Haus ist der Mann, und so sich zu bescheiden in seinem Aeußern wie jenes weiß der Türke. Der Sultan hatte unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, veranlaßt durch französische Umtriebe, Fuad Pascha entfernt. Nach kurzer Zeit sah er die Nothwendigkeit ein, ihn wieder in das Amt zu berufen. Fuad erklärte, daß der Sultan in den Augen seines Volkes nicht Unrecht haben und es auch nicht eingestehen dürfe; er trat also in das Ministerium ein unter einer Puppe von Großvezier, bis genug Zeit seit dem letzten Ministerwechsel vergangen war, daß der Sultan anständigerweise ihn auch wieder mit dem Range der obersten Würde bekleiden durfte.
Constantinopel, den 28. Juni.
Keine Stadt der Welt, Rom und Athen nicht ausgenommen, war reicher an öffentlichen Denkmalen, als das alte Constantinopel; alle hatte es bestohlen, um sich damit zu schmücken. Keine ist ärmer, als das heutige; so wird erniedrigt, wer sich selbst erhöht. Außer den drei Resten auf dem Hippodrome und dem Stumpfe der verbrannten Säule in der Gasse von dem At-Meidan nach dem Platze der Sultan Bajasid Moschee sind nur noch drei Säulenschäfte und der Sockel übrig, den man für den Unterbau der Reiterstatue des Justinian hält. Man gibt gewöhnlich diese Verwüstung dem Einfalle der Türken schuld; das aber ist ein Irrthum. Das Constantinopel, welches sie eroberten, war schon ein zerstörtes, halb niedergebranntes, seit der Plünderung durch die Kreuzfahrer nie wieder ganz erholtes. Nicht als ob nach dem Jahre 1261 die Bewohner der Stadt nicht wieder an Reichthümern zugenommen hätten; der Boden ist ein so günstig gelegener und so fruchtbarer, daß hier schneller als an jeder anderen Stelle der Welt Vermögen, die verloren waren, wieder gewonnen werden. Die Natur selbst hilft dazu; mit unwiderstehlichen Strömungen zwingt sie von beiden Meeren die Schiffe zum Einlaufen in den Hafen, so daß er mit gutem Grunde das goldene Horn heißt. Aber der Kunstsinn, oder wenn man das zu schmeichelhaft für die Byzantiner glaubt, wenigstens die Kunstliebe war nicht wiedergekommen. Nichts trieb die Paläologen an, die umgestürzten Säulen und Statuen wieder aufzurichten. Auch hatten die Lateiner das Meiste so zerstört, das Metall eingeschmolzen, um Waffen daraus zu schmieden, die Vergoldungen abgekratzt, den Stein zerschlagen und verbaut, daß nicht einmal das Rohmaterial mehr übrig war. An tugendhaften Vorwänden zu diesen Grausamkeiten fehlte es ihnen nicht; bald war es ein Theodosius, den sie fällten, weil er einem Bellerophon ähnlich an das Heidenthum mahnte, bald wieder die Schuld des griechischen Glaubensbekenntnisses, die der Marmor oder das Erz verantworten sollte. Nie ist eine Stadt furchtbarer verwüstet worden als Constantinopel durch die christlichen Glaubensbrüder seiner Bewohner; vielleicht hat erst unser Jahrhundert das Gegenstück dazu geliefert, die Franzosen in Pecking. Was die Türken später thaten, war unbedeutend im Vergleiche zu diesem Vorhergeschehenen. Sie richteten sich schon den Tag nach der Eroberung häuslich ein, und da man in seinem Hause in Ordnung zu leben wünscht, bestätigten sie den Fremden ihre Vorrechte und verliehen den Griechen diejenigen, die sie bis heute als festgegliederte Körperschaft in Religion und Nationalität ungeschmälert bestehen ließen. Die Türken eroberten eben mit dem Gedanken und mit dem Willen an dauernden Besitz; die Lateiner hatten im Grunde ihres Herzens nie etwas Anderes gewünscht, als sich zu bereichern und mit dem Raube, jeder Einzelne für sich, in die Heimath zurückzukehren. Darum dieses unverständige Belasten des Volkes mit den Institutionen eines Fremdlandes; sie zeigten sich als unfähige Colonisatoren, wie sie sich auch später wieder in Amerika und Afrika bewährt haben. Wer gegen die Unduldsamkeit der Türken schreit, soll nur diese beiden Eroberungen derselben Stadt mit einander vergleichen und dann zusehen, auf welche Seite hin die Gerechtigkeit den Stein des Vorwurfes schleudern muß. Der einzige Fehler der Türken ist, daß sie von den ihnen übrig gelassenen Denkmälern nichts erhalten, wenn es nicht ihrem Cultus dienstbar ist; was verfällt, das lassen sie fallen. Aber wie lange ist es denn her, daß wir es anders machen?!
