Ein Sommer im Orient

Part 28

Chapter 283,415 wordsPublic domain

Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute. Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein. Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantin ~fouri le mure~ angelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiter +um+ den Palast und jedenfalls nicht +unter+ ihn gebaut worden. Ich glaube vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813-820) gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen, daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.

Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180) documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte. Meinem Begleiter aber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach- und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt habe.

Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.

Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen; die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen. Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum befiel mich, -- denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir heute Morgens in der Erinnerung ist, -- der wohl an die Gespräche anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab, welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische Geist war seit jeher ein mit Vorliebe in die spanischen Stiefel der Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete, secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben, die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten, die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht der +letzte+ Ritter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte, so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht, diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph, seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes, gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert verfolgt werden.

Den schwersten Trumpf, die Anklage ob der Verdrehung unserer Religion, hatte ich zum Schlusse unserer Unterredung gegen das römische Recht geschleudert. Vielleicht wollten sich dafür Justinian und Tribonian, die Väter dieses Rechtes nach unseren Vorstellungen, an mir rächen und erschienen darum in meinen Träumen. Ich sah die ganze Gesellschaft, die 17 Männer, Tribonian an ihrer Spitze, die vier gelehrten Professoren, Theophilus und Cratinus von der Universität zu Constantinopel, Dorotheus und Anatalius von der zu Berytus unter ihnen, mit ernsten, bedächtigen Köpfen um einen großen Marmortisch sitzen; hörte wie Jeder sein bestimmtes Quantum an Excerpten, die er aus dem Ueberflusse der römischen Quellen ausgesogen hatte, näselnd vorlas; hörte dann wie Tribonian verwarf oder approbirte, wie endlich Justinian mit mächtiger Stentorstimme eine vertheidigende Lobrede gegen mich gewendet hielt, die zuletzt in Drohungen ausartete, den Gegner bestrafen und züchtigen zu wollen und sah, wie sie darauf Alle aufstanden, sich gegen mich kehrten, die Fäuste ballten -- dann wie Alles in der Bewegung über und unter ihnen zusammenfiel, die Mauern und die Säulen, daß mich das Geräusch aufweckte und ich wenige Schritte vor mir einen gewaltigen Quaderblock, der aus der obersten Giebelmauer herabkam, in den unten schon gehäuften Schutt einschlagen sah. Grauer dämmernder Morgen war um mich. Verscheucht durch die Träume und noch mehr durch das letzte Ereigniß war jeder Schlaf unmöglich. Ich stieg auf die Stadtmauer hinauf und von dort aus, die baumlosen Friedhöfe der Armenier und die cypressenbewaldeten der Türken unter mir, sah ich den Tag kommen, der rosig und sonnig hinter den bythinischen Hügeln des Bosporus aufstieg und bald mit seiner Wärme alle Schrecken und alles Grauen der letzten Nacht verscheuchte. -- So habe ich eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes zugebracht.

Constantinopel, den 25. Juni.

Schon mehrfach sind mir Aehnlichkeiten zwischen den heutigen türkischen und den früheren byzantinischen Landessitten aufgefallen. Vielleicht hat sie nur die natürliche Nachahmungssucht des weniger gebildeten Nachfolgers, vielleicht aber auch der allgemein giltige Einfluß des Klimas veranlaßt. Pflanzen und Thiere modeln sich nach den Bedingungen ihres jeweiligen Bodens, warum sollte der Mensch allein von diesem Gesetze ausgenommen sein? So ist die Menge der sultanlichen Lustschlösser wie eine Erbschaft aus byzantinischer Zeit und daß sie immer noch wie damals gebaut werden, wohl ein Beweis für jene allgemein giltige Wirkungskraft des Klimas. Es sind keine großen, massigen Palastanlagen mit himmelhohen Stockwerken und endlosen Fronten wie unsere Herrschersitze, sondern kleine, niedere Pavillons, die in den Gärten zerstreut liegen, nur ab und zu durch Gallerien verbunden; selten sind oder waren sie höher als ein Stockwerk. Ihr Material ist vielfältig Holz und war, wenn auch gerade nicht dieses vergängliche der Türken, so doch gewiß nicht der unverwüstliche Stein, der in Rom und Athen so viele Reste gelassen hat. Die Verwüstungen, welche dort über den Boden gegangen sind, waren nicht weniger versengend als hier, und doch ist in Constantinopel nichts übrig geblieben von all den prächtigen Palastanlagen, die Constantin Porphyrogenetus in seinem Lehrbuche der byzantinischen Hofceremonien schilderte, als die einzige des Hebdomon, und auch diese sah ich gestern erst, berührt von einem einzigen Gluthauche, vor meinen eigenen Augen „stürzen über Nacht“. Ihre Mauern sind eben die lebendigen Zeugen für die lockere Bauweise auch der Byzantiner; Ziegel und nur ab und zu Steine beigemischt, war der hauptsächliche Stoff ihrer Gebäude. Und wie durch den Styl und die Bauweise, so gleichen sich auch durch die Lage die heutigen und die früheren Kaiserpaläste; Türken und Byzantiner beweisen dadurch wie sehr ihr Auge empfänglich für die Schönheit der Natur ist. Denn die meisten dieser Paläste zeichnen sich dadurch vor den Häusern anderer Sterblicher aus, daß sie den weitschauendsten und den begünstigsten Ausblick auf das Marmora-Meer, das goldene Horn, die süßen Wässer von Europa und Asien, den Bosporus oder das schwarze Meer haben. Dieser Ueberfluß an Wohnhäusern erscheint übrigens um so befremdlicher als alle, oder doch die meisten derselben, zugleich dem Bedürfnisse des Stadt- und des Landlebens genügen. So insbesondere Dolma-Bagdsche, das dem Einfahrenden vom Marmora-Meere her gerade gegenüber auf der Küste von Europa erscheint und dem der jetzige Sultan doch einen Rivalen auf dem jenseitigen Ufer von Asien in dem insbesondere bunten Marmorpalaste von Beylerbey erbauen läßt.

