Ein Sommer im Orient

Part 26

Chapter 263,420 wordsPublic domain

Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot, das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte. Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle, wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen. Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients; der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen. Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.

Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern, welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen. Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu ist. Ich erinnere mich eines Romanes -- aus dem Chinesischen übersetzt, ~les deux jeunes filles lettrées~ -- der schildert den Wettstreit zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.

Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.

Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten, wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward; dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das eigene Denken war Jedem genug.

Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unserem Gasthofe zu gelangen, der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt, mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist, und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames Lied.

Constantinopel, den 21. Juni.

Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt, dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen, die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt. Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren, umzog Kaiser Heraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der Blachernen, zu. Das geschah 635.

Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese, von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen, der die Zeichen [Symbol 2] trägt, die offenbar nur durch die Schuld des nicht darauf eingerichteten Stempels umgekehrt und eigentlich Petronos zu lesen sind. Er war ein berühmter Architekt, welchen Kaiser Theophilus zu seinen Bauten aus Kleinasien hatte kommen lassen. Ein anderer zeigt das gleichschenklige Kreuz, und man behauptet, daß dieses der erste, welcher mit solchen Zeichen gefunden worden.

In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet; einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas Gefälliges erhält. Grün hat sich überall in den Lücken festgenistet und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt, auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor. Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.

Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder, ~en face~ gezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten, den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.

Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen, dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau, das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das Festland hineinzieht. Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken. Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück, und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer, welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle, dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker gelegt, elend zu Grunde ging.

Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben. Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt, mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen aus dem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer, die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser, getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein sieht.

Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten. Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.

Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera zurückkamen.

Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.

Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an. Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben. Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an. Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen, woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere +ist+ in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte, erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten, die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen Europa erscheinen.

Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters „zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten. Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat- und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten, und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne verbirgt.

Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.

Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist ~Bin bir direk~ -- Tausend und eine Säule -- in der Nähe des At-Meidan. Der türkische Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.

„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft, und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts; ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte der Oberwelt herum.