Den Sockel zu der Reiterstatue des Kaisers Justinian zeigte man mir zwischen dem At-Meidan und der Aja Sophia. Das entspricht der Lage, welche die alten Schriftsteller diesem Denkmale anweisen. Noch Gilles, der die Trümmer der Statue in der Gießerei sah, sagt: daß sie an der Ecke der Sophienkirche gestanden habe, welche gegen Westen schaut. Man steigt heute zu dem Würfel hinab, ungefähr gerade so tief, wie zu dem Boden der Aja Sophia; ein Brunnen ist darin angebracht, Häuser stehen darauf; ringsherum liegt die Erde in derselben Höhe wie auf dem Hippodrom und um die Aja Sophia aufgeschichtet. Trotzdem habe ich meine Zweifel, daß dieser Steinwürfel wirklich der gewesen sei, der die Statue des Pandekten-Kaisers getragen.
Ein anderes dieser Denkmäler, das ich erst heute besah, ist bei der Laleli Djami vorbei, die gerade Gasse weiter, einem großen Brunnen vorbei, im Viertel Awret-Bazar, die sogenannte Säule des Arkadius. Es sind dieses eigentlich nur mehr der Sockel und die untersten Blumengewinde der Säulenbase, aber sie verrathen schon, wie ungeheuer und weitbeherrschend dieses Denkmal gewesen sein müsse. Weit hinaus übersahen wir von der Höhe Meer und Land; ein türkisches Linienschiff, von der Schraube bewegt, dampfte eben in den Bosporus. Eine Weile ließ mich der Ausblick alles Andere vergessen. Die Mauern und die Treppe darinnen sind aus Marmorblöcken gefügt von überraschender Größe; sie brechen auseinander. Der Stein ist geschwärzt und verkohlt, wie die Säulen im Palaste der Blachernen; ein Zeichen, daß zuletzt wenigstens das Feuer an der Zerstörung der Säule gearbeitet haben muß. Kein Wunder, denn außen herum sind Holzhütten gebaut und im Innern des Sockels hat ein Schmied seine Werkstätte eingerichtet. In dem Plafond des Treppenabsatzes ist ein großes gleichschenkliches Kreuz ausgehauen und in den vier Ecken, die seine Arme ausschneiden, ein Alpha und Omega; so wenigstens übersetzt Professor Dethier die zwei Zeichen Α und ω. Man hat das zweite früher als ein zufällig schief gestelltes E gedeutet und dazu Arkadius und Eudoxia ergänzt, so daß der Beweis fertig schien, daß dieses die Säule des Arkadius gewesen, welche ihm für seine Siege über die Gothen aufgestellt worden war. Ein ganzer Theil des byzantinischen Stadtplanes wurde um diese Entdeckung aufgebaut; so leichtgläubig und behende sind die Archäologen. Ihre Wissenschaft ist mir beinahe gerade so verdächtig, als die der Statistiker. Um einen ausgegrabenen Stein mit wenigen sinnlosen Buchstaben darauf bauen sie ein ganzes Gebäude, um das Gebäude eine Stadt; das einmal Aufgestellte wird dann durch Jahrhunderte geglaubt, verwirrt alle Vorstellungen und hindert die weiteren Forschungen. Gerade hier in Constantinopel, je mehr ich mich umsehe, erkenne ich die Nothwendigkeit, ~tabula rasa~ mit den Vorstellungen des bisher Erforschten zu machen. Vielleicht würde sich dann auch der bisherige Name dieser Säule als ein ungerechter beweisen. Ich glaube viel eher, daß er der crenelirten mit dem reichen korinthischen Kapitäl in den Gärten des Serais zukomme. Die dortige Inschrift macht es wahrscheinlich: „dem Besieger der Gothen“; das war Arkadius vor Anderen besonders. Die Angabe Pouqueville’s, die ihm Hammer als ein Mißverstehen des Gilles rügt, dürfte mit meiner Vermuthung auf der Wahrheit beruhen.