Die Paläste bei Ejub im Hintergrunde des goldenen Hornes, bei den süßen Wässern von Europa, das Serai und auch die beiden reizenden Köschke auf dem europäischen Ufer hinter Pera in einer Schlucht versteckt, die sie den großen und kleinen Flamur nennen, habe ich schon früher besehen; heute ward mir gelegentlich des Sultansfestes dasselbe mit Dolma-Bagdsche zu Theil. Der Sultan feiert nämlich heute und mit ihm das ganze Reich seinen Geburtstag. Zur Verherrlichung dieses einzigen officiellen Festes der Türkei empfängt er in den Vormittagsstunden das gesammte diplomatische Corps.

Die erste Ceremonie, die wir durchzumachen hatten, war an dem äußersten Palastthore, die Begrüßung durch einen jungen Officier; groß und schlank gewachsen, im türkischen Kleide, blau und roth, reich mit Gold gestickt, stellte er sich ganz passend in die Phantasiebilder von orientalischer Pracht, welche wohl Jeder mit hieher in dieses Sultansschloß bringt. Auch die Wache hinter ihm ließ sich in diese Erwartung einfügen, lauter schön gebildete und reich gekleidete Bursche. Der Officier sprach vortrefflich Französisch. Mit verbindlichen Geberden geleitete er uns durch die Gärten des Palastes zu den Marmorstufen, welche in das Erdgeschoß hinaufführen. Chiamil Bey, der Ceremonienmeister, eine kleine, lächerliche Figur, nahm uns dort in Empfang. Ein großer Salon, rechts daneben ein kleiner und endlich ein drittes größeres Zimmer waren die zur Versammlung des diplomatischen Corps geöffneten Räume. Wir waren die ersten; die Preußen, die Franzosen die nächsten; dann eine endlose Folge der Vertreter der anderen Mächte, Bulwer mit den Engländern die letzten.

Der Blick von Dolma-Bagdsche aus dem Fenster des dritten Salons, an dem ich mich aufgestellt hatte, dringt zwischen Asien und Europa durch auf das Marmora-Meer, reicht bis zu den Prinzen-Inseln und dem Olympe, schließt links Skutari, rechts die Seraispitze und die Mündung des goldenen Hornes ein und hat unmittelbar vor sich den Strom des Bosporus mit den Dampfjachtflottillen des Sultans, den Stationsdampfern der fremden Gesandten und den Handelsschiffen aller Nationen. Er ist so schön, daß man die Köschke des Serais beinahe ohne Bedauern verwaist liegen sieht. Es war gewiß, wie auch die Uebertragung des russischen Herrschersitzes vom Kreml nach dem Petersburger Winterpalaste, ein Act der Reformationspolitik, welcher Mahmud die Schauerstätten der Seraispitzen mit diesem noch unbefleckten Boden des Bosporus vertauschen ließ. Das Serai in seiner Verlassenheit ist ein Stück der abgespielten türkischen Geschichte, wie es für Frankreich Versailles ist, und St. Cloud und Compiegne -- wer weiß wie bald schon -- sein werden. Die Menschen prägen eben auch der Erde wie ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer Leidenschaften auf; mehr oder weniger deutlich trägt Jeder, der Einzelne wie der Ort, das ~travaux forcés~ seiner Schicksale in seinem Fleische eingebrannt.

Dolma-Bagdsche ist ein weitläufiges Gebäude; ein höherer Mittelbau steht zwischen zwei Seitenflügeln, die durch ebenerdige Gallerien mit ihm verbunden sind. Wohlgepflegte Gartenanlagen und blendend weiße Kieswege umziehen das Ganze. Auf drei Seiten führen freistehende, hohe Thore, prächtig als sollten sie Triumphpforten vorstellen, zu ihm; auf der vierten, gegen Süden gekehrt, hat er das Meer, feste Marmorquais und ein vergoldetes Gitter, das ihn dort abschließt, vor sich. Nur der rechte Flügel dient dem Privatgebrauche des Sultans, der linke gehört den Frauen und der Mittelbau den Zwecken der staatlichen Repräsentation. Dieser erhebt sich zu der Höhe venetianischer Paläste. An Venedig überhaupt mahnt der ganze Palast durch seine Lage, aber auch durch seinen Baustyl, den eines geschmackvoll ausgebildeten Rococo. Noch ähnlicher finde ich ihn dem Dresdner Zwinger und so insbesondere seine drei Thore. Es scheint, daß dieser Styl, verbannt aus den Geschmacksregistern des heutigen Europa’s, nunmehr der Liebling der türkischen Sultane geworden ist. Die meisten ihrer neueren Bauten sind darin gebaut. So jene beiden Flamure, der große und der kleine, welche ich eben ob ihrer Zierlichkeit belobte; so der kaiserliche Köschk bei den süßen Wässern von Asien; so der Köschk in Top-Hane, die Moschee daneben, die Moschee Abdul Medschid’s neben Dolma-Bagdsche, und so wird eben der prachtvollste aller neueren Paläste, der in Beylerbey, gebaut. Und das ist wahr, besser als hierher paßt dieser wollüstige Styl nirgends hin und ihm wieder dienen der hiesige Sonnenglanz, die Farbenpracht der Blumen und das Meer, das spiegelnd vor seinen Mauern ausgebreitet liegt. Es ist als habe der Orient in endlicher Entwicklung seiner Kunst die ihm vom Anfange an bestimmte Form endlich gefunden und Europa im vorigen Jahrhundert nur entlehnt, was eigentlich hierher gehört.

Im Inneren des Palastes sind die prachtvollsten Theile das Bad, die Treppe zu den Privatgemächern des Sultans und der große Ceremoniensaal, welcher allein für sich den ganzen Mittelbau füllt. An der Treppe kamen wir vorüber, als man uns zur Audienz nach jenem Saale führte. Weiße Krystallgeländer fassen sie ein und rothes Glas deckt ihre Kuppel, so daß die Stiege wie aus Rubinsteinen gehauen erscheint. Sie überrascht wie der erste Anblick einer besonders schönen Balletdecoration. Es ist der glückliche Gedanke, den man hier vorzüglich loben muß, denn das Weitere in der Ausführung ist dann ziemlich einfach. Und am glücklichsten ist dabei die Beschränkung, welche das Treppengeländer und die Stufen weiß ließ; dadurch wechselt das Roth in ihm, je nachdem das Sonnenlicht heller oder gedämpfter durch die gefärbte Kuppel einfällt, scheint wie mit eigener Kraft aufzuflammen und jetzt wieder auszulöschen. Das ist etwas von „Tausend und eine Nacht“, und ebenso ist es auch der Thronsaal. Divansaal müßte man eigentlich sagen, denn auf der Stufe, wo bei uns der Fürstenstuhl steht, ist hier ein breiter Divan aufgestellt, mit rosenfarbener Seide überzogen und in purem Golde gefaßt. Der Saal ist eigentlich viereckig, erscheint aber länglich, weil auf den zwei Langseiten vorspringende Säulenstellungen die Breite für das Auge vermindern. Auf allen vier Seiten sind Fenster; durch die, welche sich auf den Breitseiten gegenüber liegen, schaut man auf der einen Seite die blaue Fluth des Bosporus und die rothen Hügel Asiens, auf der anderen Seite das Grün der sorgsam gepflegten Gartenanlagen. Eine mächtige Kuppel deckt den Saal; vier Bogen, die aus ihr herabfallen, tragen sie; absteigend niedriger gereiht schließen sich Halbkuppeln und zuletzt Nischen daran, in welchen die 12 Fenster angebracht sind. Auf den Langseiten sind je zwei Säulen tragend zwischen die Fenster gestellt, auf den Breitseiten nur je eine. Von der Kuppel hängt ein Krystall-Luster für 10.000 Kerzen herab, und in den vier Ecken stehen auf bunten Marmorsockeln riesige Kandelaber, die beinahe bis zur Höhe eines Stockwerkes aufwachsen. Vier andere aus Silber mit Lilienkelchen, um das Licht zu bergen, stehen neben dem Divan und ihm gegenüber am anderen Ende des Saales. Das ist die einzige Möblirung. Der Kronleuchter ist derselbe, welchen ein Windstoß auslöschte, als der Sultan hier in diesem Saale zur Feier des Friedensschlusses nach dem Krimkriege den Vertretern der Großmächte ein großes Bankett gab. Ein ominöses Zeichen, welches auch damals unheilvoll gedeutet ward.