In dem ehemaligen Stadtviertel der Janitscharen suchte ich das letzte der altconstantinopolitanischen Denkmäler, das mir noch zu besichtigen übrig blieb, die Säule des Marcian. Die Türken nennen sie Kistasch, Mädchenstein, und glauben, daß darauf einmal die Statue der Venus gestanden, von der die Tradition wie die Chroniken erzählen, daß sie die Jungfrauschaft der Vorübergehenden durch das sonderbare Mittel geprüft habe, ihnen die Röcke auffliegen zu machen, wenn sie eine nicht mehr ganz reine war. Ich möchte auch diese Tradition nicht unberücksichtigt gelassen sehen, wenn wieder einmal die Herstellung eines Stadtplanes des alten Constantinopels versucht wird. Trotz der Inschrift, welche alle Zweifel zu verbannen scheint, wer weiß denn, was früher und was später auf dieser Säule gestanden und ob das Wort des Volksmundes nicht ein Körnchen davon festgehalten hat? Hammer hat sie jedenfalls nicht richtig gesehen; der Schaft ist nicht von weißem Marmor, wie er erzählt, sondern von Granit. Die Säule steht eingesperrt in dem engen Hofe eines türkischen Hauses, ein kleines Gärtchen davor und so hinter Mauern versteckt, daß, da wir schon von den Pferden abgestiegen waren, ich ihrer noch immer nicht gewahr wurde. Es brauchte viele Versprechungen, bis uns ein altes Weib das Gartenthor öffnete. Durch einen Laubgang traten wir ein; Alles klein in dem Garten, aber sorgsam gepflegt, voller Schlingrosen und Granatblüthen. Die Alte zog sich schnell zurück und ließ uns als die Herren des Raumes; ihr mußte schon der kurze Verkehr mit fremden Männern als sündhaft erscheinen, und nur das reichliche Trinkgeld und ihre Armuth mochten sie dazu bestimmt haben. Den Hof, der nur wenige Schritte groß, so daß nirgends recht ein Standpunkt zur übersichtlichen Würdigung der Säule zu finden ist, verengen auch noch Erd- und Misthaufen, doch ist der Sockel soweit frei, daß man unterscheidet, hier, wie auch bei der sogenannten arkadischen Säule, ausnahmsweise zugleich mit dem Denkmale unmittelbar auf der Erdschichte des alten Constantinopel zu stehen. Das zeigt nur, welche Masse von Verwüstungen die Gegend des Hippodroms und der Aja Sophia heimgesucht und welche Menge von Stoff für die Zerstörung dort gestanden haben muß. -- Bis auf die Statue ist die Marcians-Säule in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten. Sie ist niedrig und überragt nicht wie die anderen Denkmäler des alten Constantinopel die Bauten der Neuzeit. Auf der einen Seite hat auch sie das Feuer verletzt; Sockel, Schaft und Kapitäl sind dort verkohlt. Vielleicht daß das ein Rest der furchtbaren Feuersbrunst ist, welche gelegentlich der Janitscharen-Vertilgung dieses Quartier niederlegte. Wahrscheinlich standen damals die Holzhäuser noch näher darum. Die Arbeit an der Säule ist zierlich, ohne edel zu sein; das Kapitäl, korinthisirend, ist nicht geradlinig über den Sockel, sondern mit seinen vier Kanten über die Ecken des Sockels gelegt. In dieser Weise [Symbol 4]. Ob das der Einfall des ersten Erbauers oder erst später durch einen Zufall so gestellt worden ist, ist nicht zu entscheiden. Dem Kapitäl liegt ein Würfel auf, dessen Ecken von Adlern abgeschnitten sind. Im Sockel sind auf drei Seiten Kränze um ein Kreuz ausgehauen, auf der vierten zwei Genien neben der Inschrift. Marcian, dem sie geweiht, war der niedrig gebotene Thracier, den die jungfräuliche Pulcheria nach dem Tode ihres Bruders Theodosius II. zum Scheingemale erhob, damit das Reich nicht ohne männlichen Kaiser sei. 6½ Jahr regierte er, von 450-457.
Diese Mode, sein Bild auf eine Säule hoch über andere Mitgeborene hinauf in die Lüfte zu stellen, wie das hier in Constantinopel und in dem Rom der Kaiserzeit üblich war, beweist mehr als alles Andere den Hochmuth und den Ungeschmack der Zeit. Das Naturgemäße, das, was dem Zwecke entspricht, ist, die Statue dem Beschauer gegenüber zu stellen, damit er ihre Züge und das Detail der Arbeit erkenne. So hatten die Griechen ihre Kunstwerke aufgestellt und zu solcher Beschauung die griechischen Künstler sie gearbeitet. Kein Bau ist bei ihnen so hoch, daß nicht das freie Auge daran die bildhauerische Ausschmückung unterscheiden könnte. Erst als die Kunst verfiel, wuchs sie ins Riesenmäßige aus; die Quantität sollte ersetzen, was die Qualität nicht mehr gab, und als dann im selben Grade mit dieser geistigen Verschwächung -- wie das nun immer geschieht -- die Einbildung der Menschen stieg, da stellte die Kunst ihre schlechter verfertigten Werke den Vögeln zur Nachbarschaft und Anschauung aus. Vielleicht glaubten sich auch dort oben die Kaiser sicherer, als sie es unten gewesen wären vor den Beleidigungen und Steinwürfen der Unglücklichen, die sie mißhandelt hatten; denn die meisten errichteten ja sich selbst diese Denkmale. Keines dieser Götzenbilder steht mehr auf seinem luftigen Platze, ja keines lebt mehr. Die älteren, bescheideneren Statuen, die sich auf der Erde hielten, zeugen wenigstens noch, aufgehoben in irgend einem Museum, von der Kunstfertigkeit der Meister, die sie geliefert haben. Stellten die Griechen einmal Denkmäler in die Lüfte hinauf, wie die siegmeldenden Dreifüße in der Tripoden-Straße zu Athen, um wie vieles geschmackvoller, mit welch’ richtigerem Sinne für die Verhältnisse formten sie ihnen dann den Unterbau! Aus breiter Basis wuchs eine reiche Blüthe empor, die sich oben nach allen Seiten entfaltet. So das Denkmal des Lysikrates, wie es noch heute erhalten ist. Ich kenne nichts widersinnigeres und mir in der Erscheinung widerwärtigeres, als solch’ eine spindeldürre, hungerleiderische Säule, die auf ihrer Endlosigkeit ein kleines Männlein trägt, von dem unten geschrieben steht, daß es diesen oder jenen berühmten Helden vorstelle. Wenn es sonst gesetzlich ist, daß der Zweck das Mittel rechtfertige, so ist hier diese Lehre beinahe in umgekehrter Weise angewendet, denn das Männchen scheint mehr der Säule wegen da als sie seinetwegen. Der ernstliche Zweck einer Säule ist zu tragen, aber eine Last zu tragen, nicht dieses quintchengroße Pünktchen. Und die geistige Bedeutung des Mannes -- wie wohl auch behauptet werden könnte -- wenigstens symbolisch mit zu stützen, das kann doch unmöglich als die ernstliche Aufgabe einer so durchaus körperlichen Erscheinung, wie es eine Säule ist, gemeint sein. Von allen Mustern, die uns das Alterthum hinterlassen hat, ist keines öfter als dieses geschmacklose nachgeahmt worden, und Paris, die Hauptstadt der Civilisation, ging allen anderen Sündern mit dem fleißigsten Beispiele voran.
Constantinopel, den 29. Juni.