Heute standen im Kreis an den Wänden herum die hundert Garden: Kurden, Tripolitaner, Araber, Albanesen, Griechen, Türken u. s. w., junge Leute aus den besten Familien, die in dem reichsten Schmucke ihrer Trachten dem Sultan die Unterthänigkeit ihrer Heimathländer repräsentiren sollen. Die meisten sind von edler Gesichts-, alle von großer, starker Körperbildung. Durch Glanz der Gewänder, der Gaze-, Sammt- und Seidenstoffe, der Juwelen und Goldstickereien gefielen mir die Fürstensöhne von Tripolis am besten. Wer diese Garden nicht in ihren Galakleidern gesehen hat, hat keinen Begriff, bis zu welchem Klimax die Verschwendung der Toilette hinaufsteigen kann. Auch das kann so nur einmal im Alterthume gewesen sein, und ist wohl aus jener Zeit bei diesen weniger vergänglichen Völkern ein Ueberbleibsel der Mode. In Byzanz muß dieser Luxus fortgedauert haben; bei uns gestattet die Sitte heute auch der schönsten Frau eine solche Gold- und Farbenpracht nicht, man würde sie geschmacklos schelten und doch verlangt das Auge eigentlich Farben.

Die Kanonen der türkischen Flotte, der Landbatterien, der fremden Stationsschiffe donnerten. Der Himmel, der bis dahin umwölkt gewesen, klärte sich, voller Sonnenschein fiel hell und leuchtend in den Saal. Der Sultan, so vom Himmel und der Erde zugleich begrüßt, trat neben dem kaiserlichen Divan durch eine Seitenthüre ein, rasch, mit festem Schritte. Klein, breitschulterig, von gedrungenem, starkem Körperbaue, in dunklem, militärischem Ueberrocke, stach er auffallend von dem Glanze ab, der um ihn gelagert war; ein Orientale würde sich ausgedrückt haben: wie der Erdball, dem das Sonnenlicht huldigen muß. Sein schwarzes Auge blickt heftig. Leidenschaftlicher als dieses ist vielleicht nur noch der Schluß seiner Lippen. Die Mundbildung überhaupt ist verrätherisch für die Geheimnisse des Charakters. „Ein angenehmer Mund“ ist darum eine Bemerkung, womit ich Männer oft bezeichne, und „ein gemeiner“ eine, die ich von mancher berühmten Schauspielerin schon behauptet habe. Dem Sultan wagt sich in den Augenblicken seiner Erregtheit nur seine Mutter in die Nähe. Ihr Einfluß ist ein großer und hinwiederum der aller Frauen, welche Zutritt zu ihr haben. Man muß alle diese Fäden kennen, um die Politik der türkischen Minister, aber auch um die oft winkelziehende Diplomatik der fremden Gesandten zu verstehen. Wer hieher kömmt mit unseren landläufigen Ideen vom Nichtsgelten der türkischen Frauen, wird die feingesponnenen Fäden nicht zerreißen, aber gar bald darin sich gefangen sehen.

Der Sultan, der die alte Etiquette wieder hergestellt, spricht mit den Vertretern der fremden Mächte nur durch den Mund eines Dolmetsch. Ali Pascha übersetzte ihm die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten und ihnen die Antworten des kaiserlichen Herrn; doch erkannte man an dem beifälligen Lächeln, womit er schon in der französischen Auflage die poetische Begrüßung des österreichischen Internuntius aufnahm, daß er diese Sprache verstehe. Dieser Diplomat war auch der einzige, mit dem er sich länger und aus den Formen der Etiquette heraustretend unterhielt.